WSX – Ende, aus, vorbei? Supercross-WM vor dem Kollaps

Cooper Webb siegte beim ersten und gleichzeitig letzten Lauf der WSX Saison 2026

Cooper Webb siegte beim ersten und gleichzeitig letzten Lauf der WSX Saison 2026. / Foto: SX Global

Ein Rennen, mehrere Absagen und schließlich das vorzeitige Ende einer kompletten Weltmeisterschaft. Die FIM World Supercross Championship hat am 7. Oktober bekannt gegeben, dass die Saison 2026 mit sofortiger Wirkung beendet wird. Nach dem Auftakt im kanadischen Calgary wird es in diesem Jahr keine weiteren WM-Läufe mehr geben.

Damit steht eine Rennserie vor einer ungewissen Zukunft, die ursprünglich mit großen Ambitionen angetreten war. World Supercross wollte den internationalen Supercross-Sport auf eine neue Ebene heben, zusätzliche Märkte erschließen und den Fahrern außerhalb der amerikanischen Meisterschaften attraktive Verdienstmöglichkeiten bieten.

Inzwischen geht es allerdings nicht mehr darum, welche Fahrer bei den nächsten Rennen am Start stehen. Es geht um die Frage, ob die Meisterschaft überhaupt noch eine Zukunft hat.

Die offizielle Pressemitteilung fällt erstaunlich knapp aus. World Supercross bedankt sich bei Fahrern, Teams, Partnern und Fans, verweist auf laufende Investorengespräche und betont, weiterhin an das Potenzial der Meisterschaft zu glauben.

Antworten auf die drängendsten Fragen liefert die Mitteilung dagegen kaum.

Gescheiterte Übernahmegespräche?

Bereits nach dem Saisonauftakt in Calgary verdichteten sich die Hinweise auf wirtschaftliche Schwierigkeiten bei World Supercross.

Hinter den Kulissen soll über einen Verkauf der Meisterschaft verhandelt worden sein. Nach bislang nicht offiziell bestätigten Berichten kam eine mögliche Übernahme zunächst nicht zustande. Anschließend soll sich ein weiterer Interessent mit einer Fortführung der Serie beschäftigt haben.

Zu diesem Zeitpunkt bereiteten sich die Teams bereits auf das zweite Rennen in Birmingham vor. Motorräder und Material mussten für den internationalen Transport vorbereitet werden, während die Verantwortlichen offenbar versuchten, durch Änderungen am Kalender zusätzliche Zeit zu gewinnen.

Der britische Grand Prix wurde schließlich abgesagt, der Termin in Buenos Aires verschoben. Die Hoffnung, zumindest einen Teil der Saison mit einem neuen Eigentümer retten zu können, erfüllte sich nicht.

In der aktuellen Mitteilung spricht World Supercross weiterhin von fortgeschrittenen Gesprächen mit potenziellen Investoren. Ob es sich dabei um neue Interessenten handelt oder bereits zuvor geführte Verhandlungen fortgesetzt werden, bleibt offen.

Auch ein konkreter Zeitplan fehlt. Weder wird ein möglicher neuer Eigentümer genannt noch gibt es eine verbindliche Aussage zu einer Rückkehr im Jahr 2027.

Warten Fahrer und Teams noch auf ihr Geld?

Neben der Zukunft der Meisterschaft steht eine weitere, möglicherweise noch unangenehmere Frage im Raum: Sind sämtliche finanziellen Verpflichtungen gegenüber den Teilnehmern erfüllt worden?

Bereits nach dem kanadischen Grand Prix kamen Berichte auf, wonach vereinbarte Zahlungen an Fahrer und Teams noch ausstehen sollen. Auch nach dem Saisonabbruch gibt es Hinweise darauf, dass Beteiligte weiterhin versuchen, offene Forderungen einzutreiben.

Offiziell bestätigt sind weder die Höhe noch der genaue Umfang möglicher Zahlungsrückstände.

Sollten sich diese Berichte bestätigen, wären die Folgen für einige Mannschaften erheblich. Schließlich entstehen die Kosten für eine internationale Weltmeisterschaft lange vor dem ersten Startgatter.

Motorräder müssen vorbereitet, Mitarbeiter bezahlt, Flüge gebucht und Material rund um die Welt transportiert werden. Hinzu kommen Verpflichtungen gegenüber Fahrern und Sponsoren.

Während einige Teams diese Kosten zumindest teilweise über ihre weiteren Rennprogramme auffangen können, könnte die Situation für andere deutlich schwieriger werden.

In der offiziellen Mitteilung findet sich zu möglichen offenen Zahlungen allerdings kein Wort.

Das ist bemerkenswert. Denn für die betroffenen Fahrer und Teams dürfte die Frage, ob sie ihr Geld erhalten, mindestens genauso wichtig sein wie die Aussicht auf einen möglichen Neustart der Meisterschaft.

Auch die Kommunikation hat sich verändert

Ein Detail ist uns bei der Bekanntgabe ebenfalls aufgefallen.

