Levi Kitchen über das MXoN: Einholen reicht nicht

Levi Kitchen bei seinem ersten MXoN

Levi Kitchen bei seinem ersten MXoN. / Foto: Ralph Marzahn

Warum kommt ein frisch gekürter SMX-Champion beim Motocross of Nations an seine Gegner heran, aber kaum an ihnen vorbei? Levi Kitchen beschreibt nach seinem Debüt in Ernée Rennen, in denen selbst ein kleiner Positionsgewinn viel Arbeit bedeutete. Wer jemanden eingeholt hatte, musste sich den Platz erst einmal erkämpfen.

„In Amerika merkst du manchmal, dass einer nachlässt und du näher kommst. Hier holst du jemanden ein, aber alle sind so stark. Jeder kämpft so hart“, sagte Kitchen im Interview mit Jonathan McCready.

Gefühlt habe er sich 30 Minuten lang mit demselben Fahrer auseinandergesetzt. Eine Aussage, die mehr über seine Rennen erzählt als die übliche Antwort, dass die Konkurrenz stark gewesen sei. Kitchen konnte das Tempo mitgehen, doch vor ihm machte kaum jemand freiwillig Platz. Einen Gegner unter Druck zu setzen und ihn tatsächlich zu überholen, waren zwei verschiedene Aufgaben.

Daraus gleich einen grundsätzlichen Unterschied zwischen amerikanischen und europäischen Fahrern abzuleiten, wäre allerdings zu weit gegriffen. Kitchen schildert seine Erfahrung bei diesem MXoN. Und dabei spielte auch eine Rolle, dass er auf der 250er gegen 450er antreten musste.

Wie gut konnte er mit den GP-Fahrern mithalten?

Der Qualifikationslauf bot Kitchen den direkten Vergleich mit den anderen 250er-Piloten. Genau dieser Teil des Wochenendes hatte ihm besonders gefallen. „Ich war froh, dass ich zumindest einigermaßen konkurrenzfähig war. Es hat wirklich Spaß gemacht, gegen sie zu fahren.“

Das klingt vorsichtig, aber keineswegs enttäuscht. Kitchen hatte wissen wollen, wo er gegen die WM-Fahrer steht. Nach Ernée würde er gern wieder gegen sie antreten, ob in Amerika oder bei einem weiteren Besuch in Europa.

Die Hauptrennen stellten ihn vor eine andere Aufgabe. Gegen die 450er sei es schwierig gewesen, sagte er. Gerade deshalb hielt er einen guten Start für besonders wichtig. Wer auf der 250er früh eine brauchbare Position erwischt, erspart sich zumindest einen Teil der Arbeit im Verkehr.

Im ersten Lauf hatte Kitchen diese Ausgangslage. Dann kam der Kontakt. „Ich wurde richtig abgeräumt. Der hat mich ordentlich erwischt und dabei meinen Lenker verbogen.“

Wer ihn traf, geht aus dem Gespräch nicht hervor. Kitchen schob die Verantwortung trotzdem nicht vollständig von sich weg: Vielleicht hätte er dort die Tür nicht offen lassen sollen.

Mehr lässt sich aus seiner Schilderung nicht sicher ableiten. Klar ist aber, dass ihm der Zwischenfall die zuvor erarbeitete Position kostete. Im zweiten Lauf gelang ihm der Start nicht so gut. Danach kämpfte er nach eigener Aussage so hart, wie er konnte – und stellte fest, wie schwer es war, sich nach vorn zu arbeiten.

Der Titel nahm Druck, das Debüt brachte Unruhe

Zwischen seinem SMX-Titel und dem Nationencross lag gerade einmal eine Woche. Kitchen gewann in den USA, stieg ins Flugzeug nach Paris und musste sich anschließend wieder auf Motocross einstellen. Er sei schon länger nicht mehr draußen gefahren, erklärte er.

Sportlich war das eine anspruchsvolle Umstellung. Mental kam der Titel dagegen zur richtigen Zeit. „Das hat mir viel Druck von den Schultern genommen. Danach hatte ich das Gefühl, dass ich hierherkommen und es genießen konnte.“

Kitchen musste also keine verpasste Meisterschaft verdauen, während er sich auf das nächste große Rennen vorbereitete. Trotzdem beschrieb er seine Woche in Frankreich als angespannt. Das passt durchaus zusammen: Die eine Aufgabe war erfolgreich erledigt, die nächste war ihm in vielen Punkten noch fremd.

Vor allem die Verpflichtungen rund um das Rennen hatte er so noch nicht erlebt. Termine, neue Menschen, unterschiedliche Anforderungen – Kitchen sagte, man werde in viele Richtungen gezogen. Damit zurechtzukommen, gehörte für ihn ebenso zum Debüt wie die Strecke. „Ich war die ganze Woche und das ganze Wochenende ziemlich angespannt. Vielleicht habe ich manche Dinge nicht so gut gemacht, wie ich es hätte tun können.“

Hier wird seine Selbstkritik konkreter als bei einer pauschalen Aussage über fehlende Vorbereitung. Er glaubt, beim nächsten Mal besser sein zu können, weil er nun weiß, was ihn erwartet. Ob sich daraus auch bessere Ergebnisse ergeben, muss ein weiterer Einsatz zeigen. Den möchte er jedenfalls bekommen.

Kein Bedauern – und eine Nachricht von Roczen

Auf die Frage, ob er sich die Reise nach der anstrengenden SMX-Phase lieber gespart hätte, antwortete Kitchen eindeutig: Er bereue nichts. Er sei dankbar gewesen, die USA vertreten zu dürfen, neue Leute kennenzulernen und vor einem anderen Publikum zu fahren.

Ken Roczen hatte ihm vorher geraten, das Wochenende bewusst zu erleben. Vor dem ersten Rennen meldete er sich noch einmal: „Schau hoch zu den Zuschauern und lass es auf dich wirken.“

Kitchen tat das. Nach all den Verpflichtungen und vor dem nächsten Kampf um Positionen nahm er sich diesen Moment. „Das war unglaublich. Wahrscheinlich war das der beste Rat, den man für diesen Ort bekommen konnte.“