Was passiert, wenn die Coenen-Brüder den WM-Titel verpassen?

Sacha Coenen (links) und sein Bruder Lucas in der Videoanalyse vor dem Start

Sacha Coenen (links) und sein Bruder Lucas in der Videoanalyse vor dem Start

Eigentlich schien alles längst entschieden. Lucas Coenen und sein Zwillingsbruder Sacha gelten als heiße Kandidaten für einen Wechsel in die USA. Dort sollen sie ab 2027 die nächsten Schritte ihrer Karriere gehen und KTM sowohl im AMA Supercross als auch in der Pro Motocross Championship verstärken.

Noch ist dieser Schritt zwar nicht offiziell bestätigt, doch im Fahrerlager zweifelt kaum noch jemand daran, dass die Brüder künftig auf der anderen Seite des Atlantiks an den Start gehen werden.

Die Entwicklungen der vergangenen Wochen werfen allerdings eine Frage auf, über die man diskutieren kann: Ist der Zeitpunkt für einen Wechsel wirklich der richtige?

Zwei Titelkämpfe haben sich komplett verändert

Vor wenigen Wochen sprach vieles dafür, dass KTM mit gleich zwei frischgebackenen Weltmeistern in die USA wechseln würde.

Lucas Coenen dominierte große Teile der MXGP-Saison und hatte sich einen komfortablen Vorsprung in der Weltmeisterschaft aufgebaut. Nach seinem verletzungsbedingten Ausfall in Loket ist davon nichts mehr übrig. Jeffrey Herlings hat den Rückstand vollständig aufgeholt und führt plötzlich die Tabelle mit 49 Zählern Vorsprung an.

Auch in der MX2 ist längst nichts entschieden. Sacha Coenen gehört trotz dem Verlust des Red-Plate weiterhin zu den Titelanwärtern, doch jeder Grand Prix zeigt, wie eng die Leistungsdichte inzwischen geworden ist. Ein kleiner Fehler oder ein technisches Problem können den Verlauf einer gesamten Meisterschaft verändern.

Genau dadurch erhält die Diskussion um den geplanten USA-Wechsel eine neue Dynamik.

Würde KTM zwei Titelchancen einfach aufgeben?

Aus sportlicher Sicht stellt sich eine durchaus berechtigte Frage. Warum sollte KTM zwei Fahrer ziehen lassen, die möglicherweise schon wenige Monate später erneut zu den größten Titelkandidaten in MXGP und MX2 gehören würden?

Vor allem Lucas Coenen hat gezeigt, dass er bereits jetzt das Tempo besitzt, um regelmäßig Grand Prix zu gewinnen. Selbst wenn er die Weltmeisterschaft 2026 am Ende knapp verpassen sollte, würde ihn das kaum schwächer machen. Im Gegenteil: Ein verlorener Titel könnte sogar zusätzliche Motivation für eine weitere Saison in Europa liefern.

Auch Sacha Coenen befindet sich noch mitten in seiner Entwicklung. Seine Geschwindigkeit steht außer Frage. Konstanz und Rennintelligenz entwickeln sich häufig erst mit zunehmender Erfahrung. Ein weiteres Jahr in der MX2 könnte genau der letzte Schritt sein, bevor auch er den ganz großen Wurf landet.

Der Blick auf den gesamten KTM-Kader

Die Überlegung betrifft jedoch nicht nur die beiden Belgier.

Sollten Lucas und Sacha tatsächlich gleichzeitig in die USA wechseln, verliert KTM auf einen Schlag zwei der größten europäischen Talente. Gerade Lucas zählt schon heute zu den Fahrern, die das Potenzial besitzen, über Jahre hinweg das Gesicht der MXGP zu prägen.

Natürlich verfügt KTM weiterhin über einen starken Nachwuchs und mit dem möglichen Wechsel von Maxime Renaux zu DeCarli, dem italienischen Ableger des KTM Werksteam einen Spitzenpiloten. Trotzdem entsteht eine Lücke, die sich nicht von heute auf morgen schließen lässt.

Auf der anderen Seite ist das US-Werksteam mit Fahrern wie Eli Tomac oder Julien Beaumer außergewöhnlich stark besetzt. Ob dort tatsächlich beide Brüder sofort benötigt werden, ist zumindest eine berechtigte Frage.

Verträge sprechen meist eine andere Sprache

So nachvollziehbar diese Überlegungen auch sind – die Realität im Profisport sieht meist anders aus.

Ein Wechsel in die USA wird nicht wenige Wochen vor Saisonende beschlossen. Solche Programme entstehen oft ein oder sogar zwei Jahre im Voraus. Teams planen ihre Fahrerbesetzungen langfristig, Sponsoren richten ihre Kampagnen danach aus und Hersteller stimmen Entwicklung, Tests sowie Marketing auf diese Entscheidungen ab.

Sollte es bereits unterschriebene Verträge geben, dürfte der Ausgang der aktuellen Weltmeisterschaft daran kaum noch etwas ändern.

Europa oder Amerika – beides hat seinen Reiz

Für die Brüder selbst ist die Situation ebenfalls nicht eindeutig.

Ein weiteres Jahr in Europa würde ihnen die Chance geben, einen möglicherweise verpassten WM-Titel nachzuholen. Gleichzeitig ist der Wechsel in die USA für viele europäische Fahrer der nächste große Karriereschritt. Supercross genießt weltweit enorme Aufmerksamkeit, die AMA Pro Motocross Championship zählt zu den prestigeträchtigsten Serien des Sports und viele Hersteller sehen den amerikanischen Markt als strategisch besonders wichtig an.

Es gibt also gute Argumente für beide Wege.

Die kommenden Wochen könnten die Diskussion weiter anheizen

Noch führen all diese Überlegungen nicht über den Status einer Diskussion hinaus. Es gibt keine Hinweise darauf, dass KTM seine Planungen tatsächlich überdenkt oder bereits getroffene Entscheidungen infrage stellt.

Dennoch könnte der Saisonendspurt den Blick auf den geplanten Wechsel verändern. Sollte Lucas Coenen den MXGP-Titel tatsächlich verlieren oder Sacha in der MX2 knapp scheitern, dürfte die Frage lauter werden, ob KTM zwei Fahrer mit offenem Weltmeisterschaftsauftrag wirklich sofort in die USA schicken sollte.

Sportlich wäre ein weiteres Jahr in Europa durchaus nachvollziehbar. Ob dieser Gedanke jemals eine realistische Option war oder lediglich ein interessantes Gedankenspiel bleibt, werden vermutlich erst die kommenden Monate zeigen.