Traumjob Motocross-Mechaniker: Jordi Esteve über lange Arbeitstage, Geld und persönliche Opfer
Jordi Esteve ist KTM Racing Factory Mechaniker
Wie lange kann die Begeisterung für Motocross die Belastungen eines Jobs im WM-Fahrerlager aufwiegen? Diese Frage haben wir bereits in unserem Artikel über den zunehmenden Mechanikermangel aufgeworfen. Denn während immer wieder Rennteams nach qualifiziertem Personal suchen, stellt sich auch die Frage, ob die Arbeitsbedingungen noch zu den Erwartungen der Fachkräfte passen.
Wir wollten deshalb wissen, wie jemand darüber denkt, der diesen Beruf tatsächlich ausübt. Der Spanier Jordi Esteve arbeitet als Mechaniker für das KTM Factory Racing Team und kennt sowohl die Faszination als auch die Schattenseiten des professionellen Motocross-Sports.
Seine Antworten fallen durchaus nachdenklich aus. Esteve liebt seinen Beruf, spricht aber ebenso offen über die langen Arbeitstage, die Bezahlung und darüber, weshalb sich junge Mechaniker trotz ihrer Begeisterung für den Rennsport irgendwann anders orientieren könnten.
Ein Traumjob, der seinen Preis hat
Für jemanden, der Motorräder und den Rennsport liebt, sei die Arbeit in einer Weltmeisterschaft zunächst einmal ein Traum, erklärt Esteve. Schließlich bekomme man die Gelegenheit, mit den besten Fahrern zusammenzuarbeiten, um die Welt zu reisen und Teil einer Mannschaft zu sein, die um Rennsiege und Titel kämpft.
Doch mit der Zeit verändert sich der Blick auf diesen Beruf.
„Wenn du daraus deinen Beruf machst, lernst du auch die schwierigere Seite kennen. Es gibt viele Arbeitsstunden, ständige Reisen, Druck und persönliche Opfer. Am Anfang siehst du vielleicht nur die schönen Seiten, aber mit den Jahren verstehst du, was alles dahintersteckt.“
Seine Leidenschaft für Motocross sei unverändert, sagt der Spanier. Allerdings sei ihm heute wesentlich bewusster, welche Anforderungen dieser Beruf mit sich bringt und wie wichtig ein vernünftiges Verhältnis zwischen Arbeit und Privatleben ist.
Wer einen Mechaniker im Fahrerlager nur während eines Rennwochenendes beobachtet, bekommt ohnehin nur einen Teil seiner Arbeit mit.
Zehn bis zwölf Stunden sind keine Ausnahme
Während eines Grand Prix können sich die Arbeitstage laut Esteve problemlos auf zehn bis zwölf Stunden ausdehnen. Je nachdem, wie das Wochenende verläuft und welche Arbeiten am Motorrad anfallen, kann es sogar noch länger werden.
Und mit dem letzten Rennen ist die Arbeit keineswegs erledigt.
„Wir müssen das Motorrad kontrollieren, das Material vorbereiten und bereits alles für den nächsten Grand Prix organisieren. Der Montag ist deshalb normalerweise kein wirklicher Ruhetag, sondern der Beginn der Vorbereitung auf das nächste Rennwochenende.“
Dazwischen stehen Wartungsarbeiten, der Neuaufbau der Motorräder und die Organisation der Ersatzteile an. Hinzu kommt die Betreuung des Fahrers beim Training.
Je nachdem, welcher Untergrund beim nächsten Grand Prix wartet, kann das Team dafür nach Deutschland, Belgien, in die Niederlande oder nach Frankreich reisen. Die Entscheidung treffen Trainer beziehungsweise Mannschaft, während der Mechaniker dafür sorgen muss, dass Motorrad und Material am jeweiligen Trainingsort bereitstehen.
Ein geregelter Wochenrhythmus lässt sich unter diesen Bedingungen kaum einhalten. Gerade während der Saison gehören Reisen und kurzfristige Planänderungen zum Alltag.
Warum finden die Teams immer schwerer Mechaniker?
Esteve teilt die Einschätzung, dass es zunehmend schwieriger wird, geeignetes Personal für den professionellen Rennsport zu finden.
