Loncin YK250: Der Motor hinter Chinas neuen Motocrossern

Der Loncin YK250 in der Kove MX250 R des Jahrgangs 2026

Der Loncin YK250 in der Kove MX250 R des Jahrgangs 2026. / Foto: Kai Brake

Wird der Loncin YK250 gerade zum Motor, auf den Chinas neue Motocross-Hersteller setzen? Schaut man sich Kove, JHL und ZXMoto etwas genauer an, fällt jedenfalls eine Gemeinsamkeit auf. Alle drei Marken verbauen den 250er-Viertakter von Loncin in ihren Motocross-Modellen.

Das ist insofern interessant, weil genau diese Hersteller derzeit versuchen, sich außerhalb Chinas einen Namen zu machen. Kove verkauft seine MX250 bereits international, ZXMoto arbeitet an seinem Motocross-Programm für 2027 und JHL geht noch einen Schritt weiter: Beim MXGP of China in Shanghai steht die chinesische Marke erstmals mit einem Factory Team in der Starterliste der Motocross-WM.

Loncin selbst taucht dort nicht als Motorradhersteller auf. Der Motor aus Chongqing könnte trotzdem eine größere Rolle spielen, als man zunächst vermutet.

Was steckt im YK250?

Der YK250, bei Loncin als 179MM-A geführt, ist ein 249,9-Kubikzentimeter-Viertakter mit DOHC und vier Ventilen. Bohrung und Hub liegen bei 79 × 51 Millimetern, die Verdichtung bei 13,9:1. Loncin gibt eine Leistung von mehr als 30 kW und ein maximales Drehmoment von über 27 Nm an. Dazu kommen Fünfganggetriebe und E-Starter.

Technische Daten des Loncin YK250

Auf dem Papier sind das gut 40 PS. Für einen modernen 250F zunächst nichts, was einen vom Hocker haut – aber eben auch weit entfernt von den einfachen China-Motoren, die man noch vor einigen Jahren vor allem aus günstigen Enduros kannte.

Schaut man genauer hin, wird deutlich, dass Loncin den YK250 von Anfang an für den sportlichen Offroad-Einsatz ausgelegt hat. Der Motor besitzt unter anderem eine Ausgleichswelle und eine aufwendigere Schmierung. Auch Getriebe, Startermechanismus und verschiedene Details am Gehäuse wurden auf diesen Einsatz zugeschnitten. Das komplette Aggregat soll weniger als 27 Kilogramm wiegen.

Das allein macht noch keinen konkurrenzfähigen MX2-Motor. Es zeigt aber ziemlich deutlich, wohin Loncin mit dem YK250 möchte.

Kove zeigt, was aus der Basis werden kann

Bei Kove lässt sich die Verbindung zum YK250 besonders gut nachvollziehen. Für die MX250 Cross R werden 249,9 Kubikzentimeter, 79 × 51 Millimeter, 13,9:1 Verdichtung sowie 30 kW und 27 Nm angegeben.

Das entspricht praktisch exakt den Angaben von Loncin.

Hinzu kommen Werkstattunterlagen zum YK250, die unter Kove geführt werden und ziemlich weit ins Innere des Motors gehen. Dort finden sich unter anderem Maße und Verschleißgrenzen für Zylinder, Kolben, Ventiltrieb, Kupplung und Kurbeltrieb.

Bei Kove muss man allerdings auf Modelljahr und Markt achten. Unter der Bezeichnung MX250 wurden beziehungsweise werden unterschiedliche Motorspezifikationen angeboten. Nicht jede Kove MX250 lässt sich deshalb automatisch über einen Kamm scheren.

Bei den entsprechenden 79 × 51-Millimeter-Versionen ist die Verbindung zum YK250 dagegen ziemlich eindeutig.

JHL greift ebenfalls ins Loncin-Regal

Noch spannender wird die Sache bei JHL. Der bislang in Europa kaum bekannte Hersteller steht kurz vor seinem ersten Auftritt in der Motocross-Weltmeisterschaft. Beim MXGP of China sollen Italo Medina aus Ecuador und Haoyu Li aus China in der MX2 antreten. In der MXGP ist JHL unter anderem mit dem Deutschen Brian Hsu gemeldet.

Auch bei JHL findet sich der YK250 in den Motocross- und Offroad-Modellen des Herstellers. Damit nutzt eine zweite chinesische Marke dieselbe Motorenbasis wie Kove.

Für Shanghai bleibt allerdings eine wichtige Frage offen: Steckt auch in den beiden MX2-Werksmaschinen der YK250?

Das lässt sich aus den bislang verfügbaren Angaben zum WM-Bike nicht sicher ableiten. Ein Hersteller, der einen Loncin-Motor in seinen Serienmodellen verwendet, muss beim Factory Bike schließlich nicht zwangsläufig mit exakt demselben Aggregat antreten. Und selbst wenn der YK250 die Basis bildet, dürfte interessant sein, was JHL daraus gemacht hat.

