Jeffrey Herlings zum sechsten Mal Weltmeister: Ein Titel, der anders ist
Jeffrey Herlings ist zum sechsten Mal Weltmeister. / Foto: Ralph Marzahn
Jeffrey Herlings ist mit seinem sechsten WM-Titel endgültig in einer Reihe mit den ganz Großen angekommen?
Die Zahlen sprechen ohnehin schon lange dafür. Trotzdem fühlt sich dieser Titel anders an als seine fünf vorherigen. Herlings hat nicht einfach noch eine Weltmeisterschaft gewonnen. Er hat nach 16 Jahren KTM sein komplettes gewohntes Umfeld verlassen, ist zu Honda gewechselt und macht die Sache gleich in seiner ersten Saison auf der CRF450R klar.
Dafür brauchte es in Afyon nicht einmal den kompletten Grand Prix. Herlings gewann den ersten Lauf in der Türkei und ist damit sieben Motos vor dem Ende der MXGP-Saison rechnerisch nicht mehr einzuholen.
Jeffrey Herlings ist zum sechsten Mal Weltmeister.
Drei Titel in der MX2, jetzt drei in der MXGP. Und erstmals steht auf dem Motorrad unter ihm nicht KTM, sondern Honda.
16 Jahre KTM – und dann sofort Weltmeister mit Honda
Vielleicht ist genau das die bemerkenswerteste Zahl hinter diesem Titel. Von seinem Einstieg in die Weltmeisterschaft 2010 bis zum Ende der Saison 2025 war Herlings ununterbrochen mit KTM verbunden. Sämtliche fünf WM-Titel und seine ersten 112 Grand-Prix-Siege holte er auf Motorrädern aus Mattighofen.
Dann kam der Wechsel zu Honda.
Wer Herlings über die Jahre verfolgt hat, weiß, dass ein anderes Motorrad bei ihm nicht einfach nur bedeutet, andere Plastikteile anzuschrauben. Seine Anforderungen an Front, Balance und Fahrwerk sind ziemlich speziell. Dazu kam eine Honda, die für 2026 selbst in einigen Bereichen verändert wurde.
Dass diese Kombination funktionieren kann, war schnell zu erkennen. Dass sie im ersten gemeinsamen Jahr gleich für den WM-Titel reicht, war trotzdem keine Selbstverständlichkeit. Zumal Herlings inzwischen 31 Jahre alt ist und eine Verletzungshistorie mitbringt, die für zwei Fahrerkarrieren reichen würde.
Wie sehr ihn genau diese Vergangenheit vor der möglichen Titelentscheidung beschäftigte, zeigte sich unmittelbar nach dem ersten Lauf. Viel Schlaf hatte Herlings in der Nacht zuvor jedenfalls nicht bekommen.
„Ehrlich gesagt habe ich letzte Nacht vielleicht drei Stunden geschlafen. Ich hatte jedes einzelne mögliche Szenario im Kopf, weil es bei mir schon so oft schiefgegangen ist“, sagte der frischgebackene Weltmeister.
Nach all den Verletzungen war deshalb zunächst Erleichterung zu hören. Herlings dankte Gott dafür, dass er gesund durch die Saison gekommen sei, und anschließend seinem neuen Team.
„Ich habe lange darum gebetet, und er hat mich beschützt. Ein riesiges Dankeschön geht auch an das gesamte HRC-Petronas-Team. Sie haben das ganze Jahr über einen großartigen Job gemacht. Im ersten Jahr mit einer neuen Marke, mit allem komplett neu, direkt eine Weltmeisterschaft zu gewinnen, ist einfach unglaublich.“
Gerade der erste Teil seiner Aussage passt ziemlich gut zu dieser WM. Herlings spricht unmittelbar nach der Entscheidung nicht über seinen Vorsprung oder irgendwelche Rekorde. In seinem Kopf waren offenbar all jene Situationen, in denen eine Saison trotz seiner Geschwindigkeit plötzlich vorbei war.
2026 ging es nicht schief.
Diese WM sah lange nicht nach einem Durchmarsch aus
Wer nur auf den Vorsprung schaut, mit dem Herlings jetzt Weltmeister geworden ist, bekommt allerdings ein etwas falsches Bild von dieser Saison.
Lucas Coenen war über weite Strecken nicht einfach irgendein Verfolger. Der Belgier führte die Meisterschaft und hatte nach Riola sogar das Red Plate. Noch vor seinem schweren Wochenende in Foxhill betrug sein Vorsprung auf Herlings 68 Punkte.
Dann kippte die Saison.
Coenen verletzte sich in England, während Herlings genau das machte, was ihm selbst in seiner Karriere so häufig nicht gelungen war: Er blieb im Rennen. Das klingt fast banal, ist bei Herlings aber ein ziemlich entscheidender Teil dieser Weltmeisterschaft. Geschwindigkeit war bei ihm selten das Problem. Verletzungen dagegen schon.
2014 sah er lange wie der sichere MX2-Weltmeister aus, ehe ihn ein gebrochener Oberschenkel ausbremste. 2019 konnte er seinen MXGP-Titel nach schweren Fußverletzungen praktisch nicht verteidigen. Auch 2022 fiel seine komplette Saison aus.
