Ducati und Vosters verlängern bis 2029 – und sprechen offen über die Baustellen
Louis Vosters und Paolo Ciabatti gaben nun die Zusammenarbeit bis einschließlich der Saison 2029 bekannt
Ducati setzt langfristig auf die Zusammenarbeit mit Louis Vosters und seinem MXGP-Team. Paolo Ciabatti, General Manager Ducati Corse Off-Road, und Vosters bestätigten am Freitag beim Grand Prix in Arnhem die Vertragsverlängerung bis Ende 2029. Interessanter als die Laufzeit waren allerdings einige Aussagen darüber, wie eng Werk und Rennteam inzwischen zusammenarbeiten – und warum Ducati trotz der bislang überschaubaren Ergebnisse keinen Grund sieht, den eingeschlagenen Weg infrage zu stellen.
Dass beide Seiten den Vertrag gleich um mehrere Jahre verlängern, kommt nicht zufällig. Vosters beschrieb die Zusammenarbeit weniger als klassisches Verhältnis zwischen Werk und Kundenteam. Entscheidungen über Entwicklung, Tests und Probleme der Desmo450 MX werden gemeinsam getroffen, wobei das Team nach seinen Angaben direkten Zugang zu den Ducati-Ingenieuren und deren technischen Möglichkeiten hat.
Genau dort wird es interessant. Ducati bringt aus MotoGP und Superbike Möglichkeiten bei Datenanalyse, Simulation und Entwicklung mit, die im Motocross nicht selbstverständlich sind. Vosters weiß allerdings auch, dass sich ein MXGP-Motorrad nicht allein am Computer entwickeln lässt.
„Motocross ist sehr spezifisch und das Feedback der Fahrer ist extrem wichtig“, erklärte der Niederländer. Daten und Simulationen liefern also die eine Hälfte, die Arbeit auf der Strecke die andere. Zwischen seinem Team und den Ingenieuren findet deshalb ein intensiver Austausch über Messwerte, Testresultate und die Rückmeldungen der Fahrer statt.
Ducati arbeitet schneller, als das Team testen kann
Wie hoch das Entwicklungstempo inzwischen ist, beschrieb Vosters mit einer Aussage, die einen interessanten Blick hinter die Kulissen erlaubt. Die Ingenieure würden so viele Lösungen erarbeiten, dass das MXGP-Team zeitweise kaum hinterherkomme, sämtliche Teile auf der Strecke zu testen.
Vosters hält deshalb wenig von der Einschätzung, die aktuelle Desmo450 MX sei grundsätzlich nicht konkurrenzfähig. Die Basis sei besser, als sie teilweise dargestellt werde. Mit einigen weiteren Änderungen erwartet er für 2027 einen deutlichen Schritt.
Ciabatti sieht trotzdem genügend Arbeit. Seit dem ersten Renneinsatz hat sich das Motorrad bereits erheblich verändert. Als Tony Cairoli 2024 in Arnhem damit antrat, handelte es sich noch um einen vollständigen Prototypen. 2025 fuhr Ducati mit einer Vorserienversion, bevor im Juni desselben Jahres die Produktion anlief.
Seitdem arbeitete Ducati laut Ciabatti an Motor, Chassis und Fahrwerk. Einige Ideen für die Motorentwicklung kamen sogar aus dem amerikanischen Programm. Erkenntnisse aus MXGP und den USA fließen inzwischen in beide Richtungen, statt die Projekte technisch voneinander zu trennen.
Eine komplett neue Generation der Desmo450 MX erwartet Ciabatti vor 2029 nicht. Ducati sieht im aktuellen Konzept noch genügend Entwicklungspotenzial und plant eher einzelne Modellupdates, während die Rennabteilung die vorhandene Plattform weiter ausreizt.
Ciabatti: „Wir sind nicht vollständig zufrieden“
Die Vertragsverlängerung bedeutet deshalb keineswegs, dass Ducati mit dem aktuellen sportlichen Stand zufrieden ist. Ciabatti formulierte das ziemlich klar. Das US-Programm liefere inzwischen ordentliche Ergebnisse, in der MXGP hätten Verletzungen und Stürze die Saison erschwert, doch unabhängig davon müsse das Motorrad weiter verbessert werden.
Genau diese Haltung nennt Vosters als einen der Gründe, warum er bis 2029 weitermachen möchte. Wenn das Team einen Schwachpunkt findet, werde dieser nicht schöngeredet. Werk und Mannschaft besprechen, was funktioniert, was nicht funktioniert und welche Lösung anschließend getestet werden soll.
