Airbag-Pflicht in der MXGP: Ab 2028 geht es nicht mehr ohne
Maxime Renaux fährt das Airbag System seit diesem Jahr und wie hier zu erkennen, testete er die Funktion auch schon aus. / Foto: Ray Archer
Wird der Airbag im Motocross zum neuen Standard wie Helm, Stiefel oder Brustpanzer? Zumindest auf WM-Ebene hat die FIM diese Frage jetzt beantwortet. Nach der in diesem Jahr verpflichtend eingeführten FRHPhe-02-Helmnorm müssen Fahrer in der MXGP, MX2, WMX und beim Motocross of Nations ab 2028 mit einem funktionierenden Airbag-System auf die Strecke. Bereits 2027 wird dessen Verwendung ausdrücklich empfohlen.
Die Entscheidung traf das Motocross Permanent Bureau, bestehend aus FIM-Präsident Jorge Viegas und Infront-Moto-Racing-Präsident David Luongo. Damit bekommt eine Entwicklung, die im Fahrerlager längst begonnen hat, erstmals einen festen Termin im Reglement.
Eine „dringende Empfehlung“ lässt den Fahrern zunächst weiterhin die Wahl. Ein Jahr später ist diese Wahl weg.
Nicht jeder Airbag wird erlaubt sein
Ein beliebiges Airbag-System unter dem Jersey reicht nicht. Die FIM schreibt vor, welche Systeme eingesetzt werden dürfen. Zugelassen sind entweder Airbags mit der neuen FIM-Offroad-Homologation FRHPab-01 oder Systeme, die von der FIM als konform mit Kategorie 3 für Motocross eingestuft und entsprechend gelistet wurden.
Auch beim Umgang damit lässt das Reglement wenig Spielraum. Der Airbag muss bei sämtlichen Aktivitäten auf der Strecke getragen und korrekt geschlossen sein. Zu Beginn jeder Session muss das System funktionsfähig sein. Im Zweifelsfall entscheidet der Technische Direktor der FIM über die Zulässigkeit der Fahrerausrüstung.
Was bedeutet das für die Fahrer?
Auf dem Papier ist die Sache einfach. In der Praxis dürfte die kommende Saison deutlich interessanter werden.
Denn ein Airbag ist im Motocross nicht einfach nur ein weiterer Protektor, den man irgendwo unter das Jersey steckt. Gewicht, Bewegungsfreiheit, Belüftung und die Kombination mit dem restlichen Schutz müssen für einen Fahrer funktionieren, der sich 35 Minuten lang permanent auf dem Motorrad bewegt.
Gerade Profis sind bei solchen Dingen ziemlich empfindlich. Nicht unbedingt, weil ihnen Schutz egal wäre, sondern weil bereits kleine Veränderungen an der Ausrüstung stören können. Wer sich auf dem Bike eingeschränkt fühlt, wird ein System nicht freiwillig lieben, nur weil es auf dem Papier mehr Sicherheit verspricht.
Die Übergangssaison gibt den Fahrern die Möglichkeit, unterschiedliche Systeme unter Rennbedingungen auszuprobieren. Gleichzeitig bleibt den Herstellern Zeit, ihre Produkte weiterzuentwickeln. Wenn die Pflicht greift, muss die Technik im Rennalltag funktionieren.
Das setzt auch die Ausrüster unter Druck. Sämtliche MXGP-, MX2- und WMX-Piloten sowie die Fahrer beim Nations benötigen dann ein zugelassenes System, das nicht nur das Reglement erfüllt, sondern auch den Anforderungen eines kompletten Rennwochenendes standhält.
Das Neck Brace verschwand – übernimmt jetzt der Airbag?
Die Entscheidung der FIM ist auch deshalb interessant, weil sich beim Schutz der Fahrer in den vergangenen Jahren einiges verändert hat. Neck Braces waren im Motocross eine Zeit lang deutlich häufiger zu sehen, sind im Profisport inzwischen aber weitgehend verschwunden.
