Zu klein fürs System? – Warum Jeremy Seewer im Ducati-Projekt an Grenzen stößt

Jeremy Seewer auf der Ducati Desmo450 MX

Jeremy Seewer auf der Ducati Desmo450 MX. / Foto: Ralph Marzahn

Es gibt Phasen im Motocross, die sich nicht über Ergebnisse erklären lassen. Genau in so einer steckt Jeremy Seewer im zweiten Jahr mit Ducati. Die Resultate sind nur die Oberfläche, dahinter liegt scheinbar ein Problem, das sich inzwischen klarer zeigt – aber nicht einfacher geworden ist.

Seewer beschrieb kürzlich die Situation selbst ziemlich nüchtern. Er weiß, wo es hakt, spürt es auf dem Motorrad – kann es aber nicht so kompensieren, wie es auf diesem Niveau nötig wäre. Die Folge ist ein bewusster Schritt zurück: Kontrolle statt Angriff. Während er im Vorjahr noch versucht hat, das Problem zu überfahren und dafür mit Stürzen bezahlt hat, fährt er jetzt kalkuliert. Stabil ins Ziel kommen, Fehler vermeiden, das Risiko begrenzen. Das kostet Positionen, verhindert aber, dass sich die Situation weiter zuspitzt.

Ein bekanntes Problem – ohne echten Durchbruch

Neu ist das alles nicht. Schon im ersten Ducati-Jahr gab es ähnliche Ansätze, ähnliche Schwierigkeiten. Damals war das noch Teil eines Entwicklungsprozesses, begleitet von der Erwartung, dass sich mit Zeit und Arbeit Lösungen ergeben. Ein Jahr später ist die Einordnung klarer. Es hat Fortschritte gegeben, keine Frage. Details im Setup funktionieren besser, Abläufe sind eingespielter. Aber das Grundverhalten des Motorrads wirkt im Kern unverändert – und genau das könnte aktuell zum limitierenden Faktor werden.

Ein Satz von Seewer bringt das auf eine Ebene, die hängen bleibt: Er sei „zu klein“ für das Motorrad. Das klingt simpel, ist aber im Kontext entscheidend. Denn dahinter steckt kein Gefühl, sondern ein sehr konkretes Thema in der Ergonomie.

Wenn die Geometrie den Unterschied macht

Wer sich die Ducati im Vergleich zu KTM, Yamaha oder Honda anschaut, erkennt relativ schnell, wo der Unterschied liegt. Aus Beobachtung wirkt es so, dass die Tank-Sitzbank-Linie deutlich steiler verläuft. Was auf den ersten Blick wie ein Detail wirkt, hat direkte Auswirkungen auf die Fahrweise.

Gerade bei wenig Grip ist es entscheidend, aktiv nach vorne arbeiten zu können, Druck auf das Vorderrad zu bringen, das Bike zu „laden“. Genau diese Bewegung kann durch die Bauform erschwert werden. Für größere Fahrer lässt sich das durch hohe Sitzbänke ausgleichen, für kleinere wird es zum limitierenden Faktor.

Und genau hier wird Seewers Aussage greifbar.

Unterschiedliche Fahrer, unterschiedliche Grenzen

Innerhalb des Teams zeigt sich das sehr deutlich. Calvin Vlaanderen hat selbst durchblicken lassen, dass die Körpergröße eine zentrale Rolle spielt. Was bei ihm funktioniert, lässt sich nicht automatisch auf Seewer übertragen. Auch Andrea Bonacorsi arbeitet mit Anpassungen, unter anderem über höhere Sitzbänke, um offenbar mehr Bewegungsfreiheit nach vorne zu schaffen.

Ein Ansatz, der funktioniert – aber nicht universell.

Für Seewer ist genau dieser Weg nur eingeschränkt nutzbar. Eine höhere Sitzbank würde seine Position nicht verbessern, sondern eher verschlechtern. Damit fällt eine der einfachsten Anpassungen praktisch weg. Was bleibt, ist offenbar ein Motorrad, das in seiner Grundgeometrie nicht optimal zu seinem Fahrertyp passt.

Mehr als nur Setup

Damit verschiebt sich die Diskussion automatisch. Es geht nicht mehr um Klicks am Fahrwerk oder kleine Anpassungen im Detail. Es geht, zumindest unserer Einschätzung nach, um die Basis. Um Geometrie, Ergonomie, das grundsätzliche Layout des Bikes. Und das sind Themen, die sich nicht kurzfristig lösen lassen.

Das erklärt auch, warum sich das Bild über einen längeren Zeitraum kaum verändert hat. Fortschritte ja – aber kein Durchbruch.

Parallel dazu steht ein Fakt, der die Situation noch deutlicher macht: Seewer ist körperlich in einer Form, die er selbst als besser beschreibt als zu seinen erfolgreichsten Zeiten. Fitness, Leistungswerte, Belastbarkeit – alles passt. Und genau deshalb wird die Diskrepanz sichtbar. Es fehlt nicht an Vorbereitung, sondern daran, diese auf die Strecke zu bringen.

Zwischen Geduld und Realität

Seewer geht damit auffällig ruhig um. Kein öffentliches Nachtreten, keine Forderungen. Er macht seinen Job, hält sich bereit, arbeitet weiter und hofft auf Bedingungen, die besser zum aktuellen Paket passen – Strecken mit mehr Grip, klareren Linien, weniger variablen Faktoren.

Gleichzeitig ist klar, dass diese Phase kein Dauerzustand sein kann. Der Sport lässt dafür wenig Spielraum.

Ein Projekt ohne Abkürzung

Das Ducati-Projekt ist noch im Aufbau. Entwicklung braucht Zeit, gerade auf diesem Niveau. Was sich aktuell zeigt, ist ein Fahrer, der sich innerhalb dieses Prozesses bewegt – aber nicht frei agieren kann. Der angepasst fährt, statt das Maximum abzurufen.

Noch fehlt der Moment, in dem alles zusammenpasst.

Und genau dieser Moment wird entscheiden, ob aus einem Entwicklungsprojekt ein konkurrenzfähiges Paket wird – oder ob die offenen Punkte größer bleiben als die Fortschritte.