Das klingt zunächst selbstverständlich. In einem Werksteam ist es das aber nicht unbedingt. Gerade wenn Ergebnisse hinter den Erwartungen bleiben, können die Interessen einer Rennmannschaft und die eines Herstellers schnell auseinanderlaufen. Vosters beschreibt bei Ducati offenbar eine andere Arbeitsweise: Probleme dürfen klar benannt werden, ohne dass sofort die Schuldfrage im Raum steht.
Febvre soll Ducati den nächsten Schritt ermöglichen
Mit Romain Febvre bekommt diese Entwicklungsarbeit 2027 einen Fahrer, der wenig Interesse daran haben dürfte, Schwächen eines Motorrads diplomatisch zu umschreiben. Ciabatti bezeichnete den Franzosen selbst als anspruchsvoll – und sieht genau darin einen Vorteil.
Febvre habe aufgrund seiner langen MXGP-Karriere klare Vorstellungen davon, was er von einem Motorrad verlangt. Seine Erfahrung soll deshalb nicht nur Ergebnisse bringen, sondern auch die Entwicklung beschleunigen. Nach Aussage von Ciabatti hat der amtierende Weltmeister bereits eine ganze Reihe von Wünschen geäußert.
Vosters kennt Febvre sogar aus dessen früher Karriere. Er erinnerte daran, wie er den Franzosen bereits als jungen Fahrer unterstützte und dessen Entwicklung über die folgenden Jahre verfolgte. Nun bekommt er ihn als zweifachen MXGP-Weltmeister ins eigene Team.
Die Zielsetzung ist entsprechend klar. Ducati will 2027 regelmäßig um Podiumsplätze und Siege kämpfen und mittelfristig auch um die Weltmeisterschaft. Andrea Bonacorsi bleibt Teil des Projekts und soll von der Zusammenarbeit mit dem wesentlich erfahreneren Franzosen profitieren.
Febvre selbst scheint dabei nicht gekommen zu sein, um lediglich der erste prominente Name auf der Ducati zu werden. Ciabatti erinnerte an dessen Aussage, er wolle der erste Fahrer sein, der mit diesem Motorrad gewinnt. Der Italiener habe in diesem Moment vor allem Febvres Blick wahrgenommen und daran erkannt, wie ernst der Franzose dieses Ziel nehme.
Zwei statt drei MXGP-Fahrer
Eine weitere Entscheidung passt zur aktuellen Entwicklungsphase. Ducati wird 2027 nur zwei Fahrer im MXGP-Werksteam einsetzen. Vosters trat in der Vergangenheit häufig mit drei Piloten an, doch Ciabatti hält eine kleinere Mannschaft momentan für sinnvoller.
Der Grund liegt weniger bei den Fahrern als in der Teileversorgung. Neue Komponenten und Prototypenteile stehen teilweise nur in begrenzter Stückzahl zur Verfügung. Zwei Motorräder lassen sich deshalb schneller mit einer neuen Lösung ausstatten als drei, während sich die Mannschaft stärker auf Entwicklung und Tests konzentrieren kann.
Auch Febvres Einstieg soll möglichst früh beginnen. Sein aktueller Vertrag endet mit Abschluss der Rennsaison, sodass Ducati nach Ciabattis Angaben unmittelbar danach testen kann. Verpflichtungen gegenüber persönlichen Sponsoren lassen sich über neutrales Motorrad, neutrale Bekleidung und entsprechende Ausrüstung lösen.
Cairoli bleibt Teil der Entwicklung
Tony Cairoli spielt ebenfalls weiter eine Rolle. Der neunmalige Weltmeister testete zuletzt verschiedene Lösungen und arbeitete vor den US-Rennen mit dem amerikanischen Ducati-Team. Seine Rückmeldungen wandern anschließend zurück zu den europäischen Ingenieuren und in das MXGP-Projekt.
Weitere MXGP-Einsätze des Italieners erwartet Ciabatti momentan eher nicht. Sollte Cairoli selbst noch einmal fahren wollen und sich dafür bereit fühlen, würde Ducati ihm diese Möglichkeit jedoch geben. Rennen in den USA scheinen für den 40-Jährigen derzeit wahrscheinlicher zu sein.
Die Vereinbarung bis Ende 2029 gibt Vosters und Ducati nun vor allem etwas, das bei einem jungen Motorradprojekt wichtig ist: Zeit. 2024 stand in Arnhem noch ein Prototyp am Start, 2027 soll Febvre mit der weiterentwickelten Desmo450 MX Rennen gewinnen. Eine komplett neue Generation ist vor 2029 nicht vorgesehen – die nächsten Schritte müssen also mit dem Motorrad gelingen, das Ducati bereits hat.
