Wer hat vor dem Finale die besseren Karten – Jett oder Hunter Lawrence?
In Washougal standen Jett und Hunter Lawrence noch gemeinsam auf dem Podium. / Foto: Align Media
Eine Runde vor Schluss läuft die 450er-Pro-Motocross-Meisterschaft genau auf das Duell hinaus, das Honda vermutlich gerne und trotzdem nur bedingt gerne hat: Jett gegen Hunter Lawrence. Nach Budds Creek trägt wieder Hunter das Red Plate, doch sein Bruder braucht beim Finale keinen Taschenrechner. Wer den anderen schlägt, hat sehr gute Argumente auf seiner Seite.
Interessant sind allerdings nicht nur die Punkte. Jett machte sich seinen Samstag selbst schwer, Hunter reagierte auf seinen bitteren Ausfall von Unadilla mit einem Sieg, Jorge Prado mischt inzwischen regelmäßig vorne mit und Haiden Deegan scheint bei seiner YZ450F etwas gefunden zu haben, wonach Star Racing zuletzt intensiv gesucht hatte.
Jett Lawrence: Ein kleiner Fehler mit großen Folgen
Jett Lawrence wusste nach dem Rennen ziemlich genau, wo sein Problem begonnen hatte. Sein Jump beim Start war gut, auch der Drive passte. Nur die Richtung nicht.
Der Startbereich in Budds Creek verläuft leicht schräg, weshalb die Fahrer nach dem Gate nach rechts arbeiten mussten. Jett zog nach links und landete auf der Böschung. „Ich würde kein anderes Gate wählen. Mir hat mein Gate gefallen. Ich muss mich einfach nach rechts lehnen. Wenn ich das gemacht hätte, wäre ich ziemlich zuversichtlich gewesen, dass ich den Holeshot hole.“
Auf der Böschung entschied er sich gegen irgendwelche Experimente. Sobald seine Honda das Gras erreichte, nahm er das Gas heraus. Eine mögliche Strafe oder weitere verlorene Punkte wollte Lawrence in dieser Phase der Meisterschaft nicht provozieren.
Auch danach sah man keinen Jett, der mit Gewalt durch das Feld pflügte. Das hatte einen Grund. Die Strecke war stellenweise noch rutschig, die Linien der Fahrer waren entsprechend schwer einzuschätzen und Lawrence wollte aus einem schlechten Start keinen noch schlechteren Nachmittag machen.
„Ich weiß, dass ich den Speed habe, wieder nach vorne zu kommen“, erklärte er. Deshalb wartete er nach seinem Sturz in der ersten Runde, bis sich das Feld etwas sortiert hatte, und begann erst dann, seine Positionen zurückzuholen.
Das klingt fast ungewöhnlich für einen Fahrer, der Rennen häufig über seinen Speed kontrolliert. In einem Titelkampf gegen den eigenen Bruder ist diese Zurückhaltung allerdings nachvollziehbar. Ein paar verlorene Positionen lassen sich aufholen, ein weiterer Sturz möglicherweise nicht.
Wieder Jett gegen Hunter – aber diesmal über zwei Motos
Die Situation kennt Jett inzwischen. Zum dritten Mal in drei Jahren geht es beim letzten Rennen einer Meisterschaft direkt gegen Hunter. Der entscheidende Unterschied zum SMX oder Supercross: Beim Pro Motocross stehen zwei lange Motos zur Verfügung.
„Wir müssen rausgehen, versuchen uns gegenseitig zu schlagen und jeder versucht zu gewinnen“, beschreibt Jett die Aufgabe ziemlich schnörkellos. Einen Vorteil für einen der beiden sieht er nicht.
Wer nun eine große Kampfansage erwartet, bekommt sie ebenfalls nicht. Auf die Frage, wer Champion werde, antwortete er: „Das ist das Schöne am Racing: Ich weiß es nicht, du weißt es nicht. Wir müssen bis nächstes Wochenende warten.“
Natürlich würde er gerne selbst die Nummer eins sein. Aber Jett weiß auch, dass sich die Sache kaum komplizierter rechnen lässt, als sie sportlich tatsächlich ist: Beide fahren vorne, beide kennen sich bestens und beide wissen ziemlich genau, was der andere kann.
