Warum bringen Yamaha und Honda ihre Elektro-Crosser gemeinsam nach Ernée?

Yamaha wird ihren Elektrocrosser YE 01 beim MXoN in Ernée den Fans vorstellen

Yamaha wird ihren Elektrocrosser YE 01 beim MXoN in Ernée den Fans vorstellen

Honda und Yamaha hätten ihre Elektro-Crosser beim Motocross of Nations problemlos getrennt voneinander präsentieren können. Stattdessen fahren die CR ELECTRIC PROTO und die YE-01 gemeinsam auf die Strecke. Offiziell steht dahinter die Zusammenarbeit der beiden Hersteller. Mit Blick auf die eigentlich für 2026 angekündigte MXEP bekommt der Auftritt allerdings eine deutlich interessantere Seite.

Am Samstag und Sonntag wird es jeweils um 12:45 Uhr für ein paar Minuten ungewohnt leise in Ernée. Honda schickt die CR ELECTRIC PROTO auf die Strecke, Yamaha die YE-01 Racing Concept.

Auch bei den Fahrern wird nicht gekleckert. Trey Canard und Justin Brayton übernehmen die Honda, Ben Townley und Milko Potisek die Yamaha. Vier Fahrer mit reichlich Motocross- und Supercross-Erfahrung sollen zeigen, was die beiden Elektro-Crosser inzwischen können.

Dass Honda und Yamaha dafür ausgerechnet das Motocross of Nations gewählt haben, ist nachvollziehbar. Größer kann die Bühne innerhalb des Motocross kaum werden.

Interessanter ist, warum beide Hersteller gemeinsam fahren.

Warum ausgerechnet gemeinsam?

In der offiziellen Ankündigung wird der gemeinsame Auftritt als Zeichen der Zusammenarbeit zwischen Honda und Yamaha beschrieben. Viel konkreter werden die Beteiligten an dieser Stelle allerdings nicht.

Von einer gemeinsamen Entwicklung der beiden Motorräder ist keine Rede. Honda kommt mit der CR ELECTRIC PROTO, Yamaha mit der zusammen mit Electric Motion entwickelten YE-01. Zwei unterschiedliche Motorräder, zwei unterschiedliche technische Ansätze – aber eine gemeinsame Demonstration.

Und genau deshalb lohnt sich der Blick über diese Erklärung hinaus.

Denn Ernée ist nicht irgendeine Bühne. Dort steht genau das Publikum am Zaun, das solche Motorräder irgendwann akzeptieren, fahren und möglicherweise auch kaufen müsste. Gleichzeitig sollte 2026 eigentlich längst eine elektrische Rennserie im Rahmen der MXGP existieren.

Damit führt der gemeinsame Auftritt ziemlich direkt zur interessanteren Frage: Ist Ernée nur eine große Bühne für zwei Elektro-Crosser oder sehen wir hier möglicherweise einen neuen Anlauf für ein Thema, das mit der ausgebliebenen MXEP zuletzt ins Stocken geraten ist?

Honda hat seinen Elektro-Crosser längst im Rennen ausprobiert

Honda kommt dabei nicht mit einem Motorrad nach Frankreich, das bisher nur ein paar Testkilometer hinter verschlossenen Türen absolviert hat.

Trey Canard fuhr bereits 2023 in der All Japan Motocross Championship mit einem elektrischen Honda-Prototypen. Er war damit der erste Honda-Fahrer, der mit einem Elektro-Crosser in einem Motocross-Rennen antrat.

2024 ging Honda noch einen Schritt weiter. Team HRC setzte die CR ELECTRIC PROTO im FIM E-Xplorer World Cup ein. Gleich in der ersten Saison gewann Honda die Männerwertung und belegte sowohl bei den Frauen als auch in der Teamwertung Rang zwei.

Die Honda hat also bereits Wettbewerbsbedingungen erlebt.

In Ernée bekommt Canard Unterstützung von Justin Brayton. Der langjährige AMA-Supercross-Pilot bringt ebenfalls reichlich Erfahrung mit, um beurteilen zu können, ob ein Motorrad lediglich ordentlich beschleunigt oder sich tatsächlich vernünftig fahren lässt.

Denn Drehmoment aus dem Stand ist nur ein Teil der Geschichte. Auf einer ausgefahrenen Motocross-Strecke muss der Fahrer das Bike auch noch dahin bewegen können, wo er es haben will.

