Eli Tomac hört auf – wird er Opfer der Coenen-Brüder?

Eli Tomac beendet nach der Saison 2026 seine Karriere

Eli Tomac beendet nach der Saison 2026 seine Karriere. / Foto: Align Media

Eli Tomac beendet Ende September seine Karriere. Nach den drei noch ausstehenden SMX-Runden ist für den 33-Jährigen Schluss mit professionellem Supercross und Motocross. Nach 17 Profisaisons kommt dieser Schritt nicht völlig überraschend.

Der Zeitpunkt dagegen schon.

Denn Tomac bestätigt in seinem Abschiedsstatement, dass sein Plan bis vor Kurzem noch anders aussah. Er wollte 2027 weiterfahren. Und wenn er weitergemacht hätte, dann nach eigener Aussage mit Red Bull KTM Factory Racing. 

Parallel dazu hat KTM seine Mannschaft für die kommenden Jahre neu aufgestellt. Lucas und Sacha Coenen wechseln 2027 in die USA, Jorge Prado bleibt langfristig und auch Julien Beaumer gehört weiter zum Programm.

Vier Fahrer stehen damit bereits fest. Tomac gehört nicht dazu. Ob zwischen beiden Entwicklungen ein Zusammenhang besteht, wissen wir nicht. Sein eigenes Statement macht die Sache aber zumindest erklärungsbedürftig.

„Ich hatte gesagt, dass ich 2027 fahren werde“

Tomac bezeichnet seinen Rücktritt als die schwierigste Entscheidung seiner Profikarriere. „Ich weiß in meinem Herzen, dass jetzt der richtige Zeitpunkt gekommen ist“, erklärt der zweimalige 450SX-Champion.

Kurz darauf spricht er allerdings selbst über seine ursprünglichen Pläne. „Ich hatte noch vor Kurzem gesagt, dass ich 2027 fahren werde, auch wenn ich es jetzt nicht mehr tun werde. Wenn ich weitergemacht hätte, dann mit Red Bull KTM.“

Tomac sagt nicht, dass KTM ihm keinen neuen Vertrag angeboten hätte. Ebenso wenig spricht er davon, dass die zukünftige Fahreraufstellung etwas mit seinem Rücktritt zu tun hat. Er stellt die Entscheidung als seine eigene dar.

Trotzdem wissen wir damit, dass ein Karriereende nach 2026 offenbar noch vor kurzer Zeit nicht vorgesehen war. Und seitdem hat sich bei KTM einiges getan.

Dann kamen die Coenen-Brüder

Vor wenigen Wochen machte KTM die Zukunft von Lucas und Sacha Coenen offiziell. Beide verlängerten langfristig innerhalb der KTM-Struktur, verlassen nach dieser Saison aber das MXGP-Paddock und wechseln in die USA.

Lucas steigt dort direkt auf die 450er um, Sacha wird in der 250er antreten. Dazu kommen Jorge Prado und Julien Beaumer. Das ist mehr als das übliche Verschieben einzelner Fahrer. KTM hat sich damit eine Mannschaft zusammengestellt, mit der man über mehrere Jahre planen kann. Gerade die beiden 19-jährigen Coenens spielen dabei eine wichtige Rolle.

Und irgendwo hätte in dieser Planung auch noch Tomac seinen Platz finden müssen.

Mit Prado und Lucas Coenen stehen für 2027 bereits zwei 450er-Fahrer bereit. Natürlich hätte KTM auch drei Motorräder einsetzen können. An Tomacs Speed wäre eine weitere Saison jedenfalls kaum gescheitert.

Vier 450SX-Siege sprechen dagegen. Tomac gewann gleich den Saisonauftakt in Anaheim, mischte im Kampf um die Supercross-Meisterschaft mit und holte in Daytona seinen achten Sieg. Er selbst nimmt sein Alter inzwischen mit Humor.

„Man kann mich ruhig den alten Kerl nennen. Aber Red Bull KTM hat an mich geglaubt.“

Nur ist ein 33-jähriger Tomac für ein Werksteam eine andere Geschichte als ein 19-jähriger Lucas Coenen. Bei Tomac ging es um ein weiteres Jahr. Bei Coenen kann KTM weit darüber hinaus planen.

Dann kam der Sturz

Tomacs Supercross-Saison hatte gezeigt, dass er auch mit 33 noch vorne gewinnen kann. Im Pro Motocross bekam seine Saison allerdings einen Knick.

Zu Beginn der Meisterschaft stürzte er schwer und musste anschließend Rennen auslassen. Nach seiner Rückkehr erreichte er nicht mehr ganz das Niveau, das er zuvor im Supercross gezeigt hatte.

Tomac spricht das selbst an. „Zu Beginn der Motocross-Saison hatte ich diesen heftigen Crash und seitdem war ich nicht mehr ganz derselbe Fahrer.“

Dass dieser Sturz seinen Rücktritt ausgelöst hat, sagt Tomac nicht. Das wäre deshalb auch zu viel hineininterpretiert.

