Ken Roczen vor der vielleicht schwersten Entscheidung seiner Karriere
Ken Roczen beim zweiten Playoff der SMX Saison 2026. / Foto: PMG
Ken Roczen weiß noch immer nicht, ob er 2027 weitermacht. Dabei fehlt es ihm weder an einem Motorrad noch an Konkurrenzfähigkeit. Die eigentliche Frage ist inzwischen eine andere: Will er sich noch einmal auf alles einlassen, was eine komplette Saison verlangt?
Im Gespräch mit Jonny Hopper vor dem SMX-Finale sprach Roczen ungewöhnlich offen über genau diese Frage. Ruhestand sei kein Gedanke, der erst in den vergangenen Wochen aufgekommen ist. Das Thema begleite ihn bereits seit Jahren. Immer wieder habe es Phasen gegeben, in denen er mit sich selbst gehadert und sich nicht gut gefühlt habe. Dann wurde aus dem Gedanken ans Aufhören etwas sehr Reales.
Und trotzdem machte er weiter. Noch ein Jahr. Und noch eins.
Dass die Diskussion um seine Zukunft von außen teilweise plötzlich wirkt, kann Roczen deshalb nachvollziehen. Intern beschäftigt ihn die Sache schon deutlich länger.
2026 hat die Entscheidung nicht unbedingt einfacher gemacht.
Denn Roczen erreichte ausgerechnet in einer Phase seiner Karriere noch einmal etwas, das ihm sehr viel bedeutet: einen Titel. Er beschreibt einen Moment aus den vergangenen Jahren, als er mit seiner Frau darüber sprach, wie es sich anfühlen würde, noch einmal Champion zu werden.
Damals erschien ihm dieses Ziel weit entfernt. „Ich dachte: Wenn ich morgen aufwachen könnte, alles wäre vorbei und ich hätte diesen Titel, dann wäre ich wahrscheinlich fertig. Dafür habe ich so lange gearbeitet.“
Inzwischen hat er diesen Titel.
Roczen spricht davon, dass damit eine gewaltige Last von seinen Schultern gefallen sei. Eigentlich könnte genau das der perfekte Zeitpunkt sein, um aufzuhören. Gleichzeitig ist da aber weiterhin der Rennfahrer Ken Roczen.
Und der kann offenbar nicht einfach ein bisschen weitermachen.
Ein paar Rennen? Für Roczen keine wirkliche Option
Von außen klingt ein reduziertes Programm ziemlich verlockend. Ein paar ausgewählte Supercross-Rennen, vielleicht einzelne Starts und ansonsten deutlich weniger Belastung.
Roczen hält davon wenig.
„Entweder gehe ich den ganzen Weg oder gar nicht.“
Selbst für ein oder zwei Rennen würde er sich nach eigener Aussage genauso intensiv vorbereiten wie für eine komplette Saison. Einfach auftauchen und ein bisschen mitfahren entspricht nicht seinem Anspruch.
Das erklärt auch, warum ihm die Entscheidung so schwerfällt. Wer Roczens Aussagen nur auf die Frage reduziert, ob er noch schnell genug ist, verpasst den entscheidenden Punkt.
Er weiß, was ein weiteres Jahr bedeutet.
Es geht nicht um 17 Samstage Supercross oder einzelne Rennwochenenden. Mit der Entscheidung für 2027 hängen Monate an Vorbereitung, Tests, Training, Reisen und der ständige Anspruch, vorne mitzufahren. Roczen sagt selbst, dass er mit dieser langfristigen Verpflichtung gerade Probleme hat.
„Sobald du dich dafür entscheidest, bist du für Monate über Monate drin. Es geht nicht nur um ein Wochenende, zwei Rennen oder ein paar Veranstaltungen.“
Deshalb wollte er zunächst die drei SMX-Rennen fahren, bevor er sich festlegt. Doch selbst unmittelbar vor dem Finale ist die Antwort offenbar noch nicht da. Roczen lebt nach eigener Aussage momentan eher von Tag zu Tag und möchte erst zusagen, wenn er sich wirklich sicher ist.
Suzuki wartet ebenfalls
Ganz unbegrenzt kann Roczen die Entscheidung allerdings nicht vor sich herschieben. Das weiß er selbst.
Denn seine Entscheidung betrifft nicht nur ihn. Auch HEP Suzuki muss für 2027 planen. Fahrer, Budget, Testprogramm und die Vorbereitung auf die neue Saison hängen daran, ob die Startnummer 1 wieder auf der Suzuki stehen wird.
Roczen spricht genau diesen Punkt selbst an. „Ich weiß, dass diese Frage real ist, weil das Team planen muss. Ich muss irgendwie auch einen Plan haben. Und ehrlich gesagt habe ich mich vor dieser Frage gedrückt.“
Das klingt nicht nach einem Fahrer, der innerlich längst aufgehört hat und nur noch den richtigen Moment für die Bekanntgabe sucht.
Es klingt aber genauso wenig nach jemandem, der schon entschieden hat, im Januar wieder am Gate zu stehen. Und vielleicht liegt genau darin der Unterschied.
Nicht der Speed entscheidet
Bei einem Fahrer am Ende seiner Karriere wird schnell darüber diskutiert, ob er noch schnell genug ist. Bei Roczen scheint das momentan nicht die entscheidende Baustelle zu sein.
Er fährt weiterhin auf einem Niveau, auf dem er sich mit der Spitze messen kann. Viel wichtiger ist offenbar, ob er bereit ist, dafür noch einmal sein komplettes Leben auf Rennsport zu stellen.
Halbe Sachen gibt es für ihn nicht.
Das macht auch die oft genannte Variante eines Abschiedsjahres mit reduziertem Programm schwierig. Ein bisschen Supercross, ein paar ausgewählte Rennen und ansonsten langsam ausrollen – genau dieses Modell schließt Roczen in seinen Aussagen praktisch aus.
Entweder noch einmal richtig. Oder Schluss.
Nach dem SMX-Finale fällt zudem ein Argument weg, mit dem Roczen die Entscheidung bisher noch etwas aufschieben konnte. Er wollte diese drei Rennen fahren und anschließend sehen, wie es sich anfühlt.
Jetzt hat er sie gefahren.
Damit wartet nicht nur Suzuki auf seine Antwort. Roczen selbst muss entscheiden, ob der Titel von 2026 der Schlusspunkt unter eine außergewöhnliche Karriere war – oder der Grund, die Nummer 1 im kommenden Jahr noch einmal ans Startgatter zu bringen.
