Coenen-Brüder in den USA: War dieses Risiko den Preis wirklich wert?
Sacha und Lucas Coenen beim MXGP of Portugal 2026. / Foto: Ralph Marzahn
Sportlich lässt sich der Gastauftritt von Sacha und Lucas Coenen bei der AMA Pro Motocross in Southwick kaum kritisieren. Sacha dominierte die 250er-Klasse nach Belieben, fuhr Bestzeit im Qualifying und gewann beide Läufe mit beeindruckender Souveränität. Lucas zeigte ebenfalls sein außergewöhnliches Tempo, war Schnellster im Qualifying der 450er und gehörte bis zu seinem Sturz zu den stärksten Fahrern des Tages.
Doch genau hier beginnt die eigentliche Diskussion. Denn spätestens nach dem Rennwochenende stellt sich die Frage, ob dieser Ausflug nach Amerika für KTM wirklich sinnvoll war.
Der Tagessieg könnte teuer werden
Sacha Coenen verließ Southwick zwar als Gesamtsieger, doch die Bilder nach seinem Sturz im zweiten Lauf sorgten für alles andere als Entspannung. Der Belgier schlug hart auf die Schulter und musste das Rennen sichtlich angeschlagen beenden. Erst in den kommenden Tagen sollen weitere Untersuchungen zeigen, wie schwer die Verletzung tatsächlich ist. Fest steht bislang lediglich, dass die Schulter untersucht wird und das genaue Ausmaß noch unklar ist.
Natürlich kann sich jeder Fahrer auch im Training verletzen. Genau dieses Argument brachte KTM-Teammanager Ian Harrison nach dem Rennen selbst ins Spiel. Die Brüder hätten genauso gut in Europa trainieren und dort stürzen können. Rein sachlich ist das richtig.
Trotzdem greift diese Erklärung zu kurz.
Ein Training dient der Vorbereitung auf die Weltmeisterschaft. Ein Gaststart in einer anderen Meisterschaft bedeutet dagegen zusätzlichen Reiseaufwand, einen anderen Rennrhythmus und zwei weitere Hochleistungsrennen auf einer der anspruchsvollsten Sandstrecken der Welt.
Lucas zieht rechtzeitig die Reißleine
Noch deutlicher wurde die Situation bei Lucas Coenen.
Der MXGP-WM-Führende stürzte zunächst in der ersten Kurve des ersten Laufs und musste sich anschließend durchs Feld kämpfen. Wenig später folgte der nächste heftige Einschlag. Nach dem Rennen wirkte Lucas zunächst benommen, wie Ian Harrison erklärte. Gemeinsam entschied man sich anschließend, auf den zweiten Lauf zu verzichten. Die Begründung: Die Weltmeisterschaft hat Vorrang.
Eine nachvollziehbare Entscheidung.
Die entscheidendere Frage lautet allerdings: Wenn die MXGP tatsächlich oberste Priorität besitzt – warum geht man dieses Risiko überhaupt erst ein?
Wer trifft eigentlich die Entscheidungen?
Genau hier wird es interessant. Auf der Pressekonferenz erklärte Ian Harrison, dass die Initiative von den Brüdern selbst ausgegangen sei. Sie hätten diese Einsätze unbedingt fahren wollen. Erst nachdem sowohl ihr Team als auch KTM grünes Licht gegeben hätten, sei der Plan umgesetzt worden.
Das wirft zwangsläufig Fragen auf. Wie groß ist der Einfluss des Red Bull KTM Factory Racing Teams in den USA? Welche Rolle spielt das De Carli Team, das die Brüder in der MXGP betreut und mit beiden um Weltmeisterschaften kämpft? Und wer hätte im Zweifel auch einmal „Nein“ sagen müssen?
Denn am Ende reden wir nicht über zwei Nachwuchsfahrer ohne Titelchancen. Lucas führt die MXGP-Weltmeisterschaft an. Sacha reist als Tabellenführer der MX2-WM von Grand Prix zu Grand Prix. Beide gehören zu den wichtigsten Fahrern im gesamten KTM-Werkssport.
Ein unnötiges Spiel mit dem Feuer?
Natürlich versteht jeder Motorsportfan den Reiz solcher Einsätze.
Die Brüder wollen Erfahrungen in den USA sammeln. KTM möchte seine künftigen Stars dem amerikanischen Publikum präsentieren. Und spätestens seit feststeht, dass beide ab 2027 den Sprung in die USA wagen könnten, ist jeder Start dort wertvoll.
Aber genau deshalb überrascht die Entscheidung.
Die AMA Pro Motocross ist keine Showveranstaltung. Sie gehört zu den härtesten Meisterschaften der Welt. Southwick gilt zudem als eine der körperlich anspruchsvollsten Strecken im Kalender. Dass dort Stürze passieren, überrascht niemanden.
Man hätte den beiden kaum einen schwierigeren Gaststart aussuchen können.
Der mögliche Gewinn steht in keinem Verhältnis zum Risiko
Natürlich konnte Sacha mit seinem Doppelsieg zeigen, dass er auch in den USA sofort gewinnen kann.
Aber musste er das wirklich? Die Verantwortlichen wissen längst, wie schnell beide Brüder sind. Die Teams in Amerika kennen ihre Qualitäten. Niemand musste mehr davon überzeugt werden, dass Sacha und Lucas zu den größten Talenten des Sports gehören.
Dem gegenüber steht nun das Risiko, einen WM-Spitzenreiter möglicherweise verletzt nach Europa zurückzuschicken. Sollte sich Sachas Schulterverletzung als schwerwiegend herausstellen, könnte ein einzelnes Gastspiel plötzlich Auswirkungen auf den Ausgang der gesamten MX2-Weltmeisterschaft haben.
Eine Entscheidung, die Fragen offenlässt
Im Nachhinein ist man immer schlauer. Das gilt auch im Motorsport. Dennoch bleibt ein fader Beigeschmack.
KTM investiert jedes Jahr Millionen in den Grand-Prix-Sport. Beide Coenen-Brüder gelten als Aushängeschilder der Zukunft. Umso erstaunlicher ist es, dass man ihnen mitten im WM-Kampf zusätzliche Rennen in einer anderen Meisterschaft ermöglicht.
Vielleicht geht am kommenden Wochenende alles gut und beide stehen wieder problemlos am MXGP-Startgatter. Vielleicht aber auch nicht.
Sollte Sacha tatsächlich mehrere Grand Prix verpassen oder Lucas im weiteren Saisonverlauf körperliche Folgen seines Sturzes spüren, wird man sich zwangsläufig fragen müssen, ob der Ausflug nach Southwick den Preis wirklich wert war.