Die Mitteilung über das vorzeitige Saisonende erreichte unsere Redaktion nicht über den bisherigen Ansprechpartner von World Supercross, sondern über einen anderen Absender.

Das muss zunächst nichts bedeuten. Ob lediglich die Zuständigkeit für die Pressearbeit gewechselt hat oder ob es innerhalb der Organisation inzwischen personelle Veränderungen gegeben hat, ist uns nicht bekannt.

Allein aus einem veränderten Absender lässt sich selbstverständlich nicht ableiten, dass der bisherige Ansprechpartner die Organisation verlassen hat.

In einer Phase, in der über die Zukunft der gesamten Meisterschaft verhandelt wird, fällt allerdings auch eine solche Veränderung auf.

Besonders bitter für Max Anstie?

Der Saisonabbruch trifft nicht alle Fahrer und Teams gleichermaßen.

Mannschaften wie Bud Racing, GSM Yamaha oder das australische Honda-Team von Quad Lock sind auch außerhalb der WSX im Rennsport aktiv. Für sie bedeutet die Entscheidung den Verlust geplanter Einsätze und möglicherweise erheblicher Einnahmen, aber nicht automatisch das Ende ihres gesamten Rennprogramms.

Anders sieht es bei Fahrern aus, deren Engagement speziell auf die World Supercross Championship ausgerichtet war.

Ein Beispiel ist Max Anstie.

Der Brite war für die WSX mit Rick Ware Racing verbunden. Dessen Supercross-Engagement konzentrierte sich auf die internationale Meisterschaft. Mit dem vorzeitigen Saisonende entfällt nun die sportliche Grundlage für die geplanten weiteren Einsätze.

Welche finanziellen Auswirkungen das für Anstie hat, hängt von den konkreten Vertragsvereinbarungen ab. Darüber liegen keine bestätigten Informationen vor.

Auch Fahrer wie Cole Thompson oder Kevin Moranz, die für spezielle WSX-Programme vorgesehen waren, könnten von der Entscheidung betroffen sein.

Für einen Cooper Webb ist die sportliche Situation dagegen eine andere. Der Amerikaner verfügt über ein etabliertes Rennprogramm in den USA und könnte zusätzliche Starts bei internationalen Einzelveranstaltungen ins Auge fassen.

Das bedeutet allerdings nicht, dass der Wegfall der WSX für die etablierten Stars finanziell bedeutungslos wäre.

Profitiert jetzt die australische Supercross-Meisterschaft?

Während World Supercross um ihre Zukunft kämpft, könnten andere Veranstalter von der Entwicklung profitieren.

Fahrer, die ursprünglich weitere WM-Läufe bestreiten wollten, müssen sich nun nach alternativen Startmöglichkeiten umsehen. Besonders die australische Supercross-Meisterschaft könnte dadurch zusätzliche internationale Teilnehmer gewinnen.

Auch Veranstaltungen wie das Supercross de Paris oder andere internationale Einzelrennen könnten wieder stärker in den Mittelpunkt rücken. Schließlich haben die vergangenen Jahre gezeigt, dass zahlreiche Fahrer durchaus bereit sind, außerhalb der amerikanischen Meisterschaften zusätzliche Supercross-Rennen zu bestreiten.

World Supercross wollte dieses Interesse bündeln und daraus eine eigenständige Weltmeisterschaft entwickeln. Mit einem festen Kalender, bekannten Fahrern und dem offiziellen WM-Prädikat der FIM sollte eine internationale Plattform entstehen.

Nun könnte sich ein Teil dieses Fahrerfeldes wieder auf nationale Meisterschaften und Einzelveranstaltungen verteilen.

Ausgerechnet jene Rennen, denen die WSX langfristig einen Teil ihrer internationalen Bedeutung hätte abnehmen können, könnten damit zu den Gewinnern des Saisonabbruchs gehören.

Braucht es die SuperMotocross-Serie überhaupt noch?

Mit dem möglichen Ende der World Supercross Championship stellt sich allerdings noch eine andere Frage: Welche Auswirkungen könnte der Rückzug der internationalen Konkurrenz auf die amerikanische SuperMotocross World Championship haben?

Die 2022 angekündigte SMX entstand in einer Phase, in der World Supercross mit einem eigenen internationalen Rennkalender und attraktiven finanziellen Angeboten um Fahrer und Teams warb.

Mit der Zusammenführung der AMA Supercross Championship und der AMA Pro Motocross Championship unter dem Dach der SMX sowie den zusätzlichen Playoffs schufen die amerikanischen Veranstalter ein eigenes, finanziell attraktives Saisonfinale.

Offiziell wurde die SMX nicht als Gegeninitiative zur World Supercross Championship vorgestellt. Dass die neue Struktur gleichzeitig die Position der amerikanischen Rennserien gegenüber einem internationalen Konkurrenten stärkte, dürfte allerdings kaum ein unerwünschter Nebeneffekt gewesen sein.

