MXGP of China: Wenn Motocross plötzlich ganz anders aussieht

Cosplay gehört beim MXGP in China einfach dazu

Cosplay gehört beim MXGP in China einfach dazu. / Foto: Ralph Marzahn

Braucht ein Motocross-Grand-Prix in Asien wirklich das gleiche Drumherum wie in Europa? Wer beim MXGP of China in Shanghai einmal nicht nur auf die Strecke geschaut hat, bekam darauf einige interessante Antworten.

Dabei geht es gar nicht darum, China nach einem Wochenende zum neuen Maßstab für die MXGP zu erklären. Dafür unterscheiden sich die Veranstaltungen, Strecken und Voraussetzungen viel zu stark. Auffällig war vielmehr, wie anders dieser Grand Prix aufgezogen wurde.

Das beginnt schon bei den Dimensionen. Die Tribünen rund um die Strecke bieten Platz für insgesamt 50.000 Zuschauer. Dazu kommen zahlreiche große Videowände, über die sich das Renngeschehen auch dann verfolgen lässt, wenn die Fahrer gerade auf einem Streckenabschnitt unterwegs sind, den man vom eigenen Platz nicht sehen kann.

Und spätestens wenn in einer Rennpause chinesische Sänger neben humanoiden Robotern auf der Bühne stehen, wird klar, dass man in Shanghai unter einem Motocross-Event etwas mehr versteht als nur das, was zwischen Startgatter und Zielflagge passiert.

50.000 Plätze – und die Zuschauer können dem Rennen folgen

Wer regelmäßig bei europäischen Grands Prix unterwegs ist, kennt das Problem. Man sucht sich einen guten Platz, sieht vielleicht zwei oder drei interessante Passagen und bekommt vom Rest der Runde wenig mit. Der erfahrene Fan hat das Livetiming auf dem Smartphone geöffnet und kann sich zusammenreimen, was auf der anderen Seite der Strecke passiert.

Für jemanden, der zum ersten Mal bei einem Motocrossrennen ist, funktioniert das deutlich schlechter.

In Shanghai wurde dieses Problem mit den vielen großen Bildschirmen ziemlich konsequent angegangen. Man konnte das Geschehen unmittelbar vor der eigenen Tribüne beobachten und gleichzeitig verfolgen, was auf dem restlichen Kurs passierte.

Gerade in China, wo die MXGP noch dabei ist, sich ein größeres Publikum aufzubauen, ergibt das Sinn. Man kann schließlich nicht davon ausgehen, dass jeder Besucher weiß, wer das Red Plate trägt, welche Fahrer gerade um eine Position kämpfen oder weshalb plötzlich Bewegung auf der Tribüne entsteht, obwohl das entsprechende Duell irgendwo auf der anderen Seite der Strecke stattfindet.

Die Kombination aus großen Tribünen und Videowänden macht aus dem Rennen eine Veranstaltung, die sich auch von einem festen Platz aus verfolgen lässt. Und genau das dürfte für neue Zuschauer wichtiger sein, als wir eingefleischten Motocross-Fans manchmal glauben.

Cosplay, Sänger und humanoide Roboter

Anders sieht der China-GP auch dort aus, wo gerade kein Motorrad fährt.

An den Ständen verschiedener Brands gehören junge Frauen in teilweise aufwendig gestalteten Cosplay-Outfits ganz selbstverständlich zum Bild. Was für einen Besucher aus dem europäischen Motocross-Fahrerlager zunächst ungewohnt aussieht, fügt sich vor Ort ziemlich schnell in die Veranstaltung ein.

Die Präsentation der Marken beschränkt sich hier eben nicht auf Motorräder, Merchandising und ein paar Aufsteller. An den Ständen soll etwas passieren, die Besucher bleiben stehen, machen Fotos und beschäftigen sich auch zwischen den Rennen mit dem, was rund um die Strecke geboten wird.

In den Rennpausen setzt sich dieses Konzept fort.

Während bei manchem europäischen Grand Prix hauptsächlich Musik aus den Lautsprechern läuft und der Streckensprecher versucht, die Zeit bis zum nächsten Start zu überbrücken, wird in Shanghai ein richtiges Unterhaltungsprogramm geboten. Mit Xu-Yang Yuzhuo und BrAnTB Bai Jingyi standen unter anderem chinesische Sänger auf der Bühne und gaben ihr Bestes.

Daneben wurden humanoide Roboter platziert die sich zum Takt der Musik bewegten.

Spätestens bei diesem Anblick versteht man, was mit „anders“ gemeint ist. Ein paar hundert Meter weiter stehen die MX2- und MXGP-Werksmotorräder im Fahrerlager, während auf der Bühne chinesische Popkultur und moderne Technik aufeinandertreffen.

Für die Zuschauer ist das Rennen offensichtlich nur ein Teil des Tages. Auch zwischen den Motos soll etwas passieren.

