Austin Forkner übt Kritik an Strecken- und Medical-Crew der SMX
Austin Forkner übt Kritik am Strecken und Medical Team der SMX. / Foto: CONVRG Media
Philadelphia lieferte am vergangenen Wochenende eine dieser Szenen, die im Live-Moment fast untergehen, im Nachgang aber immer größer werden. Izaih Clark liegt auf der Strecke, das rechte Bein im Hinterrad seiner Honda eingeklemmt. Eine dieser Situationen, in denen Sekunden zählen – aber eben auch Entscheidungen.
Ein Streckenposten erreicht die Unfallstelle, richtet das Motorrad auf, zieht daran. Clark hängt noch im Rad. Bilder, die sich schnell verbreiten. Bilder, die Fragen aufwerfen – auch bei Austin Forkner.
Wenn Sekunden zu Entscheidungen werden
Im Zentrum der Diskussion steht weniger die Tatsache, dass geholfen wurde – sondern wie. Die Szene wirkt hektisch, ungeordnet, ohne klare Abstimmung. Kein sichtbarer Moment, in dem überprüft wird, in welchem Zustand sich Clark befindet. Kein kurzer Check, keine erkennbare Kommunikation. Stattdessen sofortiges Handeln.
Genau das ist der Punkt, an dem sich die Kritik entzündet.
Austin Forkner: Perspektive eines Fahrers
Einer, der sich dazu äußert, ist Austin Forkner. Und das ungewöhnlich deutlich. Nicht, weil er Teil des Vorfalls war – sondern weil er solche Situationen kennt. Er selber beschreibt weniger die einzelne Szene, sondern das grundsätzliche Problem dahinter. Für ihn beginnt jede Hilfeleistung mit einer simplen Frage: Ist der Fahrer ansprechbar? Weiß er selbst, was gerade passiert? Kann er sich bewegen?
In Philadelphia scheint genau dieser Schritt gefehlt zu haben.
Forkner spricht dabei nicht theoretisch. Er kennt die andere Seite. Kennt das Gefühl, auf der Strecke zu liegen, orientierungslos, während um einen herum das Rennen weiterläuft. Bikes, die vorbeikommen. Der Moment, in dem man nicht weiß, ob man gleich getroffen wird.
Und genau aus dieser Perspektive formuliert er seine Kritik: Es wirke so, als würde in solchen Situationen zu selten wirklich aus Sicht des Fahrers gedacht.
Eigene Erfahrungen als Auslöser
Dass Forkner sich überhaupt so klar äußert, hat einen konkreten Hintergrund. Er erinnert an einen eigenen Crash in Dallas – eine Situation, die aus seiner Sicht exemplarisch für strukturelle Probleme steht. Nach einem schweren Sturz, bei dem er mehrere Minuten bewusstlos war, wurde er trotz möglicher schwerer Verletzungen von der Strecke gelassen – weil er in diesem Moment selbst angab, dass es ihm gut gehe.
Ein Moment, der zeigt, wie schnell Fehleinschätzungen entstehen können, wenn Verantwortung zu stark auf den Fahrer selbst verlagert wird.
Genau diese Erfahrung schwingt in seiner Kritik mit. Es geht ihm nicht um einzelne Personen – sondern um Abläufe.
Zwischen Risiko und Verantwortung
Dabei bleibt ein Punkt entscheidend: Die Situation ist nicht einfach. Bikes sind noch auf der Strecke, Helfer bewegen sich selbst in einem Gefahrenbereich. Jeder Schritt hinaus auf die Strecke ist ein Risiko. Auch das spricht Forkner an. Es geht nicht darum, dieses Risiko auszublenden.
Aber genau darin sieht er die Aufgabe.
Supercross ist kein kontrolliertes Umfeld. Es ist laut, schnell, unübersichtlich. Und genau deshalb braucht es klare Abläufe – gerade dann, wenn etwas schiefläuft.
