Ben Townley und Aigar Leok: Eine Freundschaft, die Generationen verbindet
Aigar Leok (links) und Ben Townley verbindet eine lange Freundschaft
Für Ben Townley ging es eigentlich nur um ein Nachwuchsrennen. Sein jüngerer Sohn Jagger musste beim EMX85-Halbfinale in Estland antreten, um sich das Ticket für das Europafinale in Loket zu sichern. Doch am Ende sprach der ehemalige MX2-Weltmeister kaum über das Rennen. Stattdessen schwärmte er von Estland – und bezeichnete das Land als seinen Lieblingsort in Europa.
Ein Grund dafür waren die Tage, die Townley und seine Familie bei Aigar Leok und seiner Familie verbrachten. Die beiden ehemaligen Grand-Prix-Fahrer kennen sich seit vielen Jahren. Was einst im Fahrerlager begann, ist längst zu einer engen Freundschaft geworden. Heute sind es ihre Söhne, die gemeinsam trainieren, Rennen fahren und den Kontakt der Familien weiterführen.
Aus Konkurrenten wurden Freunde
Wann genau sich ihre Wege zum ersten Mal kreuzten, kann Aigar Leok heute gar nicht mehr sagen. „Ich weiß ehrlich gesagt nicht mehr, in welchem Jahr wir uns kennengelernt haben“, erzählt der Este. „Ben bekam damals die Chance, für Phase Suzuki zu fahren. Später waren Ben, Tyler Rattray und Aigars Cousin Tanel Leok Teamkollegen bei Vangani. Da ich mit Tanel oft unterwegs war, haben Ben und ich uns immer wieder gesehen. Daraus ist mit den Jahren eine Freundschaft entstanden.“
Dass diese Verbindung bis heute besteht, freut Leok besonders. „Mittlerweile verstehen sich auch unsere Jungs richtig gut. Das ist schön zu sehen.“
Hotel? Kam gar nicht infrage
Nach der Junioren-Weltmeisterschaft in Tschechien reiste Familie Townley direkt weiter nach Estland. Als Leok erfuhr, dass Ben schon einige Tage vor dem EMX85-Rennen anreisen würde, war für ihn sofort klar, dass die Familie bei ihm wohnen würde. „Ich habe sofort zu ihm gesagt: Mi casa es tu casa. Freunde gehören zu uns nach Hause. Es wäre komisch gewesen, wenn sie irgendwo anders übernachtet hätten.“
Also verbrachten Ben, seine Frau sowie Levi und Jagger mehrere Tage bei Familie Leok. Statt Hotelzimmer gab es gemeinsame Abende, Restaurantbesuche, Fußball im Fernsehen und jede Menge Zeit zum Reden. „Bei den Rennen bleibt dafür kaum Zeit“, sagt Leok. „Dort spricht man fast immer nur über Motocross. Diesmal konnten wir einfach mal zusammensitzen und über alles Mögliche reden. Das hat richtig gutgetan.“
Mehr als nur Motocross
Natürlich stand auch das Training im Mittelpunkt. Vor dem EMX85-Halbfinale nutzten Levi und Jagger mehrere Strecken rund um den Wohnort der Leoks. Doch Aigar wollte seinen Gästen auch zeigen, was Estland außerhalb der Rennstrecken ausmacht. Deshalb standen unter anderem die familieneigene Forellenzucht, der landwirtschaftliche Betrieb und das Vereinsmuseum des Leok Motoclubs auf dem Programm.
Der Verein wurde 1968 von Väino Leok ins Leben gerufen. Seitdem hat die Familie den Club geprägt und ihn zu einer festen Größe im estnischen und internationalen Motorsport gemacht. Zu den berühmtesten Mitgliedern zählen unter anderem Aigar, Tanel sowie Avo Leok.
„Viele kennen unsere Geschichte gar nicht“, erklärt Leok. „Im Museum stehen Motorräder, mit denen unsere Familie Meisterschaften gewonnen hat. Wenn die Leute das sehen, verstehen sie erst, welchen Weg wir gegangen sind. Darauf sind wir natürlich stolz.“
Ein Paradies für Motocrossfahrer
Dass Ben Townley von Estland so begeistert zurückkehrte, überrascht Leok überhaupt nicht. „Ich glaube, am meisten hat ihn die Anzahl unserer Strecken beeindruckt“, sagt er. „Im Umkreis von einer Stunde haben wir zwölf bis fünfzehn Motocross-Strecken. Hartboden, Sand, große Sprünge, kleine Sprünge – eigentlich alles, was man zum Trainieren braucht.“
Townley konnte sich davon selbst überzeugen und drehte während seines Aufenthalts auch einige Runden auf verschiedenen Strecken.
