Seewer & Ducati 2026: Geduldsspiel oder Warnsignal?
Jeremy Seewer mit der Ducati für die MXGP Saison 2026
Der Januar war für Jeremy Seewer kein klassischer Vorbereitungsmonat mit endlosen Trainingsmotos, sondern ein technisches Feintuning unter Hochdruck. Während andere bereits Rennrhythmus sammelten, verbrachte der 31-Jährige viele Tage auf Sardinien im Testmodus – Datensammeln statt Startgatter. Das Ziel: die Ducati auf ein Niveau zu bringen, mit dem er nicht nur mithalten, sondern wieder er selbst sein kann.
Jeremy Seewer geht mit Ducati Corse in die nächste MXGP-Saison – aber von Euphorie ist wenig zu spüren. Stattdessen dominieren nüchterne Analysen, technische Baustellen und die Hoffnung auf neue Teile.
Viel Analyse, wenig Rennpraxis
Seewer ließ die ersten Vorsaisonrennen aus. Ein Schritt, der Fragen aufwirft – aber auch viel über den aktuellen Stand des Projekts verrät. Die Marschrichtung ist klar: lieber Grundlagenarbeit als kosmetische Resultate im Februar. Doch die Kehrseite ist offensichtlich. Rennhärte entsteht nicht im Testprogramm, sondern im direkten Schlagabtausch. Und genau dort wird sich zeigen, ob die Entwicklungsarbeit trägt.
Die Ducati ist laut Seewer spürbar besser als im Vorjahr. Trotzdem fehlt noch das letzte Puzzleteil. Das klingt nach Fortschritt – aber auch nach einem Projekt, das noch nicht dort ist, wo ein Titelanwärter im Februar stehen sollte. Doch wer im Februar noch auf entscheidende Rahmenteile wartet, befindet sich nicht im Angriffsmodus – sondern im Entwicklungsmodus. Und das ist im zweiten Jahr eines Werkprojekts zumindest diskussionswürdig.
Wilvo-Effekt: Mehr Struktur, mehr Einfluss
Mit dem operativen Wechsel zum Wilvo-geführten Werksteam hat sich intern einiges verändert. Mehr Manpower, klarere Strukturen, weniger finanzielle Bremsen. Ducati bleibt technischer Taktgeber, doch das Team ist stärker eingebunden. Für Seewer bedeutet das: mehr Gehör – aber auch mehr Verantwortung.
Interessant ist seine Einschätzung zur internen Dynamik. Seine großgewachsenen Teamkollegen kamen laut dem Zürcher mit der Desmo450 MX bislang offenbar besser zurecht. Das verzögerte die Problemanalyse. Erst als die Ergebnisse während der Internazionali d’Italia EICMA Series 2026 im Rennsetting nicht stimmten, wurde klar, dass das Limit nicht nur fahrerisch bedingt war. Eine ehrliche, fast schon schonungslose Einordnung – und ein Hinweis darauf, wie schmal der Grat zwischen „funktioniert“ und „reicht nicht“ in der MXGP ist.
Das Bike gibt das Limit vor
Besonders aufschlussreich ist seine Einschätzung, dass am absoluten Limit derzeit alle auf einem ähnlichen Niveau unterwegs sind und zusätzlicher Speed nur über erhöhtes Risiko möglich wird. Das klingt weniger nach der Selbstverständlichkeit eines Sieganwärters, sondern vielmehr nach der Realität eines Fahrers, der noch immer mit technischen Begrenzungen des Pakets kämpft.
Klar ist, dass er für 35 Minuten am Limit nicht nur Fitness, sondern Vertrauen braucht. Genau daran will Seewer nun in Belgien arbeiten, bevor er in Sommières erstmals ins Renngeschehen eingreift. Argentinien kommt schnell – und die Konkurrenz schläft nicht.
Breite Spitze, kleiner Spielraum
Die MXGP-Saison 2026 verspricht ein noch engeres Kräfteverhältnis. Neue Gesichter wie Kay de Wolf oder Andrea Adamo mischen vorne mit, Rückkehrer wie Tom Vialle bringen zusätzliche Qualität ins Feld – der Spielraum für Experimente schrumpft. In einem derart verdichteten Starterfeld wird jedes technische Detail zum Faktor. Ein Bike, das nicht zu hundert Prozent passt, kostet nicht nur Zehntel, sondern Positionen.
Gerade deshalb wirkt die Situation rund um Seewer und Ducati wie ein Balanceakt. Im Motocross lässt sich nichts erzwingen. Wer versucht, fehlende Performance mit der Brechstange zu kompensieren, zahlt früher oder später den Preis – sportlich oder körperlich.
Der Fokus liegt daher nicht auf großen Ansagen, sondern auf Substanz. Entscheidend ist, dass die Ducati so funktioniert, dass Jeremy Seewer wieder intuitiv agieren kann – ohne Nachdenken, ohne permanente Korrekturen, ohne Kompromisse im Kurveneingang oder auf der Bremse. Erst wenn dieses Grundvertrauen zurück ist, entsteht das Fundament für Konstanz. Und erst auf dieser Basis wird aus Fortschritt echte Angriffslust.
Ob die neuen Teile den entscheidenden Unterschied machen? Das wird sich nicht im Test zeigen, sondern im ersten Grand Prix, wenn 35 Minuten lang keine Ausreden mehr zählen.
Und genau dort beginnt die eigentliche Bewährungsprobe – für Seewer und für Ducati gleichermaßen.
