Triumph vor dem ersten WM-Titel: Vom Neuling zur MX2-Macht

Zwischen den beiden Triumph Factory Piloten Guillem Farres und Camden McLellan wird der MX2 WM Titel 2026 entschieden

Zwischen den beiden Triumph Factory Piloten Guillem Farres und Camden McLellan wird der MX2 WM Titel 2026 entschieden. / Foto: Ray Archer

Wie schafft es ein Hersteller, innerhalb von nicht einmal drei Jahren vom MX2-Neuling zum möglichen Weltmeister zu werden? Triumph steht in Darwin unmittelbar vor der Antwort. Guillem Farres und Camden McLellan belegen vor dem Saisonfinale die ersten beiden Plätze der Weltmeisterschaft. Einer von ihnen wird den Titel holen – und damit einen ziemlich besonderen noch dazu.

Es wäre nicht nur der erste MX2-WM-Titel für Triumph. Nach Aussage von Ian Kimber, Head of Global Motorsport bei Triumph, wäre es der erste Weltmeistertitel der Marke in einer Motorsport-Weltmeisterschaft überhaupt.

Als Triumph im März 2024 erstmals bei einem MXGP am Start stand, war das noch ziemlich weit weg. Das Projekt selbst war allerdings schon deutlich älter.

Ohne Rennsport hätte das Projekt wenig Sinn ergeben

Die ersten Überlegungen für eigene Offroad-Motorräder reichen, laut Kimber bis ungefähr 2018 zurück. Er arbeitete damals im Engineering, als ihn Triumphs Chief Product Officer Steve Sargent in das Projekt holte.

Dabei ging es zunächst nicht darum, möglichst schnell ein Werksteam aufzubauen. Triumph musste überhaupt erst verstehen, was nötig ist, um als neuer Hersteller im Motocross ernst genommen zu werden.

Bei einem Straßenmotorrad kann man ein neues Modell entwickeln, präsentieren und anschließend über Tests und Kunden aufbauen. Bei einem Crosser ist die Sache schwieriger. Das Motorrad wird letztlich dafür gebaut, am Wochenende ans Startgatter geschoben zu werden.

Genau deshalb gehörte der Rennsport für Triumph von Anfang an zum Entwicklungsprogramm. „Es ging nicht nur darum, das Produkt zu entwickeln. Der Rennsport musste Hand in Hand damit gehen, weil wir im Grunde ein Serien-Rennmotorrad bauen. Man muss Rennen fahren, um das Produkt zu beweisen und den Leuten zu zeigen, dass es konkurrenzfähig ist.“

Der Einstieg in die MX2-Weltmeisterschaft war damit nicht das Schaufenster für ein fertiges Produkt. Er war Teil der Entwicklung.

Das ist ein Unterschied, der bei der heutigen Erfolgsbilanz leicht untergeht.

Beim ersten GP direkt auf dem Podium

Am 9. März 2024 wurde aus jahrelanger Entwicklungsarbeit schließlich ein WM-Projekt. Triumph trat in Argentinien erstmals mit der TF 250-X in der MX2 an. Die Nervosität war entsprechend groß. Kimber erinnert sich im Gespräch mit Paul Malin und Lisa Leyland noch daran, wie er den Auftritt zu Hause über MXGP-TV verfolgte – beim Abwasch in seiner Küche.

Viel Zeit zum vorsichtigen Eingewöhnen ließ der damilge MX2-Pilot Mikkel Haarup seinem neuen Arbeitgeber nicht. Gleich beim ersten Grand Prix stellte er die Triumph aufs Podium. Damit war zumindest eine Frage ziemlich schnell beantwortet: Das Motorrad konnte auf WM-Niveau mithalten.

Überbewerten wollte Kimber diesen Einstieg trotzdem nicht. Hinter dem Ergebnis steckte bereits eine lange Vorbereitung mit Entwicklung am Serienmotorrad, am Racebike und innerhalb des Teams. Triumph wollte beim Einstieg Eindruck hinterlassen. Dass gleich ein Podium daraus wurde, überraschte trotzdem selbst intern.

Zweieinhalb Jahre später wirken die damaligen Erwartungen beinahe bescheiden.

Farres und McLellan machen aus Podien Siege

2026 hat Triumph den nächsten Schritt gemacht. Und zwar keinen kleinen. Vor dem Finale standen 20 Laufsiege, zehn GP-Siege und 25 Podiumsplätze für die beiden Triumph-Piloten zu Buche. Farres führte die Weltmeisterschaft mit 48 Punkten Vorsprung vor McLellan. Der Titel kann damit nur noch innerhalb des eigenen Teams wechseln.

Der Unterschied zu 2024 liegt aber nicht nur beim Motorrad.