Forkner wird an dieser Stelle bewusst deutlich. Wer in diesem Umfeld arbeitet, müsse sich darüber im Klaren sein, dass genau solche Situationen Teil des Jobs sind. Nicht als Kritik an einzelnen Personen – sondern als Hinweis darauf, welche Anforderungen dieser Sport stellt.
Kritik am Umgang vor Ort
Besonders kritisch sieht Forkner die Rolle des medizinischen Personals. In vergleichbaren Szenen – auch am gleichen Abend – habe es laut ihm Momente gegeben, in denen Sanitäter zwar vor Ort waren, aber nicht aktiv eingegriffen haben. Für ihn schwer nachvollziehbar. Gerade dann, wenn selbst Streckenposten bereits auf der Strecke sind.
Hinzu kommt ein weiterer Punkt: Während Clark noch auf dem Boden liegt, läuft das Rennen weiter. Für Forkner ein Aspekt, der die Situation zusätzlich verschärft. Ein Fahrer, der sich nicht bewegen kann, während weiterhin Bikes vorbeikommen – ein Szenario, das aus Fahrersicht kaum zu akzeptieren ist.
Der unterschätzte Faktor
Was in der öffentlichen Diskussion oft fehlt, ist der mentale Aspekt solcher Situationen. Forkner spricht genau das an. Es gehe nicht nur um Verletzungen – sondern um den Moment selbst. Um das Gefühl, auf der Strecke zu liegen, nicht zu wissen, was mit dem eigenen Körper ist, während gleichzeitig jederzeit ein weiteres Motorrad auftauchen kann.
Ein Zustand zwischen Kontrollverlust und Unsicherheit. Für Außenstehende schwer greifbar – für Fahrer Realität.
Der kritische Moment
Was in Philadelphia fehlt, ist genau dieser eine Schritt: die Einordnung der Situation. Ein kurzer Kontakt. Eine Frage. Eine Reaktion. Hätte Clark in diesem Moment signalisieren können, dass sein Bein ernsthaft verletzt ist, hätte sich der Ablauf möglicherweise verändert. Stattdessen wird das Motorrad bewegt, während er noch festhängt.
Gerade bei möglichen Verletzungen wie einem Oberschenkelbruch kann das entscheidend sein. Nicht nur für den Moment – sondern für alles, was danach kommt.
Clark: Sport rückt in den Hintergrund
Clark selbst meldet sich später zu Wort. Der Fokus liegt dabei weniger auf der Szene selbst, sondern auf dem Rennverlauf.
„Harter Abend in Philly, wie jeder sehen konnte, aber mir geht es soweit okay. Ich habe mich den ganzen Abend gut gefühlt, Platz drei im Heat und im Main auf Rang fünf unterwegs gewesen. Dann habe ich leider einen Fehler im Rhythmus gemacht. Dirtbikes sind brutal, aber ich werde zurückkommen. Danke an alle, die sich gemeldet haben und hinter mir stehen.“
Eine Einordnung, die fast nüchtern wirkt – und gleichzeitig zeigt, wie schnell der Sport solche Momente einordnet. Weiterfahren, abhaken, nach vorne schauen.
Mehr als nur ein Vorfall
Doch genau hier beginnt die eigentliche Diskussion. Philadelphia ist kein Einzelfall. Es ist ein weiterer Moment in einer Reihe von Situationen, in denen Abläufe hinterfragt werden. Nicht, weil etwas komplett falsch läuft – sondern weil es in entscheidenden Momenten nicht klar genug ist.
Was passiert, wenn ein Fahrer liegt? Wer entscheidet, wann eingegriffen wird? Und wie wird sichergestellt, dass Hilfe nicht zum zusätzlichen Risiko wird?
Forkners Aussagen treffen deshalb einen Nerv, weil sie nicht von außen kommen. Sondern aus der Perspektive eines Fahrers, der genau weiß, wie sich solche Sekunden anfühlen.
Am Ende bleibt kein endgültiges Urteil. Aber ein klarer Eindruck. Es geht nicht nur darum, schnell zu reagieren. Sondern darum, im richtigen Moment das Richtige zu tun.
