Jorge Prado: Ein Jahr später sieht die Welt komplett anders aus
Jorge Prado kann heute seinen ersten großen US Titel gewinnen. / Foto: Align Media
Jorge Prado brach 2025 mit Kawasaki, obwohl seine Zukunft in den USA zu diesem Zeitpunkt alles andere als geklärt war. Ein Jahr später führt er vor dem SMX-Finale die Meisterschaft an. Vielleicht zeigt gerade dieser Vergleich am besten, wie wenig seine erste US-Saison darüber ausgesagt hat, was Prado auf einer 450er in Amerika tatsächlich kann.
Der Unterschied ist ziemlich heftig. Vor zwölf Monaten war Prado an einem Punkt angekommen, an dem die Zusammenarbeit mit Monster Energy Kawasaki praktisch nicht mehr funktionierte. Die SMX-Playoffs bestritt er gar nicht mehr. Laut den Moderatoren des SMX Insider war Prado zu diesem Zeitpunkt nicht verletzt. Fahrer und Team hatten sich getrennt, obwohl noch keineswegs sicher war, ob für ihn anschließend ein Platz bei Red Bull KTM oder überhaupt ein anderer Deal bereitstehen würde.
Das war durchaus ein Risiko.
Denn Prado hatte 2025 in den USA längst nicht das gezeigt, was man von einem mehrfachen MXGP-Weltmeister erwartet hatte. Gerade im Pro Motocross waren die Abstände teilweise enorm. Prado selbst erinnert sich inzwischen daran, dass ihm draußen zeitweise rund sechs Sekunden auf die Spitze fehlten.
Heute gewinnt derselbe Fahrer Rennen.
Und genau deshalb bekommt die Geschichte im Rückblick eine andere Richtung.
„Sobald ich auf die KTM gestiegen bin, hat alles wieder gepasst“
Prado macht keinen großen Hehl daraus, welchen Unterschied der Wechsel zurück zu KTM für ihn gemacht hat. Im Gespräch mit SMX Insider beschreibt er zunächst, was die Saison 2025 mit ihm gemacht hatte. Ohne Rennen auf höchstem Niveau habe er Rhythmus und Intensität verloren. Der Weg zurück sei entsprechend schwierig gewesen.
Dann kam die KTM.
„Sobald ich auf meine KTM gestiegen bin, hat einfach wieder alles gepasst. Ich dachte: Okay, genau so habe ich das in Erinnerung. So muss sich ein Motorrad für mich anfühlen.“
Das ist eine ziemlich deutliche Aussage. Prado sagt damit nicht ausdrücklich, Kawasaki sei schuld an seinem schwierigen Jahr gewesen. Er beschreibt aber sehr klar, dass er auf der KTM sofort wieder ein Gefühl gefunden hat, das ihm zuvor offenbar gefehlt hatte. Bereits im November spulte er viele Supercross-Runden ab und arbeitete gemeinsam mit dem Team intensiv am Motorrad.
Die ersten Anzeichen waren schon beim Saisonauftakt zu erkennen. Prado stand in Anaheim auf dem Podium. Trotzdem fehlte noch etwas. Siege.
Denn genau daran musste sich Prado nach seinen eigenen Aussagen messen lassen. In seinen erfolgreichen MXGP-Jahren sprach er nicht davon, irgendwann vorne mitfahren zu wollen. Er ging ans Gate, um zu gewinnen.
Inzwischen ist dieses Selbstverständnis offenbar zurück.
„Diese Jungs sind nicht besser als ich“
Prado beschreibt im Interview einen Moment vor dem Start in Los Angeles, der ziemlich viel über seinen aktuellen Kopfzustand erzählt. 2023 und 2024 sei er bei einem guten Start häufig mit der Überzeugung ins Rennen gegangen, gewinnen zu können. Dieses Gefühl komme nun zurück.
„Ich stand hinter dem Gate und dachte: Wenn ich den Start bekomme, sind diese Jungs nicht besser als ich. Sie sind einfach nicht besser als ich. Ich kann das schaffen. Ich habe die Fitness, ich habe alles. Warum also nicht?“
Prado stürzte anschließend, machte Fehler – und gewann trotzdem. Für ihn ist genau das der Unterschied. Um ein Rennen auf diesem Niveau zu gewinnen, müsse vieles gleichzeitig passen: Motorrad, eigener körperlicher Zustand, Strecke und Vertrauen. In Los Angeles passte es.
