Teamchefs vor Philadelphia: Titelkampf, Regenangst und der Ausblick auf 2027

Lars Lindström bei der Pre Pressekonferenz zum Philadelphia Supercross 2026

Lars Lindström bei der Pre-Pressekonferenz zum Philadelphia Supercross 2026. / Foto: Feld Entertainment

Die Pressekonferenz vor dem Philadelphia Supercross zeigte einmal mehr, wie viel in dieser Phase der Saison unter der Oberfläche passiert. Nach außen geht es um Ergebnisse, Tabellenstände und die Frage, wer am Samstagabend die beste Antwort liefert. Hinter den Kulissen aber arbeiten die Teams längst an deutlich feineren Themen: Starts bei Regen, mentale Stabilität im Titelkampf, Verletzungsmanagement, Nachwuchsplanung und die Frage, wie ein Programm nicht nur ein Rennen, sondern eine ganze Saison überlebt.

Gerade vor Philadelphia, wo Wetter und Streckenbedingungen eine größere Rolle spielen könnten, rückte ein Thema besonders stark in den Mittelpunkt: Wie gut sind Fahrer und Teams vorbereitet, wenn aus einem normalen Supercross-Abend plötzlich ein Geduldsspiel im Schlamm wird?

Honda HRC und die Startfrage bei Hunter Lawrence

Bei Honda HRC war Lars Lindstrom der gefragte Mann. Der Teammanager musste sich vor allem zu den Starts von Hunter Lawrence äußern – einem Thema, das nach dem vergangenen Wochenende offensichtlich hängen geblieben ist. Lindstrom wirkte dabei nicht alarmiert, aber durchaus selbstkritisch.

Seine Kernaussage: Honda war nicht weit weg. Das Problem lag weniger in einem komplett falschen Paket, sondern in der Mischung aus Vorsicht, Bedingungen und kurzfristigen Entscheidungen. Nach einem Holeshot und Sieg zuvor sei es schwierig, kurz vor dem nächsten Rennen große Änderungen vorzunehmen. Trotzdem räumte Lindstrom ein, dass man bei einigen Punkten aggressiver hätte sein können – etwa bei der Höhe des Startsystems oder beim Mapping im Startmodus.

Spannend war vor allem seine Einschätzung zu Hunter selbst. Lindstrom erklärte, dass Lawrence bei den Starts wohl etwas zu vorsichtig gewesen sei, weil er mit durchdrehendem Hinterrad rechnete. Tatsächlich habe die Startfläche aber mehr Grip geboten als erwartet. Während andere Fahrer ihrer Linie treu blieben, verlor Hunter den Anschluss – und musste danach auf einer rutschigen Strecke aufholen. Genau dort entstehen dann Fehler, die in dieser Phase der Meisterschaft besonders teuer werden können.

Für Philadelphia hat Honda deshalb nicht alles umgeworfen, aber nachjustiert. Zu Hause wurden verschiedene Dinge ausprobiert, keine radikalen Änderungen, eher kleine Lösungen für ein sehr konkretes Problem. Der Anspruch bleibt klar: Honda will zurück zu den Starts, die man von Hunter Lawrence gewohnt ist.

Keine Punkteverwaltung trotz Titelkampf

Bemerkenswert war auch, wie wenig Lindstrom von defensivem Denken hält. Auf die Frage, ob man bei Regen und möglichem Schlamm eher auf Schadensbegrenzung setzen müsse, antwortete er sinngemäß: nein. Honda gehe auch Philadelphia wie jedes andere Rennen an. Das Ziel sei nicht, irgendwie Punkte zu retten, sondern das bestmögliche Ergebnis zu holen.

Natürlich weiß Lindstrom, dass ein Schlammrennen eigene Regeln schreibt. Es geht um Kupplungsgefühl, Haltbarkeit, sauberes Fahren und darum, das Motorrad nicht unnötig zu zerstören. Doch in seinem Ton lag kein Rückzug. Eher das Gegenteil. Hunter sei ein starker Schlammfahrer, habe durch seine Zeit in Europa Erfahrung mit solchen Bedingungen und bringe derzeit ein Selbstverständnis mit, das im Titelkampf entscheidend sein kann.

Lindstrom formulierte es deutlich: Mit dem Selbstvertrauen, das Hunter aktuell habe, erwarte er im Grunde jedes Mal den Sieg, wenn er auf die Strecke geht.

Genau das macht die Situation vor Philadelphia so interessant. Hunter Lawrence steht unter massivem Druck, weil die Meisterschaft eng ist. Erst war Eli Tomac der direkte Bezugspunkt, nun ist Ken Roczen praktisch auf Augenhöhe. Doch Honda will daraus keine neue Strategie ableiten. Der Plan bleibt gleich: Start treffen, eigene Leistung abrufen, maximale Punkte holen.