Kimber sieht einen wesentlichen Teil der Entwicklung bei den Fahrern selbst. McLellan ist seit Beginn des Projekts dabei, Farres kam hinzu, beide trainieren und leben zusammen und haben eine Arbeitsweise entwickelt, die über das normale Verhältnis zweier Teamkollegen hinausgeht.

Auf der Strecke ist das teilweise zu erkennen. Im Training und Qualifying arbeiten beide zusammen, suchen Rundenzeiten und profitieren voneinander.

Dahinter stehen Teamführung, Mechaniker, Training und das Werk. Kimber verweist dabei unter anderem auf Thierry Chizat-Suzzoni, Vincent Bereni und Clément Desalle, aber auch auf jene Leute im Hintergrund, die Teile entwickeln und dafür sorgen, dass Änderungen überhaupt am Motorrad ankommen.

Das klingt zunächst nach der klassischen Antwort, dass ein Erfolg nur gemeinsam möglich sei. Bei Triumph liefert die Entwicklung der vergangenen drei Jahre dafür allerdings ein ziemlich gutes Argument.

Ein schneller Fahrer kann ein neues Motorrad aufs Podium stellen. Zwei Fahrer auf den ersten beiden Plätzen einer Weltmeisterschaft deuten eher darauf hin, dass das Gesamtpaket funktioniert.

Foxhills war mehr als nur ein weiterer Sieg

Besonders deutlich wurde das beim britischen Grand Prix in Foxhills. Farres gewann vor dem Heimpublikum von Triumph und übernahm das Red Plate. Für einen britischen Hersteller, der erst zwei Jahre zuvor in die Weltmeisterschaft eingestiegen war, hatte dieser Moment eine andere Bedeutung als irgendein weiterer GP-Sieg.

Auch Kimber macht keinen großen Versuch, das kleinzureden. „Ich habe nicht geweint, ehrlich.“ Der Satz sagt eigentlich genug. Triumph hatte sein neues Offroad-Projekt jahrelang hinter verschlossenen Türen aufgebaut, war 2024 in die Weltmeisterschaft eingestiegen und stand nun beim Heim-GP mit dem Red Plate da.

In Darwin könnte aus dieser Entwicklung nun der erste WM-Titel werden.

Der Titel soll nicht das Ende des Projekts sein

Interessant wird es bei Kimber allerdings dann, wenn das Gespräch bereits über den möglichen Titel hinausgeht. Denn Triumph betrachtet 2026 offenbar nicht als Zielpunkt. Der nächste Schritt steht längst fest: 2027 geht es in die MXGP-Klasse.

Und dort werden die Karten neu gemischt.

Kimber erwartet nicht, dass Triumph im ersten Jahr sofort um den MXGP-WM-Titel fährt. Diese Erwartung formuliert er sogar ungewöhnlich deutlich. „Erwarten wir, dass wir nächstes Jahr gleich rausgehen und die Weltmeisterschaft gewinnen? Nein, absolut nicht.“

Nach der Entwicklung in der MX2 könnte man schnell auf die Idee kommen, die gleiche Kurve für die 450er einfach weiterzuzeichnen. Ganz so einfach funktioniert Motocross aber nicht. Die MXGP ist eine andere Baustelle. Das Motorrad muss sich erst unter Rennbedingungen beweisen, und Triumph beginnt dort trotz aller Erfahrungen aus der MX2 mit einem neuen Projekt.

Ganz von vorne beginnt man allerdings auch nicht mehr.

Haarup kehrt zurück, McLellan bleibt in der MX2

Für 2027 bestätigt Kimber gleichzeitig einen Teil der Fahrerstruktur. Mikkel Haarup kehrt in die Weltmeisterschaft zurück und soll gemeinsam mit Guillem Farres arbeiten. Camden McLellan bleibt ein weiteres Jahr in der MX2.

Gerade Haarup ist dabei eine schöne Verbindung zum Anfang der Geschichte. Er war derjenige, der Triumph beim ersten WM-Auftritt sofort aufs Podium stellte. Nun soll er beim nächsten Schritt wieder eine Rolle spielen. Wie gut Triumph den Sprung in die MXGP hinbekommt, lässt sich daraus noch nicht ableiten. Aber die Ausgangslage ist eine völlig andere als 2024. Damals musste Triumph beweisen, dass die TF 250-X überhaupt gegen KTM, Husqvarna, GASGAS, Yamaha, Honda und Kawasaki bestehen kann. Heute steht die Marke mit beiden Fahrern an der Spitze der MX2-WM.

Der mögliche Titel in Darwin wäre deshalb nicht nur der größte Erfolg des bisherigen Projekts. Er wäre gleichzeitig der Punkt, an dem Triumph zeigen muss, ob aus dem schnellen Aufstieg etwas Dauerhaftes werden kann.

Kimber bringt diesen Anspruch ziemlich schlicht auf den Punkt: „Es bringt nichts, das nur ein Jahr zu schaffen. Wir müssen es wieder tun.“