Stark Future in Calgary: Hat die FIM einen entscheidenden Faktor übersehen?
Brian Hsu (81) und Michael Hicks (460) waren auf den Stark Future Bikes beim Auftakt der WSX in Galgary immer vorn dabei.
Die Stark Varg bestimmte beim WSX-Saisonauftakt in Calgary fast jeden Start. Bis auf eine Ausnahme kamen die Elektromotorräder in den SX1- und SX2-Rennen ganz vorne aus dem Gatter. Quad-Lock-Honda Teamchwf Yarrive Konsky stellt deshalb die Frage, ob die FIM bei der technischen Gleichstellung von Elektro- und Verbrennungsmotorrädern einen wichtigen Faktor ausreichend berücksichtigt hat.
Das McMahon Stadium liegt rund 1.045 Meter über dem Meeresspiegel. Diese Höhe spielt bei einem Verbrennungsmotor eine Rolle. Die elektrische Stark Varg hat dieses Problem nicht.
Weniger Sauerstoff kostet den Verbrenner Leistung
Der technische Hintergrund ist relativ einfach. Je höher eine Rennstrecke liegt, desto dünner wird die Luft. Ein Verbrennungsmotor benötigt Sauerstoff, um Kraftstoff zu verbrennen und daraus Leistung zu erzeugen. Steht weniger Sauerstoff zur Verfügung, sinkt auch die mögliche Motorleistung.
Ein Elektromotor benötigt für seinen Antrieb keinen Sauerstoff. Die 1.045 Meter Höhenlage von Calgary beeinflussen seine Leistungsabgabe deshalb nicht auf dieselbe Weise.
Genau hier setzt Konskys Kritik an. Die FIM hat technische Vorgaben geschaffen, damit Elektro- und Verbrennungsmotorräder trotz ihrer völlig unterschiedlichen Antriebskonzepte gemeinsam in SX1 und SX2 antreten können. Vereinfacht gesagt sollen diese Regeln verhindern, dass eines der beiden Konzepte von vornherein einen zu großen technischen Vorteil besitzt.
Nach Angaben des 51-Jährigen spielte die Höhenlage bei dieser technischen Bewertung jedoch keine Rolle. Sollte diese Information stimmen, hätte die FIM einen Faktor ausgeklammert, der vor dem Rennen bekannt war.
Calgary liegt schließlich nicht erst seit dem WSX-Wochenende auf 1.045 Metern.
Stark beherrscht fast sämtliche Starts
Die Diskussion bekommt durch die Rennen zusätzlich Gewicht. Die Stark-Piloten kamen in Calgary bis auf eine Ausnahme bei jedem Start ganz vorne aus dem Gatter.
Michael Hicks nutzte seine guten Ausgangspositionen und beendete den Saisonauftakt in der SX2 auf Overall-Rang zwei. Brian Hsu führte bei seinem ersten WSX-Einsatz in allen drei Rennen zumindest zeitweise das Feld an.
Auch in der SX1 mischten die Elektromotorräder vorne mit. Vince Friese erreichte Overall Platz vier. Jorge Zaragoza wurde Sechster und fuhr im zweiten Sprint auf Rang zwei.
Damit präsentierte sich Stark deutlich stärker als noch während der vergangenen WSX-Saison.
Allein aus den Holeshots lässt sich allerdings nicht ableiten, dass die Varg technisch zu stark eingestuft wurde. Reaktionszeit, Traktion, Setup und Linienwahl spielen auf dem Weg zur ersten Kurve ebenfalls eine Rolle. Die Häufigkeit der starken Starts macht die Frage nach dem Einfluss der Höhenlage trotzdem berechtigt.
Stark hält sich an die Regeln
Stark Future selbst lässt sich daraus kaum ein Vorwurf machen. Der Hersteller tritt mit einem Motorrad an, das dem aktuellen Reglement entspricht. Wenn die Konstruktion der Varg unter bestimmten Bedingungen Vorteile bietet, gehört es zum Rennsport, diese zu nutzen.
Die Verantwortung für vergleichbare technische Voraussetzungen liegt bei der FIM.
Und genau diese Aufgabe ist kompliziert. Es reicht nicht, lediglich zu prüfen, wie viel Spitzenleistung ein Elektro- und ein Verbrennungsmotor besitzen. Drehmoment, Leistungsabgabe, Gewicht, Traktion und die Performance über eine komplette Renndistanz können das Kräfteverhältnis ebenfalls verändern.
Seit Calgary gehört auch die Höhenlage auf diese Liste.
Technische Gleichstellung funktioniert nicht überall gleich
Ein Motorrad kann auf Meereshöhe gegenüber der Konkurrenz technisch passend eingestuft sein. 1.000 Meter höher können sich die Voraussetzungen verschieben.
Genau das macht die gemeinsame Zulassung von Elektro- und Verbrennungsmotorrädern schwierig. Die FIM muss Regeln finden, die über eine komplette Meisterschaft mit unterschiedlichen Strecken und Bedingungen funktionieren.
Eine Anpassung von Rennen zu Rennen würde ein anderes Problem schaffen. Dann könnte abhängig von Austragungsort und Bedingungen immer wieder darüber diskutiert werden, wie viel Leistung ein bestimmtes Motorrad haben darf. Die WSX würde sich damit eine permanente Debatte über die technische Einstufung ins Fahrerlager holen.
Die FIM muss erklären, was bei der Einstufung berücksichtigt wurde
Die World Supercross Championship reagierte nach Calgary mit einer eigenen Erklärung zur Performance der Stark Varg. Warum ein Elektromotorrad in größerer Höhe keinen vergleichbaren Leistungsverlust erleidet, beantwortet jedoch nicht Konskys eigentliche Kritik.
Entscheidend ist, ob die FIM die Höhenlage tatsächlich nicht in ihre technische Bewertung einbezogen hat.
Falls Konskys Angaben stimmen, muss der Verband erklären, welche Faktoren bei der gemeinsamen Einstufung von Elektro- und Verbrennungsmotorrädern berücksichtigt wurden. Gerade die unterschiedlichen Bedingungen eines internationalen Kalenders gehören zu den Punkten, die sich bereits vor Saisonbeginn untersuchen lassen.
Die kommenden WSX-Rennen liefern dafür einen interessanten Vergleich. Liegen die nächsten Strecken deutlich niedriger und verschwinden dort auch die auffälligen Vorteile der Stark beim Start, würde das Konskys Argument zur Höhenlage zusätzlich stützen. Bleiben Hicks, Hsu, Friese und Zaragoza am Gatter ähnlich dominant, müsste die Diskussion dagegen weit über Calgary hinausgehen.
