MXGP Portugal: Was die Fahrer zwischen den Zeilen verrieten
Die Stimmen des MXGP of Portugal 2026. / Foto: Ralph Marzahn
Nach einem MXGP fallen die Fahrerstimmen oft deutlich nüchterner aus als die Emotionen unmittelbar nach dem Rennen. Trotzdem verraten sie viel darüber, wie die Fahrer ihre aktuelle Situation einschätzen. Nach dem Portugal-GP in Agueda wurde deutlich: Einige sehen sich auf dem richtigen Weg, andere suchen noch nach Antworten.
Herlings sendet eine Botschaft an die Konkurrenz
Jeffrey Herlings sprach nach seinem 117. Grand-Prix-Sieg auffallend wenig über den Erfolg selbst. Viel wichtiger war ihm eine andere Aussage. „Lucas und ich waren das ganze Wochenende ungefähr gleich schnell.“
Damit ordnet der Niederländer den aktuellen Kräftevergleich ein. Für ihn war der Sieg kein Beweis einer Überlegenheit, sondern das Ergebnis kleiner Details. Gleichzeitig macht diese Einschätzung deutlich, dass Herlings sich inzwischen wieder auf Augenhöhe mit dem WM-Führenden sieht. Nach den Rückschlägen der vergangenen Wochen dürfte genau das die wichtigste Erkenntnis sein.
Coenen fährt inzwischen wie ein WM-Leader
Lucas Coenen klang nach Rang zwei ungewöhnlich gelassen. „Konstanz war der Schlüssel.“
Noch vor wenigen Monaten hätte der Belgier vermutlich versucht, den Tagessieg mit aller Macht zu verteidigen. In Agueda stand dagegen die Meisterschaft im Vordergrund. Lieber ein sicheres Podium als ein unnötiges Risiko. Genau diese Denkweise zeichnet häufig Fahrer aus, die um einen WM-Titel kämpfen.
Längenfelder fehlt derzeit das letzte Vertrauen
Der Deutsche gehörte zu den selbstkritischsten Fahrern des Wochenendes. „Mir hat etwas Feuer gefehlt.“
Auf den ersten Blick klingt dieser Satz unspektakulär. In Verbindung mit seinen weiteren Aussagen ergibt sich jedoch ein anderes Bild. Zwar brachte das frühere Motorrad-Setup wieder mehr Vertrauen, doch im entscheidenden Moment fehlte die Überzeugung, volles Risiko zu gehen.
Es wirkt weniger wie ein Geschwindigkeitsproblem als vielmehr wie die Suche nach dem letzten Prozent Selbstvertrauen.
Farres zeigt, was möglich ist
Für den Spanier verlief das Wochenende nahezu perfekt. Interessant war dabei, worauf der Triumph-Pilot seinen Erfolg zurückführte. Nicht außergewöhnliche Geschwindigkeit oder ein besonderes Risiko, sondern zwei gute Starts.
Das zeigt, wie eng das Leistungsniveau in der MX2 inzwischen geworden ist. Wer vorne startet, kontrolliert das Rennen. Wer sich erst durchs Feld kämpfen muss, verliert oft die Chance auf den Gesamtsieg.
Sacha Coenen kennt seinen Fehler
Sacha Coenen musste nicht lange nach einer Erklärung suchen. Der Belgier wusste genau, warum ihm in Portugal ein besseres Ergebnis entglitt. „Ich weiß genau, was passiert ist.“
Ein zu kurzer Sprung im ersten Lauf kostete ihn viele Positionen. Danach ging es nur noch darum, den Schaden zu begrenzen und möglichst viele Punkte mitzunehmen. Interessant war dabei, dass Coenen den Fehler klar bei sich selbst sah. Keine Ausrede, kein Verweis auf Strecke oder Gegner.
Everts sieht die Richtung
Liam Everts verpasste das Podium um nur einen Punkt. Entsprechend groß war der Ärger, ganz zufrieden konnte der Husqvarna-Pilot trotzdem sein. „Insgesamt war es ein solides Wochenende.“
Everts sprach weniger über das knapp verpasste Podium als über seine Entwicklung. Die Pace war da, besonders im zweiten Lauf. Genau das scheint ihm wichtiger zu sein als der eine fehlende Punkt. Während andere MX2-Fahrer nach Antworten suchen, nimmt Everts aus Portugal vor allem die Bestätigung mit, dass er regelmäßig in Podiumsnähe fährt.
