KTM wieder auf Kurs – aber wer hat die Rettung bezahlt?
KTM Headquater in Österreich
Ist die Krise bei KTM damit vorbei? Die Halbjahreszahlen der Bajaj Mobility AG sehen jedenfalls wesentlich besser aus als noch vor einem Jahr. Der Motorradabsatz ist kräftig gestiegen, die Kosten wurden gesenkt und im zweiten Quartal 2026 schrieb das Unternehmen beim EBIT erstmals seit Abschluss der Sanierungsverfahren wieder schwarze Zahlen.
Wer nur diese Entwicklung betrachtet, könnte meinen, KTM habe die schwierigste Phase endgültig hinter sich gelassen. Ganz so einfach ist die Geschichte nicht. Denn der Neustart hatte einen hohen Preis. Die Mitarbeiterzahl wurde deutlich reduziert und die Gläubiger der KTM AG erhielten im Sanierungsverfahren nur 30 Prozent ihrer quotenberechtigten Forderungen.
Wichtig für die Einordnung: Die aktuellen Umsatz-, Absatz-, Ergebnis-, Mitarbeiter- und Bilanzzahlen in diesem Artikel stammen aus den Veröffentlichungen der Bajaj Mobility AG und entsprechen damit Unternehmensangaben. Die Angaben zum Insolvenzverfahren und zur Gläubigerquote stammen vom österreichischen Kreditschutzverband KSV1870.
Die Motorräder verkaufen sich wieder
Beginnen wir mit dem aktuellen Geschäft. Und dort fällt die Entwicklung ziemlich deutlich aus. Im ersten Halbjahr 2026 verkaufte Bajaj Mobility 89.004 Motorräder der Marken KTM, Husqvarna und GASGAS. Gegenüber dem gleichen Zeitraum 2025 entspricht das einem Plus von 91,9 Prozent.
Noch stärker stieg der damit erzielte Umsatz. Das Motorradgeschäft brachte 579,6 Millionen Euro ein und damit 109,1 Prozent mehr als im ersten Halbjahr 2025.
Vor allem das zweite Quartal zeigt, dass sich die Entwicklung zuletzt noch einmal beschleunigt hat. Zwischen April und Juni wurden 48.672 Motorräder verkauft. Im gleichen Zeitraum des Vorjahres waren es 28.471. Der Motorrad-Umsatz stieg von 141,3 auf 307,3 Millionen Euro.
Auch der gesamte Konzern legte zu. Bajaj Mobility meldet für die ersten sechs Monate einen Umsatz von 701,4 Millionen Euro. Ein Jahr zuvor waren es 425,2 Millionen Euro. Das entspricht einem Plus von 65 Prozent. Die Unternehmenspräsentation macht dabei ziemlich klar, woher das Wachstum kommt: Das Motorradgeschäft ist wieder der mit Abstand wichtigste Umsatzbringer.
Hinzu kommen 58.568 Motorräder, die Bajaj Auto in Indien verkaufte. Zusammengerechnet wurden im ersten Halbjahr damit weltweit 147.572 Motorräder abgesetzt.
Verdient KTM damit auch wieder Geld?
Hohe Stückzahlen und steigende Umsätze sehen gut aus. Nach der Krise ist aber eine andere Frage wichtiger: Bleibt vom Geschäft auch wieder etwas hängen? Beim EBITDA lautet die Antwort inzwischen ja. Für das erste Halbjahr weist Bajaj Mobility ein EBITDA von 37,6 Millionen Euro aus. Die EBITDA-Marge liegt bei 5,4 Prozent. Im entsprechend bereinigten Vorjahreszeitraum hatte noch ein Minus von 183,3 Millionen Euro gestanden.
Im zweiten Quartal fällt die Entwicklung noch deutlicher aus. Das EBITDA erreichte 32 Millionen Euro, die Marge 8,7 Prozent. Im ersten Quartal waren es lediglich 1,7 Prozent gewesen. Beim EBIT gelang zwischen April und Juni schließlich der Sprung ins Plus. Nach bereinigten minus 164,7 Millionen Euro im zweiten Quartal 2025 stehen nun plus 1,3 Millionen Euro.