Yamaha verlässt mit der YE-01 den Messestand

Bei Yamaha ist die Ausgangslage etwas anders. Die YE-01 Racing Concept wurde 2025 auf der EICMA in Mailand präsentiert. Ernée ist nun die deutlich passendere Umgebung für ein Motorrad, das perspektivisch Rennen fahren soll.

Entwickelt wurde die YE-01 gemeinsam mit dem französischen Elektro-Spezialisten Electric Motion. Yamaha verbindet dabei Erfahrungen aus der YZ450F-Entwicklung mit der Elektro-Technik des französischen Herstellers. Eingefügtes Markdown

Ein Detail zeigt ziemlich gut, dass Yamaha dabei nicht alles über Bord werfen will, was Motocross-Fahrer seit Jahrzehnten kennen: Die YE-01 besitzt eine hydraulisch betätigte Nass-Mehrscheibenkupplung.

Bei einem Elektromotor wäre die in dieser Form nicht zwingend notwendig. Yamaha möchte dem Fahrer damit aber weiterhin die Möglichkeit geben, die Kraftübertragung aktiv zu beeinflussen. Eingefügtes Markdown

Und das ist bei einem Crosser alles andere als nebensächlich. Die Kupplung gehört zum Fahren dazu. Sie wird beim Herausbeschleunigen, in engen Kurven oder vor Sprüngen ganz bewusst eingesetzt.

Yamaha versucht also, einen Teil des gewohnten Fahrgefühls zu erhalten, obwohl der Verbrennungsmotor fehlt.

Ob dieser Ansatz funktioniert, dürfen Ben Townley und Milko Potisek zeigen. Townley wurde 2004 MX2-Weltmeister und gewann 2007 die AMA 250SX East Coast Championship. Potisek wurde 2011 MX3-Vizeweltmeister und gewann dreimal das Enduropale du Touquet.

Die MXEP sollte 2026 längst fahren

Und hier bekommt die Geschichte ihren eigentlichen Haken. Yamaha nennt die MXEP ausdrücklich als mögliche Perspektive für die YE-01. Auch die Demonstrationsfahrt in Ernée wird vom Hersteller mit der Vorbereitung auf einen möglichen späteren Einsatz in dieser elektrischen Motocross-Kategorie verbunden. Eingefügtes Markdown

Nur sollte es die MXEP inzwischen längst geben.

Infront Moto Racing kündigte die neue Elektro-Klasse bereits im März 2024 an. Der Plan war damals ziemlich konkret: 2026 sollte die MXEP als Support-Klasse der FIM Motocross-Weltmeisterschaft starten.

Vorgesehen waren fünf bis sechs beziehungsweise sechs europäische Veranstaltungen mit elektrischen Prototypen. Elektro- und Verbrennungsmotorräder sollten bewusst nicht gegeneinander antreten. Stattdessen sollte eine eigene Klasse entstehen.

Infront-Chef David Luongo erklärte damals, dass man gemeinsam mit der FIM und den Herstellern zwei Jahre Zeit habe, um das Reglement und die notwendige Infrastruktur auszuarbeiten. Die MXGP sollte den Herstellern gleichzeitig eine professionelle Rennplattform bieten, um ihre Motorräder unter Wettbewerbsbedingungen weiterzuentwickeln.

2026 ist da. Die MXEP nicht.

Die angekündigten Rennen fanden in dieser Saison nicht statt. Eine offiziell kommunizierte Absage liegt uns auf Basis der vorliegenden Informationen allerdings ebenfalls nicht vor. Die Serie ist schlicht nicht wie angekündigt gestartet.

Und nun stehen beim größten Motocross-Rennen des Jahres ausgerechnet Honda und Yamaha gemeinsam mit zwei Elektro-Crossern auf der Strecke.

Kann Ernée der MXEP neuen Schwung geben?

Dieser Gedanke liegt nahe. Belegt ist er allerdings nicht. Weder Honda noch Yamaha erklären in den vorliegenden Informationen, dass die gemeinsamen Demorunden dazu dienen sollen, die MXEP wiederzubeleben. Auch von Infront gibt es keine Aussage, wonach Ernée als Testlauf für einen späteren Start der Serie gedacht ist.

Das sollte man sauber auseinanderhalten. Trotzdem darf man sich fragen, ob genau solche Auftritte bisher gefehlt haben.

Eine Elektro-Rennserie lässt sich schlecht aufbauen, wenn es an Herstellern mit entsprechend weit entwickelten Motorrädern mangelt. Mit Honda und Yamaha stehen nun zwei große Namen gleichzeitig auf der Strecke. Honda hat mit der CR ELECTRIC PROTO bereits Rennerfahrung gesammelt, Yamaha nennt die MXEP sogar ausdrücklich als mögliche Perspektive für die YE-01.

