MX2-Weltmeisterschaft: Wer kann Farrés jetzt noch stoppen?

Guillem Farrés (links) mit Teamkollegen Camden McLellan

Guillem Farrés (links) mit Teamkollegen Camden McLellan

Drei Grands Prix vor Saisonende trägt Guillem Farrés weiter das Red Plate, doch ausgerechnet sein eigener Teamkollege Camden McLellan entwickelt sich gerade zu einem der Fahrer, an denen in der MX2 kaum ein Weg vorbeiführt. In Arnhem gewann der Südafrikaner den Grand Prix vor Liam Everts und Farrés – und das auf einer Strecke, auf der Überholen alles andere als einfach war.

Wer die vergangenen Wochen verfolgt hat, dürfte bemerkt haben, wie konstant McLellan inzwischen vorne auftaucht. Er selbst schaut trotzdem weniger auf die WM-Tabelle als auf einzelne Rennsiege. Das klingt nach der üblichen Fahrerantwort, passt in seinem Fall aber ziemlich gut zu dem, was er auf der Strecke macht.

Wie gut ist McLellan momentan wirklich?

Arnhem war kein Kurs, auf dem man einen schlechten Start einfach mit ein paar schnellen Runden reparierte. McLellan sprach nach dem Rennen offen darüber, dass Überholen schwierig war. Sein erster Start passte deshalb perfekt: Er kam so gut weg, dass er selbst überrascht war, wie wenig Konkurrenz er anschließend um sich herum sah.

Im zweiten Moto bekam er die andere Seite dieses Kurses zu spüren. Der Start war, wie McLellan selbst scherzte, wieder eher ein typischer „Camden-Start“. Er blieb auf der Innenseite aber weit genug vorne und arbeitete sich anschließend bis an Liam Everts heran.

Vorbeigekommen ist er nicht. Und genau das sagt auch etwas über Everts aus.

Der Belgier wusste, wer hinter ihm fuhr und wie stark McLellan im Sand ist. Diesmal hielt er dagegen. Everts hatte nach dem vorherigen Rennen angekündigt, McLellan einen weiteren Laufsieg nicht einfach zu überlassen – in Arnhem setzte er genau das im zweiten Moto um.

Nach Platz vier im ersten Lauf gewann Everts Moto 2 und wurde Zweiter im Overall. Vor allem sein Gefühl im Sand sei inzwischen wieder dort, wo es sein müsse.

Hat Everts endlich den Schritt gefunden, nach dem er gesucht hat?

Seine Saison verlief bisher nicht so, wie er sie sich vorgestellt hatte. In Arnhem wirkte Everts allerdings wieder wie ein Fahrer, der nicht nur auf ein Podium fährt, sondern einen der derzeit schnellsten MX2-Piloten über ein komplettes Moto hinter sich halten kann.

Dazu passt seine Aussage zum Bike. Everts und sein Team haben zuletzt Änderungen vorgenommen, und genau diese Arbeit macht er für seine besseren Auftritte der vergangenen Wochen mitverantwortlich.

Auf die Frage, ob das nun die Geschwindigkeit sei, die man eigentlich schon zu Saisonbeginn von ihm hätte sehen können, antwortete er ziemlich klar: „Ja, das ist definitiv das, wozu ich in der Lage bin.“ Manchmal passe es eben aus unterschiedlichen Gründen nicht zusammen.

Das ist vielleicht die interessantere Aussage als irgendeine große Kampfansage. Denn Everts behauptet nicht, plötzlich etwas völlig Neues gefunden zu haben. Er glaubt vielmehr, wieder dort angekommen zu sein, wo er sich selbst ohnehin sieht.

Farrés kommt angeschlagen nach Arnhem – und begrenzt den Schaden

Guillem Farrés musste das Wochenende aus einer anderen Position angehen. Nach seinem Sturz beim vorherigen Grand Prix war an eine normale Trainingswoche kaum zu denken. Einen Tag saß er auf dem Fahrrad, ansonsten bestand sein Programm hauptsächlich aus Therapie und Erholung.

„Ich bin in diese Woche gekommen, ohne auf dem Motorrad gefahren zu sein, und mein Körper war ziemlich angeschlagen“, erklärte Farrés. Trotzdem brachte er seine Rennen durch, stand als Dritter auf dem Podium und nahm wichtige Punkte mit.

Genau solche Wochen können in einer Weltmeisterschaft am Ende genauso wichtig werden wie ein 1-1. Farrés war körperlich nicht bei 100 Prozent, McLellan und Everts hatten die Geschwindigkeit für Laufsiege, und trotzdem verließ der Spanier Arnhem weiterhin mit dem Red Plate.

Er selbst will von Rechnerei wenig wissen.

„Seit ich jung bin, bin ich wirklich schlecht in Mathe“, scherzte der Triumph-Pilot. Die verbleibenden drei Grands Prix wolle er deshalb genauso angehen wie den Rest der Saison: Rennen für Rennen und mit dem Ziel zu gewinnen.

Ganz so einfach lässt sich eine WM drei Rennen vor Schluss allerdings nicht ausblenden. Jeder verlorene Punkt wird teurer, und mit jedem Moto wird klarer, welche Position reicht und welche nicht.

Farrés behauptet trotzdem, genau damit gut umgehen zu können: „Ich denke nicht besonders viel darüber nach. Ich steige auf das Bike, fahre und habe Spaß. Ich mache mir nicht viele Gedanken über andere Fahrer oder die Punkte.“ Druck helfe ihm sogar, konzentrierter zu fahren.

Wann wird die Teamorder bei Triumph zum Thema?

Und genau da wird die Sache interessant. Farrés fährt um den MX2-WM-Titel, während McLellan auf Rang drei liegt und inzwischen selbst regelmäßig um Siege kämpft. Bislang lässt Triumph beide fahren. McLellan bestätigte nach Arnhem, dass es keine Teamorder gibt. Besprochen wurde lediglich, dass sich Aktionen wie zwischen den beiden in Loket nicht wiederholen sollen.

Der Südafrikaner machte aus seiner Haltung allerdings kein Geheimnis. Sollte er vor China oder Australien beispielsweise rund 40 Punkte zurückliegen, während Farrés unmittelbar um die Weltmeisterschaft kämpft, würde ihn eine Anweisung des Teams nicht überraschen.

Und er würde sie akzeptieren.

„Wenn ich ein Team führen würde und zwei Fahrer hätte, von denen einer vorne um den Titel kämpft und der andere Dritter ist und vielleicht noch um Platz zwei fährt, würde ich Teamorder geben“, sagte McLellan. Sollte es soweit kommen, werde er tun, was nötig sei, um seinem Team zu helfen.

Bis dahin bleibt allerdings jeder auf eigene Rechnung unterwegs. McLellan will gewinnen, Everts scheint wieder näher an seiner besten Form zu sein und Farrés versucht, das Red Plate möglichst ohne Taschenrechner durch die letzten drei Grands Prix zu bringen.

Als Nächstes wartet die Türkei. Dort wird sich auch zeigen, ob Arnhem nur ein starkes Wochenende von Everts und McLellan war – oder ob Farrés auf dem Weg zum Titel nun dauerhaft zwei weitere Fahrer direkt vor sich einkalkulieren muss.