Das ist bei einem Unternehmen dieser Größe kein dickes Polster, nach der Insolvenz aber durchaus bemerkenswert. Laut Bajaj Mobility handelt es sich um das erste positive Quartals-EBIT seit Abschluss der Sanierungsverfahren. Über die gesamten ersten sechs Monate reicht es allerdings noch nicht für schwarze Zahlen. Das EBIT liegt bei minus 24,8 Millionen Euro, das Nettoergebnis bei minus 47 Millionen Euro.
Die Richtung stimmt also. Mehr lässt sich nach einem positiven Quartal noch nicht seriös daraus machen.
Woher kommt die Verbesserung?
Mehr verkaufte Motorräder erklären nur einen Teil. Bajaj Mobility hat gleichzeitig kräftig bei den laufenden Kosten angesetzt. Die sogenannten Overheads sanken im ersten Halbjahr gegenüber 2025 um 65,8 Millionen Euro. Statt 243 Millionen Euro wurden noch 177 Millionen Euro ausgewiesen.
Parallel dazu ging die Mitarbeiterzahl weiter zurück. Ende 2025 beschäftigte die Gruppe 3.782 Menschen, zum 30. Juni 2026 waren es noch 3.416. Innerhalb eines halben Jahres entspricht das einem Rückgang von 9,7 Prozent.
Noch deutlicher wird der Einschnitt mit etwas Abstand. 2023 hatte die Gruppe 6.184 Mitarbeiter. Damit ist die Belegschaft gegenüber diesem Stand um fast 45 Prozent geschrumpft. Bajaj Mobility spricht heute von einer schlankeren Struktur. Betriebswirtschaftlich lässt sich der Effekt in den gesunkenen Kosten erkennen.
Für die Menschen, deren Stellen im Zuge dieser Entwicklung weggefallen sind, dürfte „schlanker“ allerdings etwas anders klingen.
KTM gerettet – aber wer hat die Rettung bezahlt?
Bei den aktuellen Wachstumszahlen sollte ein anderer Teil der Geschichte nicht unter den Tisch fallen. Die KTM AG konnte durch das Sanierungsverfahren weitergeführt werden. Die Gläubiger mussten dafür allerdings einen erheblichen Forderungsverzicht akzeptieren.
Nach Angaben des KSV1870 wurden Forderungen von rund 2,2 Milliarden Euro angemeldet. Rund zwei Milliarden Euro davon wurden anerkannt. Der angenommene Sanierungsplan sah für die anerkannten Insolvenzforderungen eine Quote von 30 Prozent vor.
Rechnet man diese Quote vereinfacht auf die rund zwei Milliarden Euro anerkannten Forderungen, ergibt sich ein Forderungsverzicht in einer Größenordnung von rund 1,4 Milliarden Euro.
Die tatsächlich für die Quotenzahlung zu hinterlegende Summe lag allerdings niedriger. KTM bezifferte sie auf 548 Millionen Euro. Ein Teil der angemeldeten Forderungen war bestritten oder hinsichtlich seiner Teilnahme an der Quotenausschüttung noch nicht abschließend geklärt.
Deshalb sind die rund 1,4 Milliarden Euro nicht als exakte Verlustsumme aller Gläubiger zu verstehen, sondern als Größenordnung, die sich aus den anerkannten Forderungen und der 30-Prozent-Quote ergibt.
Und noch etwas ist wichtig: Dabei handelt es sich nicht ausschließlich um Verluste von KTM-Zulieferern. Nach Angaben des KSV1870 waren rund 3.850 Gläubiger betroffen. Dazu gehörten etwa 1.250 Lieferanten und Banken sowie rund 2.600 Dienstnehmer. Für betroffene langjährige Geschäftspartner ist die Quote trotzdem eine Hausnummer. Wer beispielsweise eine quotenberechtigte Forderung von 100.000 Euro hatte, erhielt nach dem Sanierungsplan grundsätzlich 30.000 Euro.
Für KTM war der Schuldenschnitt ein wichtiger Teil des Neustarts. Für betroffene Zulieferer, die auf ihre quotenberechtigten Forderungen lediglich die 30-Prozent-Quote erhielten, sieht derselbe Neustart zwangsläufig anders aus.
Allerdings gehört auch die Alternative zur Geschichte.
Der KSV1870 ging damals davon aus, dass die Gläubiger bei einer insolvenzgerichtlichen Schließung und Zerschlagung von KTM eine Verteilungsquote von knapp unter 15 Prozent erhalten hätten. Der angenommene Sanierungsplan mit 30 Prozent stellte aus Sicht des Kreditschutzverbandes deshalb die wirtschaftlich sinnvollere Variante dar.
