Arnhem: Was die Fahrer wirklich sagten
Start der MX2 Klasse beim MXGP of The Netherlands 2026 in Arnhem
Arnhem war ein Wochenende, an dem einige Aussagen interessanter waren als die nackten Ergebnisse. Jeffrey Herlings sprach längst nicht mehr über eine Aufholjagd, sondern darüber, die Weltmeisterschaft zu Ende zu bringen. Kay de Wolf zog einen bemerkenswerten Vergleich zu seinem Rückstand vor wenigen Wochen. Simon Längenfelder gab ungewöhnlich offen zu, momentan kaum noch zu wissen, an welcher Stellschraube er drehen soll. Und Sacha Coenen schickte schon einmal eine kleine Warnung in Richtung Türkei.
Was die Fahrer nach dem MXGP of the Netherlands sagten – und was hinter ihren Aussagen steckt.
Herlings: Jetzt soll die WM nach Hause gebracht werden
Jeffrey Herlings musste in Arnhem mehr arbeiten als eine Woche zuvor in Lommel. Dort hatte er praktisch nach Belieben dominiert, beim Heim-GP bekam er deutlich mehr Gegenwehr. Am Ergebnis änderte das wenig.
Mit zwei Laufsiegen holte Herlings seinen 17. Heimsieg und erledigte damit genau das, was im Titelkampf nötig war.
Ganz nebenbei machte der Niederländer deutlich, dass ein Heim-GP für ihn keineswegs nur angenehm ist. Fans, Medien, Sponsoren – der Druck war größer als bei einem normalen WM-Lauf. Entscheidend war aber, was Herlings anschließend über die Meisterschaft sagte.
„Die Meisterschaft ist jetzt natürlich eng, deshalb wollen wir einfach so weitermachen wie bisher und versuchen, die Sache in der Türkei zu Ende zu bringen.“
Damit hat sich die Sprache verändert. Vor einigen Wochen ging es noch darum, den Rückstand zu verkürzen. Jetzt spricht Herlings davon, den Job zu erledigen. Drei Grands Prix stehen noch aus und aus der Aufholjagd ist ein konkreter Angriff auf den WM-Titel geworden.
De Wolf: Aus 40 Sekunden wird ein Kampf bis kurz vor Schluss
Kay de Wolf lieferte in Arnhem einen ziemlich guten Vergleich dafür, wie weit er auf der 450 inzwischen gekommen ist.
Noch vor wenigen Wochen fehlten ihm nach eigener Aussage rund 40 Sekunden auf Herlings. Beim Heim-GP konnte er mit ihm kämpfen und hielt den Kontakt bis in die vorletzte Runde.
„Vor ein paar Wochen lag ich noch 40 Sekunden zurück, heute habe ich bis zur vorletzten Runde mit Jeffrey gekämpft. Das zeigt, welche Fortschritte wir gemacht haben.“
Das ist deutlich aussagekräftiger als irgendeine allgemeine Bemerkung über Fortschritte auf dem Motorrad.
Der Sturz im zweiten Lauf verhinderte ein noch besseres Ergebnis, änderte aber wenig an seiner Einschätzung. De Wolf ist nach seiner Verletzung nicht nur zurückgekehrt, um wieder Rennkilometer zu sammeln. Der Abstand zur absoluten MXGP-Spitze schrumpft.
Und vor den eigenen Fans wollte er genau das zeigen.
Febvre: Ganz vorne war diesmal nichts zu holen
Romain Febvre hatte dagegen wenig Grund, sein Wochenende schönzureden.
In der ersten Kurve des ersten Laufs bekam er einen Schlag gegen den Ellenbogen und fuhr anschließend mit Schmerzen. Mehr als Rang zehn war nicht drin.
Auch im zweiten Lauf dauerte es zu lange, bis Febvre seinen Rhythmus fand. Gegen Ende wurde er zwar schneller, der Abstand nach vorne war zu diesem Zeitpunkt aber bereits zu groß.
Seine Einschätzung fiel entsprechend nüchtern aus. „Ich hatte nicht das Tempo der Fahrer ganz vorne – aber das hatte sonst auch niemand.“
Febvre suchte keine komplizierte Erklärung. Die Spitze war an diesem Wochenende schlicht schneller. Für ihn kommt die anschließende Rennpause deshalb nicht ungelegen, bevor es in die letzten drei Grands Prix geht.
