Yigit Ali Selek in Afyon: Wo liegt die Grenze für einen MXGP-Start?
Yigit Ali Selek beim MXGP der Türkei 2026. / Foto: Selek privat
Wie groß darf der Unterschied zur Spitze sein, bevor man darüber sprechen muss, ob ein Fahrer bei einem Motocross-Grand-Prix starten sollte?
Beim MXGP der Türkei lieferte Yigit Ali Selek unfreiwillig Stoff für genau diese Diskussion. Der türkische Lokalmatador fiel nicht auf, weil er Jeffrey Herlings, Romain Febvre und Co. um Positionen herausforderte. Auffällig war vielmehr der ungewöhnlich große Geschwindigkeitsunterschied.
Bereits ab der zweiten Runde wurde Selek überrundet. Ich konnte mich jedenfalls nicht daran erinnern, wann die Spitze bei einem MXGP zuletzt derart früh auf einen Fahrer am Ende des Feldes aufgelaufen ist.
Die Zahlen aus dem ersten Lauf zeigen, warum das so schnell passierte. Herlings fuhr eine schnellste Runde von 1:54,019 Minuten, Selek benötigte 2:35,352 Minuten. Mehr als 41 Sekunden Unterschied auf einer Runde. Auch die Durchschnittsgeschwindigkeit macht die Dimension sichtbar: 54,465 km/h bei Herlings, 39,974 km/h bei Selek.
Natürlich ist Herlings als frisch gekrönter sechsmaliger Weltmeister das andere Ende der Messlatte. Niemand erwartet von einem türkischen Gaststarter, dass er dessen Rundenzeiten fährt. Aber bei mehr als 41 Sekunden Rückstand reden wir eben auch nicht mehr über den üblichen Abstand zwischen einem Werksfahrer und einem lokalen Starter.
Und damit landet man bei einer Frage, die weniger Selek selbst betrifft als das System, das einen solchen Start ermöglicht.
Wie konnte Selek überhaupt starten?
Wer jetzt eine klare Prozentregel im MXGP-Reglement erwartet, nach der ein zu langsamer Fahrer automatisch aussortiert wird, findet genau diese Hürde nicht.
Eine klassische 120-Prozent-Regel, wie man sie aus anderen Rennserien oder Klassen kennt, gibt es im aktuellen Qualifikationsverfahren der MXGP nicht. Allein aufgrund seiner Rundenzeit musste Selek deshalb nicht zwangsläufig ausscheiden.
Ganz ohne vorherige Prüfung funktioniert eine WM-Nennung allerdings ebenfalls nicht. Im Anmeldeverfahren spielt der jeweilige nationale Motorradverband eine entscheidende Rolle. Dieser muss bestätigen, dass der Fahrer über die notwendige Rennerfahrung und die Fähigkeiten verfügt, um auf dem Niveau einer FIM-Weltmeisterschaft anzutreten.
Und genau dort darf man nach Afyon nachhaken.
Denn irgendwo muss entschieden werden, wann ein Fahrer bereit für einen Grand Prix ist. Muss dafür eine bestimmte Geschwindigkeit erreicht werden? Reicht entsprechende nationale Rennerfahrung? Und wie groß darf der Abstand zum übrigen WM-Feld werden?
Eine starre Prozentregel wäre dabei nicht automatisch die perfekte Lösung. Streckenbedingungen können sich verändern, Wetter kann Zeiten verzerren und ein technisches Problem ebenfalls. Aber wenn die Spitze bereits ab Runde zwei mit den Überrundungen beginnt, zeigt das zumindest, dass der Unterschied in Afyon außergewöhnlich groß war.
Der Geschwindigkeitsunterschied betrifft beide Seiten
Dabei sollte man die Situation nicht ausschließlich aus Sicht der Spitzenfahrer betrachten.
Auch für Selek selbst war das vermutlich keine besonders einfache Aufgabe. Während er versucht, seinen eigenen Rhythmus zu fahren, kommen von hinten Fahrer mit erheblich höherem Tempo. Blaue Flaggen, unterschiedliche Linien und immer wieder die Frage, wo man am besten Platz macht, gehören dann praktisch permanent zum eigenen Rennen.
Auf der anderen Seite kämpfen Herlings und Co. um WM-Punkte und müssen beim Überrunden einschätzen, wie sich der langsamere Fahrer vor ihnen verhält.
Das macht Selek deshalb noch lange nicht automatisch zu einem Sicherheitsrisiko. Uns ist aus Afyon keine konkrete Situation bekannt, in der er einen anderen Fahrer gefährdet hätte. Man sollte einem Piloten so etwas auch nicht allein anhand einer Stoppuhr anhängen.
Trotzdem ist ein Unterschied von mehr als 41 Sekunden pro Runde groß genug, um darüber zu sprechen, welche Anforderungen für einen Start in der höchsten Motocross-Klasse gelten sollten.
