AMA Supercross 2027: Hersteller treiben strengere Geräuschlimits voran

Neue Geräuschvorgaben im AMA Supercross für die Saison 2027

Neue Geräuschvorgaben im AMA Supercross für die Saison 2027. / Foto: Feld Entertainment

Warum setzen sich Motorradhersteller freiwillig für strengere Geräuschlimits ein? Schließlich geht es im professionellen Supercross und Motocross um maximale Leistung, und zusätzliche Einschränkungen dürften bei den Entwicklungsabteilungen zunächst wenig Begeisterung auslösen. In den USA ist nun aber genau das passiert. Ab 2027 sinkt die zulässige Geräuschgrenze in der AMA Supercross-, Pro Motocross- und SuperMotocross-Meisterschaft von bisher 112 auf 109 dB. Die Initiative dafür kam maßgeblich von den Herstellern selbst.

Die neue Regelung wurde am 2. November gemeinsam von der SMX League, AMA Pro Racing und der American Motorcyclist Association bekannt gegeben. Sie gilt ab dem Saisonauftakt am 9. Januar 2027 in Anaheim und betrifft sämtliche Hersteller, die an den drei Meisterschaften teilnehmen.

Hinter der Entscheidung steckt allerdings mehr als der Wunsch nach leiseren Motorrädern. Für die Hersteller geht es um einheitliche technische Vorgaben, für die Veranstalter um die Zukunft ihrer Rennstrecken und für die Fahrer um eine Änderung, die sich möglicherweise auch auf das Setup ihrer Motorräder auswirken wird.

Warum ausgerechnet 109 dB?

Die Zahl wurde nicht zufällig gewählt. Mit dem neuen Grenzwert orientieren sich die amerikanischen Meisterschaften an den bereits bestehenden Vorgaben der MXGP-Weltmeisterschaft. Hersteller, die auf beiden Seiten des Atlantiks aktiv sind, können ihre Motorräder damit künftig nach einem gemeinsamen Geräuschstandard entwickeln.

Bisher mussten unterschiedliche Anforderungen berücksichtigt werden. Das bedeutet zusätzlichen Entwicklungsaufwand, unterschiedliche technische Lösungen und unter Umständen auch verschiedene Auspuffkonfigurationen für die jeweiligen Rennserien.

Roger De Coster, Motorsportdirektor von KTM North America, sieht darin einen wesentlichen Vorteil. Die Angleichung mache die Arbeit für Hersteller, Teams und international antretende Fahrer effizienter. Auch Honda argumentiert in diese Richtung.

Brandon Wilson, bei American Honda für Racing und Veranstaltungen verantwortlich, erklärte, dass eine gemeinsame weltweite Spezifikation die Entwicklung und Produktion vereinfachen könne. Honda werde deshalb für 2027 Motorräder anbieten, die den neuen Anforderungen entsprechen.

Mit Yamaha, Kawasaki, Suzuki, Ducati und Triumph unterstützen auch die übrigen beteiligten Hersteller die Umstellung. Dass sich praktisch die gesamte Industrie hinter eine Verschärfung des Reglements stellt, zeigt, wie wichtig das Thema inzwischen geworden ist.

Drei Dezibel weniger – ist das im Supercross überhaupt spürbar?

Wer sich die Zahlen anschaut, könnte zunächst meinen, dass drei Dezibel kaum einen Unterschied machen. Ganz so einfach ist die Sache allerdings nicht.

Die Dezibelskala ist logarithmisch. Eine Verringerung um drei Dezibel bedeutet unter vergleichbaren Messbedingungen ungefähr eine Halbierung der gemessenen Schallintensität. Für das menschliche Ohr entspricht das allerdings keineswegs einer Halbierung der wahrgenommenen Lautstärke.

Und noch etwas darf man nicht vergessen: Der Grenzwert bezieht sich auf eine definierte Geräuschmessung am Motorrad. Wie laut ein komplettes Starterfeld während eines Rennens tatsächlich wirkt, hängt von wesentlich mehr Faktoren ab.

Trotzdem erwarten die Verantwortlichen eine spürbare Entlastung, vor allem in größerer Entfernung zu den Strecken. Genau dort liegt einer der Gründe für die Entscheidung.

Denn in den USA stehen zahlreiche Motocross-Anlagen unter Druck. Wohnbebauung rückt näher an bestehende Strecken heran, Beschwerden über Lärm nehmen zu und Genehmigungen für neue Trainingsgelände sind nicht selbstverständlich.