Mindestens genauso beeindruckt war er aber von den Möglichkeiten, die Fahrer in Estland haben. „Du kannst morgens trainieren und bist mittags fertig“, erklärt Leok. „Danach bleibt Zeit für Familie oder andere Dinge. Man muss nicht erst bis zum Nachmittag warten, bis irgendwo eine Strecke öffnet.“
Für Townley passte einfach das Gesamtpaket. Die vielen Wälder, die Ruhe, die weitläufige Landschaft und die entspannte Atmosphäre erinnerten ihn an Michigan in den USA – und machten Estland für ihn zu einem ganz besonderen Ort.
Rückschläge gehören dazu
Sportlich verlief die Reise dagegen nicht ganz nach Wunsch. Schon bei der Junioren-Weltmeisterschaft in Tschechien blieben Levi und Jagger hinter ihren Erwartungen zurück. Auch beim EMX85-Halbfinale musste Jagger nach einem Fehler am Start zunächst eine Aufholjagd starten.
Für Ben Townley gehört das dazu. Junge Fahrer müssten lernen, mit solchen Tagen umzugehen. Nicht jedes Wochenende laufe perfekt, doch genau daraus entstehe oft die größte Entwicklung.
Auch Leok sieht das so. „Die Jungs sollen verschiedene Böden kennenlernen, auf unterschiedlichen Strecken fahren und andere Kulturen erleben“, sagt er. „Je mehr Erfahrungen sie in jungen Jahren sammeln, desto besser wird ihnen das später helfen.“
Zwei Familien, eine Philosophie
Während ihres gemeinsamen Aufenthalts stellten Townley und Leok fest, dass sie heute viele Dinge ähnlich sehen. „Mir ist erst jetzt aufgefallen, wie ähnlich Ben und ich denken“, erzählt Leok. „Du musst erst das ABC lernen, bevor du ein Buch lesen kannst. Beim Motocross ist das genauso. Erst kommen die Grundlagen, danach die Geschwindigkeit.“
Beide ehemaligen Grand-Prix-Piloten haben deshalb ihre Prioritäten verändert. Townley hat seine Trainingsschule aufgegeben, um sich vollständig auf Levi und Jagger zu konzentrieren. Leok traf dieselbe Entscheidung bereits vor einigen Jahren.
„Als Lukas noch 50ccm gefahren ist, bin ich selbst noch Rennen gefahren. Irgendwann ging das nicht mehr. Also haben wir beschlossen, unsere ganze Energie in seine Entwicklung zu stecken.“
Trotz aller Erfahrung wissen beide genau, dass sie ihren Söhnen den Weg nur zeigen können. „Wir können ihnen helfen und unsere Erfahrungen weitergeben“, sagt Leok. „Aber fahren müssen sie selbst. Wenn der Wille nicht von den Jungs kommt, bringt das alles nichts.“
Das nächste Wiedersehen kommt bestimmt
Ob Ben Townley bald wieder nach Estland reist, wird vor allem vom Rennkalender abhängen. Die Einladung steht jedenfalls. „Sie wissen, wo ich wohne“, sagt Leok. „Es spielt keine Rolle, wann sie kommen möchten. Unsere Türen stehen immer offen.“
Und vielleicht wird die nächste Reise sogar noch etwas länger. „Jetzt würden wir Ben gerne einmal in Neuseeland besuchen“, erzählt Leok. „Das wäre ein Traum. Dann könnten unsere Jungs wieder gemeinsam trainieren und Zeit miteinander verbringen.“
Die Geschichte der beiden Familien begann vor vielen Jahren im Grand-Prix-Fahrerlager. Heute setzt sie sich auf eine ganz andere Art fort – mit zwei Vätern, die ihre Erfahrungen weitergeben, und einer neuen Generation, die ihre eigenen Spuren im Motocross hinterlassen möchte.
