MXGP of China: Was die Fahrer wirklich sagten

Tom Vialle beim MXGP of China 2026 in Shanghai

Tom Vialle beim MXGP of China 2026 in Shanghai. / Foto: Ralph Marzahn

Jeffrey Herlings gewinnt weiter, aber Romain Febvre war in Shanghai so nah dran wie lange nicht mehr. Tom Vialle steht erneut auf dem Podium, entdeckt aber eine andere Baustelle auf dem Weg zum ersten MXGP-Sieg. Und Calvin Vlaanderen bestätigt auf der Ducati ziemlich genau das Niveau, das er selbst das gesamte Wochenende über gespürt hatte.

In der MX2 gewinnt Camden McLellan und zeigt dabei, dass er ein Rennen inzwischen auch von vorne verwalten kann. Simon Längenfelder dagegen musste ausgerechnet nach einem starken ersten Lauf körperlich zurückstecken.

Der Oriental Beauty Valley MXGP of China war damit ein Wochenende, bei dem einige Aussagen mehr über die aktuelle Situation der Fahrer verraten als die reine Ergebnisliste.

Herlings: Die Serie hält – aber leicht ist es längst nicht mehr

Jeffrey Herlings kam als frischgebackener sechsmaliger Weltmeister nach Shanghai. Wer deshalb einen entspannten Sonntag erwartet hatte, lag daneben.

Herlings gewann erneut. Interessanter ist allerdings, wie er selbst seine derzeitige Siegesserie beschreibt. „Es ist großartig, diese Siegesserie fortzusetzen, aber die vergangenen Grands Prix waren definitiv nicht einfach. Jedes Mal ist jemand aufgestanden und hat mir das Leben schwer gemacht, aber ich habe es trotzdem geschafft, den Job zu erledigen.“

In der Türkei war es Tom Vialle, der ihm im zweiten Lauf folgte. In China bekam er es mit Romain Febvre zu tun. Die Gegner wechseln, das Ergebnis bislang nicht.

Dabei helfen Herlings inzwischen auch die Starts. „Meine Starts haben mir natürlich geholfen, deshalb ein großes Dankeschön an das Team für die Arbeit daran.“

Gerade das ist bemerkenswert. Herlings musste in seiner Karriere oft erst durch das Feld arbeiten und seine Rennen über Tempo und Linienwahl aufbauen. Momentan verschafft er sich bereits auf den ersten Metern eine Ausgangsposition, aus der es für die Konkurrenz noch schwieriger wird.

Der WM-Titel ist entschieden. Herlings fährt trotzdem weiter, als wäre er es nicht.

Febvre: Seine Rechnung aus der Türkei geht auf

Romain Febvre hatte in Afyon ziemlich genau erklärt, warum er sich trotz vorhandener Geschwindigkeit nicht im Kampf um die Siege sah: Seine Konkurrenten starten vorne, er selbst steckt zunächst im Feld fest.

Shanghai lieferte nun den Gegenbeweis. Febvre war früh vorne – und plötzlich kämpfte er tatsächlich mit Herlings. „Nach dem ersten Lauf wusste ich, dass es ein Kampf zwischen Jeffrey und mir werden würde. Ich konnte ihn nicht ganz überholen, obwohl ich alles versucht habe, aber es war gut, endlich wieder vorne mit ihm kämpfen zu können.“

Damit bekommt seine Aussage aus der Türkei nachträglich Gewicht. Muss Febvre nicht erst einen Teil des Rennens mit Überholmanövern verbringen, kann er seine Geschwindigkeit direkt gegen Herlings einsetzen.

Und diesmal blieb er bis zum Ende dran. „Zwei Runden vor Schluss war ich da. In der letzten Runde waren wir dicht zusammen, aber ich geriet bei einem Sprung in eine andere Spur, kam quer und da habe ich gesagt: Okay.“

Febvre verzichtete auf einen letzten verzweifelten Versuch. Viel wichtiger war ohnehin die Erkenntnis davor: Kommt er früh genug nach vorne, ist der Abstand zu Herlings erheblich kleiner, als manche Ergebnisse der vergangenen Wochen vermuten ließen.

Vialle: Nicht der Speed, sondern die Distanz

Tom Vialle stand erneut auf dem Podium. Zufrieden war er trotzdem nur bedingt. Ein Sturz im Warm-up machte den Sonntag zunächst unangenehm. „Ich hatte heute im Warm-up einen Sturz, was nicht besonders angenehm war. Ich habe mir auf die Zunge gebissen und den Nacken verletzt. Es war nichts Großes, aber beim Fahren einfach störend.“

Entscheidender ist allerdings seine Analyse der beiden Rennen. „Ich hatte das Gefühl, dass mein Speed in der ersten Hälfte der Rennen gut war, aber ich konnte ihn nicht bis zum Ende halten. Das war etwas frustrierend.“

Damit lässt sich seine aktuelle Aufgabe ziemlich klar eingrenzen. Vialle kann das Tempo der Spitze fahren. In der Türkei konnte er Herlings unter Druck setzen, auch in Shanghai war er zunächst schnell genug.