Man muss davon nicht alles nach Europa kopieren. Aber wer sich fragt, wie man aus einem Motocrossrennen eine Veranstaltung macht, bei der auch Familien und Besucher ohne jahrzehntelange MX-Vorgeschichte einen kompletten Tag verbringen können, findet in Shanghai durchaus ein paar interessante Ansätze.

Jung, freundlich – und das Smartphone übersetzt mit

Mindestens genauso auffällig war die Zahl der Helfer. Gefühlt standen sie an jeder Ecke. An Eingängen, Übergängen, Tribünen und in den verschiedenen Bereichen der Anlage waren zahlreiche Mitarbeiter unterwegs. Bemerkenswert war dabei vor allem, wie jung viele von ihnen waren.

Und wie freundlich.

Natürlich gab es eine Sprachbarriere. Nicht jeder der Helfer sprach Englisch und mit unseren Chinesischkenntnissen kommt man ebenfalls nicht besonders weit. Zum Problem wurde das erstaunlich selten.

Gesprochen wurde dann eben über das Smartphone.

WeChat oder andere Übersetzungs-Apps waren dabei ständig im Einsatz. Eine Frage wurde eingesprochen oder eingetippt, das Telefon übersetzte ins Chinesische und die Antwort kam auf dem gleichen Weg zurück. Gerade die jungen Helfer gingen damit völlig selbstverständlich um.

Was vor der Reise vielleicht noch nach einem möglichen Problem klingt, spielte deshalb vor Ort kaum eine Rolle. Manchmal dauerte eine Unterhaltung ein paar Sekunden länger, aber am Ende wusste jeder, was der andere wollte.

Auch das gehört zu den kleinen Dingen, die von Shanghai hängen bleiben. Die Sprachbarriere war natürlich vorhanden. Im Alltag auf dem Veranstaltungsgelände war sie aber wesentlich kleiner, als man zunächst vermuten würde.

Vor allem musste man selten lange jemanden suchen. Wenn etwas unklar war, stand meistens schon ein Helfer in der Nähe. Die große Zahl an Mitarbeitern wirkte deshalb nicht wie Personal, das lediglich irgendwo abgestellt worden war. Sie sorgte tatsächlich dafür, dass die Veranstaltung erstaunlich reibungslos ablief.

Viel Polizei, ohne dass es sich danach anfühlt

Nicht übersehen konnte man auch die zahlreichen Security- und Polizeikräfte. Die Sicherheitspräsenz beim MXGP of China war hoch. An vielen Stellen standen Beamte oder Security-Mitarbeiter, Zugänge wurden kontrolliert und es war jederzeit offensichtlich, dass das Thema ernst genommen wurde.

Trotzdem kam zu keinem Zeitpunkt ein ungutes Gefühl auf.

Und hier fällt der Unterschied zu manchen Veranstaltungen in Europa auf. Wer beispielsweise regelmäßig in Frankreich unterwegs ist, kennt ein anderes Bild. Massive Betonsperren an Zufahrten und schwer bewaffnete Soldaten gehören dort bei größeren Veranstaltungen teilweise zum Sicherheitskonzept.

Dafür gibt es Gründe und unterschiedliche Bedrohungslagen lassen sich ohnehin nicht einfach miteinander vergleichen. Als Besucher nimmt man die Wirkung trotzdem wahr.

Auch in Shanghai war die Sicherheit allgegenwärtig. Sie drängte sich aber nicht ständig in den Vordergrund. Viel Personal war sichtbar, ohne dass dadurch der Eindruck entstand, man bewege sich durch einen Hochsicherheitsbereich.

Das ist keine Aussage darüber, welches Konzept besser oder schlechter ist. Dafür wäre ein Wochenende bei einem Motocrossrennen die falsche Grundlage. Es ist schlicht unsere Beobachtung vor Ort: Trotz der großen Zahl an Polizei und Security fühlte sich die Veranstaltung entspannt an.

China will mehr als nur einen Grand Prix

Dass hinter dem MXGP of China inzwischen mehr steckt als ein einzelner Übersee-GP, wurde rund um das Wochenende ebenfalls deutlich. Shanghai steht für 2027 bereits wieder im Kalender. Am 2. Mai soll die Motocross-WM an den Shanghai International Off-Road Circuit zurückkehren. Doch offenbar bleibt es nicht bei diesem einen chinesischen Grand Prix.

Bislang wurde im Fahrerlager vor allem Chongqing als möglicher Austragungsort eines zweiten Rennens gehandelt. Die jüngsten Informationen der FIM führen nun allerdings in eine andere Richtung – und sind wesentlich konkreter als die bisherigen Gerüchte.

FIM-Präsident Jorge Viegas traf während seines China-Besuchs Liu Jianhua, den Bürgermeister von Ziyang in der Provinz Sichuan. In der Mitteilung der FIM wird Ziyang bereits als Stadt bezeichnet, die in Zukunft einen zweiten MXGP-Lauf austragen wird.