Nach 25 Jahren auf dem Motorrad und 17 Profisaisons dürfte so ein Crash mit 33 trotzdem anders im Kopf arbeiten als mit 19. „Es ist das Einzige, mit dem ich in den vergangenen 25 Jahren aufgewacht bin und das ich kannte. Aber ich würde nichts davon eintauschen.“

Tomac kennt beide Seiten dieses Sports. „Dieser Sport testet dich. Die Tiefpunkte sind wirklich tief, aber die Höhepunkte sind definitiv höher.“

Irgendwann reicht es möglicherweise einfach. Nur passt dazu eben nicht ganz, dass Tomac selbst noch vor Kurzem fest mit 2027 geplant hatte.

Vom Sieg beim Debüt bis ganz nach oben

Tomacs Profikarriere begann 2010 bei GEICO Honda – und gleich mit einer kleinen Sensation. Bei seinem ersten AMA-Pro-Motocross-Rennen in Hangtown gewann er die Gesamtwertung. „Ich habe mein erstes Pro-Rennen gewonnen. Das ergab irgendwie überhaupt keinen Sinn – mein erstes Pro-Rennen und ich gewinne es direkt. Das ist ein Moment, den ich nie vergessen werde.“

2012 gewann er die 250SX-West-Meisterschaft, ein Jahr später folgte der 250MX-Titel.

2016 wechselte Tomac zu Monster Energy Kawasaki. Dort holte er von 2017 bis 2019 drei 450MX-Meisterschaften in Folge. 2020 kam schließlich der erste 450SX-Titel dazu.

2022 ging er zu Monster Energy Yamaha Star Racing. Gleich im ersten Jahr mit Yamaha gewann er beide großen 450er-Meisterschaften. „Nach meiner ersten Supercross-Meisterschaft war für mich der nächste Schritt: Kann ich beide gewinnen? Und wir haben es geschafft.“

57 Siege in der 450SX-Klasse bringen Tomac auf Rang zwei der ewigen Supercross-Bestenliste. Dazu kommen 32 450MX-Gesamtsiege, vier 450MX-Meisterschaften und zwei 450SX-Titel.

2024 wurde er außerdem SX1-Weltmeister in der FIM World Supercross Championship. Sechsmal fuhr Tomac beim Motocross of Nations für die USA, 2022 führte er das Team in RedBud als Kapitän zum Sieg.

Seine letzte Saison bestreitet er nun mit KTM.

Harrison: Lieber mit Tomac als gegen ihn

KTM-Teammanager Ian Harrison kennt Tomac schon lange, allerdings verbrachte er die meisten dieser Jahre auf der anderen Seite. „Wenn Eli nicht in deinem Team war, dann hast du dir gewünscht, dass er es wäre, denn ansonsten musstest du gegen ihn kämpfen, wenn du gewinnen wolltest“, sagt Harrison.

Erst in diesem Jahr konnte er Tomac aus nächster Nähe erleben. Harrison hebt neben dessen Speed vor allem die Arbeitsmoral, Disziplin und den Sportsgeist hervor.

Nach 16 Jahren als Gegner hatte KTM Tomac damit ausgerechnet für dessen letzte Profisaison im eigenen Team. Zumindest nach aktuellem Stand.

Wird Tomac Opfer der Coenen-Brüder?

Tomacs Aussage über 2027 gibt seinem Rücktritt noch eine zweite Geschichte. Er wollte weitermachen. Red Bull KTM wäre seine Wahl gewesen. Gleichzeitig holt KTM Lucas und Sacha Coenen in die USA und bindet beide langfristig. Dazu stehen Jorge Prado und Julien Beaumer bereit.

Prado und Lucas Coenen auf der 450er, Beaumer und Sacha Coenen auf der 250er. Wo wäre Tomac in diesem Konstrukt gelandet?

Ein dritter 450er-Werksplatz wäre machbar gewesen. Aber mit einem zusätzlichen Motorrad allein ist es nicht getan. Personal, Budgets und Testprogramme spielen ebenso eine Rolle. Vor allem muss ein Hersteller entscheiden, mit welchen Fahrern er die nächsten Jahre bestreiten möchte.

Genau da könnte es für Tomac eng geworden sein.

Nicht weil er plötzlich zu langsam wäre. Das hat er mit seinen vier Supercross-Siegen in diesem Jahr selbst widerlegt. Aber Lucas Coenen wechselt 2027 direkt auf die 450er und landet damit genau in jener Klasse, in der auch Tomac hätte weitermachen wollen.

Als Tomac noch von 2027 sprach, war die endgültige KTM-Aufstellung womöglich noch nicht geklärt. Genauso kann der Entschluss zum Aufhören irgendwann danach allein bei ihm gereift sein. Nach 17 Profisaisons wäre das nicht schwer nachzuvollziehen.

Trotzdem stehen zwei Aussagen nebeneinander, die man nicht wegdiskutieren muss:

Tomac wollte 2027 fahren. KTM baut seine Zukunft mit Prado, Beaumer und den Coenen-Brüdern auf. Ob Tomac am Ende tatsächlich der Jugend weichen musste, wissen derzeit wohl nur er selbst und einige Leute bei KTM.