Denn 30 kW im Serienzustand sind das eine. Ein Motor, der im MX2-Feld gegen die Werksaggregate von KTM, Yamaha, Honda oder Triumph bestehen soll, ist eine andere Baustelle.

Auch ZXMoto setzt auf den YK250

Damit sind wir bei der dritten Marke. Auch ZXMoto verbaut den Loncin YK250 in seinen Motocross-Modellen.

Das macht die Geschichte erst richtig interessant. Kove, JHL und ZXMoto treten mit eigenen Motorrädern und eigenständigen Markenauftritten auf, greifen beim 250er aber auf dieselbe Motorenbasis zurück.

ZXMoto hatte zuletzt ebenfalls mit einem möglichen Einsatz beim MXGP of China für Gesprächsstoff gesorgt. Nach unseren Informationen hat sich der Hersteller jedoch gegen einen Start in Shanghai entschieden. Statt das Projekt noch 2026 unter WM-Bedingungen zu präsentieren, soll der Fokus auf der Vorbereitung für 2027 liegen.

Der YK250 gibt dafür eine vorhandene Basis vor. Entscheidend wird sein, was ZXMoto drumherum baut und wie weit der Motor selbst verändert wird.

Denn gleicher Motor bedeutet noch lange nicht gleiches Motorrad.

Ansaugung, Airbox, Auspuff, Mapping und Kühlung können den Charakter des Motors verändern. Dazu kommen Rahmen, Fahrwerk, Gewichtsverteilung und die gesamte Ergonomie. Am Ende kann derselbe Grundmotor in zwei Motorrädern ziemlich unterschiedlich funktionieren.

Gerade deshalb wäre ein direkter Vergleich zwischen Kove, JHL und ZXMoto spannend.

Hat Loncin einfach bei den Japanern abgeschaut?

Bei der Beschäftigung mit dem YK250 fällt zwangsläufig noch etwas anderes auf. Einige seiner Eckdaten kommen einem bekannt vor. Besonders 79 Millimeter Bohrung, rund 51 Millimeter Hub und eine Verdichtung von 13,9:1 liegen extrem dicht an einer früheren Generation der Honda CRF250R.

Das reicht allerdings nicht, um aus dem YK250 eine Honda-Kopie zu machen.

Wir haben uns deshalb auch die verfügbaren technischen Unterlagen genauer angesehen. Dabei tauchen beim Loncin eigene konstruktive Lösungen auf, unter anderem bei Ausgleichswelle, Schmierung, Startermechanismus und Motorgehäuse. Einen belastbaren Hinweis darauf, dass Loncin den YK250 direkt von Honda oder einem anderen japanischen Hersteller kopiert hat, konnten wir nicht finden.

Dass sich Loncin sehr genau angeschaut haben dürfte, was Honda, Yamaha, KTM und Co. seit Jahren erfolgreich machen, liegt nahe. Alles andere wäre bei der Entwicklung eines neuen 250F-Motors wohl auch ziemlich weltfremd.

Die wesentlich interessantere Frage ist inzwischen ohnehin eine andere.

Wird Loncin zum Motorenlieferanten der chinesischen MX-Szene?

Drei Marken, drei optisch unterschiedliche Motorräder – aber derselbe Motor.

Damit nimmt Loncin eine Position ein, die von außen zunächst gar nicht so offensichtlich ist. Während Kove, JHL und ZXMoto ihre eigenen Namen auf Kühlerverkleidung und Tank schreiben, liefert Loncin einen entscheidenden Teil des Pakets.

Das kann für die chinesischen Hersteller durchaus Sinn ergeben. Einen konkurrenzfähigen Viertakt-MX-Motor komplett neu zu entwickeln, kostet enorm viel Geld und Zeit. Wenn eine brauchbare Basis bereits vorhanden ist, können sich die einzelnen Marken stärker damit beschäftigen, was sie daraus machen.

Und genau dort beginnt im Motocross schließlich die eigentliche Arbeit.

Ein Motor kann auf dem Prüfstand hervorragend aussehen und trotzdem in einem schlechten Chassis stecken. Umgekehrt kann ein Motorrad mit weniger Spitzenleistung funktionieren, weil die Leistungsabgabe stimmt, das Bike leicht zu fahren ist und der Fahrer über ein komplettes Moto weniger Kraft benötigt.

Wie gut der YK250 wirklich ist, lässt sich deshalb nicht allein anhand seiner 30 kW beurteilen.

Kove liefert bereits einen ersten Eindruck davon, was sich mit dieser Basis bauen lässt. ZXMoto dürfte 2027 zeigen, welchen Weg man damit einschlägt. Und JHL könnte den bislang interessantesten Test liefern.

Sollte das MX2-Bike beim Grand Prix in Shanghai tatsächlich auf dem YK250 basieren, landet der Loncin-Motor erstmals dort, wo sich technische Versprechen ziemlich schnell überprüfen lassen.

Zwischen den Werksmotorrädern der MX2 und mit einer Stoppuhr daneben.

Dann wird sich zumindest ein erstes Mal zeigen, wie weit der Motor hinter Chinas neuen Motocrossern wirklich ist.