Diesmal fehlte ihm die Konstanz über die gesamte Renndistanz. Das ist ein anderes Problem als noch zu Beginn seiner Rückkehr nach Europa, als es zunächst darum ging, sich wieder an die 450er und die MXGP zu gewöhnen.

„Natürlich möchte ich versuchen, in Australien zu gewinnen.“ Nur noch zwei Wertungsläufe bleiben für diesen ersten MXGP-Sieg.

Vlaanderen: Platz vier war kein Zufallsprodukt

Calvin Vlaanderen beendete den Grand Prix als Vierter – ziemlich genau dort, wo er sich selbst das gesamte Wochenende gesehen hatte. „Ich hatte von der ersten Trainingssession am Samstag an ein gutes Gefühl mit der Strecke und dem Motorrad und hatte das Gefühl, das ganze Wochenende über der viertschnellste Fahrer zu sein.“

Das macht sein Ergebnis interessant. Vlaanderen profitierte nicht einfach von einem chaotischen Rennen oder Ausfällen vor ihm. Sein Gefühl passte bereits am Samstag zu dem Resultat, das am Sonntag herauskam. Im zweiten Lauf kam noch ein guter Start dazu. Damit musste er nicht erst Positionen reparieren, sondern konnte seine Geschwindigkeit direkt nutzen.

Nach Platz neun in der Türkei ist Shanghai damit auch eine klare Steigerung für den Ducati-Piloten.

Jonass: Die Top Fünf reichen ihm inzwischen nicht mehr

Pauls Jonass wurde Fünfter. Auf dem Papier ordentlich, für ihn selbst inzwischen aber offenbar nicht mehr genug. „Platz fünf sieht auf dem Papier nicht schlecht aus, aber es wäre schön, die Saison nächste Woche in Australien mit einem Podium zu beenden.“

Das zeigt, wie sich sein eigener Maßstab verändert hat. Jonass hat inzwischen mehrfach bewiesen, dass er in die Top Fünf fahren kann. Entsprechend geht es nicht mehr darum, dort gelegentlich aufzutauchen. Er will den nächsten Schritt.

Im zweiten Lauf half ihm ein guter Sprung aus dem Gatter. Obwohl er etwas zu weit außen in die erste Kurve kam, machte er anschließend schnell Positionen gut. Was ihm noch fehlt, sind die letzten Meter zu den konstanten Podiumskandidaten.

Adamo: Das Ergebnis war nicht sein größtes Problem

Andrea Adamo machte sich nach Shanghai weniger Gedanken über seine Platzierungen als über die Art, wie sie zustande kamen. „Wir hatten nicht die besten Ergebnisse, aber mehr Sorgen machten mir das Gefühl und der Speed.“

Das ist ein wichtiger Unterschied. Ein schlechtes Ergebnis lässt sich durch einen Sturz oder schlechten Start erklären. Adamo fühlte sich dagegen auf der Strecke grundsätzlich nicht wohl und konnte auch das gewünschte Tempo nicht abrufen. Deshalb richtet sich sein Blick auch auf das Motorrad. „Wir werden versuchen, stärker zurückzukommen und ein paar Dinge am Motorrad für mich zu verbessern.“

Schon in der Türkei hatte Adamo eingeräumt, nicht mit der Spitze mithalten zu können. Shanghai brachte darauf noch keine Antwort.

McLellan: Genau diesen Sieg brauchte er

Camden McLellans Statement nach dem Rennen fällt erstaunlich unspektakulär aus. „Das war hart. Es war ein wirklich spaßiger Grand Prix und ich habe ihn sehr genossen, obwohl ich mich definitiv darauf freue, heute Nacht etwas Schlaf zu bekommen.“

Dabei war sein Wochenende sportlich alles andere als unspektakulär. McLellan gewann den ersten Lauf vor Simon Längenfelder und Liam Everts. Im zweiten Rennen wurde er hinter Farres Zweiter. Die Kombination 1–2 reichte zum Grand-Prix-Sieg – seinem vierten in dieser Saison.

Und dieser Sieg kam zu einem Zeitpunkt, an dem McLellan liefern musste. Farres war mit einem komfortablen Vorsprung nach China gekommen und hätte die Weltmeisterschaft bereits in Shanghai entscheiden können. McLellan verhinderte genau das.

