Jeffrey Herlings nach WM-Titel Nummer sechs: „Ich hasse es zu verlieren“

Jeffrey Herlings nach dem Gewinn der Weltmeisterschaft 2026

Jeffrey Herlings nach dem Gewinn der Weltmeisterschaft 2026. / Foto: Ray Archer

Jeffrey Herlings ist zum sechsten Mal Weltmeister. Doch wer nach der Entscheidung in Afyon einen Niederländer erwartete, der sich gedanklich erst einmal in den Urlaub verabschiedet, kennt Herlings vermutlich nicht besonders gut.

In der Pressekonferenz nach dem MXGP of Türkiye sprach der 31-Jährige erstaunlich offen darüber, wie nervös er trotz seines großen Punktevorsprungs vor der Entscheidung gewesen war. Er erzählte von gerade einmal drei Stunden Schlaf, seiner eigenen Verletzungsgeschichte und davon, warum er einen WM-Titel nicht irgendwo auf Platz 15 ins Ziel rollen möchte.

Und dann ist da noch die Frage, die bei Herlings eigentlich fast genauso interessant ist wie der sechste Titel selbst: Fährt er 2027 mit der Nummer 1?

Seine Antwort darauf fiel ziemlich eindeutig aus. Sein Herz hängt weiterhin an der 84.

Trotz großem Vorsprung: Wie nervös warst du wirklich?

„Sehr. Obwohl ich einen großen Punktevorsprung hatte, war ich in den vergangenen Wochen und auch bei den letzten Trainings wirklich angespannt. Mir war klar, dass eigentlich nur noch eine Sache diese Weltmeisterschaft ruinieren konnte: eine Verletzung.

In meiner Karriere hat man gesehen, dass ich bei Stürzen nicht gerade immer das größte Glück hatte. Deshalb habe ich versucht, clever zu sein. Gleichzeitig bin ich aber weiter so schnell gefahren, wie ich konnte, denn für mich ist das Risiko geringer, wenn ich vorne fahre.

Die ganze Sache war ziemlich nervenaufreibend. Letzte Nacht habe ich vielleicht drei Stunden geschlafen. In meinem Kopf liefen alle möglichen Szenarien ab: Was passiert, wenn dies passiert? Was mache ich, wenn das passiert?

Von all den Möglichkeiten, die ich mir ausgemalt hatte, war allerdings eine nicht dabei: dass ich zwei Holeshots hole und jede einzelne Runde führe.“

Auf dem Motorrad hat man von dieser Nervosität wenig gesehen. Kannst du so etwas inzwischen einfach ausblenden?

„Ich glaube, genau das können manche Champions. Ich möchte damit nicht überheblich oder arrogant klingen, das ist überhaupt nicht mein Ding. Aber wenn man schon einige Weltmeisterschaften gewonnen hat, kann man in dem Moment, in dem es darauf ankommt, einen Schalter umlegen.

Dann musst du einfach abliefern und darfst nicht zulassen, dass die Nervosität übernimmt.

Heute waren meine Familie, meine Freunde und meine Sponsoren hier. Auch wichtige Leute von Honda waren wegen der möglichen WM-Entscheidung vor Ort. Dadurch hatte ich schon einen gewissen Druck. Ich wollte für alle ein gutes Wochenende abliefern und natürlich gewinnen.“

Interessant ist dabei vor allem Herlings‘ eigener Blick auf seine Vergangenheit. Er redet nicht so, als sei dieser sechste Titel angesichts seines Vorsprungs ohnehin nur noch Formsache gewesen. Im Gegenteil. Je näher die Entscheidung rückte, desto stärker scheint ihm bewusst geworden zu sein, was noch schiefgehen konnte.

Bei einem Fahrer mit seiner Verletzungsgeschichte ist das nachvollziehbar.

123 GP-Siege – und jetzt erst recht?

Herlings gewann in Afyon nicht nur seinen sechsten WM-Titel. Mit dem Gesamtsieg erhöhte er seine persönliche Bilanz nach eigener Aussage auf 123 Grand-Prix-Erfolge. Elf davon holte er allein in seiner ersten Saison mit Honda HRC Petronas.

