KTM und der angebliche „Abgasskandal“: Ganz so einfach ist die Sache nicht
KTM steht mit einem angeblichen Abgasskandal erneut in der Kritik. / Foto: Rudi Schedl
Seit Tagen entsteht rund um KTM-Enduros eine mediale Dynamik, die inzwischen weit über eine normale technische Diskussion hinausgeht. Österreichische und deutsche Medien sprechen von „illegalen Motorrädern“, „Alibi-Zulassungen“ und einem möglichen „Abgasskandal auf zwei Rädern“. Auch ZDFheute beteiligte sich gemeinsam mit Climate Whistleblowers und weiteren Medienhäusern an der internationalen Recherche.
Das Problem dabei: Die Berichterstattung vermittelt teilweise den Eindruck, KTM würde bewusst illegale Motorräder an ahnungslose Kunden verkaufen. Genau diese Darstellung wirkt bei genauerem Blick allerdings zunehmend fragwürdig.
Die entscheidenden Fakten werden mitgeliefert
Denn selbst innerhalb der veröffentlichten Recherche findet sich bereits der zentrale Punkt, der die gesamte Skandalisierung massiv relativiert.
KTM liefert die Motorräder laut eigener Aussage ausschließlich im homologierten und straßenzugelassenen Zustand aus. Umbauten erfolgen – wenn überhaupt – erst nachträglich und ausdrücklich auf Kundenwunsch. Genau das bestätigte KTM auch offiziell.
Und damit unterscheidet sich der Fall fundamental von klassischen Manipulationsskandalen der Automobilindustrie.
Es gibt bislang keinen Beleg dafür, dass KTM Fahrzeuge mit illegaler Software homologiert oder versteckte Abschalteinrichtungen eingebaut hätte. Stattdessen dreht sich die gesamte Debatte um spätere Umbauten im Wettbewerbsumfeld.
Trotzdem wird in vielen Schlagzeilen genau dieser Unterschied nahezu verwischt.
Die Recherche arbeitet stark mit Dramatisierung
Besonders auffällig ist dabei die Machart der veröffentlichten Beiträge auf diversen einschlägigen Medien. Undercover-Aufnahmen, Begriffe wie „Trickserei“, Vergleiche mit dem Dieselskandal und Aussagen über „PS-Monster“ erzeugen gezielt maximale Aufmerksamkeit. Gleichzeitig bleibt an vielen Stellen wichtige Einordnung auf der Strecke.
Denn innerhalb der Enduro-Szene ist die grundsätzliche Problematik seit Jahren bekannt. Sportenduros bewegen sich seit Jahrzehnten in einem komplizierten Spannungsfeld zwischen Straßenzulassung und Wettbewerbseinsatz.
Das betrifft nicht nur KTM, sondern praktisch die gesamte Branche. Selbst der zitierte ehemalige Werkstattleiter erklärt in der Recherche, dass seiner Ansicht nach praktisch keine dieser Sportenduros dauerhaft im legalen Straßenbetrieb bewegt werde.
Genau deshalb wirkt die Darstellung, als sei hier plötzlich ein verborgenes System aufgedeckt worden, deutlich größer als die Realität innerhalb dieser kleinen Motorsport-Nische.
Die Kunden wissen ziemlich genau, was sie kaufen
Ein weiterer Punkt geht in der aktuellen Berichterstattung nahezu komplett unter: Die Käufer solcher Motorräder sind normalerweise keine zufälligen Alltagskunden.
Wer eine KTM EXC kauft, weiß in aller Regel sehr genau, worum es sich handelt. Diese Motorräder sind kompromisslose Sportgeräte mit engem Wartungsfenster, aggressiver Leistungscharakteristik und klarer Ausrichtung auf Offroad-Einsatz, Rennen und Trainings.
Die meisten dieser Maschinen verbringen ihr Leben nicht im Stadtverkehr, sondern im Wettbewerbseinsatz oder auf abgesperrten Trainings-Strecken. Natürlich bleibt eine entdrosselte Enduro auf öffentlichen Straßen illegal. Das bestreitet niemand ernsthaft.
Die aktuelle Berichterstattung erzeugt allerdings teilweise das Bild eines riesigen Verbraucherskandals mit massenhaft getäuschten Kunden. Genau dafür liefern die bisherigen Fakten kaum belastbare Hinweise.
KTM wird zum Symbol einer viel größeren Debatte gemacht
Auffällig ist außerdem, wie stark sich die aktuelle Diskussion auf KTM konzentriert, obwohl selbst die Recherche deutlich macht, dass vergleichbare Abläufe innerhalb der gesamten Enduro-Branche seit Jahren bekannt sind. Trotzdem entsteht durch viele Berichte momentan der Eindruck, als handle es sich um ein speziell von KTM geschaffenes Problem.
Natürlich spielt dabei auch die besondere Stellung der Marke eine Rolle. KTM dominiert den europäischen Enduro-Markt seit Jahren, stand zuletzt wirtschaftlich massiv unter Druck und befindet sich dadurch ohnehin stärker im öffentlichen Fokus als viele kleinere Hersteller. Genau deshalb eignet sich die Marke aktuell besonders gut für aufmerksamkeitsstarke Schlagzeilen.
Dabei beschreibt die Recherche letztlich weniger ein exklusives KTM-Problem, sondern vielmehr die seit Jahren bekannte Diskrepanz zwischen gesetzlicher Homologation und der praktischen Realität des Enduro-Sports.
Die eigentliche Diskussion wird kaum geführt
Denn die wirklich spannende Frage lautet eigentlich: Warum schafft es die europäische Regulierung kaum noch, hochspezialisierte Sportgeräte sinnvoll in bestehende Zulassungssysteme einzuordnen?
Viele aktuelle Enduros erfüllen Euro5+-Vorgaben nur noch durch massive Einschränkungen bei Leistung, Geräuschentwicklung und Fahrbarkeit. Gleichzeitig erwarten Kunden von genau diesen Motorrädern aber sportliche Eigenschaften.
Genau dort entsteht seit Jahren eine Grauzone zwischen Homologation, Wettbewerb und tatsächlicher Nutzung. Darüber könnte man sachlich diskutieren. Stattdessen entsteht momentan zunehmend der Eindruck einer politischen Kampagne gegen einen Hersteller und eine komplette Fahrzeugkategorie.
Zwischen Realität und Schlagzeile liegt ein großer Unterschied
Am Ende bleiben deshalb zwei Dinge gleichzeitig richtig. Ja: Eine entdrosselte Wettbewerbsenduro im öffentlichen Straßenverkehr ist illegal. Ebenso richtig ist allerdings auch: KTM kann den zentralen Vorwurf bislang nachvollziehbar zurückweisen, weil die Motorräder homologiert ausgeliefert werden und spätere Umbauten auf ausdrücklichen Kundenwunsch erfolgen.
Also, worum geht es dieser von vielen Medien betriebenen Recherche wirklich?