Mit den Airbag-Systemen kommt nun eine andere Technik – und offenbar überschneiden sich die Schutzbereiche stärker, als man zunächst vermuten könnte. Wir haben Alpinestars gefragt, ob das eigene Airbag-System neben Brust, Rücken und Schultern auch bei Halsverletzungen helfen kann. Die Antwort des Herstellers fällt eindeutig aus:
„Ja, das System hilft auch dabei, Halsverletzungen vorzubeugen. Der Airbag reicht von der Brust bis zum Rücken und deckt außerdem den Bereich um Hals und Schlüsselbein ab. Wenn er sich aufbläst, hilft das dabei, die Bewegung des Halses bei einem Sturz zu reduzieren.“
Das ist gerade mit Blick auf die Entwicklung beim Neck Brace interessant. Die Begrenzung extremer Bewegungen des Kopfes beziehungsweise Halses bei einem Sturz war bislang eines der zentralen Argumente für diese Systeme.
Alpinestars verfolgt mit seinen Airbags zumindest teilweise einen ähnlichen Ansatz, allerdings erst im Moment der Auslösung. Der Fahrer trägt während der normalen Fahrt keinen starren Aufbau zwischen Helm und Oberkörper. Erkennt das System einen Sturz, füllt sich der Airbag und schafft zusätzlichen Halt im Bereich des Oberkörpers.
Auf seiner aktuellen Produktseite beschreibt Alpinestars das Tech-Air MX als elektronisch gesteuertes System, das einen Sturz selbstständig erkennt und sich innerhalb von rund 40 Millisekunden entfaltet. Offiziell aufgeführt wird dort eine Airbag-Abdeckung von Brust, Rücken und Schultern.
Beim ebenfalls für den Offroad-Einsatz entwickelten Tech-Air Off-Road geht Alpinestars noch einen Schritt weiter. Dort nennt der Hersteller Hals und Schlüsselbein ausdrücklich als geschützte Bereiche und beschreibt, dass sich der Airbag um den Hals aufbläst. Interessant dabei: Dieses System ist laut Alpinestars nicht mit einem Neck Brace kompatibel.
Ob der Airbag das klassische Neck Brace im Motocross tatsächlich ersetzt, lässt sich daraus noch nicht ableiten. Die Richtung ist dennoch erkennbar. Während das Neck Brace permanent getragen wird und seine Begrenzung mechanisch erzeugt, soll der Airbag dem Fahrer zunächst möglichst viel Bewegungsfreiheit lassen und seinen zusätzlichen Schutz erst beim erkannten Sturz aufbauen.
Die kommende Saison wird zeigen, wie gut sich dieses Prinzip unter echten Rennbedingungen bewährt und ob sich der zusätzliche Schutz so integrieren lässt, dass er auf dem Motorrad möglichst wenig stört.
Eine Entscheidung mit Folgen weit über die MXGP hinaus?
Vorerst gilt die neue Vorschrift ausdrücklich für MXGP, MX2, WMX und das Motocross of Nations. Von einer generellen Airbag-Pflicht im gesamten FIM-Motocross kann deshalb noch keine Rede sein.
Trotzdem dürfte die Wirkung über die Weltmeisterschaft hinausgehen. Wenn Hersteller ihre komplette Factory-Ausrüstung auf Airbag-Systeme ausrichten und die Topfahrer damit Woche für Woche Rennen bestreiten, wird das Thema zwangsläufig auch in nationalen Serien ankommen.
Ob dort irgendwann ebenfalls eine Pflicht folgt, hat die FIM mit dieser Entscheidung nicht gesagt.
Für die WM-Klassen ist der Weg dagegen festgelegt. Spätestens 2028 wird sich zeigen, ob die Systeme so unauffällig geworden sind, dass die Fahrer sie nach dem Startgatter ohnehin vergessen – oder ob die neue Pflicht im Fahrerlager noch für reichlich Diskussionen sorgt.
