JETSURF Hybrid X: Elektro trifft Zweitakt
Die JETSURF Hybrid X verbindet Verbrennungs- und Elektromotor.
Beim MXGP of China sorgte nicht nur das Geschehen auf der Strecke für Aufmerksamkeit. Am gemeinsamen Stand von MSR Engines, dem Unternehmen hinter der Marke JETSURF, und seinem chinesischen Vertriebspartner war mit der Hybrid X ein ungewöhnlicher Enduro-Prototyp ausgestellt.
Die Maschine kombiniert einen Elektromotor mit einem Zweitaktmotor, der als Range Extender dient. Der Verbrennungsmotor übernimmt damit nicht die Hauptrolle beim Antrieb, sondern verlängert die Reichweite des elektrischen Systems.
Dabei geht es MSR Engines weniger darum, ein komplettes Motorrad unter eigenem Namen auf den Markt zu bringen. Die Tschechen wollen vor allem ihr Hybridkonzept anbieten und dieses künftig in Fahrzeuge etablierter Hersteller integrieren.
Hybridtechnik ist für MSR Engines nicht neu
Die Erfahrungen mit Hybridantrieben reichen damit knapp zwei Jahrzehnte zurück. Bereits 2008 entwickelte man ein bahnbrechendes KERS-System, das von einem jungen Marc Márquez auf einem KTM-Werksmotorrad getestet wurde. Dieses fortschrittliche System nutzte Superkondensatoren und lieferte etwa 2 kW zusätzliche Leistung, bevor die Technologie von der FIM aus Kostengründen verboten wurde.
2016 ergänzte das Unternehmen dann die in seinen Jetboards verwendeten Verbrennungsmotoren um einen Elektromotor.
Dennoch werde das damalige Konzept nicht zum langfristigen Serienmodell. MSR Engines konzentrierte sich später auf die getrennte Entwicklung benzinbetriebener und vollständig elektrischer Jetboards. Die dabei gesammelten Erfahrungen mit Verbrennungs- und Elektroantrieben fließen nun in die JETSURF Hybrid X ein.
Der ausgestellte Enduro-Prototyp ist damit kein vollkommen neuer Ansatz, sondern die Übertragung einer bereits vor knapp zwei Jahrzehnten erprobten Technologie auf ein Geländemotorrad.
Elektromotor mit Zweitakt-Unterstützung
Der kompakte Zweitakt-Einzylinder ist offen im Zentrum der Maschine verbaut. Er ist flüssigkeitsgekühlt und verfügt über eine eigene Kraftstoffversorgung sowie eine nach hinten geführte Auspuffanlage. Der rechteckige Schalldämpfer sitzt hoch unter der linken Seitenverkleidung.
Direkt davor befindet sich der deutlich größere Bereich des elektrischen Antriebs. Welche Leistung der Elektromotor erreicht, wie groß die Batterie ist und welchen Hubraum der Zweitakter besitzt, wurde bei der Präsentation nicht bekannt gegeben.
Das grundlegende Konzept steht dennoch fest: Der Elektromotor übernimmt den Antrieb, während der Zweitakter als Range Extender die elektrische Reichweite verlängert. Damit verbindet die Hybrid X einen Elektroantrieb mit der Möglichkeit, die Fahrzeit unabhängig von einer stationären Lademöglichkeit auszudehnen.
Fünfganggetriebe trotz Elektroantrieb
Ungewöhnlich ist das Fünfganggetriebe. Während viele elektrische Offroadmotorräder ohne klassische Schaltung auskommen, besitzt die Hybrid X einen Schalthebel auf der linken Fahrzeugseite. Die Kraft wird über eine konventionelle Kette an das Hinterrad übertragen – der Kraftschluss erfolgt über eine für Benzinbetriebene Bike übliche Kupplung.
Wie Elektromotor, Range Extender und Getriebe im Detail miteinander verbunden sind, erklärte MSR Engines in China nicht. Sichtbar ist jedoch, dass die Tschechen nicht auf das bei Elektromotorrädern verbreitete Konzept aus Elektromotor, fester Übersetzung und direktem Kettenantrieb setzen.
„Für Enduro-Fahrer sind ein 5-Gang-Getriebe und eine manuelle Kupplung für die Bewältigung extrem technischer Anstiege absolut unverzichtbar – das ist der Hauptgrund, warum wir das Motorrad so konstruiert haben“, so Pavel Balsinek – MSR Engines Leiter Vertrieb und Geschäftsentwicklung.