Hunter Lawrence bleibt äußerlich unbeeindruckt

Einer der stärksten Punkte der Pressekonferenz war Lindstroms Beschreibung von Hunters Mentalität. Im Truck sei alles wie immer gewesen. Locker, scherzend, fast auffällig normal. Lindstrom sagte sinngemäß, Hunter sei entweder der beste Schauspieler der Welt oder eben wirklich so stabil, wie er wirkt.

Für einen Titelkampf ist das nicht nebensächlich. Gerade in den letzten Saisonrennen entscheidet nicht nur, wer die beste Runde fahren kann. Es geht darum, wer Fehler vermeiden kann, wer nach Rückschlägen nicht verkrampft und wer im Team keine Nervosität auslöst. Bei Honda scheint man genau daran zu glauben: Hunter bringt Ruhe in eine Situation, die von außen längst hektischer wirkt.

Auch Cameron, sein Mechaniker, wurde in diesem Zusammenhang genannt. Lindstrom beschrieb ihn als ähnlich ruhigen Charakter, der gut zu Hunter passt. Das mag wie eine Randnotiz klingen, ist aber im Supercross oft ein entscheidender Faktor. Wenn Fahrer und Mechaniker in einer Titelphase dieselbe Ruhe ausstrahlen, kann das mehr wert sein als die nächste große Setup-Idee.

Gizmo Yamaha zwischen Verletzungen und kleinen Erfolgen

Ein ganz anderes Bild zeigte sich bei Gizmo Yamaha. Dort ging es weniger um einen Titelkampf, sondern um den täglichen Kampf eines Teams, das mit Verletzungen, Rückschlägen und wechselnden Chancen umgehen muss.

Freddie Norin wurde dabei als Beispiel für Durchhaltevermögen genannt. Er kam bereits angeschlagen in die Saison, sammelte weitere kleinere Verletzungen und verließ das vergangene Rennen sogar mit einem Walking Boot. Immerhin brachten die Untersuchungen Entwarnung, doch das eigentliche Problem bleibt: Norin verliert ständig Trainingszeit. Und genau diese Runden fehlen im Supercross, wo Timing, Rhythmus und Selbstverständnis über ein Main Event entscheiden können.

Auch Valentin Guillod wurde angesprochen. Seine Supercross-Saison war ohnehin als Lernprozess zu sehen, nun wurde sie erneut durch Verletzungen gebremst. Nach seinem Sturz und der erneuten Blessur an der Schulter beziehungsweise am Schulterblatt ist er zurück in der Schweiz, soll aber für Pala wieder bereit sein.

Interessant war, dass das Team seine Saison trotzdem nicht als gescheitert einordnet. Für Guillod war Supercross Neuland, eine komplett andere Welt als Motocross in Europa. Die Lernkurve war steil, die Fehler gehörten dazu. Genau deshalb wurde seine Saison intern eher als Erfahrungspaket gesehen. Nicht schön, nicht sauber, aber wertvoll.

Gleichzeitig zeigte Gizmo Yamaha, wie kleinere Teams aus schwierigen Situationen trotzdem etwas mitnehmen können. Fahrer wie Keegan Rowley oder CJ Benard erzielten persönliche Bestleistungen. Verletzungen reißen Lücken, aber sie öffnen auch Türen. Für ein Programm dieser Größe sind solche Momente wichtig, weil sie zeigen, dass Entwicklung nicht nur an Podien gemessen wird.

Phoenix Honda: Ein Ex-Racer baut am nächsten Schritt

Bei Phoenix Honda stand TJ Albright für eine andere Art von Entwicklung. Er sprach über seinen Wechsel vom aktiven Fahrer zum Crew Chief – und damit über eine Rolle, die mental völlig anders funktioniert. Als Fahrer wacht man jeden Tag mit dem Ziel auf, sich selbst besser zu machen. Als Crew Chief wacht man auf, um andere besser zu machen.

Albright sieht seine Aufgabe stark in der technischen Entwicklung. Besonders das Motorpaket habe sich im Vergleich zum Vorjahr deutlich verbessert. Auch beim Fahrwerk seien große Schritte gelungen. Das ist wichtig, weil Phoenix Honda von außen vielleicht nicht immer als Programm mit großen Ressourcen wahrgenommen wird. Intern aber scheint man sehr klar daran zu arbeiten, das Material auf ein höheres Niveau zu bringen.

Bei Gavin Towers sieht Albright Potenzial für Ergebnisse im Bereich von Platz fünf bis zehn. Der Schlüssel liegt für ihn weniger im reinen Startmoment, sondern im Qualifying. Wer mit schlechtem Gate Pick außen steht, macht sich das Leben selbst dann schwer, wenn der eigentliche Start gut ist. Auch das ist eine typische Supercross-Wahrheit: Die entscheidenden Fehler passieren oft lange vor dem Main Event.

Star Yamaha: Wenn ein Plan aufgeht

Bei Star Yamaha klangen die Aussagen fast wie das Gegenstück zu den Sorgen kleinerer Programme. Dort ging es um Dominanz, Titelchancen und eine Nachwuchsstruktur, die derzeit beeindruckend funktioniert.