Vialle: Vom Rückstand bis aufs Podium
Tom Vialles Wochenende entwickelte sich genau in die andere Richtung.
In der ersten Session kam der Franzose mit Arnhem überhaupt nicht zurecht. Die Strecke unterscheidet sich deutlich von Lommel und Vialle fehlte zunächst das Gefühl für den niederländischen Sand.
Mit jeder Ausfahrt wurde es besser. Am Sonntag stand er schließlich auf dem Podium. „In der ersten Session des Wochenendes fehlte mir deutlich das Tempo, aber jedes Mal, wenn ich auf die Strecke ging, wurde es besser.“
Gerade deshalb dürfte dieser Podestplatz für Vialle einiges wert sein. Nach seiner Rückkehr in die MXGP muss er viele europäische Strecken mit einer 450er praktisch neu kennenlernen. Arnhem zeigte, wie schnell dieser Prozess inzwischen funktionieren kann.
Gajser: Rang drei war da – bis zu den Wellen
Tim Gajser sah lange nach einem sicheren Kandidaten für das Podium aus.
Zwei ordentliche Starts brachten ihn früh in gute Positionen. Im ersten Lauf wurde er Dritter. Auch im zweiten Rennen arbeitete er sich wieder auf Rang drei vor.
Dann kam der Einschlag.
„Plötzlich habe ich in den Wellen einen Fehler gemacht und bin heftig abgeflogen.“
Gajser machte anschließend keinen Versuch, die Kräfteverhältnisse anders darzustellen. Kay de Wolf und Jeffrey Herlings seien an diesem Wochenende auf einem anderen Niveau unterwegs gewesen. Dahinter fühlte er sich auf Rang drei allerdings wohl.
Genau dieses Ergebnis war erneut möglich, bevor der Fehler kam. Am Ende blieb Gesamtrang vier und ein ziemlich durchgeschüttelter Gajser, dem die freie Woche gerade recht kommt.
Renaux: Das Ergebnis ist momentan zweitrangig
Bei Maxime Renaux ging es schon vor Arnhem kaum noch um Platzierungen. Seit seinem Sturz in Schweden fährt der Yamaha-Pilot mit Schmerzen und konnte unter der Woche praktisch nicht trainieren. Trotzdem versuchte er es in Arnhem.
Nach einem weiteren Sturz im ersten Lauf zog er die Konsequenz. „Wir haben entschieden, nicht zum zweiten Lauf anzutreten. Wir wollten kein unnötiges Risiko eingehen, nach Hause fahren, die Verletzung behandeln lassen und dann sehen, was in den letzten Rennen noch möglich ist.“
Damit ist seine derzeitige Situation ziemlich klar beschrieben. Nicht die Geschwindigkeit ist das Problem. Renaux kann körperlich momentan schlicht nicht das abrufen, was er eigentlich fahren möchte.
Fernández entdeckt seine Sandqualitäten
Rubén Fernández verpasste durch einige Fehler ein besseres Ergebnis, war mit seiner eigentlichen Leistung aber keineswegs unzufrieden.
Vor allem seine Entwicklung im tiefen Sand hob der Spanier hervor. „Ich habe wirklich das Gefühl, dass ich mich im Sand in diesem Jahr stark verbessert habe, und genau das wollte ich an diesem Wochenende wieder zeigen.“
Das ist bei Fernández durchaus bemerkenswert. Sand gehörte lange nicht zu seinen stärksten Untergründen. In Arnhem konnte er jedoch über weite Strecken konkurrenzfähig fahren.
Dass daraus nicht mehr wurde, schrieb er vor allem seinen eigenen Fehlern zu.
Adamo: Sand kennt er – mit der 450 ist es trotzdem anders
Andrea Adamo wurde Fünfter und Sechster und damit Gesamtsechster. Zufrieden war er damit nicht.
Nach dem ersten Lauf hatte er sich sogar noch Chancen auf das Podium ausgerechnet. Im zweiten Rennen erwischte er einen guten Sprung aus dem Gatter, wurde anschließend jedoch eingeklemmt und verlor Positionen. Danach kam er nicht mehr richtig ins Rennen.