Das ist weit entfernt von dem Prado, der ein Jahr zuvor seine Kawasaki-Zeit vorzeitig beendete.
Selbst die beiden SMX-Insider Jason Weigandt und Jason Thomas räumen ziemlich offen ein, dass sie seine damaligen Erklärungen nicht wirklich gekauft hatten. Thomas sagt, er habe Prado 2025 nicht geglaubt, dass die Situation derart schlecht gewesen sei, dass sie seine Ergebnisse entsprechend stark beeinflusst habe.
Ein Jahr später sieht er das anders. Sinngemäß: Prado hatte recht, wir lagen falsch.
Das ist bemerkenswert, weil Prado während seiner schwierigen Kawasaki-Zeit mit seinem Selbstvertrauen nicht gerade sparsam umging. Er blieb bei der Aussage, Rennen gewinnen zu können. Damals wirkte das angesichts seiner Ergebnisse teilweise ziemlich weit weg.
Jetzt kann er diese Aussagen erstmals in den USA regelmäßig auf der Strecke untermauern.
Die alte Prado-Sicherheit ist zurück
Vielleicht ist genau das momentan wichtiger als einzelne Rundenzeiten. Prado gewann das Pro-Motocross-Finale in Ironman und hat inzwischen zwei der vergangenen drei Rennen gewonnen. Vor dem SMX-Finale trägt er das Red Plate und führt die 450er-Wertung mit 16 Punkten Vorsprung an.
Die Rechnung für das Finale ist trotzdem nicht besonders gemütlich.
Durch die dreifache Punktevergabe reicht Prado ein dritter Gesamtrang sicher zum Titel. Fällt er auf Platz vier zurück, öffnet sich die Tür für seine direkten Verfolger. Haiden Deegan, Hunter Lawrence, Ken Roczen und Cooper Webb könnten dann mit einem Sieg noch an ihm vorbeiziehen.
Prado weiß deshalb auch, dass Verwaltungsmodus keine besonders gute Idee wäre.
„Mein Ziel bleibt dasselbe. Ich möchte rausgehen und gewinnen und hundert Prozent geben. Ich kann nächste Woche nicht antreten und versuchen, vorsichtig zu sein. Diese Jungs sind schnell. Ich muss selbst bei hundert Prozent sein.“
Ganz unbelastet geht er allerdings nicht ins Finale. In Los Angeles kam Prado bei einem Quad zu kurz und stauchte sich dabei das Handgelenk. Gleichzeitig bekam er einen heftigen Schlag über die Sitzbank in den unteren Rücken. Während des Rennens hielt ihn das nicht entscheidend auf, Prado rechnete aber damit, die Folgen nach dem Abklingen des Adrenalins deutlicher zu spüren. Für die ersten Tage vor dem Finale wollte er deshalb etwas Tempo aus seinem Programm nehmen.
War Kawasaki also das Problem?
Ganz so einfach lässt sich die Geschichte nicht auflösen. Was sich aber kaum beiseitewischen lässt: Derselbe Fahrer, der 2025 im Pro Motocross teilweise mehrere Sekunden pro Runde verlor und die Zusammenarbeit mit Kawasaki schließlich vorzeitig beendete, gewinnt 2026 auf KTM Rennen und fährt um den SMX-Titel.
Prado selbst beschreibt den Unterschied über das Gefühl auf dem Motorrad. Sobald er wieder auf der KTM saß, habe es „geklickt“. Das ist keine technische Analyse der Kawasaki und auch kein Beweis dafür, dass allein das Motorrad seine Probleme verursacht hat.
Aber es erklärt zumindest besser, warum Prado damals trotz schwacher Ergebnisse so hartnäckig an seiner eigenen Einschätzung festhielt. Er glaubte offenbar tatsächlich, dass der Fahrer, der in Europa Weltmeisterschaften gewonnen hatte, noch da war.
Ein Jahr später muss er das nicht mehr nur behaupten.
Beim SMX-Finale bekommt er nun die Gelegenheit, seine ziemlich ungewöhnliche Reise von der vorzeitigen Kawasaki-Trennung bis zum Red Plate mit einem Titel zu beenden. Und anders als noch vor zwölf Monaten dürfte kaum jemand darüber lachen, wenn Jorge Prado sagt, dass er ans Gate rollt, um zu gewinnen.
