Test: Kawasaki KX450F 2027 – gute Balance, mehr Möglichkeiten

Sebastian Busty Wolter beim Test der neuen Kawasaki KX450F MJ 2027

Sebastian Busty Wolter beim Test der neuen Kawasaki KX450F MJ 2027. / Foto: Kawasaki

Auf Rocco’s Ranch bekommt eine 450er wenig geschenkt. Der tief gegrubberte Boden und die großen Sprünge verlangten bei unserem Test nach einem Motorrad, das sich berechenbar bewegen ließ. Genau damit sammelte die Kawasaki KX450F des Modelljahres 2027 bei Sebastian „Busty“ Wolter ihre ersten Pluspunkte.

Kawasaki hat die KX450F für 2027 an mehreren Stellen überarbeitet. Änderungen an Luft-Ansaugtrakt, Einspritzung und der Auspuffanlage sollen das Ansprechverhalten verbessern und für ein kräftigeres Drehmomentgefühl sorgen. Dazu kommen eine überarbeitete Schwinge, Änderungen am Showa-Fahrwerk, ein leichterer Heckrahmen und neues Bodywork.

Auch bei der Elektronik wurde nachgelegt. Die neue RIDEOLOGY THE APP KX2 bietet mehr Möglichkeiten zur Motorabstimmung und zur Anpassung der Fahrhilfen. Smartphone-Anbindung und GPS-Funktionen gehören bereits zur Serienausstattung.

Motor: Gleichmäßige Leistungsentfaltung

Beim 449-cm³-Einzylinder stand für 2027 vor allem eine verbesserte Leistungscharakteristik im Mittelpunkt. Kawasaki überarbeitete dafür die Ansaugführung, die Airbox, den Einlasskanal und die Einspritzung. Auch Krümmer, Schalldämpfer und ECU-Abstimmung wurden verändert.

Der Winkel der Einspritzdüse zum Drosselklappengehäuse beträgt nun 90 statt 40 Grad. Zusammen mit dem schmaleren Einlasskanal soll das für ein direkteres Ansprechen und ein kräftigeres Drehmomentgefühl sorgen. Der neue Luftfilter bietet außerdem 29 Prozent mehr Filterfläche.

Auf der Strecke beschleunigte die Kawasaki im Standardmapping linear und gleichmäßig. Der Motor zog ordentlich durch und ließ sich gut kontrollieren. Eine unangenehm harte oder schwer einzuschätzende Leistungsabgabe fiel Busty nicht auf.

Für seinen persönlichen Fahrstil hätte er sich allerdings etwas mehr Druck aus dem unteren und mittleren Drehzahlbereich gewünscht. Auch beim Überdrehen blieb für ihn noch etwas Luft nach oben. Grundsätzlich passte die Motorcharakteristik, etwas mehr Nachdruck hätte die Kawasaki für ihn aber noch besser gemacht.

Fünf Presets mit spürbaren Unterschieden

Über die neue App stehen fünf vorgegebene Mappings von mild bis aggressiv zur Verfügung. Zusätzlich lassen sich Einspritzmenge und Zündzeitpunkt individuell verändern. Zwei Mapping-Speicher ermöglichen es, unterschiedliche Abstimmungen vorzubereiten und über den Schalter am Lenker auszuwählen.

Busty probierte neben der Standardabstimmung zunächst ein sanfteres Mapping. Die Gasannahme fiel damit tatsächlich weicher aus, wodurch sich die Kawasaki etwas kraftsparender fahren ließ. Diese Einstellung gefiel ihm gut, auch wenn sie seinen Wunsch nach mehr Druck aus dem unteren Drehzahlbereich natürlich nicht erfüllte.

Nach der Mittagspause ließ er deshalb das aggressivste der fünf Presets aufspielen. Individuelle Änderungen an den Kennfeldern wurden während des Tests nicht vorgenommen.

Mit dieser Abstimmung sprach der Motor deutlich direkter an und zog kräftiger durch. Die Kawasaki reagierte energischer auf Gasbefehle und legte beim Beschleunigen spürbar nach. An Sprüngen, an denen Busty das Gas stehen lassen konnte, kam er teilweise weiter als mit den zuvor gefahrenen Einstellungen.

Die Unterschiede zwischen den Mappings waren damit auf der Strecke klar erkennbar. Trotzdem hätte er sich auch mit dem aggressivsten Preset ganz unten noch einen Tick mehr Drehmoment gewünscht.

Ob sich dieser Wunsch mit einer individuellen Abstimmung erfüllen lässt, blieb offen. Die App bietet dafür weitere Möglichkeiten, Busty nutzte beim Test aber ausschließlich die vorgegebenen Kennfelder.