Interessant ist seine Erklärung dafür. „Ich kenne solche Strecken, aber sie mit der 450 zu fahren, ist anders und für mich immer noch ziemlich neu.“ Adamo kennt tiefen Sand aus unzähligen Trainings- und Rennkilometern. Die 450 verlangt allerdings einen anderen Umgang mit Leistung, Kraft und Linienwahl.
Sechster in Arnhem ist deshalb kein schlechtes Ergebnis. Dass ihm das selbst nicht reicht, sagt allerdings ebenfalls einiges.
Sacha Coenen hat sich etwas für die Türkei vorgenommen
Weniger diplomatisch fiel die Analyse von Sacha Coenen aus. Der Belgier führte den ersten MX2-Lauf, bevor ihn ein kleiner Sturz zurückwarf. Im zweiten Rennen musste er nach einem schlechten Start aus dem Bereich um Platz fünf oder sechs nach vorne arbeiten.
Dabei gefiel ihm offenbar nicht alles, was seine Konkurrenten veranstalteten. „Ich hatte das Gefühl, dass einige Fahrer etwas schmutzig gefahren sind. Deshalb werde ich ihnen in der Türkei zeigen, wie man fährt, denn teilweise war es etwas gefährlich.“
Namen nannte Coenen nicht. Wer gemeint war, weiß es vermutlich trotzdem. Die MX2-Rennen in der Türkei könnten jedenfalls interessant werden.
Everts: Genau dort sieht er sich
Liam Everts bekam in Arnhem dagegen die Bestätigung, nach der er gesucht hatte. Er gewann bereits das Qualifikationsrennen und holte anschließend auch einen Laufsieg. Gerade dieser zweite Erfolg hatte es in sich.
Nach dem Start ging Everts direkt an Simon Längenfelder vorbei und übernahm die Führung. Danach bekam er zunächst Druck von Guillem Farres, später von Sacha Coenen und schließlich von Camden McLellan.
Everts hielt alle hinter sich.
„Es war eine echte Herausforderung, aber ich habe mich behauptet. Auf diese Weise einen Lauf zu gewinnen, war definitiv einer der schönsten Siege meiner Karriere.“ Fast wichtiger war allerdings ein anderer Satz: „Dort gehöre ich meiner Meinung nach hin. Ich weiß, dass ich auf diesem Niveau fahren kann.“
Damit spricht Everts seinen eigenen Anspruch ziemlich klar aus. Ein Laufsieg soll für ihn kein gelegentlicher Ausreißer sein. Er sieht sich dauerhaft in dieser Gruppe.
Arnhem dürfte ihm dafür zusätzliches Selbstvertrauen gegeben haben, denn diesen Sieg bekam er nicht geschenkt.
Längenfelder: „Ich habe schon jeden Trick ausprobiert“
Ganz anders klingt Simon Längenfelder. Der Deutsche war mit seinem Wochenende überhaupt nicht zufrieden. Im zweiten Lauf holte er zwar den Holeshot, konnte daraus aber keinen Vorteil ziehen. Die Konkurrenz ging vorbei und Längenfelder fand keine Antwort.
Seine Selbstanalyse fiel ungewöhnlich offen aus. „Vielleicht bin ich nicht genug Risiko gegangen oder war einfach etwas zu langsam.“ Noch bemerkenswerter war allerdings seine Aussage darüber, was er momentan versucht, um wieder weiter nach vorne zu kommen. „Ich habe das Gefühl, dass ich schon jeden Trick ausprobiert habe, um meine Positionen zu verbessern.“
Das klingt nicht nach einem Fahrer, der das Problem bereits gefunden hat. Längenfelder verändert, probiert und arbeitet, findet momentan aber nicht den entscheidenden Schritt zurück an die Spitze.
Aufgeben will er deshalb nicht. Drei Grands Prix bleiben noch – und in dieser Saison hat sich bereits oft genug gezeigt, wie schnell sich die Situation verändern kann.
McLellan hatte einfach Spaß am Racing
Camden McLellan klang nach Arnhem beinahe befreit.
Im ersten Lauf funktionierte der Start und er konnte sein Tempo entsprechend nutzen. Im zweiten musste er nach einem schlechteren Start deutlich mehr investieren. Überholen war schwierig, trotzdem arbeitete er sich bis auf Rang zwei nach vorne.