Damit bekommt auch seine eher nüchterne Aussage eine andere Bedeutung. Er musste nicht erklären, dass er noch an seine Chance glaubt oder große Ansagen für Australien machen. Seine Antwort hatte er auf der Strecke gegeben.

McLellan ist der einzige Fahrer, der Farres rechnerisch noch am Titel hindern kann. Der Abstand beträgt vor dem Finale 48 Punkte. Das ist viel. Aber vor allem bedeutet es: McLellan hat die Entscheidung nach Australien gezwungen. Mehr konnte er in China kaum erreichen.

Farres: Moto 2 gewonnen – aber die Entscheidung vertagt

Für Guillem Farres begann der Sonntag mit einem Rückschlag. Ein Sturz im ersten Lauf kostete ihn wichtige Positionen. Er wurde Vierter, während sein direkter Titelkonkurrent McLellan gewann. Damit war klar: Die vorzeitige Entscheidung würde schwieriger werden.

Im zweiten Lauf antwortete Farres. Er übernahm die Führung und brachte den Sieg trotz des Drucks seiner Verfolger ins Ziel. „Ich habe das Rennen einfach kontrolliert, nachdem ich die Führung übernommen hatte. Ich fühlte mich gut und habe weiter gepusht, aber die Jungs hinter mir kamen gegen Ende noch einmal stark auf.“

Als der Vorsprung kleiner wurde, blieb er bei seinem Plan. „Ich habe einfach versucht, konzentriert zu bleiben, keine Fehler zu machen und die Führung bis ins Ziel zu verwalten.“

Damit gewann Farres Moto 2, nicht aber den Grand Prix. Mit 4–1 wurde er hinter McLellan Gesamtzweiter. Für seine Situation in der Meisterschaft war der Laufsieg trotzdem enorm wichtig. Nach dem Fehler im ersten Rennen geriet Farres nicht in Hektik. Er antwortete mit genau dem Rennen, das er brauchte.

Die Weltmeisterschaft ist damit nicht entschieden. Aber Farres reist weiterhin als klarer Tabellenführer nach Australien.

Längenfelder: Moto zwei ändert nichts an der eigentlichen Erkenntnis

Bei Simon Längenfelder war bereits der erste Lauf wichtiger für die Einordnung seines Wochenendes als das spätere Gesamtergebnis.

Die Starts funktionierten, er führte beinahe das komplette Rennen und fühlte sich auf Motorrad und Strecke wohl. „Ich war mit Platz zwei ziemlich zufrieden, weil ich meine Linien verändern konnte und ein gutes Gefühl auf der Strecke und auf dem Motorrad hatte.“

Nach den schwierigen Wochen ist das eine wichtige Bestätigung. Der Laufsieg in der Türkei war offenbar kein einzelner Ausreißer. Längenfelder konnte auch in Shanghai wieder vorne fahren.

Im zweiten Rennen bekam er allerdings bereits ab der ersten Runde starke Magenprobleme. „Im zweiten Rennen hatte ich Magenprobleme und starke Schmerzen. Leider ging das schon ab der ersten Runde los.“ Damit war der mögliche Podestplatz praktisch erledigt.

Deshalb wäre es falsch, Moto zwei wieder in dieselbe Schublade wie seine schwächeren Rennen zuvor zu stecken. Diesmal fehlte ihm nicht das Gefühl für Motorrad oder Strecke. Der Körper machte nicht mit.

Everts: Vier Podien sind inzwischen eine Serie

Liam Everts wurde zweimal Dritter und stand damit zum vierten Mal in Folge auf dem Podium. „Ich bin mit der Konstanz, die wir momentan zeigen, und mit meiner Fahrweise sehr zufrieden.“

Mehr muss man an dieser Stelle eigentlich nicht hineininterpretieren.

Ein einzelnes Podium kann durch ein außergewöhnliches Rennen entstehen. Vier hintereinander nicht. Everts bringt sich inzwischen regelmäßig in die Spitzengruppe. Im zweiten Lauf lag er sogar auf Rang zwei, ehe ihn ein kleiner Fehler gegen Ende die Position kostete.

Nach seinem Laufsieg in Arnhem hat sich vor allem eines verändert: Gute Ergebnisse sind bei ihm momentan keine Ausnahme mehr.

Sacha Coenen: Noch nicht fit – und wieder ein heftiger Sturz

Bei Sacha Coenen setzt sich die schwierige Phase fort. Dabei begann Shanghai vielversprechend. Im Qualifikationsrennen kämpfte er sich mit guten Überholmanövern auf Rang zwei.

