David Luongo: Liegt die Zukunft der MXGP in Asien?

Infront Moto Racing CEO David Luongo sieht die Zukunft der MXGP in China

Infront Moto Racing CEO David Luongo sieht die Zukunft der MXGP in China. / Foto: Ray Archer

Wird China für die Motocross-WM bald genauso wichtig wie die traditionellen europäischen Märkte? Nach dem Grand Prix in Shanghai und den Aussagen von Infront-Chef David Luongo beim Saisonfinale in Darwin wirkt diese Frage jedenfalls nicht mehr weit hergeholt.

Luongo war dort zu Gast in der offiziellen MXGP Studio Show, geführt von Paul Malin und Lisa Leyland. Zunächst ging es um die Saison 2026, Jeffrey Herlings’ sechsten WM-Titel, das MX2-Finale und die bevorstehende Motocross of Nations. Als das Gespräch auf den provisorischen Kalender für 2027 und die beiden chinesischen Grands Prix kam, wurde Luongo allerdings ziemlich deutlich.

Wir haben erst vor einer Woche selbst gesehen, welchen Aufwand die Chinesen rund um den Grand Prix in Shanghai betreiben. Große Tribünen, eine auf Motocross zugeschnittene Infrastruktur und ein Rahmenprogramm, das mit einem klassischen europäischen GP nur noch bedingt vergleichbar ist.

Auch bei Luongo hat Shanghai Eindruck hinterlassen. „In Shanghai haben wir Anlagen gesehen, wie wir sie meiner Meinung nach in der Motocross-Welt noch nie gesehen haben.“

Dabei zieht er einen interessanten Vergleich zu Darwin und Assen. Dort wird Motocross in bestehende Motorsportanlagen integriert. In Shanghai dagegen wurde die Infrastruktur gezielt rund um die Motocross-Strecke aufgebaut.

Und 2027 soll dieses Modell nicht mehr auf Shanghai beschränkt bleiben.

Zwei China-GPs sind erst der Anfang

Mit Shanghai am 2. Mai und Ziyang am 11. und 12. September bekommt China 2027 erstmals zwei Läufe zur Motocross-Weltmeisterschaft.

Ganz überraschend kam diese Entwicklung für uns nicht. Bereits kurz nach dem diesjährigen China-GP hatten wir die Möglichkeit eines zweiten chinesischen Grand Prix für den damals noch offenen September-Termin ins Spiel gebracht. Zu diesem Zeitpunkt deuteten die Informationen zunächst auf Chongqing hin. Wenig später verdichtete sich die Spur in Richtung Ziyang, inzwischen ist der zweite China-GP offiziell bestätigt.

Nach Luongos Aussagen soll dort ein ähnlicher Weg wie in Shanghai eingeschlagen werden. Der zweite Grand Prix hängt für ihn unmittelbar mit der Entwicklung des chinesischen Motorradmarktes zusammen. Doch bei zwei Veranstaltungen bleibt es nicht. Gleichzeitig drängen chinesische Hersteller in die Weltmeisterschaft.

Mit KOVE und ZXMOTO sind zwei Namen für 2027 bereits bekannt.

Luongo ließ in der Studio Show allerdings einen kleinen Nebensatz fallen, bei dem man durchaus hellhörig werden darf. „Im nächsten Jahr kommen auch Hersteller in die Weltmeisterschaft. Normalerweise zwei, aber vielleicht drei.“

Zwei können wir abhaken. Der dritte fehlt.

Mehr verrät Luongo nicht. Kein Herstellername, kein Hinweis darauf, wie weit mögliche Gespräche fortgeschritten sind. Daraus jetzt einen Kandidaten zu basteln, wäre reine Spekulation. Interessant ist trotzdem, dass der CEO von Infront Moto Racing diese Möglichkeit überhaupt öffentlich erwähnt.

Wie ernst meint Luongo den Blick nach Asien?

Die vielleicht wichtigere Aussage folgt direkt danach. „Die große Zukunft des Motocross liegt ganz klar auf der asiatischen Seite. Deshalb bauen wir unsere Präsenz dort aus.“

Das ist kein Satz irgendeines Teammanagers, der gerade versucht, einen neuen Sponsor aus China zu gewinnen. Luongos Unternehmen organisiert und vermarktet die Motocross-Weltmeisterschaft und hat erheblichen Einfluss darauf, wo die MXGP in den kommenden Jahren fährt.

Entsprechend kann man in diese Aussage durchaus etwas hineininterpretieren.

China bekommt zwei Grands Prix. KOVE und ZXMOTO kommen in die Weltmeisterschaft. Dazu steht eine Motorradindustrie dahinter, die international immer selbstbewusster auftritt und Motorsport zunehmend als Bühne nutzt.

Shanghai hat gleichzeitig gezeigt, dass man dort bereit ist, beim Thema Infrastruktur ordentlich aufzufahren. Für Infront kommt damit einiges zusammen: Veranstalter, Hersteller, ein großer Motorradmarkt und offenbar der politische sowie wirtschaftliche Wille, internationale Veranstaltungen ins Land zu holen. Das erklärt, warum Luongo die Präsenz dort ausbauen möchte.

Ob daraus langfristig tatsächlich eine Verschiebung des MXGP-Schwerpunkts nach Asien entsteht, ist allerdings eine andere Sache.