Chassis: Handlich und trotzdem stabil

Bei der Balance gehörte die Kawasaki für Busty von Beginn an zu den unkomplizierten Motorrädern. Sie ließ sich handlich bewegen, blieb dabei aber stabil. Eine größere Eingewöhnung oder eine längere Suche nach der passenden Grundeinstellung war nicht nötig.

Kawasaki hat für 2027 unter anderem den Querschnitt der Schwinge verändert, um deren Steifigkeit anzupassen. Dazu kommt eine längere Kette mit 116 statt 114 Gliedern. Dadurch wandert die Hinterachse fünf Millimeter nach hinten, der Radstand wächst auf 1.485 Millimeter.

Die Änderungen sollen vor allem die Kontrolle und Stabilität beim Herausbeschleunigen verbessern. Gleichzeitig will Kawasaki die Handlichkeit des bisherigen Modells erhalten. Auch die Nickbewegungen beim Einfahren in Kurven sollen geringer ausfallen.

Auf Rocco’s Ranch funktionierte die Kombination aus Handlichkeit und Stabilität gut. Busty konnte die KX450F bewegen, ohne gegen sie arbeiten zu müssen. Gleichzeitig vermittelte sie ihm die nötige Ruhe für sein Tempo und die großen Sprünge.

Der neue Heckrahmen spart laut Kawasaki durch ein anderes hochfestes Material weitere 200 Gramm. Seine veränderte Bauform schafft außerdem mehr Platz für die überarbeitete Ansaugung.

Showa-Fahrwerk mit passender Grundeinstellung

Auch das Showa-Fahrwerk machte es unserem Tester leicht. Bereits in der Standardeinstellung arbeiteten Gabel und Federbein gut zusammen. Die Abstimmung passte für Busty so weit, dass zunächst keine Änderungen nötig waren.

Im Laufe des Tages ging er zwei Klicks straffer. Dadurch blieb die Kawasaki etwas höher im Federweg stehen und hing für seinen Geschmack weniger tief. Im gegrubberten Boden und an den großen Sprüngen funktionierte diese Einstellung für sein Tempo noch etwas besser.

Eine grundlegende Korrektur war das nicht. Die Veränderung verfeinerte ein Setup, mit dem Busty bereits gut zurechtgekommen war.

Vorne arbeitet eine 49-mm-Showa-Gabel mit Schraubenfedern. Für 2027 wurden die Innereien einschließlich der Dämpfungskolben überarbeitet. Die Gabel ist nach Herstellerangaben 350 Gramm leichter und soll Unebenheiten besser aufnehmen.

Hinten wurden das Uni-Trak-System und die obere Federbeinaufnahme überarbeitet. Die Federwege betragen 305 Millimeter vorne und 299 Millimeter hinten. Während des Tests überzeugte Busty vor allem die ausgewogene Zusammenarbeit zwischen Vorder- und Hinterrad.

Neues Bodywork mit guter Bewegungsfreiheit

Daas überarbeitete Bodywork passte ebenfalls gut. Busty konnte sich problemlos auf dem Motorrad bewegen und blieb weder an den Seitenteilen noch an anderen Übergängen hängen. Gleichzeitig fand er gute Kontaktflächen, um die Kawasaki mit den Beinen zu führen.

Auch die neue Sitzbankform gefiel ihm. Er konnte weit nach vorne rutschen, aber ebenso in der Mitte oder weiter hinten sitzen. Beim Beschleunigen blieb genügend Halt, ohne dass die Bewegungsfreiheit darunter litt.

Kawasaki verwendet auf der Sitzfläche ein griffiges Material und an den Seiten glattere Oberflächen. Die Kontur wurde ebenfalls verändert, um den Kontakt zum Motorrad zu verbessern. Auf der Strecke funktionierte das für Busty gut. Beim Sitzbankschaum hätte er allerdings eine festere Ausführung bevorzugt. Die Polsterung war ihm einen Tick zu weich, um die gewünschte direkte Rückmeldung vom Motorrad und vom Untergrund zu bekommen.

Für einen Hobbyfahrer kann der zusätzliche Komfort angenehm sein. Busty hätte für seinen Fahrstil eine härtere Sitzbank gewählt. An der Form selbst hatte er dagegen nichts auszusetzen.

Ergonomie lässt sich anpassen

Positiv bewertete Busty die verstellbaren Fußrasten. Neben der Standardposition können sie fünf Millimeter tiefer montiert werden. Damit lässt sich der Abstand zur Sitzbank vergrößern, ohne direkt andere Rasten kaufen zu müssen.