Das bedeutet noch lange nicht, dass im kommenden Jahr plötzlich ein MXEP-Startgatter voll wird. Aber die Ausgangslage sieht anders aus als 2024, als zunächst die Rennserie angekündigt wurde und anschließend innerhalb von zwei Jahren die entsprechenden Voraussetzungen geschaffen werden sollten.

Bei Yamaha fehlen noch wichtige Antworten

Wie weit die YE-01 tatsächlich von einem einsatzfähigen Rennmotorrad entfernt ist, können wir momentan kaum beurteilen. Yamaha veröffentlicht weiterhin keine Angaben zu Motorleistung, maximalem Drehmoment, Batteriekapazität und Gesamtgewicht. Auch Ladezeit und Fahrdauer unter Rennbedingungen bleiben offen. Eingefügtes Markdown

Gerade diese Werte würden bei einer möglichen MXEP eine entscheidende Rolle spielen.

Ein paar schnelle Demorunden sind schließlich etwas völlig anderes als ein komplettes Moto. Gewicht, Batterietemperatur, konstante Leistungsabgabe und Fahrbarkeit werden spätestens dann interessant, wenn ein Fahrer das Motorrad über die komplette Renndistanz durch eine ausgefahrene Strecke bewegen muss.

Ein Elektro-Crosser kann auf den ersten Runden noch so beeindruckend beschleunigen. Wenn danach Leistung zurückgenommen werden muss oder das zusätzliche Gewicht dem Fahrer die Arme langzieht, hilft die beste Beschleunigung wenig.

Genau deshalb werden die Demorunden in Ernée nicht alle Antworten liefern. Einen ersten Eindruck davon, wie sich die Yamaha auf einer echten GP-Strecke bewegt, sollten sie trotzdem ermöglichen.

Ernée dürfte ein ziemlich ehrlicher Test vor Publikum werden

Auch die Wahl des MXoN als Bühne ist nicht uninteressant. Wer das Motocross of Nations in Frankreich kennt, weiß ungefähr, welches Publikum Honda und Yamaha dort erwartet. Ernée lebt von Lärm, Fans, Fahnen und einer Atmosphäre, die mitunter schon Stunden vor dem ersten Start ziemlich wild werden kann.

Der Verbrenner gehört für viele dieser Fans genauso zum Motocross wie Startgatter und Holeshot. Genau dort fahren nun zwei Elektro-Crosser. Ein einfacheres Umfeld hätte man sich suchen können. Ein aussagekräftigeres wahrscheinlich kaum.

Auf einer Motorradmesse lässt sich ein Elektro-Crosser unter Scheinwerfern präsentieren und von allen Seiten betrachten. In Ernée muss er beschleunigen, springen, durch Spurrillen fahren und zumindest für ein paar Runden zeigen, wie nah er an dem liegt, was Motocross-Fahrer von einem Competition-Bike erwarten.

Und die Reaktion des Publikums dürfte mindestens genauso interessant werden wie die Motorräder selbst.

Was bleibt von Ernée?

Aus ein paar gemeinsamen Demorunden lässt sich noch kein Neustart der MXEP ableiten. Dafür fehlen belastbare Aussagen von Honda, Yamaha und Infront. Trotzdem hat sich gegenüber der Ankündigung von 2024 etwas verändert.

Damals wurde zunächst eine Rennserie angekündigt, für die innerhalb von zwei Jahren Regeln, Infrastruktur und ein entsprechendes Herstellerfeld entstehen sollten. 2026 gibt es diese Serie nicht.

Dafür stehen jetzt Honda und Yamaha mit zwei tatsächlich fahrenden Elektro-Crossern in Ernée.

Vielleicht bleibt es bei einer Demonstration. Vielleicht sind genau solche Auftritte aber notwendig, um genügend Hersteller für eine elektrische Rennserie zusammenzubringen. Denn ohne entsprechende Motorräder braucht man über Reglement, Rennformat oder einen MXEP-Kalender gar nicht erst zu reden.

Was Honda und Yamaha am Samstag und Sonntag um jeweils 12:45 Uhr zeigen, beantwortet deshalb noch nicht die Frage, ob die MXEP irgendwann tatsächlich kommt. Es zeigt aber, dass die Motorräder weiterentwickelt wurden, während die dafür groß angekündigte Rennserie erst einmal stehen geblieben ist.

Und genau diese verdrehte Reihenfolge macht den gemeinsamen Auftritt von Honda und Yamaha in Ernée so interessant.