Offiziell: Radikaler Kurswechsel bei Yamaha für 2027

Yamaha zieht dem MX2 Factory Team in der Motocross Weltmeisterschaft den Stecker

Yamaha zieht dem MX2 Factory Team in der Motocross Weltmeisterschaft den Stecker

Was zuletzt noch als Gerücht durch das Fahrerlager ging, ist seit heute offiziell: Yamaha Motor Europe beendet mit sofortiger Wirkung sein MX2-Werksengagement. Gleichzeitig übernimmt der Hersteller seine MXGP-Mannschaft künftig selbst und verlagert die technische Entwicklung nach Italien – das Aus für KEMEA und Hutten Metaal.

Damit bestätigt Yamaha gleich mehrere Entwicklungen, über die in den vergangenen Wochen bereits spekuliert wurde. Besonders die Zukunft des MX2-Werksteams war zuletzt ungewiss, nachdem sich das Ende der Zusammenarbeit mit Hutten Metaal Racing abgezeichnet hatte und eine mögliche Übernahme durch andere Teamstrukturen diskutiert wurde.

Nun ist klar: Yamaha sucht keinen neuen Betreiber für sein bisheriges MX2-Werksprogramm. Der Hersteller beendet das Engagement vollständig.

Mehr Geld für die MXGP, kein Werksteam mehr in der MX2

Hinter der Entscheidung steht eine veränderte Prioritätensetzung. Yamaha will seine Ressourcen auf die MXGP konzentrieren und dort wieder regelmäßig um Siege kämpfen. Andrea Dosoli, Motorsport-Direktor von Yamaha Motor Europe, kündigte dafür ausdrücklich höhere Investitionen in die Königsklasse an.

Die technische Grundlage soll ein neues Motorsport-Forschungs- und Entwicklungszentrum am Yamaha-Campus in Gerno di Lesmo schaffen. Dort werden künftig die Entwicklungsarbeiten für das MXGP-Programm gebündelt, ähnlich wie Yamaha es bereits im Straßenrennsport und im Rally-Raid-Bereich praktiziert.

Interessant ist dabei nicht nur der neue Standort. Yamaha übernimmt auch das operative Geschäft seiner MXGP-Werksmannschaft selbst. Die bisherige Aufteilung zwischen Hersteller und externem Teambetreiber wird damit aufgegeben.

Ob diese Zentralisierung tatsächlich einen sportlichen Vorteil bringt, muss sich zeigen. Kürzere Entscheidungswege zwischen Entwicklung und Rennteam können hilfreich sein. Allerdings ist eine eigene Werksstruktur noch keine Garantie dafür, dass ein Motorrad auf der Strecke schneller wird.

Dass Yamaha dafür ausgerechnet die MX2 opfert, dürfte im Fahrerlager für Diskussionen sorgen. Schließlich war die 250er-Klasse über viele Jahre eine wichtige Säule des Grand-Prix-Programms und zugleich ein Weg, junge Fahrer an die Marke zu binden.

Was wird aus den Reisulis-Brüdern?

Besonders interessant wird die Entscheidung mit Blick auf Janis und Karlis Reisulis. Yamaha hat beide Letten über Jahre gefördert. Nun verschwindet ausgerechnet die Werksstruktur, in der sie ihre sportliche Zukunft hätten fortsetzen können.

Beide Brüder wurden, wie von uns zuletzt berichtet, mit KTM in Verbindung gebracht. Janis soll für die österreichische MX2-Werksmannschaft vorgesehen sein, während Karlis als möglicher MXGP-Pilot im werksunterstützten Team von Van Venrooy gehandelt wird.

Offiziell bestätigt sind diese Wechsel bislang nicht. Die heutige Yamaha-Mitteilung macht allerdings verständlicher, weshalb sich die beiden nach anderen Möglichkeiten umsehen könnten. Ohne MX2-Werksprogramm fehlt Yamaha zumindest in dieser Klasse die bisherige Perspektive.

