Zwei Sekunden schneller: Lucas Coenen zieht das Feld auseinander
Lucas Coenen dominiert nach vier Rennen die MXGP Klasse der Saison 2026. / Foto: Ralph Marzahn
Acht Rennen sind gefahren, und langsam lässt sich nicht mehr von einem Lauf sprechen, der „einfach gut lief“. Lucas Coenen hat sich in dieser MXGP-Saison an einen Punkt gefahren, an dem sich das Kräfteverhältnis sichtbar verschiebt – nicht nur an einzelnen Wochenenden, sondern über mehrere Grands Prix hinweg.
Riola Sardo hat das nicht neu erfunden, aber es hat es nochmal offengelegt.
Geschwindigkeit, die nicht mehr ins Raster passt
Sandstrecken wie Riola funktionieren anders als viele klassische GP-Layouts. Linien verändern sich ständig, Rhythmus wird entscheidend, und Fehler kosten nicht nur Zeit, sondern auch Energie. Genau deshalb können sich hier entweder enge Rennen entwickeln – oder eben deutliche Abstände entstehen, wenn ein Fahrer den Rhythmus besser trifft als der Rest.
Coenen war phasenweise bis zu zwei Sekunden pro Runde schneller als seine Verfolger. Und das ist nicht einfach „schnell“. Das ist in der MXGP ein Abstand, der Rennen strukturiert. Einer, der dafür sorgt, dass sich ein Fahrer aus dem Feld löst, während dahinter eigentlich Weltklasse unterwegs ist.
Das Bild ist dabei immer ähnlich: Während andere noch damit beschäftigt sind, die Strecke zu lesen oder Fehler zu minimieren, fährt Coenen sein Rennen. Sauber, flüssig, ohne sichtbare Übertreibung.
Genau das macht es so schwer zu greifen.
Dominanz ist kein Zufall mehr
Was Riola besonders macht, ist nicht der Abstand, sondern die Wiederholung. Bereits beim MXGP von Spanien hat Coenen das Feld kontrolliert und beide Läufe dominiert. Entscheidend war dabei weniger der Sieg als die Art und Weise.
Er führt früh, kontrolliert das Tempo und baut den Vorsprung auf, ohne dass es hektisch wirkt.
Dieses Muster zieht sich durch die bisherigen Rennen. In Spanien übernimmt er die Gesamtführung, holt die Red Plate und spricht selbst davon, dass „alles zusammengepasst hat“. Genau diese Kombination aus Vertrauen und Umsetzung macht aktuell den Unterschied.
Riola ist also nicht der Ausreißer, sondern die Bestätigung.
Kontrolle statt Limit
Was auffällt: Coenen fährt nicht wie jemand, der permanent am Limit kratzt. Es wirkt eher so, als würde er sich innerhalb seines Fensters bewegen – nur dass dieses Fenster aktuell größer ist als bei allen anderen.
Selbst wenn ein Rennen kurz kippt – ein Fehler, ein Sturz, ein verlorener Rhythmus – bleibt er stabil. Er verliert Zeit, aber nicht die Struktur. Am Ende reicht es trotzdem.
Viele Fahrer können schnell sein. Wenige können dieses Niveau halten, wenn nicht alles perfekt läuft.
Sand, Hartboden – es spielt keine Rolle mehr
Was seine aktuelle Phase zusätzlich einordnet: Diese Geschwindigkeit ist nicht an Bedingungen gebunden. Coenen hat in dieser Saison bereits auf Sand und auf Hartboden gewonnen. In der Schweiz – eher hart – dominiert er einen Lauf, trotz Problemen zuvor. In Riola – tiefer Sand – kontrolliert er das Wochenende.
Das nimmt der Strecke ihre Bedeutung als Variable.
Und genau das macht es für die Konkurrenz kompliziert. Es gibt aktuell keinen klaren Hebel, an dem man ansetzen kann. Kein Terrain, auf dem er sichtbar einbricht.
Mit Blick auf den kommenden Grand Prix in MXGP of Trentino entsteht daraus fast zwangsläufig eine Erwartungshaltung. Pietramurata ist anders, technischer, mehr Hartboden. Aber genau diese Unterschiede haben ihn bisher nicht gebremst, sondern eher bestätigt.
Die Einordnung aus dem Feld
Am deutlichsten wird seine aktuelle Form nicht in den Zeiten, sondern in der Art, wie die Konkurrenz darüber spricht. Jeffrey Herlings beschreibt sich selbst als „Best of the rest“ – und setzt Coenen bewusst darüber.
Noch deutlicher wird es mit seinem Vergleich: Selbst Jett Lawrence hätte unter den Bedingungen in Riola vermutlich Probleme gehabt, dieses Tempo mitzugehen.
Das ist keine flapsige Aussage. Lawrence gilt als Referenz im globalen Motocross. Wenn sein Name in diesem Zusammenhang fällt, dann nicht zufällig.
Es ist eine Einordnung – und gleichzeitig eine klare Abgrenzung.
Der Kontext, der alles verändert
Was diese Phase zusätzlich einordnet, ist nicht nur die Art, wie Coenen fährt – sondern gegen wen er das gerade macht. Romain Febvre ist 34 Jahre alt und zweifacher Weltmeister. Jeffrey Herlings bringt fünf Titel mit, genauso wie Tim Gajser. Das sind Fahrer, die dieses Niveau über Jahre geprägt haben.
Und genau gegen dieses Feld fährt ein 19-Jähriger aktuell Rennen – und bestimmt das Tempo. Ohne WM-Titel, ohne jahrelange MXGP-Erfahrung, aber mit einer Selbstverständlichkeit, die nicht zu seinem Alter passt.
Das ist der eigentliche Bruch in diesem Moment.
Acht Rennen, ein klares Muster
Was sich nach acht Rennen zeigt, ist kein Peak, sondern ein Muster. Coenen fährt vorne, kontrolliert Rennen und macht weniger entscheidende Fehler als der Rest. Selbst wenn nicht alles perfekt läuft, bleibt er in der Lage, Rennen zu gewinnen oder zumindest zu dominieren.
Diese Art von Konstanz entscheidet Meisterschaften. Und sie erklärt auch den aktuellen Abstand.
Denn während viele Fahrer davon sprechen, näher zu kommen, zeigt sich auf der Strecke ein anderes Bild. Die Lücke ist nicht weg. Sie verschiebt sich nur.
Der Maßstab hat sich verschoben
Für den Rest des Feldes bedeutet das: Die Ausgangslage hat sich verändert. Es geht nicht mehr nur darum, eigene Rennen sauber durchzubringen. Es geht darum, überhaupt in die Nähe dieses Tempos zu kommen.
Zwei Sekunden pro Runde sind auf diesem Niveau kein Detail. Sie sind eine andere Kategorie.
Mehr als nur eine starke Phase
Coenen ist aktuell nicht einfach der Schnellste Fahrer im Feld. Er ist der Maßstab. Und genau das macht die Situation vor den nächsten Rennen so spannend. Denn solange dieses Niveau stabil bleibt, wird sich die MXGP weniger über direkte Duelle entscheiden – sondern über die Frage, wer überhaupt in Schlagdistanz kommt.
Riola hat darauf eine ziemlich klare Antwort gegeben. Und vieles deutet darauf hin, dass sich dieses Bild so schnell nicht ändern wird.