Am Sonntag sah die Sache anders aus. „Ich fühlte mich etwas mitgenommen, weil ich letzte Woche krank war und noch immer nicht richtig gesund bin.“ Im ersten Lauf verlor er nach einem Fehler mehrere Positionen. Im zweiten folgte ein heftiger Abflug beim Absprung. „Ich weiß nicht wirklich, was passiert ist. Beim Absprung ging das Motorrad seitlich weg, ich verlor die Kontrolle und konnte nichts mehr machen.“

Coenen blieb unverletzt, was nach diesem Sturz zunächst das Wichtigste war.

Seine Ergebnisse sollte man deshalb momentan nicht ausschließlich sportlich bewerten. Die Geschwindigkeit blitzte am Samstag auf, doch gesundheitlich ist er noch nicht wieder dort, wo er sein müsste. Auffällig bleibt allerdings, dass sich bei ihm in den vergangenen Wochen Fehler, Stürze und gesundheitliche Probleme häufen.

Janis Reisulis: Jetzt geht es um Rennmanagement

Janis Reisulis wurde Gesamtfünfter und erreichte damit genau den Bereich, den er selbst regelmäßig anpeilt.

Interessanter ist, wie dieser fünfte Platz zustande kam. Im ersten Lauf stürzte er bereits in der ersten Runde und musste anschließend durchs Feld. Im zweiten konnte er rund 20 Minuten mit den Spitzenfahrern kämpfen. „Gegen Ende wurde es für mich wirklich schwierig, das Tempo zu halten.“

Bei Reisulis geht es deshalb inzwischen weniger darum, einzelne schnelle Runden zu finden. Die hat er in dieser Saison oft genug gezeigt.

Der nächste Schritt besteht darin, seine Geschwindigkeit über einen kompletten Lauf sauber einzusetzen – und sich nicht bereits zu Beginn durch einen Fehler zusätzliche Arbeit aufzubürden. Gerade in seiner ersten vollständigen MX2-Saison ist das eher eine Frage von Rennmanagement und Erfahrung als von fehlendem Grundtempo.

Karlis Reisulis: Die Ursache sucht er bei sich selbst

Karlis Reisulis hatte erneut ein schwieriges Wochenende. Im ersten Lauf fand er kaum in seinen Rhythmus. Moto zwei begann mit einem guten Start deutlich besser, danach fehlte ihm jedoch etwas, um an der Gruppe vor ihm dranzubleiben.

Seine Erklärung war eindeutig. „Es hatte eigentlich nichts mit der Strecke zu tun. Es lag eher an mir selbst und daran, wie ich mich gefühlt habe.“ Damit nimmt er Strecke und Motorrad weitgehend aus der Gleichung. Das macht die Suche nach einer Lösung nicht einfacher. Karlis muss momentan vor allem wieder das eigene Gefühl finden, das ihm zuletzt gefehlt hat.

Karssemakers: Langsam wird ein Muster daraus

Kay Karssemakers wurde über das Wochenende immer besser: Sieben, sechs, fünf. „Ich war mit meiner Fahrweise wirklich zufrieden und das gesamte Wochenende konstant.“ Zum zweiten Grand Prix in Folge fehlte ihm nur ein Punkt zu Gesamtrang fünf. Das ist inzwischen mehr als ein einzelner guter Lauf.

Besonders im zweiten Rennen konnte Karssemakers lange dicht an der Spitzengruppe bleiben. Seine Entwicklung der vergangenen Wochen zeigt damit in eine klare Richtung.

Interessant ist auch, dass er gedanklich bereits über das Saisonfinale hinausgeht. „Wir verbessern uns jede Woche und ich werde den ganzen Winter weiter daran arbeiten, um für das nächste Jahr bereit zu sein.“ Während in Australien noch zwei Läufe ausstehen, hat Karssemakers den nächsten Schritt also längst im Blick.

Einer gewinnt – die anderen kommen näher

Shanghai hat vor allem eines gezeigt: Herlings gewinnt weiterhin, aber die Rennen werden dadurch nicht automatisch deutlicher. In der Türkei war Vialle dran. In China konnte Febvre bis in die Schlussphase mit Herlings kämpfen. Der Weltmeister bekommt Widerstand – nur reicht er bislang nicht, um seine Siegesserie zu beenden.

In der MX2 ist das Bild weniger eindeutig. Farres gewinnt trotz des Drucks der Meisterschaft, Längenfelder bestätigt im ersten Lauf seine wiedergewonnene Form und Everts liefert inzwischen Woche für Woche. Jetzt bleiben noch zwei Rennen. Australien entscheidet nicht mehr über alles. Aber für einige Fahrer darüber, mit welchem Gefühl sie den Winter beginnen.