„Not my favorite track“ – Herlings gewinnt trotzdem in Pietramurata

Jeffrey Herlings steht zum zweiten Mal i 2026 ganz oben auf dem Podium

Jeffrey Herlings steht zum zweiten Mal i 2026 ganz oben auf dem Podium

Es sind diese Sätze, die hängen bleiben, weil sie eigentlich nicht zum Ergebnis passen. „Not my favorite track,“ sagte Jeffrey Herlings in Riola mit dem Gedanken an den nächsten Grand Prix in Pietramurata. Ein paar Tage später steht er genau dort ganz oben. Und genau darin liegt die eigentliche Geschichte dieses Grand Prix von Trentino.

Herlings gewinnt – und widerspricht sich selbst

Dass Herlings in Pietramurata gewinnen kann, ist auf dem Papier nichts Neues. Die Zahlen sprechen sogar eine ziemlich klare Sprache: 19 GP-Siege in Italien, davon gleich sechs in Pietramurata, verteilt auf 10 MXGP- und 9 MX2-Erfolge.

Zum Vergleich: In den Niederlanden, seinem eigentlichen Kernterrain, stehen 16 GP-Siege. Eine Statistik, die selbst ihn kurz schmunzeln lässt – auch wenn er sie schnell relativiert. Mehr Rennen in Italien, weniger in Holland. Klingt logisch, greift aber zu kurz.

Denn wer Pietramurata kennt, weiß: Diese Strecke ist nicht dafür gemacht, Herlings entgegenzukommen. Eng, oft limitiert in den Linien – genau das Gegenteil von dem, was ihm normalerweise liegt. Und trotzdem ist genau hier eine seiner konstantesten Erfolgsserien entstanden.

Vielleicht ist das der eigentliche Widerspruch: Herlings gewinnt nicht nur dort, wo es offensichtlich ist. Sondern auch dort, wo er selbst Zweifel anmeldet.

Vom Chaos in den Flow

Der Sonntag selbst folgte dabei einem bekannten Muster. Kein kontrollierter Start-Ziel-Sieg, kein souveränes Verwalten von vorn. Stattdessen: Arbeit.

Nach dem Rückschlag am Samstag – Sturz, kleines technisches Problem – musste sich Herlings erneut durchs Feld arbeiten. Und genau dort entsteht das, was er selbst als Flow beschreibt. Runde für Runde schneller werden, Linien entdecken, die vorher nicht sichtbar waren, und den Rhythmus finden, der ihn von vielen anderen unterscheidet.

Im ersten Lauf funktionierte das nahezu perfekt. Herlings kam von weit hinten, fand Lösungen im Verkehr und war phasenweise deutlich schneller als der Rest des Feldes. Auf einer Strecke, auf der genau das eigentlich kaum möglich ist.

Im zweiten Lauf verschiebt sich das Bild. Vorne angekommen, wird aus Flow plötzlich Positionskampf. Fahrer wie Tim Gajser machen kaum Fehler, schließen Linien konsequent – und nehmen genau damit die Räume, die Herlings zuvor noch nutzen konnte.

Gajser am Limit – und trotzdem voll da

Dass Gajser am Ende trotzdem geschlagen werden kann, ist an diesem Wochenende fast schon die kleinere Geschichte. Die größere ist, dass er überhaupt in dieser Position war. Nach dem heftigen Einschlag in Riola und den gebrochenen Rippen war Trentino alles andere als ein normales Rennwochenende für den Slowenen. Und trotzdem fährt er nicht nur mit – er gestaltet das Rennen aktiv mit.

Vor allem im zweiten Lauf wird deutlich, wie kontrolliert Gajser aktuell unterwegs ist. Mehr Druck, mehr Tempo – aber kaum Fehler. Er selbst spricht davon, dass er deutlich mehr gepusht habe als noch im ersten Lauf, ohne dabei die Kontrolle zu verlieren.

Hinzu kommt dieser spezielle Faktor Trentino. Jahr für Jahr säumen zahlreiche slowenische Fans die Strecke, geben dem 29-Jährigen ein Gefühl, das fast an einen Heim-Grand-Prix erinnert. „Nicht meine Lieblingsstrecke, aber mein Lieblingsrennen“, sagt er. Und genau so wirkt sein Auftritt.

Vialle bleibt konstant im Hintergrund

Tom Vialle dagegen bewegt sich weiterhin etwas unterhalb der großen Schlagzeilen – und genau das passt aktuell zu seiner Rolle. Auch sein Wochenende war nicht fehlerfrei. Ein Sturz im zweiten Lauf wirft ihn zurück, kostet Zeit und Positionen. Und trotzdem steht er am Ende wieder auf dem Podium.

Das liegt weniger an einzelnen Highlights als an der Art, wie er Rennen fährt. Gute Starts, saubere Linien, kaum Risiko – und die Fähigkeit, auch nach Rückschlägen strukturiert weiterzuarbeiten. Während andere versuchen, verlorene Zeit sofort zurückzuholen, bleibt Vialle im eigenen Rhythmus.

Auffällig ist dabei auch seine Herangehensweise an die Strecke. Während viele Fahrer die wenigen Linien eher als Problem sehen, beschreibt er genau das als Herausforderung, die ihm sogar Spaß gemacht hat. Ständiges Anpassen, kreatives Fahren – genau dort findet er aktuell seinen Zugang.

Coenen verliert Punkte – aber nicht die Richtung

Für Lucas Coenen war es dagegen ein Wochenende, das im Titelkampf fast schon einkalkuliert ist. Fehler im ersten Lauf, ein weiterer im zweiten – kein Podium, keine dominante Performance wie in den Rennen zuvor. Und trotzdem verlässt er Trentino weiterhin mit der Red Plate.

Genau darin liegt die Entwicklung. Coenen bleibt ruhig, bewertet das Wochenende nüchtern und denkt sofort in größeren Zusammenhängen. „Champions gewinnen an schlechten Tagen“ – ein Satz, der bei ihm nicht nach Floskel klingt, sondern nach Plan.

Bemerkenswert ist auch der Umgang mit der Konkurrenz. Über Herlings sagt er offen, dass dieser für ihn der beste Sandfahrer der Welt sei. Kein taktisches Statement, sondern eine ehrliche Einordnung in einem Feld, das aktuell extrem dicht beieinanderliegt.

Wenn selbst Pietramurata funktioniert

Was von diesem Wochenende bleibt, ist weniger ein einzelner Sieg als eine Verschiebung im Gesamtbild. Herlings hat das Tempo. Gajser hat die Härte. Vialle hat die Konstanz. Und Coenen hält weiterhin die Kontrolle über die Meisterschaft. Aber entscheidend ist etwas anderes: Herlings gewinnt hier – auf einer Strecke, die ihm laut eigener Aussage nicht liegt.

Und genau das verändert die Perspektive.

Denn wenn ein Fahrer beginnt, auch die Wochenenden zu gewinnen, die nicht zu seinem Profil passen, dann geht es irgendwann nicht mehr nur um Geschwindigkeit. Dann geht es um Kontrolle über eine Saison.