Danach entwickelte sich ein direkter Kampf bis ins Ziel. McLellan sprach anschließend auffallend häufig davon, wie viel Spaß ihm das Racing gemacht habe. Das klingt banal, sagt aber durchaus etwas über seine aktuelle Verfassung. Statt sich über den verpassten Sieg oder den schlechteren zweiten Start zu ärgern, blieb bei ihm vor allem der enge Zweikampf hängen.
Farres: Nach dem Sturz zählten die Punkte
Guillem Farres ging mit anderen Voraussetzungen in Arnhem. Nach seinem Sturz am vorherigen Wochenende war zunächst wichtig, wieder zwei saubere Rennen zusammenzubringen. Genau das gelang. Farres fühlte sich auf der Triumph wohl, fuhr konstant und sammelte wichtige Punkte.
Spektakulär klingt das nicht. In seiner Situation muss es das aber auch nicht sein. Wenn es um eine Weltmeisterschaft geht, können Wochenenden, an denen man nach einem Rückschlag einfach wieder zuverlässig punktet, genauso entscheidend sein wie ein Sieg.
Janis Reisulis: Schnell sein allein reicht in Arnhem nicht
Janis Reisulis lieferte eine der interessantesten Selbstanalysen des MX2-Wochenendes. Im freien Training, Zeittraining und Warm-up war er jeweils Schnellster. Im Grand Prix reichte es trotzdem nur zu Gesamtrang sieben.
„Auf so einer Strecke reicht Geschwindigkeit allein nicht.“
Reisulis kämpfte mit einem verspannten Rücken und verlor gegen Ende des zweiten Laufs Energie. Eine Verletzung sei das ausdrücklich nicht gewesen. Vielmehr machte sich bemerkbar, wie anstrengend eine Strecke wie Arnhem über die komplette Renndistanz wird.
In seiner ersten vollständigen MX2-Saison trifft er dabei auf Fahrer, die genau diese Erfahrung bereits besitzen.
Eine schnelle Runde kann man trainieren. Dreißig Minuten plus zwei Runden durch komplett zerstörten Sand sind etwas anderes.
Karlis Reisulis: Der zweite Lauf rettete das Gefühl
Auch Karlis Reisulis war mit seinem Wochenende nicht vollständig zufrieden. Er fand zunächst nicht das gewünschte Gefühl auf dem Motorrad und sah einen Teil des Problems ausdrücklich bei sich selbst. Erst im zweiten Lauf passte es besser.
Dort fuhr er auf Rang fünf und fühlte sich gerade gegen Ende des Rennens stark. Gesamtrang fünf war deshalb ordentlich, auch wenn das Wochenende für ihn nicht so selbstverständlich lief, wie das Ergebnis vermuten lässt.
Talviku: Fortschritt trotz Krankheit
Jörgen-Matthias Talviku musste das Wochenende zusätzlich angeschlagen bestreiten.
Trotzdem sah der Fantic-Pilot Fortschritte. Vor allem sein Gefühl auf dem Motorrad und seine eigene Lockerheit bewertete er besser als zuletzt. „Ich habe mich an diesem Wochenende auf dem Motorrad besser gefühlt und war auch entspannter. Die Fortschritte waren definitiv da.“
Mit Rang 16 in der Gesamtwertung fehlten ihm nur wenige Punkte auf die Top Ten. Das Ergebnis erzählt deshalb nur einen Teil seines Wochenendes.
Für Talviku geht es momentan vor allem darum, sich auf der Fantic weiter einzufinden. Arnhem war in dieser Hinsicht offenbar wieder ein Schritt nach vorne.
Herlings spricht nicht mehr über die Aufholjagd
Am Ende führt vieles wieder zu Jeffrey Herlings.
Vor einigen Wochen hätte wohl kaum jemand erwartet, dass die Ausgangslage vor den letzten drei Grands Prix noch einmal derart eng werden würde. Inzwischen hat sich die Situation komplett verändert.
Gleichzeitig zeigt Kay de Wolfs Aussage, dass Herlings nicht einfach davonfahren kann. Aus 40 Sekunden Abstand wurde innerhalb weniger Wochen ein Kampf bis in die vorletzte Runde.
Genau deshalb dürfte Herlings wissen, dass noch nichts entschieden ist. Seine Wortwahl hat sich trotzdem verändert. Er möchte nicht mehr näherkommen, Punkte aufholen oder schauen, was noch möglich ist.
Er will den Job erledigen. Und genau darum geht es jetzt in der Türkei.