Hat Deegan bei seiner Yamaha endlich den richtigen Weg gefunden?
Bei Haiden Deegan lohnt sich der Blick etwas weiter zurück. Nach Unadilla wurde viel über seine YZ450F diskutiert, nachdem Chad Reed das Setup öffentlich kritisiert hatte. Star Racing reagierte mit umfangreichen Testfahrten – und in Budds Creek sprach Deegan selbst davon, dass sein Motorrad nun deutlich besser funktioniere.
Noch interessanter war allerdings seine körperliche Verfassung. Wer Deegan während seiner ersten 450er-Saison verfolgt hat, konnte mehrfach sehen, wie viel Arbeit ihm dieses Motorrad über ein komplettes Moto abverlangt. Im ersten Lauf von Budds Creek hielt er dagegen über die gesamte Distanz das Tempo von Hunter Lawrence und fühlte sich nach eigener Aussage auch am Ende noch stark.
„Das sind die kleinen Fortschritte, die ich brauche. Das war der große Gewinn in dieser Woche.“
Das passt ziemlich gut zu der Diskussion der vergangenen Wochen. Ein 450er-Motorrad kann schnell sein und seinem Fahrer trotzdem unnötig viel Kraft kosten. Gerade bei Deegans aggressivem Fahrstil geht es deshalb nicht nur darum, mehr Speed aus der Yamaha zu holen, sondern ihm ein Bike hinzustellen, mit dem er diesen Speed 30 Minuten plus zwei Runden nutzen kann.
Deegan holt sich Erfahrung von außen
Interessant ist auch, wie offen Deegan inzwischen über die Abstimmung spricht. Star Racing arbeitete nicht nur am Fahrwerk, sondern auch an der Motorcharakteristik. Haiden wollte dafür bewusst eine zweite Meinung von jemandem, der viele unterschiedliche 450er gefahren ist.
„Ich brauchte ehrlich gesagt Wissen von außen. Es hat sehr geholfen, jemanden zu haben, der Erfahrung auf einer 450er besitzt und mir auch bei der Leistung helfen kann. Das Motorrad ist schnell, und man kann bei der Leistung auch zu weit gehen.“
Da steckt mehr drin als die Aussage, dass ein paar Klicks am Fahrwerk verändert wurden. Deegan räumt selbst ein, dass seine Rückmeldungen als 450er-Rookie nicht immer die richtigen sein müssen. Genau deshalb wollte er eine erfahrene Referenz.
Ganz erledigt ist die Suche trotzdem nicht. Am Fahrwerk möchte er weiterarbeiten und im zweiten Moto geriet er in einen Rhythmus, aus dem er nach eigener Aussage nicht mehr herauskam. Seine Yamaha wurde im Roost heiß, während er den Anschluss nach vorne verlor.
Budds Creek liefert deshalb noch keine Antwort darauf, ob Star Racing das perfekte Setup gefunden hat. Der erste Lauf war aber zumindest ein Hinweis darauf, dass die Testarbeit der vergangenen Woche in die richtige Richtung ging.
Prado ist näher dran – warum erst jetzt?
Auch Jorge Prado liefert kurz vor Saisonende Stoff für eine interessante Frage: Warum sieht der Spanier inzwischen wesentlich mehr nach dem Fahrer aus, den man aus der MXGP kennt?
In Budds Creek funktionierte es zunächst nicht. Prado probierte im ersten Moto eine Abstimmung, mit der er sich nicht wohlfühlte. Das Team ging anschließend zurück, und schon im zweiten Lauf änderte sich das Bild.
Der KTM-Pilot startete vorne, fuhr nach eigener Aussage die schnellste Runde und hielt lange den Kontakt zu Hunter Lawrence. Erst im Überrundungsverkehr verlor er entscheidende Sekunden. Jett kam näher und schnappte ihm die Position in der letzten Runde weg.
