Ducati vor dem MXGP-Start 2026: Anspruch trifft Realität

Calvin Vlaanderen ist seit diesem Jahr Ducati Factory Pilot

Calvin Vlaanderen ist seit diesem Jahr Ducati Factory Pilot. / Foto: Ducati

Wenig Zeit, viele offene Fragen: Der Countdown zur Motocross-Weltmeisterschaft 2026 läuft – und bei Ducati überwiegen aktuell die Fragezeichen. Die Auftritte bei der Internazionali d’Italia EICMA Series haben weniger Zuversicht erzeugt als erhofft. Statt klarer Fortschritte wurden vor allem Hinweise sichtbar, dass das Projekt sportlich wie technisch noch mitten in der Findungsphase steckt.

Ein Projekt mit bewusst hohem Risiko

Dass Ducati den Einstieg in die MXGP nicht als Selbstläufer betrachtet, war von Beginn an klar. Der Weg ist komplex, die Lernkurve steil. Doch nach dem Wechsel zur Struktur von Louis Vosters und mit Blick auf den Saisonstart fällt auf: Viele der aktuell sichtbaren Probleme wirken nicht zufällig. Das Motorrad liefert in einzelnen Bereichen Potenzial, findet dieses aber noch nicht zuverlässig über ein komplettes Rennen hinweg. Genau hier trennt sich Entwicklungsarbeit von Rennreife.

Technik als limitierender Faktor

Auffällig ist, dass Rückstände selten auf einzelne Fahrfehler oder Rennsituationen zurückzuführen sind. Vielmehr fehlt es an Konstanz, an einem stabilen Grund-Setup und an Vertrauen ins Paket – Faktoren, die in der MXGP entscheidend sind. Starts verlaufen nicht konstant, Rennrhythmen lassen sich schwer etablieren, und selbst ordentliche Einzelrunden verlieren im Gesamtbild an Bedeutung. Für ein Werksteam ist das ein kritischer Befund – insbesondere zu diesem Zeitpunkt der Vorbereitung.

Die Rolle der Fahrer

Für die Piloten bedeutet die aktuelle Situation zusätzliche Belastung. Andrea Bonacorsi bewegt sich regelmäßig nahe am Limit dessen, was derzeit möglich ist, ohne daraus nachhaltige Resultate ableiten zu können. Calvin Vlaanderen bringt genau die analytische Herangehensweise mit, die in Entwicklungsphasen gefragt ist – doch auch er kann fehlende Grundlagen nicht kompensieren.

Besonders ins Gewicht fällt zudem das Fehlen von Jeremy Seewer bei beiden Veranstaltungen der Internazionali. Ob bewusst gesteuert oder nicht: Ducati verzichtete damit auf wertvolle Vergleichsdaten unter Rennbedingungen. Testfahrten können diesen Informationsverlust nur bedingt ausgleichen.

Fehlende Rennkilometer als Risiko

Gerade in der frühen Saisonphase ist Rennpraxis kaum zu ersetzen. Während andere Hersteller ihre Set-ups schärfen und Abläufe automatisieren, scheint Ducati weiterhin grundlegende Fragen zu klären. Das kostet Zeit – und Zeit ist in der MXGP ein knappes Gut. Wer im März noch sucht, läuft Gefahr, den Anschluss früh zu verlieren.

Der Blick auf das große Ganze

Dass das Projekt vom Team um Louis Vosters langfristig angelegt ist, steht außer Zweifel. Ducati denkt in Entwicklungszyklen, nicht in Schnellschüssen. Doch die Weltmeisterschaft verzeiht keine langen Anlaufphasen. Das Feld ist dicht, die Konkurrenz stabil, und Spielraum für Experimente unter Rennbedingungen begrenzt.

Ambitionen ja – Stabilität noch nicht

Unterm Strich geht Ducati mit hohen Ansprüchen, aber auch mit sichtbaren Baustellen in die MXGP-Saison 2026. In den kommenden Wochen muss es gelingen, technische Schwächen zu reduzieren und den Fahrern ein berechenbareres Paket an die Hand zu geben. Andernfalls droht ein Saisonstart, der weniger von sportlicher Entwicklung als von Schadensbegrenzung geprägt sein könnte.