Damit bekommt die Geschichte eine völlig andere Qualität. Aus dem Gerücht um einen zweiten China-GP wird erstmals eine konkrete Aussage der FIM. Offen bleibt allerdings noch, wann Ziyang tatsächlich in den Kalender aufgenommen wird. Der Verband nennt in seiner Mitteilung keinen Termin.

Interessant ist dabei auch, was während der Gespräche in Shanghai zur Sprache kam. Viegas traf Liu Ping, den Parteisekretär des Bezirks Fengxian, in dem sich die neue Motocross-Strecke befindet. Dabei wurde die Bedeutung des Motorradsports für die Region ausdrücklich mit zwei Punkten verbunden: junge Menschen zu erreichen und die wachsende Zweiradindustrie zu unterstützen.

Das passt ziemlich genau zu dem Bild, das sich am Wochenende rund um die Strecke bot.

Die vielen jungen Helfer, Cosplay an den Ständen, Sänger, humanoide Roboter und die gesamte Inszenierung des Events wirken vor diesem Hintergrund nicht mehr nur wie buntes Rahmenprogramm. Hier soll offensichtlich auch ein Publikum angesprochen werden, das noch nicht seit 20 Jahren Motocross verfolgt.

Motorsport und Motorradindustrie rücken zusammen

Noch deutlicher wird die chinesische Strategie, wenn man betrachtet, was Viegas unmittelbar vor seinem Besuch beim MXGP gemacht hat.

Am Mittwoch war der FIM-Präsident bei CFMOTO in Hangzhou zu Gast. Das Unternehmen präsentierte ihm seine neue Fabrik und seine Motorsportpläne. Die Dimensionen sind beachtlich: Der neue Unternehmensstandort umfasst nach den Angaben aus der Mitteilung rund 280.000 Quadratmeter, die Produktionskapazität liegt bei mehr als 3,5 Millionen Zweirädern pro Jahr.

Für den Motorsport ist aber eine andere Information wesentlich interessanter.

CFMOTO arbeitet an der Entwicklung eines Motorrads für einen zukünftigen Einsatz in der WorldSBK. Außerdem besichtigte die Delegation bereits das Gelände, auf dem eine zukünftige Rundstreckenanlage von CFMOTO entstehen soll.

Und auch damit endet die Geschichte nicht.

In Shanghai traf Viegas außerdem Patrick Yang von Shanghai Juss Sports & Entertainment, der laut FIM künftig einen WorldSBK-Lauf in China promoten soll.

Setzt man diese Informationen zusammen, ergibt sich langsam ein ziemlich klares Bild. China holt nicht einfach einzelne internationale Motorradrennen ins Land. Gleichzeitig investieren chinesische Hersteller stärker in den internationalen Rennsport, neue Rennstrecken entstehen und weitere Weltmeisterschaftsläufe werden vorbereitet.

Die MXGP ist ein Teil davon.

Viegas selbst hob nach seinem Besuch nicht nur die Verbesserungen am Shanghai International Off-Road Circuit hervor. Besonders beeindruckt zeigte er sich vom industriellen und sportlichen Fortschritt des Landes.

Ein Grand Prix, der nicht nur aus Motocross besteht

Vielleicht ist genau das die interessanteste Beobachtung aus Shanghai. Natürlich war beim MXGP of China nicht plötzlich alles besser als bei europäischen Grands Prix. Das wäre nach einem Wochenende auch eine ziemlich gewagte Behauptung.

Aber 50.000 Tribünenplätze, zahlreiche Videowände, Cosplay an den Brand-Ständen, chinesische Sänger und humanoide Roboter in den Rennpausen, unzählige junge Helfer sowie eine starke, dabei unaufdringlich wirkende Sicherheitspräsenz ergeben zusammen ein Bild, das sich deutlich von vielen europäischen Rennen unterscheidet.

Und auch die Selbstverständlichkeit, mit der eine Sprachbarriere einfach per WeChat oder Übersetzungs-App beiseitegewischt wird, gehört irgendwie dazu.

Wir diskutieren in Europa häufig darüber, wie Motocross neue Fans erreichen kann. Dabei dreht sich vieles um Fahrerfelder, Strecken, Hersteller oder die sportliche Qualität der Rennen. Für jemanden, der zum ersten Mal an einer MXGP-Strecke steht, beginnen die Fragen aber viel früher.

Kann ich das komplette Rennen verfolgen? Finde ich mich auf dem Gelände zurecht? Wird mir zwischen den Motos etwas geboten? Gibt es jemanden, der mir hilft? Und verbringe ich dort gerne einen ganzen Tag?

Shanghai hatte darauf ziemlich gute Antworten.

Und wenn zwischen zwei MXGP-Motos chinesische Sänger auftreten, daneben humanoide Roboter stehen und ein paar Minuten später die Motorräder wieder Richtung Startgatter rollen, sieht Motocross eben tatsächlich einmal ganz anders aus.