Prado selbst verbindet seinen Aufwärtstrend mit Änderungen aus der Sommerpause. Seit Unadilla fährt er mit einer anderen Abstimmung und sagt inzwischen offen: „Ich fühle mich deutlich besser als während des restlichen Saisonverlaufs.“
Fast ein wenig ärgerlich aus seiner Sicht ist der Zeitpunkt. „Wir haben nur noch einen Lauf, was schade ist. Ich möchte diesen Overall-Sieg unbedingt holen. Hoffentlich schaffen wir es in sieben Tagen.“
Warum Prados Starts in den USA anders funktionieren
Ein Detail erklärt möglicherweise auch, warum man von Prado in Amerika nicht dieselbe Startdominanz sieht, die ihn über Jahre in der MXGP ausgezeichnet hat.
Nach seiner Einschätzung lässt sich die europäische Starttechnik nicht eins zu eins übertragen. In der MXGP folgt hinter dem Gate meist ein relativ ebener Bereich. Wer dort den Jump trifft und sauber beschleunigt, hat einen großen Teil der Arbeit erledigt.
In den USA spielen die Spurrillen hinter dem Gate eine größere Rolle. Das Motorrad muss sauber in der gewählten Rut bleiben, und schon eine kleine Bewegung kann Drive kosten. Genau daran arbeitet Prado mit KTM.
Im zweiten Lauf war er dicht dran. „Ich hatte eigentlich den Holeshot, bin in der ersten Kurve nur zu weit nach außen gefahren. Das war mein Fehler.“ Sein Ziel ist deshalb klar: Die Starts müssen konstant genug werden, damit er nicht erst während des Motos zu den Lawrence-Brüdern aufschließen muss.
Und deren Titelkampf? Interessiert Prado nur so weit, wie er selbst darin auftauchen kann.
„Ich versuche derjenige zu sein, der das Rennen gewinnt. Was sie mit ihrer Meisterschaft machen, ist ihre Sache.“
Hat Hunter den Rückschlag von Unadilla sogar gebraucht?
Hunter Lawrence dürfte nach Unadilla ein paar ziemlich unangenehme Tage hinter sich gehabt haben. Sein Ausfall kostete ihn das Red Plate, während Jett plötzlich wieder die Kontrolle über die Meisterschaft hatte.
Wer Hunter kennt, erlebt ihn nach außen meist ziemlich ruhig. Ganz so locker war die Sache intern offenbar nicht.
„Du liegst nachts wach, denkst darüber nach und beschäftigst dich damit. Aber es facht das Feuer an. Ich mag ein bisschen zusätzliche Motivation. Vielleicht war das genau das, was ich gebraucht habe.“
Budds Creek spricht zumindest nicht gegen diese Einschätzung. Hunter gewann den Overall und holte sich die Tabellenführung zurück. Noch wichtiger könnte sein, wie er es tat: Er konzentrierte sich auf seine Starts und sein eigenes Rennen, statt permanent auszurechnen, wo Jett gerade unterwegs war.
Selbst nach dem ersten Moto wollte er nichts von Punktespielchen wissen. Seine Begründung ist nachvollziehbar. Ein 1-1 in Budds Creek hätte ihm die Arbeit beim Finale ohnehin nicht abgenommen. Gegen Jett muss er auch dort liefern.
Wer hat nun wirklich den Vorteil?
Hunter trägt das Red Plate nach Ironman, Jett kennt Titelentscheidungen wie kaum ein anderer Fahrer seiner Generation. Beide haben denselben Coach, trainieren miteinander und dürften kaum eine Schwäche des jeweils anderen übersehen haben.
Hunter sieht einen Unterschied zum Supercross-Finale. Dort gibt es einen Start und ein Main Event. Im Motocross bleiben zwei Motos, weshalb er in einer schwierigen Situation möglicherweise etwas länger warten kann, statt sofort alles zu riskieren.
Auf die Frage nach seinem Favoriten braucht er trotzdem nicht lange.
„Ich sage: mich. Jett ist der populäre Star, wie er es auch sein sollte. Er ist einer der erfolgreichsten Fahrer unseres Sports. Aber ich fühle mich gut. Wenn ich meine Starts so umsetzen kann wie heute, kann alles passieren.“
Und dann gibt es noch Deegan und Prado. Beide haben mit dem Titel nichts mehr zu tun, beide wollen aber das letzte Rennen gewinnen. Genau das könnte die Rechnung der Lawrence-Brüder komplizierter machen, denn beim Finale fahren sie eben nicht allein gegeneinander.