Ein um drei Dezibel niedrigerer Grenzwert wird diese Probleme nicht allein lösen. Er könnte aber helfen, bestehende Anlagen langfristig zu sichern und Konflikte mit Anwohnern zu reduzieren.

Was bedeutet die neue Regel für die Motorräder?

Aus technischer Sicht dürfte die Umstellung vor allem bei der Abstimmung der Auspuffanlagen eine Rolle spielen. Denn weniger Geräusch bedeutet nicht automatisch, dass ein Motor schlechter laufen muss. Entscheidend ist, wie die Hersteller die neue Grenze erreichen.

Wer lediglich den Abgasstrom stärker dämpft, kann unter Umständen auch das Ansprechverhalten oder die Leistungsentfaltung verändern. Mit entsprechend entwickelten Auspuffanlagen und angepassten Motorabstimmungen lassen sich solche Auswirkungen jedoch begrenzen.

Für einen Werksfahrer ist dabei nicht nur die maximale Leistung entscheidend. Gerade im Supercross kommt es darauf an, wie kontrollierbar sich die Kraft auf den Boden bringen lässt und wie präzise das Motorrad auf Gasbefehle reagiert.

Ob sich durch die neuen Vorgaben tatsächlich Veränderungen im Fahrverhalten ergeben, lässt sich derzeit nicht beurteilen. Die Hersteller haben sich jedenfalls verpflichtet, für 2027 regelkonforme Motorräder bereitzustellen.

Und was passiert mit den Privatfahrern?

Während die Werksteams ihre Motorräder bereits im Vorfeld auf die neuen Anforderungen abstimmen können, sieht die Situation bei Privatfahrern etwas anders aus.

Nicht jeder verfügt über eine eigene Entwicklungsabteilung oder die Möglichkeit, verschiedene Auspuffanlagen und Motorabstimmungen ausgiebig zu testen. Wer bislang mit einer Konfiguration unterwegs war, die den alten Grenzwert gerade noch eingehalten hat, muss möglicherweise nacharbeiten.

Honda hat deshalb angekündigt, Privatfahrer und unterstützte Teams während der ersten AMA-Supercross-Runden 2027 technisch zu begleiten. Ziel ist es, die Einhaltung der neuen Grenze sicherzustellen, ohne unnötige Leistungseinbußen in Kauf nehmen zu müssen.

Auch die SMX League will Teams und Fahrern vor dem Saisonbeginn entsprechende technische Informationen zur Verfügung stellen.

Wie groß der tatsächliche Aufwand ausfällt, wird sich allerdings erst zeigen, wenn die ersten Motorräder nach dem neuen Standard überprüft werden.

Geht es am Ende weniger um Leistung als um die Zukunft der Strecken?

Die Aussagen der Hersteller lassen erkennen, dass die neue Geräuschgrenze nicht allein als technische Vorschrift verstanden wird. Sie ist auch ein Versuch, auf ein Problem zu reagieren, das den Motocross-Sport seit Jahren begleitet.

Ohne Trainingsstrecken gibt es langfristig keinen Nachwuchs. Ohne geeignete Veranstaltungsorte wird es schwieriger, Rennen auszutragen. Und wenn sich bestehende Anlagen immer häufiger mit Beschwerden und Nutzungseinschränkungen auseinandersetzen müssen, betrifft das irgendwann auch den professionellen Rennsport.

Suzuki verweist ausdrücklich auf die Situation der Anwohner und erwartet die größten Vorteile in größerer Entfernung zur Strecke. Kawasaki und Triumph betonen ebenfalls, dass die Zukunft des Sports nicht ausschließlich von sportlicher Leistung abhängt.

Natürlich wäre es übertrieben, die Absenkung auf 109 dB bereits als Lösung für sämtliche Lärmprobleme zu verkaufen. Dafür spielen zu viele andere Faktoren eine Rolle.

Bemerkenswert bleibt aber, dass die Hersteller diesmal nicht gegen eine Verschärfung des Reglements argumentieren, sondern sie selbst unterstützen. Offenbar ist die Erkenntnis angekommen, dass ein möglichst lautes Motorrad dem Sport langfristig wenig nützt, wenn irgendwann die Strecken fehlen, auf denen es gefahren werden darf.

Ab dem 9. Januar 2027 wird in Anaheim nach den neuen Vorgaben gefahren. Dann zeigt sich zunächst, wie gut die Teams die technischen Anforderungen umgesetzt haben. Ob die drei Dezibel weniger langfristig tatsächlich dazu beitragen, Rennstrecken und Trainingsmöglichkeiten zu erhalten, wird sich dagegen erst über einen deutlich längeren Zeitraum beurteilen lassen.