Wer glaubt, damit sei für die letzten Rennen der Druck raus, bekommt von Herlings allerdings eine andere Antwort.

„Ich habe eigentlich keine Zeit, mir jetzt freizunehmen. Ich werde wieder auf der Trainingsstrecke stehen, denn wir haben noch ein paar Rennen vor uns. Die Saison ist nicht vorbei, nur weil ich Weltmeister bin.

Jetzt versuche ich, die Rekorde bei den GP- und Moto-Siegen weiter auszubauen. Wir machen bis zum Ende weiter. Die Konkurrenz ist immer noch stark. Einige Fahrer sind verletzt, aber man sieht jedes Wochenende, dass jemand anderes schnell ist. Es ist nie einfach zu gewinnen.“

Das könnte man als die übliche Antwort eines frischgebackenen Weltmeisters abhaken. Ein paar Sekunden später erklärte Herlings allerdings ziemlich anschaulich, warum er tatsächlich nicht vorhat, die restliche Saison nur noch ausrollen zu lassen.

Was treibt dich nach sechs Weltmeisterschaften überhaupt noch an?

„Ich hasse es einfach zu verlieren. Das ist das Erste. Natürlich werde ich diesen Abend genießen. Gleichzeitig denke ich aber schon an das nächste Wochenende und daran, wieder zu gewinnen.

Wenn ich heute das zweite Moto nicht gewonnen hätte, hätte ich den Abend nicht wirklich genießen können. Und das gilt auch für meine Weltmeisterschaften: Bei allen sechs Titeln habe ich gleichzeitig das Moto gewonnen, in dem ich Weltmeister geworden bin.

Ich hasse die Vorstellung, auf Platz 15 ins Ziel zu kommen und dadurch Weltmeister zu werden. So sollte man meiner Meinung nach keine Weltmeisterschaft gewinnen.“

Da steckt wahrscheinlich mehr Jeffrey Herlings drin als in vielen Statistiken seiner Karriere.

Er hätte in Afyon rechnen können. Er hätte nicht gewinnen müssen. Stattdessen holte er beide Starts, führte sämtliche Runden und machte aus dem Tag, an dem er lediglich genügend Punkte für die WM brauchte, seinen 123. GP-Sieg.

Bei Herlings gehören Titel und Gewinnen offenbar immer noch zusammen.

2027 mit der Nummer 1?

Eine Frage blieb nach der WM-Entscheidung noch: Wird auf der Honda im kommenden Jahr die 1 stehen? Herlings hat diese Nummer bereits einmal benutzt. Besonders innig scheint die Beziehung allerdings nicht geworden zu sein.

„Das ist eine gute Frage. Ich mag Arroganz überhaupt nicht. Als ich 18 war und vielleicht bis zu meinem 25. Lebensjahr hatte ich selbst eine große Klappe und war ziemlich arrogant. Ich glaube, dass ich mich inzwischen stark verändert habe.

Die Nummer 1 macht dich irgendwie zum Ziel. Wenn jemand auf etwas schießen will, dann ist die 1 genau dieses Ziel. Jeder will diesen Fahrer schlagen.

Ich habe die Nummer schon einmal benutzt – bei einem einzigen Fotoshooting. Das war es dann auch.“

Ganz entschieden ist die Sache offenbar noch nicht. Herlings will darüber zunächst mit Honda sprechen. Seine persönliche Präferenz ließ er aber gleich hinterherkommen: „Wir werden mit dem Team darüber sprechen. Aber mein Herz gehört der 84.“

Nach 16 Jahren KTM, fünf WM-Titeln in Orange und nun dem sechsten Titel gleich im ersten Jahr mit Honda hat Herlings bereits ziemlich viel verändert.

Bei einer Sache scheint die Bereitschaft dazu deutlich kleiner zu sein. Die 84 dürfte uns wohl noch eine Weile erhalten bleiben.