Renaux fährt gegen seinen Körper
Maxime Renaux kämpft weiter mit einem Virus. Der Franzose machte deutlich, dass er im Moment nicht frei fahren kann. „Es geht derzeit darum, jedes Rennen so gut wie möglich durchzubringen.“
Damit ordnet Renaux seine Ergebnisse selbst ein. Seine Geschwindigkeit lässt sich aktuell nur schwer bewerten, weil der Körper nicht mitspielt. Der Fokus liegt deshalb weniger auf dem nächsten Podium als auf der Frage, wann er wieder voll belastbar ist.
Oliver hadert mit verlorenen Punkten
Der Gabriel SS24-KTM-Pilot klang trotz eines ordentlichen Wochenendes in Portugal spürbar frustriert. So fühlt sich der Spanier auf der 450er immer wohler, kam aber erneut nicht ohne Rückschlag durch den Grand Prix. „Drei Ausfälle wegen Dingen, die weder das Team noch ich beeinflussen konnten.“
Für Oliver geht es in seiner ersten MXGP-Saison weiterhin ums Lernen. Gleichzeitig weiß er, dass ihm technische Probleme bereits viele Punkte gekostet haben. Seine Ergebnisse zeigen deshalb nur bedingt, wo er mit seiner Entwicklung wirklich steht.
Ducati sucht weiter nach Konstanz
Calvin Vlaanderen tat sich in Agueda schwer, einen guten Rhythmus mit Strecke und Motorrad zu finden. Trotzdem nahm der Ducati-Pilot ein weiteres Top-Ten-Ergebnis mit.
Der Südafrikaner sprach von Konstanz, nicht von Durchbruch. Das zeigt, wo Ducati derzeit steht: Die Richtung stimmt in Ansätzen, doch der große Schritt nach vorne fehlt noch. Für Vlaanderen kommt nun ein Wochenende, das emotional kaum größer sein könnte. Südafrika ist sein Heimrennen, dort warten Familie und Freunde.
Janis Reisulis belohnt sich
Für jüngeren der beiden Reisulis-Brüder wurde Portugal zu einem besonderen Wochenende. Der Yamaha-Pilot stand erstmals in der MX2-Klasse auf dem Grand-Prix-Podium. „Das ist ein ganz besonderer Moment.“
Noch wichtiger als der Pokal dürfte für ihn die Erkenntnis gewesen sein, dass er mit den Spitzenfahrern kämpfen kann. Reisulis sprach von Selbstvertrauen, guter Pace und einem wichtigen Schritt in seiner Entwicklung.
Sein Bruder Karlis erlebte dagegen einen wechselhaften Tag. Im ersten Lauf fühlte er sich nicht wohl, im zweiten Rennen lief es deutlich besser. Änderungen am Motorrad halfen ihm, wieder mehr Vertrauen zu finden.
Febvre kommt näher
Romain Febvre war nach Agueda zufrieden, aber längst nicht satt. Der Kawasaki-Pilot konnte endlich wieder zwei starke Läufe aneinanderreihen und sicherte sich einen Platz auf dem Podium. „Wenn mir das gelingt, weiß ich, dass ich auf dem Podium stehen kann.“
Besonders im zweiten Lauf musste Febvre hart arbeiten. Er sah Tim Gajser vor sich, wusste, dass er ihn für das Podium brauchte, und setzte ihn so lange unter Druck, bis der Fehler kam. Gleichzeitig machte Febvre klar, dass er den Anschluss an Herlings und Coenen langsam wieder herstellen will.
Südafrika ist mehr als nur das nächste Rennen
Nach Agueda richtete sich der Blick im Fahrerlager schnell auf Südafrika. Für viele ist es ein neues Kapitel im Kalender, für Calvin Vlaanderen und Camden McLellan sogar ein Heim-Grand-Prix.
Vlaanderen freut sich auf Familie und Freunde. McLellan will nach einem schwierigen Portugal-Wochenende vor heimischem Publikum wieder dorthin zurück, wo er sich selbst sieht. Auch Herlings, Coenen und Febvre reisen mit klaren Zielen weiter.
Portugal hat gezeigt, wie eng die Abstände an der Spitze geworden sind. Südafrika wird zeigen, wer daraus wirklich Kapital schlagen kann.