Und genau hier liegt eine der offenen Fragen: Wie will Yamaha künftig junge Talente an die eigene MXGP-Mannschaft heranführen, wenn der direkte Weg über ein eigenes MX2-Werksteam wegfällt?

Zwar kündigt der Hersteller eine Neuordnung seiner EMX125- und EMX250-Aktivitäten an. Wie diese Programme künftig aussehen sollen, bleibt aber offen. Auch eine mögliche Unterstützung privater MX2-Mannschaften wird in der Mitteilung nicht näher erläutert.

Zwei erfolgreiche Teamstrukturen verlieren ihre bisherige Rolle

Die Entscheidung betrifft nicht nur die Fahrer. Auch die Zusammenarbeit mit zwei langjährigen Partnern verändert sich grundlegend.

Hans Corvers und seine Kemea-Mannschaft gehörten über Jahre zu den wichtigsten Bestandteilen des Yamaha-Engagements. Unter anderem gewann Maxime Renaux 2021 mit Yamaha den MX2-Weltmeistertitel. Insgesamt verweist der Hersteller auf vier Konstrukteurstitel, zu denen Kemea beigetragen hat.

Auch Wim Hutten und Hutten Metaal Racing haben ihre Spuren hinterlassen. Die Mannschaft war besonders in der EMX250 erfolgreich und begleitete seit 2020 die Titelgewinne von Thibault Benistant, Rick Elzinga und Andrea Bonacorsi.

Dass Yamaha beiden Mannschaften in seiner offiziellen Mitteilung ausdrücklich dankt, unterstreicht die Bedeutung dieser Zusammenarbeit. Gleichzeitig ist damit klar, dass der Hersteller künftig andere Wege gehen will.

Gerade im Fall von Kemea ist das bemerkenswert. Noch vor wenigen Wochen wurde darüber diskutiert, ob die Mannschaft nach dem Rückzug von Hutten Metaal zusätzliche Aufgaben in der MX2 übernehmen könnte. Stattdessen verliert sie nun auch ihre bisherige Rolle als Betreiber der MXGP-Werksmannschaft.

Wer führt Yamaha 2027 auf der Strecke?

Während die organisatorische Richtung feststeht, hält sich Yamaha bei den Personalien noch bedeckt. Weder die vollständige Fahrerbesetzung noch das Management der neuen MXGP-Struktur wurden bekannt gegeben.

Tim Gajser besitzt einen Vertrag bis Ende 2027 und dürfte deshalb eine zentrale Rolle in den Planungen spielen. Hinter der weiteren Besetzung stehen dagegen noch Fragezeichen. Zuletzt wurde Ruben Fernandez als möglicher Neuzugang gehandelt, während über die Zukunft von Maxime Renaux spekuliert wurde.

Die neue Werksstruktur könnte Yamaha mehr direkten Einfluss auf technische Entscheidungen und die Zusammenarbeit zwischen Fahrern und Entwicklern geben. Ob sich dadurch auch die bisherigen Probleme auf der Rennstrecke lösen lassen, ist eine andere Frage.

Denn Yamaha hat nicht nur eine organisatorische Aufgabe vor sich. Der Hersteller muss auch dafür sorgen, dass seine YZ450FM gegen die Konkurrenz von Honda, KTM, Ducati und Kawasaki wieder regelmäßig siegfähig ist.

Dafür nimmt man nun einen ziemlich weitreichenden Einschnitt in Kauf. Ein Hersteller, der über Jahrzehnte in der 250er-Klasse erfolgreich war, verzichtet künftig auf ein eigenes MX2-Werksteam, um seine Chancen in der MXGP zu verbessern.

Wie groß der Nutzen dieser Entscheidung tatsächlich sein wird, lässt sich frühestens in der Saison 2027 beurteilen. Für die MX2 steht die Konsequenz dagegen bereits heute fest: Einer der traditionsreichsten Hersteller zieht sich aus dem direkten Werkswettbewerb zurück.