Dabei gehe es nicht allein um die technischen Fähigkeiten. Ein guter Rennmechaniker müsse schnell und präzise arbeiten, unter Druck die richtigen Entscheidungen treffen und Probleme lösen können, wenn praktisch keine Zeit für Fehler bleibt.
Doch selbst wer diese Voraussetzungen erfüllt, muss bereit sein, sein Privatleben über weite Strecken dem Rennkalender unterzuordnen.
„Du bist sehr viel von zu Hause weg, arbeitest viele Stunden und musst praktisch immer verfügbar sein. Nicht jeder ist bereit, so zu leben, selbst wenn er Motorräder und Motocross liebt.“
Besonders bemerkenswert ist seine Beobachtung zum Nachwuchs.
Esteve sieht durchaus junge Menschen mit Talent, die sich für den Rennsport interessieren. Manche würden sich jedoch wieder anders orientieren, sobald sie erkennen, wie groß der Aufwand tatsächlich ist und welche Arbeitsbedingungen sie dafür erwarten.
Für ihn liegt genau darin eines der wesentlichen Probleme.
Es fehlt also möglicherweise nicht grundsätzlich an jungen Menschen, die Mechaniker werden möchten. Schwieriger könnte es sein, sie davon zu überzeugen, diesen Beruf auch unter den Bedingungen des professionellen Rennsports auszuüben.
Viel Verantwortung, aber stimmt auch die Bezahlung?
Über Geld wird im Fahrerlager selten offen gesprochen. Auch Esteve nennt keine konkreten Gehaltszahlen, hält die Vergütung vieler Rennmechaniker angesichts ihrer Verantwortung allerdings für verbesserungswürdig.
„Ich glaube, dass Rennmechaniker nicht immer gut bezahlt werden, wenn man berücksichtigt, was dieser Beruf alles verlangt. Es geht nicht nur um die Arbeitsstunden, sondern auch um die Verantwortung, den Druck bei jedem Rennen und die Zeit, die man von zu Hause weg ist.“
Natürlich hänge die Bezahlung stark vom jeweiligen Team und dessen Budget ab. Trotzdem sieht der Spanier Spielraum für bessere Bedingungen und mehr berufliche Sicherheit.
Wie unterschiedlich die einzelnen Vertragsmodelle ausfallen können, zeigt auch seine eigene Situation bei KTM.
Sobald Esteve seinen Wohnort für berufliche Aufgaben verlässt, übernimmt die Mannschaft nach seinen Angaben die Kosten für Reisen, Unterkünfte und Verpflegung. Zusätzliche Arbeitsstunden werden dagegen nicht gesondert bezahlt.
„Überstunden gehören zu diesem Beruf und zum Rennbetrieb dazu. Manchmal ist es auch schwierig zu unterscheiden, was überhaupt als Überstunde gilt, weil die Arbeitstage sehr lang sind und viele Aufgaben einfach zum normalen Ablauf gehören.“
Entscheidend sei deshalb, dass beide Seiten von Beginn an wissen, welche Leistungen vereinbart sind und welche Verpflichtungen damit einhergehen.
Dass ein Werksteam Reisekosten übernimmt, dürfte kaum überraschen. Die Aussagen machen aber deutlich, dass selbst auf diesem Niveau lange Arbeitszeiten und eine hohe persönliche Belastung zum Berufsalltag gehören.
Auch ein KTM-Mechaniker denkt über Alternativen nach
Wie lange lässt sich ein solcher Lebensstil durchhalten? Esteve macht keinen Hehl daraus, dass er sich diese Frage bereits gestellt hat.
Er habe viele Jahre investiert, um im professionellen Rennsport arbeiten zu können. Die Erfahrungen aus internationalen Meisterschaften und die Möglichkeit, auf höchstem Niveau tätig zu sein, möchte er keineswegs missen.
Trotzdem denkt er auch an die Zukunft.
„Wenn irgendwann der persönliche Verzicht und die finanziellen Bedingungen nicht mehr zusammenpassen, würde ich andere Möglichkeiten in Betracht ziehen. Schließlich ist die Mechanik mein Beruf, und alles, was ich im Rennsport gelernt habe, hat auch außerhalb der Rennstrecken einen Wert.“
Das ist eine Aussage, die aufhorchen lässt. Schließlich spricht hier kein Nachwuchsmechaniker, der nach wenigen Monaten feststellt, dass sein Traumjob anstrengender ist als erwartet, sondern jemand, der bereits den Weg in ein Werksteam geschafft hat.
