KTM-Enduro ohne PDS?
Möglicher KTM Enduro Prototyp beim ADAC MX Masters in Tensfeld 3480
Beim ADAC MX Masters in Tensfeld sorgte nicht nur das Renngeschehen für Gesprächsstoff. Auch das Bike von KTM-Dauertestfahrer Vaclav Kovar zog die Aufmerksamkeit vieler Beobachter auf sich.
Der Tscheche war mit einer Zweitakt-KTM unterwegs, die optisch stark an die zuletzt gesichteten 2028er-KTM-Prototypen erinnerte. Besonders auffällig: Das äußerlich als Motocross-Bike aufgebaute Motorrad war mit dem für KTM-Enduros typischen hellen Tank ausgestattet, verfügte am Heck jedoch über eine Umlenkung statt des sonst üblichen PDS-Systems.
Neue Nahrung für bestehende Spekulationen
Die Sichtung kommt zu einem Zeitpunkt, an dem bereits seit Monaten über die Zukunft des PDS-Systems diskutiert wird. Auslöser waren unter anderem Aussagen von Hard-Enduro-Star Trystan Hart, der angedeutet hatte, dass KTM bereits ab 2027 möglicherweise auf eine Umlenkung setzen könnte. Mit der Vorstellung der neuen Modellgeneration hat sich dieses Szenario inzwischen erledigt. Ganz verschwunden sind die Spekulationen deshalb jedoch nicht. Statt über 2027 wird inzwischen über das Modelljahr 2028 diskutiert.
Das Motorrad von Kovar passt zumindest optisch zu diesen Gerüchten. Als langjähriger Testfahrer ist der Tscheche regelmäßig auf Maschinen unterwegs, die sich noch in der Entwicklung befinden. Entsprechend genau wird beobachtet, welche technischen Lösungen an seinen Motorrädern auftauchen.
Warum die Fahrwerksfrage so spannend ist
Die Diskussion um PDS und Umlenkung begleitet KTM seit Jahrzehnten. Während die meisten Hersteller im Offroad-Bereich auf eine Umlenkung setzen, hielt KTM konsequent am PDS-System fest. Einer der größten Vorteile liegt dabei im Enduro-Einsatz. Die Unterseite des Motorrads bleibt frei von Umlenkhebeln und Anlenkungen, wodurch mehr Bodenfreiheit entsteht und das Risiko sinkt, an Steinen, Wurzeln oder Baumstämmen hängen zu bleiben.
Auf der anderen Seite bevorzugen viele Motocross-Fahrer und Fahrwerksspezialisten eine Umlenkung, da sie bei hohen Geschwindigkeiten, großen Sprüngen und anspruchsvollen Wellenpassagen oft als leichter abstimmbar gilt. Zwar hat KTM das PDS-System über die Jahre kontinuierlich weiterentwickelt, die grundsätzliche Diskussion ist jedoch nie vollständig verstummt.
Spielt auch die Kostenfrage eine Rolle?
Neben den fahrdynamischen Eigenschaften könnte auch die wirtschaftliche Seite eine Rolle spielen. KTM befindet sich weiterhin in einer Phase der Konsolidierung, in der Entwicklungs- und Produktionskosten stärker denn je im Fokus stehen. Eine stärkere Vereinheitlichung der Plattformen würde dabei durchaus in die aktuelle Strategie des Unternehmens passen.
Das PDS-System ist innerhalb des Konzerns eine technische Besonderheit. Während die Motocross-Modelle von KTM, Husqvarna und GASGAS seit Jahren auf Umlenkungen setzen, benötigen die Enduro-Modelle mit PDS eigene technische Lösungen. Rahmen, Schwinge, Fahrwerkskomponenten und zahlreiche weitere Bauteile unterscheiden sich von den Motocross-Pendants.
Eine Umstellung auf eine gemeinsame Plattform könnte die Anzahl unterschiedlicher Komponenten reduzieren und Entwicklung, Produktion sowie Ersatzteilversorgung vereinfachen. Gerade in Zeiten, in denen Hersteller ihre Modellpaletten straffen und Synergien zwischen verschiedenen Marken nutzen, wäre dies ein nachvollziehbarer Schritt.
Hinzu kommt, dass KTM mit dem PDS-System mittlerweile eine Ausnahmeerscheinung im Offroad-Segment darstellt. Nahezu alle Wettbewerber setzen seit Jahren auf Umlenkungen. Ob diese Überlegungen bei KTM tatsächlich eine Rolle spielen, ist nicht bekannt. In der Branche werden sie jedoch regelmäßig als möglicher Grund genannt, warum die Diskussion um die Zukunft des PDS-Systems trotz der Vorstellung der 2027er-Modelle nicht verstummt ist.
Warum der Enduro-Tank kein Beweis sein muss
Allerdings spricht nicht jedes Detail automatisch für einen konkreten Ausblick auf kommende Serienmodelle. So war das Bike zwar mit einem großen Enduro-Tank ausgestattet, der auf einer tiefen Sandstrecke wie in Tensfeld jedoch auch praktische Gründe haben und deshalb den Weg an ein Motocross-Bike gefunden haben könnte.
Gerade im schweren Sand steigt der Verbrauch deutlich an. Es wäre daher durchaus denkbar, dass der größere Tank in erster Linie dazu diente, die Renndistanz sicher absolvieren zu können. Der Tank allein liefert somit keinen belastbaren Hinweis auf die Herkunft oder den Einsatzzweck des Motorrads.
Was steckt wirklich dahinter?
Ob KTM mit dem Motorrad bereits Komponenten einer künftigen Enduro-Generation testet oder lediglich einzelne Fahrwerkslösungen unter Rennbedingungen erprobt hat, bleibt offen. Hersteller nutzen solche Einsätze regelmäßig, um neue Bauteile und Konzepte außerhalb klassischer Testfahrten zu bewerten.
Dennoch dürfte die Sichtung in Tensfeld die Diskussion über die Zukunft der KTM-Enduros weiter anheizen. Eine Zweitakt-KTM mit Enduro-Tank und Umlenkung aus den Händen eines Werks-Testfahrers ist zumindest kein Motorrad, das man an jedem Rennwochenende im Fahrerlager zu Gesicht bekommt.
Bis KTM selbst Stellung bezieht, bleibt das Motorrad von Vaclav Kovar vor allem eines: ein interessantes Puzzlestück in einer Debatte, die offenbar noch lange nicht beendet ist.