Rahmen und Schwinge aus Carbon
Beim Chassis greift MSR Engines auf einen Werkstoff zurück, mit dem das Unternehmen bereits viel Erfahrung besitzt. Der Rahmen der Hybrid X besteht aus Carbon. So fertigt man auch die Rümpfe seiner motorisierten Surfboards aus dem leichten Verbundwerkstoff.
Besonders auffällig ist die ebenfalls aus Carbon gefertigte Einarmschwinge. Eine solche Konstruktion ist bei Straßenmotorrädern bekannt, im Gelände aber selten zu sehen. Das Hinterrad wird lediglich auf der rechten Seite geführt.
Kettenrad und Bremsscheibe befinden sich auf der linken Seite. Dafür entwickelte JETSURF eine spezielle Hinterradaufnahme. Die groß dimensionierte Bremsscheibe sitzt hinter dem Kettenrad, während der Bremssattel unmittelbar an der Radaufnahme montiert ist.
Die Einarmschwinge verleiht der Hybrid X nicht nur ein eigenständiges Erscheinungsbild. Sie gehört zusammen mit dem Carbonrahmen zu den auffälligsten Merkmalen des ausgestellten Prototyps.
Aufwendiges Einzelstück
Auch abseits des Antriebs besitzt die Hybrid X zahlreiche speziell angefertigte Bauteile. Dazu gehören gefräste Motorhalterungen, Abdeckungen und Fußrastenaufnahmen sowie die Hinterradnabe und das aufwendig gestaltete Kettenrad.
Das Fahrwerk besteht aus einer Upside-down-Gabel und einem zentral angeordneten Federbein. Hinzu kommen Speichenräder, Stollenreifen, große Bremsscheiben und ein Motorschutz, der den unteren Bereich des Antriebs abdeckt.
Mit Seitenständer, langem Heck und durchgehender Sitzbank ist die Hybrid X nicht als reiner Motocross-Prototyp aufgebaut. Sie präsentiert sich vielmehr als Dirtbike, an dem JETSURF sein vollständiges Hybridkonzept demonstriert.
JETSURF will die Technik verkaufen
Die entscheidende Information betrifft deshalb nicht das ausgestellte Motorrad selbst. JETSURF möchte die Hybrid X nach unseren Informationen nicht in dieser Form als eigenes Serienbike anbieten. Das komplette Fahrzeug dient in erster Linie dazu, die Funktionsweise und die Möglichkeiten des entwickelten Antriebssystems zu zeigen.
Das eigentliche Produkt ist die Hybridtechnik. JETSURF will sie anderen Motorradherstellern zur Verfügung stellen und an deren Fahrzeuge anpassen.
Gerüchten zufolge gibt es bereits erste Gespräche mit führenden chinesischen Motorradherstellern. Kommt es zu einer Zusammenarbeit, könnte die Technologie künftig auch in Serienmotorrädern zum Einsatz kommen. Konkrete technische Daten oder weitere Details dazu gibt es bislang allerdings nicht.
Vom Jetboard zum Dirtbike
Hinter JETSURF steht die tschechische MSR Engines Group. Das Unternehmen ist vor allem für seine motorisierten Surfboards bekannt, beschäftigt sich aber auch mit Verbrennungs- und Elektromotoren, Steuerungstechnik sowie der Verarbeitung von Carbon.
Die Hybrid X verbindet diese Bereiche in einem Fahrzeug. Der Zweitaktmotor knüpft an die leichten Verbrennungsmotoren der Jetboards an. Die elektrische Seite baut auf den seit 2016 gesammelten Erfahrungen mit Hybrid- und später vollständig elektrischen Boards auf. Carbonrahmen und Carbonschwinge greifen wiederum einen Werkstoff auf, den das Unternehmen seit Jahren selbst verarbeitet.
Präsentiert wurde die Hybrid X in China gemeinsam mit Zhejiang Yinjie Power Technology. Das Unternehmen aus Shaoxing ist offizieller strategischer Partner und chinesischer Vertrieb von JETSURF.
Noch veröffentlichte JETSURF keine technischen Daten zu Leistung, Gewicht, Batteriekapazität, Reichweite oder Hubraum. Auch einen Termin für den möglichen Einsatz in einem Serienmotorrad gibt es nicht. Der in China gezeigte Prototyp macht jedoch deutlich, wohin die Reise gehen soll: JETSURF möchte die seit 2016 entwickelte Verbindung aus Verbrennungs- und Elektroantrieb künftig auch anderen Motorradherstellern anbieten.
