Arlington: Rotlicht, Red Cross – und am Ende keine Strafen. Wie bitte?
Jo Shimoda verlor in Arlington durch einen Rotlicht Vorfall seinen schon sicher geglaubten Sieg. / Foto: Aliign Media
Der Supercross in Arlington hat geliefert: große Namen vorne, ein erster Karrieresieg für Pierce Brown, ein spektakulärer Auftakt der 250SX East Division. Doch wie so oft im Supercross lag die größte Diskussion des Abends nicht im Ergebnis – sondern in einer Szene auf der Strecke.
Genauer gesagt: rote Warnlichter, eine Red-Cross-Situation und am Ende keinerlei Strafen.
Ein Ablauf, der bei Teams, Fahrern und Fans Fragen hinterlässt.
Die Szene im 250SX-Rennen
Im Mittelpunkt steht das 250SX-Hauptrennen – und Jo Shimoda. Der Honda-Pilot führte das Rennen, als er beim Anfahren der Ziellinien-Rhythmussektion rote Warnlichter bemerkte. Im Supercross bedeutet ein solches Signal normalerweise: Gefahr auf der Strecke – springen verboten.
Shimoda reagierte sofort. Er nahm das Gas heraus und rollte die Sprungkombination. „Ich habe das rote Licht gesehen und musste den Sprung rollen. Dadurch hatte ich nicht genug Schwung für die nächste Kombination. Das hat viel Zeit gekostet.“
Doch während Shimoda Tempo herausnahm, änderte sich die Situation hinter ihm. Fahrer wie Pierce Brown und Daxton Bennick konnten die Passage offenbar wieder mit voller Geschwindigkeit fahren.
Der Effekt: Shimoda verlor mehrere Sekunden – und damit die Führung. „Ich glaube, es waren etwa zweieinhalb oder drei Sekunden. Ich konnte eine komplette Rhythmussektion nicht springen – das ist ein großer Unterschied.“
Am Ende gewann Brown mit 2,4 Sekunden Vorsprung.
Warum es keine Strafe gab
Die Erklärung aus dem Fahrerlager liegt in einem technischen Detail, das vielen Fans – und offenbar auch einigen Beteiligten – bislang kaum bekannt war. Das rote Licht an dieser Stelle gehört offenbar nicht direkt zum Red-Cross-System, sondern ist ein sogenanntes „Leadin Light“.
Dieses System dient als Vorwarnung. Es signalisiert, dass sich möglicherweise eine Gefahrensituation entwickelt – ist aber regeltechnisch nicht automatisch gleichzusetzen mit einem Springverbot. Ausgelöst wurde das Licht, weil Derek Kelley kurzzeitig in der Nähe des Finish-Line-Doubles in Schwierigkeiten geraten war. Obwohl er nicht stürzte, aktivierte die Situation das Warnsignal.
Der entscheidende Punkt: Das Licht blieb ungewöhnlich lange aktiv – rund 40 Sekunden.
Eine nachträgliche Strafe hätte deshalb möglicherweise nicht nur einzelne Fahrer, sondern eine ganze Gruppe betroffen. Genau dieses Szenario gilt als einer der Gründe, warum die Rennleitung letztlich auf Sanktionen verzichtete.
Die zweite Kontroverse des Abends
Doch damit war das Thema noch nicht erledigt. Im 450SX-Hauptrennen kam es an derselben Stelle erneut zu einer kritischen Situation. Dieses Mal wurde eine Red-Cross-Flagge gezeigt – das klassische Signal für eine medizinische Gefahrenlage.
Normalerweise gilt hier eine klare Regel: nicht springen, Geschwindigkeit reduzieren. Unter anderem sprangen Eli Tomac und Cooper Webb die Passage dennoch. Trotzdem blieb auch hier das Ergebnis unverändert.
Die Begründung: In dieser Situation sei das Leadin Light nicht aktiv gewesen, weshalb die Fahrer möglicherweise nicht früh genug gewarnt worden seien, um noch reagieren zu können. Eine Argumentation, die bei vielen Beobachtern für Kopfschütteln sorgt.
Denn während das Licht nur eine Vorwarnung darstellt, gilt die Red-Cross-Flagge eigentlich als eindeutigstes Sicherheitszeichen im Supercross.
Ein Kommunikationsproblem
Die Ereignisse von Arlington zeigen vor allem eines: Das System der Warnsignale ist offenbar nicht für alle Beteiligten eindeutig. Für viele Fahrer gilt im Rennen ein simples Prinzip: Rot bedeutet Gefahr – also nicht springen.
Wenn jedoch zwischen Leadin Lights und dem Red-Cross-System unterschieden wird, muss dieser Unterschied klar und unmissverständlich kommuniziert sein. Genau hier scheint das Problem zu liegen. Denn im Rennen bleibt keine Zeit, um zu überlegen, welches rote Signal gerade aktiv ist.
Arlington hinterlässt offene Fragen
Sportlich bleibt der Abend bestehen. Pierce Brown behält seinen ersten Supercross-Sieg, und auch im 450SX-Rennen wurden die Ergebnisse nicht verändert. Doch Arlington hat eine Diskussion ausgelöst, die über dieses Rennen hinausreichen könnte. Denn im Supercross entscheiden oft wenige Punkte über eine Meisterschaft.
Und manchmal reicht schon ein rotes Licht – und ein verlorener Rhythmus – um ein Rennen zu verändern.