Für Selek selbst war der Heim-GP etwas Besonderes
Bei all der Diskussion über Rundenzeiten sollte außerdem nicht untergehen, was dieser Start für Selek offenbar persönlich bedeutete. Nach dem Wochenende richtete er sich an die türkischen Fans und bedankte sich für die Unterstützung, die er rund um seinen Heim-GP erfahren hatte:
„Vielen Dank an alle, die mich beim MXGP unterstützt, von der Tribüne aus applaudiert und angefeuert haben, die angerufen und sich nach mir erkundigt haben. Ich habe unglaublich viele Nachrichten und Anrufe bekommen. Falls ich jemandem nicht antworten konnte, hoffe ich, dass er mir das nicht übel nimmt.“
Das rückt seinen Auftritt noch einmal in eine andere Perspektive. Für Selek war es die Gelegenheit, vor heimischem Publikum bei einem Grand Prix anzutreten. Dass er diese Möglichkeit annimmt und sich anschließend über die Unterstützung freut, kann man ihm kaum vorwerfen.
Die Frage ist vielmehr, nach welchen Kriterien diese Möglichkeit vergeben wird.
Rob Andrews nimmt es mit Humor
Dass Seleks Auftritt auffiel, blieb auch Rob Andrews nicht verborgen. Der ehemalige britische 500er-WM-Pilot griff das Thema mit einer ordentlichen Portion Fahrerlagerhumor auf. „Ich weiß, dass Herlings an diesem Wochenende Weltmeister werden kann, aber in der MXGP drücke ich Yigit Ali Selek aus der Türkei die Daumen.“
Andrews hatte den großen Zeitunterschied bereits im Training beobachtet und machte daraus eine ziemlich bissige Rechnung:
„Ja, er ist eine volle Minute langsamer als alle anderen – auf einer Zwei-Minuten-Runde. Und ja, das bedeutet, dass er ungefähr jede zweite Runde überrundet wird. Aber wenn er sich durchbeißt und einfach seinen Hintern ans Startgatter bekommt, um sich zu den anderen 16 Fahrern zu stellen, sind ihm zweimal Platz 17 und acht Punkte praktisch sicher.“
Seinen eigentlichen Seitenhieb hob sich Andrews für den Schluss auf:
„Dann verlässt er die Strecke am Sonntag als 37. der Weltmeisterschaft. Also einen Platz besser, als ich es 1989 geschafft habe. Darauf kann man stolz sein. Go Yigit.“
Das klingt zunächst wie ein ziemlich harter Spruch gegen Selek. Schaut man sich Andrews‘ eigene Geschichte an, bekommt er allerdings eine andere Richtung.
Der Brite fuhr von 1985 bis 1990 in der damaligen 500ccm-Weltmeisterschaft. 1986 beendete er die Saison auf Rang neun, ein Jahr später wurde er in einem GP-Lauf Zweiter. Er startete für Großbritannien beim Motocross des Nations und bekam im Laufe seiner Karriere einen Kawasaki-Werksplatz. Andrews beschreibt sich selbst rückblickend keineswegs als großen Star, fuhr aber in einer Zeit gegen Namen wie David Thorpe, André Malherbe, Eric Geboers, Georges Jobé oder Håkan Carlqvist.
Sein Vergleich mit Selek zielt deshalb mindestens genauso auf die Umstände wie auf den Fahrer.
Denn in Afyon standen lediglich 17 Piloten am MXGP-Gatter. Damit kann eine WM-Platzierung entstehen, die wenig darüber aussagt, wie konkurrenzfähig ein Fahrer gegenüber dem normalen WM-Feld tatsächlich ist.
Selek ist eher das Beispiel als das Problem
Genau hier sollte man die Diskussion auch von seiner Person lösen.
Selek bekam die Möglichkeit, bei seinem Heim-GP zu starten. Er stellte sich der Aufgabe, wurde von den türkischen Zuschauern unterstützt und bedankte sich anschließend ausdrücklich dafür. Dass sein Tempo nicht mit der Spitze vergleichbar war, dürfte ihm selbst kaum verborgen geblieben sein.
Die interessantere Frage ist deshalb, warum das bestehende System einen derart großen Unterschied zulässt.
Wenn ein nationaler Verband bestätigen soll, dass ein Fahrer über die notwendige Erfahrung und die Fähigkeiten für einen Einsatz auf WM-Niveau verfügt, müsste es auch Kriterien geben, anhand derer diese Einschätzung getroffen wird. Eine Rundenzeit allein erzählt dabei sicher nicht die ganze Geschichte. Mehr als 41 Sekunden Rückstand auf einer Runde von weniger als zwei Minuten sind aber auch nicht einfach beiseitezuwischen.
Vielleicht braucht es keine starre 120-Prozent-Regel. Vielleicht reicht eine Bewertung durch Race Direction und die Verantwortlichen vor Ort. Darüber kann man diskutieren.
Afyon hat aber gezeigt, warum diese Diskussion überhaupt sinnvoll ist.
Yigit Ali Selek ist dabei weniger das Problem als das sichtbar gewordene Beispiel dafür, wie weit die Leistungsunterschiede innerhalb eines MXGP-Starterfeldes werden können, wenn eine klare zeitliche Qualifikationshürde fehlt.
