Was ist für Team Germany beim MXoN in Ernée drin?
Das MXoN Team Germany bei der Autogrammstunde in Fürstlich Drehna. / Foto: Steve Bauerschmidt
Kann Deutschland beim Motocross of Nations unter die besten zehn fahren? Tom Koch, Valentin Kees und Noah Ludwig kommen mit guten Ergebnissen vom ADAC MX Masters-Finale nach Ernée. Koch stand in Fürstlich Drehna als bester Deutscher auf dem Podium, Ludwig wurde Vierter. Kees fuhr nach seiner Verletzungspause im Youngster Cup wieder in die Top Fünf. Drei Fahrer in Form – doch wie weit trägt das gegen die Mannschaften, die am Sonntag neben ihnen am Gatter stehen?
Koch ist der verlässlichste Maßstab im deutschen Trio. Er beendete die Masters-Saison als Zweiter hinter Roan van de Moosdijk und hat auch 2026 WM-Punkte gesammelt. Ludwig wurde Fünfter der Masters. Beim deutschen Grand Prix in Teutschenthal kamen die beiden im zweiten MXGP-Lauf unmittelbar hintereinander als 17. und 18. ins Ziel. Für ein gutes Nations-Ergebnis werden sie sich auch in Ernée im Mittelfeld behaupten müssen, möglichst ohne einen Lauf, in dem nach einem Sturz oder schlechten Start kaum noch etwas geht.
Bei Valentin Kees ist die Einschätzung schwieriger. Er wurde Sechster im Youngster Cup, fehlte zwischenzeitlich aber verletzt. Sein Auftritt in Fürstlich Drehna spricht dafür, dass er rechtzeitig wieder in Fahrt gekommen ist. Wie er sich gegen die 250er der anderen Nationen schlägt, könnte für Deutschland wichtiger werden als die Frage, ob Koch im MXGP-Lauf nun 10. oder 17. wird.
Der Blick auf die Gegner
Frankreich bringt mit Romain Febvre, Mathis Valin und Tom Vialle drei Fahrer mit, die internationale Spitzenplätze kennen. Belgien hat Lucas und Sacha Coenen sowie Liam Everts. Die Niederlande schicken MXGP-Weltmeister Jeffrey Herlings, Masters-Champion van de Moosdijk und Glenn Coldenhoff. Diese Teams müsste Deutschland an einem normalen Rennsonntag ziehen lassen.
Spanien hat Jorge Prado und den frisch gekürten MX2-Weltmeister Guillem Farrés. Zwar fehlt der verletzte Rubén Fernández, doch mit EMX250-Europameister Francisco García rückt kein beliebiger Ersatz nach. Die USA mussten ebenfalls wechseln: Julien Beaumer fährt für Chance Hymas und steigt kurzfristig auf die 450er um. Zusammen mit Levi Kitchen und Cooper Webb bleibt das eine Mannschaft für weit vorne. Australien tritt ohne die Lawrence-Brüder an, bringt aber den Meister und Vizemeister seiner MX1-Serie sowie MX2-Meister Alex Larwood mit. Wie stark dieses komplett neue Trio in Ernée ist, lässt sich schwerer abschätzen als die Mannschaft der vergangenen beiden Jahre.
Für Deutschland beginnt der eigentliche Vergleich dahinter. Lettland hat mit Pauls Jonass und den Reisulis-Brüdern drei Fahrer aus der WM. Italien setzt auf Andrea Adamo, Ferruccio Zanchi und Alberto Forato. Auch Dänemark ist ein harter Gegner: Nicolai Skovbjerg gewann den Youngster Cup deutlich vor Valentin Kees, Mads Fredsøe lag in der Tabelle ebenfalls vor ihm. Mikkel Haarup komplettiert das dänische Team.
Dann wird es enger. Estlands Jörgen-Matthias Talviku beendete die Masters nur einen Platz vor Ludwig; Sebastian Leok wurde im Youngster Cup Zweiter. Die Schweiz setzt überraschend Jeremy Seewer auf die 250er. Ob dieser Wechsel aufgeht, ist offen, doch zusammen mit Valentin Guillod und Kevin Brumann sind die Schweizer ernst zu nehmen. Großbritannien, Schweden, Südafrika und das diesmal ohne Tim Gajser gemeldete Slowenien gehören ebenfalls zu den Teams, gegen die Deutschland um Plätze fahren kann.
Ein Streichresultat rettet nicht alles
Am Sonntag fährt jeder Fahrer zweimal. Das schlechteste der sechs Einzelergebnisse wird aus der Mannschaftswertung gestrichen. Ein Ausrutscher ist damit verkraftbar. Zwei schlechte Läufe sind es meist nicht.
Genau dort liegt die Aufgabe für Koch, Kees und Ludwig. Koch dürfte die besten deutschen Einzelresultate liefern. Ludwig muss auf der 450er möglichst nah an ihm bleiben. Und Kees braucht auf der 250er zumindest einen Lauf, in dem er den direkten Gegnern aus den Mannschaften um Platz zehn Punkte abnimmt. Dass er das kann, zeigte er in Teutschenthal: Im zweiten MX2-WM-Lauf wurde er 14. und ließ unter anderem den Briten Ben Mustoe und den Schweden Alve Callemo hinter sich. Die Reisulis-Brüder oder die WM-Spitze waren dort allerdings außer Reichweite.
Koch kennt Ernée bereits vom MXoN 2023, Kees kann auf gute EMX-Rennen auf der Strecke zurückblicken. Das Trio reist also nicht blind zu einer der größten Kulissen des Sports. Trotzdem sollte man die Erinnerungen an den Ort nicht mit einer Prognose verwechseln. Vor drei Jahren sahen dort über 100.000 Fans zu; diesmal müssen die Deutschen vor dieser Kulisse vor allem gute Starts erwischen und ihre fünf zählenden Ergebnisse zusammenbringen.
Auch der Rückblick auf 2025 mahnt zur Vorsicht. Damals qualifizierte sich Deutschland mit Ken Roczen, Simon Längenfelder und Maximilian Spies als Vierter. Nach Stürzen und Längenfelders Ausfall blieb am Sonntag Platz 15. Spies sollte auch diesmal fahren, musste seinen Platz aber verletzt Ludwig überlassen. In Fürstlich Drehna unterstützte er die Mannschaft noch bei ihrer Autogrammstunde. Für Koch, Kees und Ludwig geht es nun darum, aus ihrer guten Form ein Ergebnis über den gesamten Sonntag zu machen.
Platz zehn bis dreizehn erscheint mir nach den Saisonergebnissen am wahrscheinlichsten. Die Top Acht sind möglich, wenn alle drei ihre Starts nutzen und kein zweiter schwacher Lauf in die Wertung rutscht. Wer Deutschland wegen Kochs Masters-Vizetitel schon in den Top Fünf sieht, wischt die Stärke der anderen 250er und Open-Fahrer zu leicht beiseite. Und genau dort wird beim MXoN oft entschieden, was ein starkes Rennen des Teamleaders am Ende wert ist.
