WSX sucht Investor: Geht die Rechnung diesmal nicht mehr auf?

Die World Supercross Championship (WSX) steht erneut ungewollt im Rampenlich

Die World Supercross Championship (WSX) steht erneut ungewollt im Rampenlich. / Foto: SX Global

Die World Supercross Championship (WSX) kämpft erneut um ihre Zukunft. Birmingham ist abgesagt, SX Global sucht frisches Kapital und nach Informationen von Steve Matthes warten die Teams auf Geld, mit dem sie längst gerechnet hatten. Damit geht es nicht mehr nur um einen Grand Prix, der aus dem Kalender verschwindet. Es geht um die Frage, ob das Geschäftsmodell hinter der WSX nach vier Jahren endlich aufgehen kann.

Die Idee einer echten Supercross-Weltmeisterschaft hatte von Anfang an ihren Reiz. Amerikanische Topfahrer sollten außerhalb der USA antreten, internationale Fans bekamen die Stars vor die Haustür und für Teams sowie Fahrer gab es gutes Geld zu verdienen.

Genau dort liegt allerdings seit Beginn das Problem. Supercross einmal um die Welt zu schicken, kostet verdammt viel Geld. Und inzwischen gibt es einige Anzeichen dafür, dass diese Rechnung erneut nicht aufgeht.

Teams sollen auf ihr Geld warten

SX Global bestätigte am 22. September die Absage des für den 10. Oktober geplanten British GP in Birmingham. Gleichzeitig teilte das Unternehmen mit, dass Gespräche über eine „signifikante neue Investition“ laufen. Dieses Kapital soll die World Supercross Championship langfristig auf eine stabilere Grundlage stellen.

Wer investieren soll, um welche Summe es geht und wann mit einem Abschluss zu rechnen ist, sagt SX Global nicht.

Steve Matthes geht bei PulpMX deutlich weiter. Nach seinen Informationen sollen die eingeschriebenen Teams Zahlungen, mit denen sie gerechnet hatten, bislang nicht erhalten haben. Außerdem soll ein möglicher Deal mit einem Käufer beziehungsweise Investor bereits geplatzt sein. Matthes berichtete zudem schon vor der offiziellen Mitteilung, dass der nächste britische Lauf wohl abgesagt werde.

Dieser Teil seiner Informationen hat sich inzwischen bestätigt.

Bei den Zahlungen und dem angeblich gescheiterten Deal sieht es anders aus. Dafür gibt es bislang keine öffentliche Bestätigung von SX Global. Beides muss deshalb genau als das behandelt werden, was es momentan ist: Informationen von Steve Matthes.

Ganz beiseitewischen sollte man sie trotzdem nicht.

Denn finanzielle Unterstützung der Teams gehört nicht irgendwo am Rand zum WSX-Modell. Sie war von Beginn an ein wesentlicher Bestandteil davon. SX Global lockte die Mannschaften mit finanzieller Unterstützung, Appearance Fees und Hilfe bei den enormen Reisekosten einer Weltmeisterschaft.

Genau diese Konstruktion macht die aktuelle Situation so interessant.

Die Rechnung war schon immer schwierig

Matthes‘ grundsätzliche Kritik an der WSX ist nicht neu. Nach dem Saisonauftakt 2026 in Calgary schrieb er erneut, dass er die Idee hinter der Serie grundsätzlich gut findet. Fahrer können zusätzlich Geld verdienen, Teams erhalten eine weitere Einnahmequelle und Fans außerhalb der USA bekommen Supercross auf hohem Niveau geboten.

Sein Problem ist die Rechnung dahinter. Und die ist tatsächlich nicht schwer zu verstehen.

Für eine internationale Serie müssen Motorräder, Ersatzteile und Material um die Welt transportiert werden. Dazu kommen Flüge, Hotels und Verpflegung für Fahrer, Mechaniker und weiteres Personal.

Gleichzeitig braucht die WSX bekannte Namen. Ohne sie wird es schwieriger, Tickets zu verkaufen, Sponsoren zu gewinnen und Veranstalter davon zu überzeugen, entsprechendes Geld in ein Rennen zu stecken.

Die Fahrer wiederum haben wenig Grund, nach einer langen amerikanischen Saison noch einmal um die halbe Welt zu fliegen, wenn sich das finanziell nicht lohnt.

Craig Dack hatte dieses Problem bereits 2023 ziemlich offen angesprochen. Die Unterstützung durch die WSX allein reiche nicht aus, um sämtliche Kosten eines Teams zu decken. Zusätzliche Sponsoren seien notwendig.

Drei Jahre später diskutieren wir im Grunde immer noch über dieselbe Baustelle.

Volle Tribünen allein reichen nicht

Am Interesse an internationalem Supercross dürfte es kaum grundsätzlich scheitern.

Paris zeigt seit Jahren, dass Supercross außerhalb der USA funktioniert. Australien besitzt eine starke eigene Szene. Auch die WSX hat bewiesen, dass Fans bekannte Fahrer sehen wollen.