Auch dort verschwindet die Frage nach der langfristigen Perspektive offenbar nicht automatisch.
Was Esteve derzeit im Fahrerlager hält, ist neben seiner Begeisterung für den Sport vor allem die Zusammenarbeit mit Fahrer und Team. Vertrauen, ein gutes Arbeitsklima und gemeinsame Erfolge machen viele der Belastungen leichter.
Wenn die eigene Arbeit zu einem Rennsieg oder sogar einer Weltmeisterschaft beiträgt, sei das ein Gefühl, das Außenstehende nur schwer nachvollziehen könnten.
Nur könne diese Begeisterung auf Dauer nicht alles ersetzen.
Müssen die Teams beim Nachwuchs umdenken?
Bessere Bezahlung, eine vernünftigere Organisation der Arbeitszeiten und mehr Stabilität wären für Esteve wichtige Schritte, um den Beruf attraktiver zu machen.
Allerdings sieht er auch die Notwendigkeit, junge Mechaniker gezielt auszubilden und ihnen überhaupt erst die Gelegenheit zu geben, Erfahrungen im Rennsport zu sammeln.
„Man kann nicht erwarten, dass jemand bereits Erfahrung im Rennsport hat, wenn man ihm nie die Möglichkeit gibt, diese zu sammeln.“
Dass gerade kleinere Mannschaften mit begrenzten finanziellen Mitteln arbeiten müssen, ist ihm bewusst. Trotzdem betrachtet er die Förderung und Bindung guter Mitarbeiter als Investition.
Denn ein erfahrener Mechaniker bringt dem Team weit mehr als die Fähigkeit, ein Motorrad zuverlässig vorzubereiten. Er kennt die Abläufe, versteht die Anforderungen seines Fahrers und kann auch unter Zeitdruck Entscheidungen treffen, die über den Verlauf eines Rennwochenendes mitbestimmen.
Wer solche Mitarbeiter langfristig halten möchte, müsse ihnen deshalb mehr bieten als die Aussicht, Teil des Motocross-Zirkus zu sein.
Was würde Jordi Esteve einem jungen Mechaniker raten?
Trotz aller Schwierigkeiten würde Esteve einem jungen Menschen nicht davon abraten, seinen Traum vom Job in der Weltmeisterschaft zu verfolgen.
Im Gegenteil.
„Ich würde ihm ohne jeden Zweifel sagen, dass er es versuchen soll. Aber er muss wissen, worauf er sich einlässt.“
Eine gute Ausbildung, Lernbereitschaft und der respektvolle Umgang mit erfahrenen Kollegen seien ebenso wichtig wie technisches Können. Wer die Gelegenheit bekomme, im Rennsport zu arbeiten, könne dort unglaublich viel lernen und Erfahrungen sammeln, die andere Berufe kaum bieten.
Eine Warnung würde Esteve allerdings mit auf den Weg geben:
„Nur weil du deinen Traum verwirklichst, bedeutet das nicht, dass du jede Arbeitsbedingung akzeptieren musst. Die Leidenschaft öffnet dir viele Türen, aber du musst auch an deine Zukunft denken. Man kann den Rennsport lieben und gleichzeitig vernünftige Arbeitsbedingungen erwarten.“
Vielleicht beschreibt gerade dieser letzte Satz ziemlich gut, vor welcher Herausforderung der professionelle Motocross-Sport steht.
Die Begeisterung für den Sport ist bei den Mechanikern offensichtlich weiterhin vorhanden. Doch wenn selbst jemand wie Jordi Esteve, der es bis in ein KTM-Werksteam geschafft hat, über persönliche Opfer, finanzielle Perspektiven und mögliche Alternativen spricht, sollten sich die Verantwortlichen zumindest fragen, wie sie ihre Mitarbeiter langfristig im Fahrerlager halten können.
Denn ein Platz in der MXGP mag für viele junge Mechaniker ein Traum sein. Ein Beruf, von dem man dauerhaft leben möchte, muss allerdings auch dann noch attraktiv sein, wenn der erste WM-Einsatz längst zur Routine geworden ist.