Doch wenn diese Konkurrenz nun wegfällt, verändert sich die Ausgangslage.

Braucht es die drei zusätzlichen SMX-Veranstaltungen nach dem Ende der regulären Supercross- und Motocross-Meisterschaften tatsächlich noch? Oder könnten die amerikanischen Fahrer künftig wieder drei Wochen früher in ihre Saisonpause gehen?

Gerade für die Spitzenfahrer, die von Januar bis weit in den Sommer hinein nahezu durchgehend Rennen bestreiten, wäre eine längere Erholungsphase sicherlich keine schlechte Nachricht.

Andererseits hat sich die SMX inzwischen zu einem eigenständigen sportlichen und wirtschaftlichen Produkt entwickelt. Hohe Preisgelder, zusätzliche Vermarktungsmöglichkeiten und ein gemeinsames Saisonfinale der beiden amerikanischen Meisterschaften sind Argumente, die unabhängig von der Existenz der WSX bestehen bleiben.

Eine Einstellung der SMX steht derzeit auch nicht zur Diskussion. Zumindest gibt es keine entsprechenden offiziellen Ankündigungen.

Dennoch stellt sich die Frage, ob der ohnehin umfangreiche amerikanische Rennkalender tatsächlich noch ein zusätzliches Meisterschaftsfinale benötigt, wenn der internationale Konkurrent möglicherweise dauerhaft verschwindet.

Die Fahrer hätten gegen drei zusätzliche Wochen Offseason vermutlich wenig einzuwenden.

Und was macht eigentlich die FIM?

Die Frage nach der Verantwortung darf nicht ausschließlich beim Veranstalter enden. Die World Supercross Championship trägt den offiziellen Status einer FIM-Weltmeisterschaft. Damit ist ein Anspruch verbunden, der über die sportliche Qualität der einzelnen Rennen hinausgeht.

Eine Weltmeisterschaft sollte ihren Teilnehmern ein Mindestmaß an organisatorischer und wirtschaftlicher Sicherheit bieten.

Natürlich kann auch eine große Rennserie in finanzielle Schwierigkeiten geraten. Das lässt sich nicht grundsätzlich ausschließen. Wenn eine Meisterschaft allerdings nach nur einem einzigen Rennen ihre komplette Saison abbrechen muss, sollte auch der Weltverband prüfen, wie es dazu kommen konnte.

Welche wirtschaftlichen Voraussetzungen wurden vor der Vergabe beziehungsweise Fortführung des WM-Status geprüft? Welche Sicherheiten bestehen für Fahrer, Teams und Veranstalter? Und welche Konsequenzen ergeben sich, wenn der ausgeschriebene Kalender nicht eingehalten werden kann?

Gerade vor dem Hintergrund der Berichte über mögliche ausstehende Zahlungen sind das Fragen, die über das Schicksal der WSX hinausgehen.

Denn ein WM-Prädikat ist für Sponsoren, Hersteller und Teilnehmer ein wichtiges Argument, sich finanziell zu engagieren.

Wenn die dazugehörige Meisterschaft nicht stattfindet, verliert dieses Argument an Gewicht.

Wie viel Vertrauen ist noch übrig?

Das eigentliche Problem für World Supercross dürfte inzwischen weit über die Suche nach frischem Kapital hinausgehen. Selbst wenn sich kurzfristig ein neuer Investor findet, beginnt die Arbeit nicht einfach dort, wo sie nach dem kanadischen Grand Prix aufgehört hat.

Ein neuer Eigentümer müsste Veranstalter überzeugen, Teams verpflichten, Fahrer gewinnen und Sponsoren dazu bewegen, erneut Geld in die Meisterschaft zu investieren.

Vor allem aber müsste er erklären können, weshalb ein neuer Anlauf diesmal funktionieren soll.

Die bisherigen Entwicklungen haben schließlich gezeigt, dass ein attraktiver Kalender und prominente Namen allein keine wirtschaftlich tragfähige Weltmeisterschaft garantieren.

Hinzu kommt die Frage, wie mit möglichen offenen Verpflichtungen aus der abgebrochenen Saison umgegangen wird. Ohne eine Klärung dürfte es schwerfallen, verlorenes Vertrauen zurückzugewinnen.

Die Verantwortlichen geben sich in ihrer Pressemitteilung weiterhin optimistisch. Sie glauben an das internationale Potenzial der WSX und hoffen auf eine erfolgreiche Lösung der Investorengespräche.

Doch zwischen der Hoffnung auf eine Zukunft und einer tatsächlich gesicherten Zukunft liegt ein erheblicher Unterschied.

Für 2026 ist die World Supercross Championship Geschichte. Ein einziges Rennen in Calgary bleibt von einer Saison übrig, die eigentlich den internationalen Supercross weiter voranbringen sollte.

Ob 2027 ein neuer Versuch folgt, ist offen.

Sollte die WSX noch einmal zurückkehren, wird sie vor allem eines liefern müssen: Beweise dafür, dass ihre Versprechen diesmal auch eingehalten werden können.