Der Nachwuchs kommt weiterhin aus Europa

Denn wenn Luongo über die sportliche Basis der Weltmeisterschaft spricht, landet er ziemlich schnell wieder in Europa.

Die EMX125 und EMX250 bezeichnet er als Grundlage des Systems. Die heutigen Champions seien durch diese Klassen gekommen, gleichzeitig verweist er auf Rekordstarterzahlen in beiden Kategorien. „Die Europameisterschaften sind die Basis unseres Sports. Ohne sie hätten wir die Champions, die wir heute haben, nicht.“

Das klingt zunächst fast gegensätzlich zu seiner Aussage über die Zukunft in Asien. Muss es aber nicht sein.

Infront kann neue Märkte erschließen und zusätzliche Hersteller in die WM holen, während die Fahrerpyramide weiterhin überwiegend in Europa funktioniert. Schließlich lässt sich eine über Jahrzehnte gewachsene Nachwuchsstruktur nicht einfach innerhalb weniger Jahre nach China verpflanzen.

Luongo führt Spanien als Beispiel dafür an, wie lange solche Entwicklungen brauchen. Der spanische Verband habe über Jahre in junge Fahrer investiert. Mittlerweile zeigen sich die Ergebnisse in WMX, MX2 und MXGP.

Gerade dieser Punkt dürfte auch für die chinesischen Hersteller interessant werden. Ein Motorrad in die Weltmeisterschaft zu stellen, geht vergleichsweise schnell. Eigene Fahrer auf dieses Niveau zu bringen, ist eine völlig andere Aufgabe.

ZXMOTO-Chef Zhang Xue hatte in Shanghai bereits erklärt, dass junge chinesische Fahrer für eine ernsthafte internationale Entwicklung nach Europa oder in die USA müssen. Sein Ziel, irgendwann einen chinesischen Fahrer bis an die Weltspitze zu bringen, ist deshalb eher ein langfristiges Projekt.

Triumph zeigt, was ein neuer Hersteller erreichen kann

Wie schnell sich dagegen ein neues Motorradprojekt sportlich etablieren kann, erlebt die MXGP gerade mit Triumph.

2024 standen die Briten erstmals in der MX2-Weltmeisterschaft am Start. Nur drei Jahre später gehen Guillem Farres und Camden McLellan als Erster und Zweiter der WM in das Saisonfinale. Einer von beiden wird Triumphs ersten MX2-Weltmeistertitel holen.

Luongo sieht darin keinen Zufall. Er verweist auf die Mannschaft hinter dem Projekt und auf die Erfahrung der Verantwortlichen, die zuvor bereits mit Kawasaki gearbeitet hatten.

Für ihn haben Triumph und später Ducati der Weltmeisterschaft zwei große Marken gebracht. Dass Triumph nun bereits um den Titel fährt, sei das Ergebnis der Arbeit, die in dieses Projekt gesteckt wurde.

Das Beispiel dürfte bei Infront durchaus Lust auf mehr machen.

Denn genau an diesem Punkt stehen KOVE und ZXMOTO jetzt. Der Einstieg allein bringt der Weltmeisterschaft zunächst zwei weitere Markenlogos im Fahrerlager. Wie ernst diese Projekte tatsächlich zu nehmen sind, zeigt sich erst, wenn die Motorräder am Startgatter stehen.

Triumph hat vorgemacht, dass der Weg nach vorne erstaunlich kurz sein kann, wenn Motorrad, Fahrer und Teamstruktur passen.

Shanghai und Foxhills – zwei völlig unterschiedliche Welten

Spannend ist zum Schluss, welche Veranstaltungen Luongo als seine persönlichen Überraschungen der Saison 2026 nennt. Eine davon ist wenig überraschend Shanghai. Die moderne Infrastruktur und die eigens für Motocross entstandene Anlage haben ihn beeindruckt. Auch die Strecke selbst sei bei den Fahrern gut angekommen.

Seine zweite Wahl könnte kaum unterschiedlicher sein: Foxhills. Eine traditionsreiche britische Naturstrecke, volle Zuschauerhänge und eine Atmosphäre, die eher daran erinnert, woher Grand-Prix-Motocross kommt. Luongo sieht die Rückkehr dorthin als wichtigen Schritt für den britischen Markt. Die Fans hätten offensichtlich darauf gewartet, dass die Weltmeisterschaft wieder nach Foxhills kommt.

Vielleicht beschreiben gerade diese beiden Rennen ziemlich gut, wohin Infront mit der MXGP möchte.

Foxhills steht für das, was die Weltmeisterschaft nicht verlieren darf. Shanghai zeigt dagegen, wo Infront neue Möglichkeiten sieht.

2027 fährt die MXGP zweimal in China. Mindestens zwei chinesische Hersteller sollen gleichzeitig in die Weltmeisterschaft einsteigen. Und der Mann an der Spitze von Infront Moto Racing spricht öffentlich davon, dass die große Zukunft des Sports in Asien liege.

Das muss nicht bedeuten, dass sich die MXGP plötzlich von Europa wegbewegt. Aber China ist längst mehr als der eine Übersee-GP, den man einmal im Jahr in den Kalender schiebt.

Und dann bleibt da noch Luongos kleines „vielleicht drei“ bei den neuen Herstellern.