Deshalb wäre es zu einfach, Coenens Verletzung als Fußnote unter diesen Titel zu setzen. Herlings hat selbst oft genug auf der anderen Seite dieser Geschichte gestanden.
Dieses Mal war er derjenige, der weiter Punkte sammelte.
Von 2018 bis 2026 liegen Welten
Seine sechs Weltmeisterschaften erzählen ohnehin ziemlich unterschiedliche Geschichten. 2012 und 2013 war Herlings der junge Niederländer, der die MX2 immer stärker beherrschte. 2016 folgte Titel Nummer drei, nachdem Verletzungen seine beiden vorherigen Anläufe gestoppt hatten.
Dann kam 2018.
Diese Saison bleibt selbst nach dem sechsten Titel der Maßstab dafür, wie dominant Jeffrey Herlings sein kann. 17 der 19 Grands Prix, an denen er teilnahm, gewann er. Bei den beiden anderen wurde er Zweiter. Am Ende standen 933 Punkte und 151 Zähler Vorsprung auf Antonio Cairoli.
2021 war beinahe das Gegenteil.
Herlings und Romain Febvre gingen punktgleich mit jeweils 708 Zählern ins Saisonfinale von Mantova. Tim Gajser lag ebenfalls noch in Reichweite. Herlings musste bis zum letzten Moto arbeiten, bevor Titel Nummer fünf feststand.
2026 braucht er die letzten sieben Motos nicht einmal mehr.
Das macht diese Saison nicht automatisch besser als 2018 oder dramatischer als 2021. Sie zeigt aber eine andere Version von Herlings. Weniger die Geschichte des jungen Überfliegers, sondern die eines Fahrers, der nach all den Jahren noch einmal sein gewohntes Umfeld verlässt und trotzdem sofort funktioniert.
61 Siege auf der 250er – und die 450er holt auf
Auch bei den GP-Siegen wird inzwischen deutlich, wie lang Herlings schon auf diesem Niveau unterwegs ist. Allein in der MX2 gewann er 61 Grands Prix. Das ist eine Zahl, mit der die meisten Fahrer bereits ihre komplette Karriere ziemlich zufrieden beenden würden.
Herlings machte danach einfach in der MXGP weiter.
Interessant ist dabei weniger der längst gebrochene Rekord von Stefan Everts, sondern die Verteilung seiner Siege. Mehr als 60 GP-Erfolge auf der 250er und inzwischen annähernd genauso viele in der Königsklasse – eine solche Karriere lässt sich kaum noch auf eine einzelne Phase reduzieren.
Und dann gibt es noch diese eine Saison, die zeigt, wie früh das Ganze angefangen hat: 2013 gewann Herlings bereits 15 Grands Prix. Damals war er 18 beziehungsweise 19 Jahre alt.
13 Jahre später wird er noch immer Weltmeister.
Ausgerechnet Afyon
Dass Titel Nummer sechs in Afyon feststeht, passt ebenfalls ziemlich gut in seine Statistik. Die türkische Strecke war schon vorher eines seiner erfolgreichsten Pflaster. Herlings gewann hier häufiger als jeder andere MXGP-Fahrer. Jetzt kommt neben den GP-Erfolgen auch noch ein WM-Titel hinzu.
Und er holt ihn so, wie man es von Herlings eigentlich erwarten würde. Rechnen, verwalten und irgendwie genügend Punkte mitnehmen hätte gereicht. Stattdessen gewinnt er den ersten Lauf.
Das ist natürlich keine große Charakterstudie. Aber wer Herlings kennt, dürfte darüber kaum überrascht sein. Einen WM-Titel mit Platz sieben abzusichern wäre effizient gewesen. Ein Moto zu gewinnen, wenn die Gelegenheit da ist, passt einfach besser zu ihm.
Drei MX2-Titel, drei MXGP-Titel
Mit Titel Nummer sechs wird außerdem eine kleine Symmetrie perfekt. 2012, 2013 und 2016 wurde Herlings MX2-Weltmeister. 2018, 2021 und jetzt 2026 folgt dasselbe Triple in der MXGP.
Damit ist seine Karriere auch nicht mehr hauptsächlich über jene Jahre zu erzählen, in denen er die kleine Klasse teilweise nach Belieben beherrschte. Er hat inzwischen genauso viele Weltmeisterschaften auf der 450er gewonnen.
Und die Konkurrenz dabei könnte unterschiedlicher kaum sein.
Antonio Cairoli gehörte zu seinen großen Gegnern der ersten MXGP-Jahre. 2021 waren es Febvre und Gajser. Inzwischen steht mit Lucas Coenen eine Generation neben ihm am Start, die deutlich näher an Herlings‘ MX2-Zeiten geboren wurde als an dessen aktuellem Alter.
Herlings fährt trotzdem noch vorne.
Vielleicht ist das am Ende die interessanteste Statistik seines sechsten Titels. Nicht die Zahl 6, nicht seine inzwischen weit über 100 GP-Siege und auch nicht der riesige Vorsprung, mit dem diese Weltmeisterschaft entschieden wurde.
Zwischen seinem ersten WM-Titel 2012 und seinem sechsten 2026 liegen 14 Jahre.
Damals war Jeffrey Herlings 18 Jahre alt und fuhr eine KTM 250 SX-F. Heute ist er 31, sitzt erstmals auf einer Honda – und ist wieder Weltmeister.