Nur bedeutet eine volle Tribüne nicht automatisch, dass eine Weltmeisterschaft wirtschaftlich funktioniert.

Die WSX braucht mehrere Einnahmequellen gleichzeitig: Tickets, Sponsoren, Medien- und Streamingrechte, lokale Veranstalter und teilweise öffentliche Unterstützung. Auf der anderen Seite stehen erhebliche Kosten für Events, Teams und Fahrer.

Wenn eine dieser Säulen nicht trägt, wird es schnell teuer.

Genau deshalb ist die aktuelle Investorensuche wichtiger als die übliche Formulierung von der „nächsten Wachstumsphase“ vermuten lässt. SX Global sagt selbst, dass wegen der zeitlichen Abläufe des Investmentprozesses kurzfristige operative Maßnahmen notwendig seien. Eine davon ist die Absage von Birmingham.

Hinter den vorsichtigen Formulierungen von SX Global steckt eine ziemlich einfache Botschaft: Erst muss die Finanzierung geklärt werden, bevor es wie geplant weitergehen kann.

Birmingham ist nicht das erste Warnsignal

Wäre Birmingham der erste Rückschlag der WSX-Geschichte, könnte man die Sache vermutlich relativ schnell abhaken. Ist es aber nicht.

Seit dem Start 2022 wurde das Projekt mehrfach verändert. Kalender wurden angepasst, Rennen verschwanden und zwischendurch wechselten auch die Eigentumsverhältnisse. 2023 wurde zunächst der französische Grand Prix verschoben, anschließend verschwanden weitere Veranstaltungen aus dem Kalender. Auch London 2025 fand nicht statt. Die jeweiligen Gründe waren unterschiedlich. Das sollte man nicht in einen Topf werfen.

Für Teams, Fahrer und Fans bleibt trotzdem ein Muster: Zwischen dem angekündigten internationalen Anspruch und dem tatsächlich gefahrenen Kalender klaffte bei der WSX immer wieder eine Lücke.

Jetzt kommt erstmals ziemlich offen die Investorensuche hinzu. Und laut Matthes möglicherweise ausstehendes Geld gegenüber den Teams.

Was passiert ohne Investor?

Das ist momentan die wichtigste unbeantwortete Frage. SX Global erklärt, dass die Gespräche positiv verlaufen und der richtige langfristige Investor gesucht werde.

Was passiert, wenn dieser Investor nicht kommt, steht nicht im Statement. Kann SX Global die Meisterschaft dann selbst weiterfinanzieren? Werden weitere Rennen gestrichen? Ändert sich das Modell der Teamunterstützung? Oder steht die WSX erst einmal komplett still?

Darüber gibt es keine belastbaren Informationen. Auffällig ist deshalb auch die gemeinsame Stellungnahme der WSX-Teams. Sie stellen sich hinter die Meisterschaft, betonen ihren Glauben an internationales Supercross und erklären abschließend: „Die Teams bleiben engagiert und werden bereit sein zu fahren, wenn die Meisterschaft zurückkehrt.“

Wenn die Meisterschaft zurückkehrt. Daraus sollte man nicht ableiten, dass das Ende bereits beschlossen ist. Das wäre zu viel Interpretation. Besonders beruhigend klingt es aber auch nicht.

Und was wird dann aus der SMX?

Sollte die WSX tatsächlich verschwinden, bekommt die Geschichte noch eine andere interessante Seite. Denn dann stellt sich irgendwann auch die Frage, welche Rolle die SuperMotocross World Championship in ihrer heutigen Form noch spielt.

Aus unserer Sicht lässt sich ihre Entstehung kaum völlig vom Auftauchen der WSX trennen.

SX Global kam 2022 mit einem ziemlich aggressiven Konzept auf den Markt. Teams und Fahrer sollten finanziell unterstützt werden und plötzlich existierte außerhalb der etablierten amerikanischen Meisterschaften eine Alternative, bei der ordentlich Geld verdient werden konnte.

Mit Ken Roczen verpflichtete sich früh einer der größten Namen aus dem amerikanischen Fahrerlager für die neue Serie.

Am 2. August 2022 folgte die Ankündigung von Feld Motor Sports und MX Sports Pro Racing: Ab 2023 sollten Monster Energy Supercross und Pro Motocross über eine gemeinsame Wertung miteinander verbunden und anschließend in den neuen SMX-Playoffs entschieden werden.

Dazu kam ein Preisgeldtopf von zehn Millionen Dollar.

Offiziell wurde die SMX natürlich nicht als Abwehrmaßnahme gegen die neue FIM-Weltmeisterschaft vorgestellt. Feld und MX Sports erklärten vielmehr, Supercross und Motocross gemeinsam weiterentwickeln und das amerikanische Produkt stärken zu wollen. Zudem gab es bereits damals Berichte, dass die Zusammenarbeit schon vor dem Auftauchen der WSX vorbereitet worden sei.

Trotzdem ist die zeitliche Entwicklung auffällig.