Das macht den Verlust für die betroffenen Gläubiger nicht kleiner. Es zeigt aber, warum sie dem Sanierungsplan trotz des erheblichen Forderungsverzichts mehrheitlich zugestimmt haben.
Auch die vollen Lager werden kleiner
Ein weiteres Problem aus der Zeit vor der Insolvenz waren die hohen Motorradbestände bei KTM und im Händlernetz. Anfang 2024 summierten sich die Bestände laut Unternehmenspräsentation auf 289.947 Motorräder. Ende Juni 2026 waren es noch 137.237. Damit wurde der Bestand innerhalb dieses Zeitraums um rund 53 Prozent reduziert.
Allein seit Beginn dieses Jahres gingen die weltweiten Bestände bei der Gruppe und den Händlern nach Unternehmensangaben um weitere 10.190 Motorräder zurück.
Das ist für KTM wichtiger, als die reine Stückzahl zunächst vermuten lässt. Volle Händlerlager machen den Verkauf neuer Modelle schwieriger und führen schnell zu Rabattschlachten bei älteren Motorrädern. Genau diese Situation will kein Hersteller über längere Zeit haben.
In der Konzernbilanz stehen zum Halbjahr allerdings weiterhin Vorräte im Wert von 374 Millionen Euro. Ende 2025 waren es 377 Millionen Euro.
Das widerspricht dem Rückgang der Motorradstückzahlen nicht. In der Bilanzposition stecken schließlich nicht nur fertige Motorräder im Händlernetz, sondern weitere Vorräte und deren bilanzieller Wert.
Wie stabil ist KTM finanziell inzwischen?
Beim Blick auf die Bilanz wird die Sache wieder etwas nüchterner. Bajaj Mobility weist zum 30. Juni ein Eigenkapital von 339,9 Millionen Euro aus. Ende 2025 waren es noch rund 385 Millionen Euro. Die Eigenkapitalquote sank von 24,3 auf 21,5 Prozent.
Gleichzeitig liegen die verzinslichen Finanzschulden bei 949 Millionen Euro. Ende 2025 waren es 936 Millionen Euro. Die Nettoverschuldung stieg von 798 auf 827 Millionen Euro. Von einem finanziell sorgenfreien Unternehmen kann deshalb noch keine Rede sein.
Auf der anderen Seite wurde die Finanzierung neu aufgestellt. Die KTM AG erhielt im zweiten Quartal eine Refinanzierung über 550 Millionen Euro. Laut Unternehmenspräsentation liegt die durchschnittliche Laufzeit der Finanzverbindlichkeiten bei 3,3 Jahren. Ende Juni verfügte die Gruppe über 122 Millionen Euro liquide Mittel sowie knapp 50 Millionen Euro ungenutzte Kreditlinien.
Beim Free Cashflow steht weiterhin ein Minus. Mit minus 22,1 Millionen Euro fällt es allerdings kleiner aus als die minus 38,5 Millionen Euro im ersten Halbjahr 2025. Der operative Cashflow ist inzwischen wieder positiv und liegt bei 17 Millionen Euro. Im Vergleichszeitraum des Vorjahres waren noch 62 Millionen Euro abgeflossen.
Ist der Turnaround damit geschafft?
Noch nicht. Die Entwicklung im operativen Geschäft spricht klar dafür, dass die Sanierung Wirkung zeigt. Der Absatz wächst, die Lagerbestände sinken und im zweiten Quartal gelang beim EBIT der Sprung ins Plus.
Auf der anderen Seite stehen weiterhin ein negatives Halbjahresergebnis und eine Nettoverschuldung von 827 Millionen Euro. Dazu kommt der Preis, zu dem dieser Neustart möglich wurde.
KTM scheint als Motorradmarke und Hersteller zunächst gerettet. Ob daraus wieder ein dauerhaft gesundes Unternehmen wird, ist eine andere Frage.
Die kommenden Quartale werden deshalb interessanter als jeder große Prozentwert aus dem Vergleich mit dem Krisenjahr 2025. Bleibt das operative Geschäft profitabel, verbessert sich der Cashflow weiter und gelingt es, die hohe Verschuldung zurückzuführen, bekommt der Turnaround eine wesentlich stabilere Grundlage.
Bis dahin sieht KTM deutlich gesünder aus als noch vor einem Jahr. Durch ist die Geschichte damit aber noch nicht.