Am Lenker stehen vier Grundpositionen zur Verfügung. Neben der Standardposition sind zehn Millimeter nach hinten sowie 15 oder 25 Millimeter nach vorne möglich. Das bietet Spielraum, um die Fahrerposition an Körpergröße und persönliche Vorlieben anzupassen.

Serienmäßig sind ein Renthal-Fatbar-Lenker mit 28,6 Millimetern Durchmesser und ODI-Lock-on-Griffe montiert. Zusammen mit dem neuen Bodywork ergab sich für Busty eine Ergonomie, mit der er schnell zurechtkam.

Brembo jetzt auch hinten

Bei den Bremsen gab es während des Testtags keinen Anlass zur Kritik. Vorne wie hinten funktionierten die Brembo-Komponenten problemlos. Für 2027 setzt Kawasaki erstmals auch an der hinteren Bremse der 450er auf einen Brembo-Geber und einen Brembo-Sattel. Vorne arbeitet eine Zweikolbenzange mit Stahlflexleitung.

Die Sunstar-Bremsscheiben messen 270 Millimeter vorne und 240 Millimeter hinten. Auf Rocco’s Ranch erledigte die Anlage ihre Aufgabe unauffällig und zuverlässig.

Mehr Einstellmöglichkeiten per Smartphone

Die neue RIDEOLOGY THE APP KX2 erweitert die Möglichkeiten deutlich. Neben den fünf Mapping-Presets und der individuellen Motorabstimmung lassen sich auch Traktionskontrolle und Launch Control anpassen.

Bei der Traktionskontrolle stehen unterschiedliche Eingriffsstärken zur Verfügung. Für die Launch Control können ebenfalls verschiedene Stufen gewählt und eine Drehzahlbegrenzung eingestellt werden. Die jeweiligen Funktionen lassen sich über die Schalter am Lenker bedienen.

Dazu kommen eine Betriebsstundenanzeige, Hinweise zur Fahrwerks- und Einspritzabstimmung sowie GPS- und Aufzeichnungsfunktionen. Damit können Fahrer ihre Daten nach dem Training auswerten und sich mit der Abstimmung des Motorrads beschäftigen.

Busty sah darin einen klaren Pluspunkt des Gesamtpakets. Die Smartphone-Anbindung und die dafür vorgesehene Ausstattung sind bereits serienmäßig vorhanden. Ein zusätzliches Verbindungsmodul muss nicht gekauft werden.

Die Mapping-Auswahl nutzte er während des Tests bereits mit spürbarem Ergebnis. Für eine umfassende Bewertung der Datenanalyse wäre dagegen mehr Zeit im Trainingsalltag nötig.

Neue Geräuschvorgaben ohne erkennbaren Rückschritt

Auch Kawasaki musste die Auspuffanlage an die strengeren Geräuschvorgaben für 2027 anpassen. Der neue Schalldämpfer besitzt eine gerade statt der bisherigen konischen Bauform. Bei gleichem Volumen spart er laut Hersteller 300 Gramm.

Trotz der neuen Vorgaben soll die Motorperformance erhalten bleiben. Busty hatte beim Fahren ebenfalls nicht den Eindruck, dass die Kawasaki durch die neue Anlage an Leistung eingebüßt hätte. Eine direkte Vergleichsfahrt mit dem Vorgängermodell oder eine Leistungsmessung gehörten allerdings nicht zum Test.

Viel Ausstattung für 10.895 Euro

Der deutsche Listenpreis der KX450F 2027 beträgt 10.895 Euro ab Werk beziehungsweise 11.045 Euro inklusive Überführung. Zur Serienausstattung gehören unter anderem das Showa-Fahrwerk, Brembo-Bremskomponenten vorne und hinten sowie die Smartphone-Anbindung mit den erweiterten Einstell- und Analysefunktionen.

Die europäische Ausführung wiegt laut Kawasaki 108,7 Kilogramm ohne Kraftstoff und 113,3 Kilogramm fahrfertig. Der Tank fasst 6,2 Liter, die Sitzhöhe beträgt 965 Millimeter.

Bei unserem Test überzeugte die neue Kawasaki vor allem durch ihre Balance. Insgesamt hinterließ die KX450F einen ausgewogenen Eindruck. Ihre größte Stärke war, dass sie von Beginn an gut funktionierte und nur wenig Abstimmungsarbeit verlangte.

Wer die Kawasaki KX450F 2027 auch in Bewegung sehen möchte, bekommt am Freitag weitere Eindrücke von Rocco’s Ranch. Dann erscheint das Video zu unserem Test auf dem YouTube-Kanal von Weber-Werke.