Die WSX schuf eine finanziell attraktive Möglichkeit für US-Fahrer, nach ihrer heimischen Saison eine weitere Meisterschaft zu bestreiten. Kurz darauf bekamen dieselben Fahrer in den USA drei zusätzliche Rennen, einen weiteren Titel und einen damals außergewöhnlich großen Preisgeldtopf.

Wir haben die SMX deshalb von Beginn an auch als amerikanische Antwort auf die WSX gesehen. Nicht zwingend als Meisterschaft, die ausschließlich deshalb geschaffen wurde. Aber sehr wohl als Mittel, die eigenen Stars im eigenen System zu halten und einem neuen Konkurrenten etwas entgegenzusetzen.

Braucht es den Gegenentwurf noch ohne Gegenüber?

Inzwischen hat sich die Situation verändert. Die SMX existiert seit mehreren Jahren und hat sich im amerikanischen Kalender etabliert. Monster Energy hat sich langfristig als Titelsponsor gebunden. Supercross, Pro Motocross und die Playoffs werden inzwischen als gemeinsames Paket vermarktet.

Die SMX dürfte heute also wesentlich weniger von der Existenz der WSX abhängig sein als noch bei ihrer Entstehung.

Trotzdem würde mit einem WSX-Aus ein wesentlicher Konkurrenzfaktor verschwinden.

Kein internationaler Promoter würde mehr versuchen, amerikanische Topfahrer mit hohen Gagen in eine konkurrierende Meisterschaft zu locken. Teams müssten nicht mehr überlegen, ob sie nach der amerikanischen Saison noch WSX fahren. Und Feld sowie MX Sports müssten ihr eigenes Produkt nicht gegen eine zweite Serie positionieren, die ebenfalls den Begriff „World Championship“ trägt.

Dann darf man durchaus fragen, ob die SMX in fünf Jahren noch genauso aussehen würde wie heute.

Braucht es weiterhin drei zusätzliche Playoff-Rennen mit eigenem Titel und erheblichem Preisgeld, wenn einer der Faktoren, gegen den dieses Paket aus unserer Sicht zumindest teilweise positioniert wurde, nicht mehr existiert?

Oder ist die SMX inzwischen längst stark genug, um völlig unabhängig davon weiterzumachen? Darauf gibt es momentan keine Antwort. Aber gerade deshalb wäre ein mögliches WSX-Aus nicht nur eine Geschichte über SX Global.

Konkurrenz hat den Fahrern geholfen

Steve Matthes hat bereits früher einen weiteren interessanten Punkt angesprochen. Seiner Einschätzung nach sorgten die hohen Summen, die WSX für Fahrer und Teams aufrief, auch dafür, dass innerhalb des amerikanischen Systems mehr Geld bewegt wurde. Die neue Konkurrenz konnte nicht einfach ignoriert werden.

Für Fahrer ist das zunächst einmal gut.

Wenn zwei Serien um dieselben Namen kämpfen, steigt deren Marktwert. Teams bekommen zusätzliche Möglichkeiten und auch Promoter müssen darüber nachdenken, wie attraktiv ihr eigenes Produkt für die Beteiligten eigentlich ist.

Fällt einer dieser Konkurrenten weg, verschwindet auch dieser Druck. Deshalb wäre das Ende der WSX nicht automatisch eine gute Nachricht für SMX, nur weil ein Konkurrent weniger auf dem Markt wäre.

Vielleicht ist genau das Gegenteil der Fall. Eine funktionierende WSX könnte langfristig dafür sorgen, dass auch die amerikanische Seite mehr tun muss, um Fahrer und Teams bei der Stange zu halten.

Die Idee ist wahrscheinlich nicht das Problem

Das macht die derzeitige Situation bei SX Global fast etwas bitter. An der grundsätzlichen Idee mangelt es nicht. Es gibt ein weltweites Publikum für Supercross. Es gibt Fahrer, die außerhalb der USA antreten wollen, wenn die Bedingungen stimmen. Und es gibt Märkte, in denen Supercross funktionieren kann.

Die Frage ist nur, ob dieses Modell einer Weltmeisterschaft wirtschaftlich funktioniert. Vier Jahre nach dem ersten Rennen ist darauf noch immer keine überzeugende Antwort gefunden worden.

Jetzt wird die Zeit knapp.

Birmingham ist abgesagt. SX Global sucht einen neuen Investor. Laut Steve Matthes warten Teams auf erwartete Zahlungen und ein möglicher Deal mit einem Käufer beziehungsweise Geldgeber soll bereits gescheitert sein. Die letzten beiden Punkte sind nicht offiziell bestätigt, seine Information über die bevorstehende UK-Absage hat sich allerdings inzwischen als richtig erwiesen.

Vielleicht findet SX Global in den kommenden Wochen einen neuen Partner und die WSX bekommt tatsächlich die langfristige Finanzierung, nach der sie seit Jahren sucht. Wenn nicht, könnte es diesmal um mehr gehen als um den nächsten verkürzten Kalender. Und dann müsste irgendwann auch die SMX eine Frage beantworten, die bei ihrer Einführung kaum jemand gestellt hat:

Welche Rolle spielt ein Gegenentwurf noch, wenn das Gegenüber nicht mehr existiert?