Cole Davies könnte in Philadelphia den Titel sichern. Doch das Team stellte das nicht als Überraschung dar, sondern als Ergebnis eines Plans. Als Davies jung in die USA kam, wurde eine Route entworfen. Nun sieht man, wie die einzelnen Schritte zusammenpassen. Genau das ist vielleicht der größte Unterschied zu vielen anderen Programmen: Star Yamaha wirkt nicht wie ein Team, das auf Erfolg reagiert. Es baut ihn systematisch auf.

Auch der Podiums-Sweep der Vorwoche wurde entsprechend eingeordnet. Natürlich war es ein großer Moment für das Team, für Yamaha und die Partner. Aber hinter der Freude stand eine klare Botschaft: Das ist kein Zufall. Es ist die Summe aus Arbeit, Struktur und einer Trainingsumgebung, in der Fahrer permanent an einem sehr hohen Standard gemessen werden.

Spannend war der Blick auf die Talentsuche. Star Yamaha schaut nicht nur auf Siege. Gesucht werden Fahrer mit Talent, Arbeitsethik und Biss. Manchmal ist es nicht der Sieger, der auffällt, sondern der Vierte, der auf weniger gutem Material mehr zeigt als andere. Genau solche Aussagen zeigen, wie genau die großen Teams mittlerweile den Nachwuchsmarkt lesen.

Kawasaki: Die Pipeline ist enger, als sie wirkt

Bei Team Green Kawasaki wurde ein Punkt angesprochen, der von außen oft missverstanden wird: die Verbindung zwischen Amateurprogramm und Profibereich. Anders als bei Star Yamaha wirkt Kawasaki mit Team Green und Pro Circuit manchmal getrennter. Ryan Holliday stellte jedoch klar, dass die Kommunikation enger ist, als viele glauben.

Er spreche regelmäßig mit Mitch Payton, teilweise häufiger als mit Leuten im eigenen Gebäude. Operativ seien die Programme zwar getrennt, doch bei Fahrerentwicklung, Planung und möglichen Aufstiegen arbeite man eng zusammen.

Auch Kawasaki sieht die SMX Next Serie als wichtigen Baustein. Mehr Rennen würden helfen, junge Fahrer besser auf den Profisport vorzubereiten. Nicht nur wegen der Strecken, sondern wegen des gesamten Umfelds: Stadion, Druck, Medien, Zeitpläne, Konkurrenzniveau. All das lässt sich auf normalen Amateurveranstaltungen nur bedingt simulieren.

Besonders interessant war Hollidays Blick auf den Fahrstil der nächsten Generation. Früher wollten viele junge Fahrer wie Justin Barcia fahren – aggressiv, explosiv, kompromisslos. Heute orientieren sie sich stärker an Fahrern wie Jett Lawrence, Chase Sexton, Hunter Lawrence oder Ken Roczen: leichter auf dem Motorrad, ruhiger, kalkulierter. Dazu kommt nun auch der Einfluss von Haiden Deegan.

Doch Holliday machte auch klar: Kopieren allein reicht nicht. Nicht jeder Stil passt zu jedem Fahrer. Der nächste Schritt besteht darin, Elemente von großen Fahrern aufzunehmen, aber daraus eine eigene Lösung zu bauen.

Kleine Teams denken größer

Auch abseits der großen Werkstrukturen gab die Pressekonferenz vor Philadelphia Einblicke in die Entwicklung kleinerer Teams. Julien Perrier vom Kawasaki-nahen Partzilla Team sprach offen über den Weg seines Teams und die Verpflichtung von Kyle Chisholm für den Rest der Supercross-Saison.

Chisholm ist dabei mehr als nur ein erfahrener Name auf der Entry List. Für das Team ist er ein Signal. Ein Fahrer mit Erfahrung, Test-Know-how und klarer Erwartungshaltung kann ein Programm kurzfristig stabilisieren und langfristig besser machen. Julien betonte, dass Chisholm nicht zurückkommt, um einfach mitzufahren. Er will Main Events erreichen und ernsthaft konkurrenzfähig sein.

Noch spannender war der Blick auf 2027. In der 250er-Klasse will das Team einen Fahrer, der regelmäßig im Bereich Top fünf bis sieben fahren und an guten Tagen um ein Podium kämpfen kann. In der 450er-Klasse soll Top zehn das Ziel sein. Das klingt nicht überzogen, sondern nach einem kontrollierten Wachstum. Genau dieser Punkt zog sich durch seine Aussagen: wachsen, aber nicht überdrehen.

Was Philadelphia wirklich zeigen kann

Die Pressekonferenz vor Philadelphia war deshalb mehr als ein lockeres Mediengespräch. Sie zeigte, wie unterschiedlich die Teams in diese entscheidende Phase der Saison gehen.

Honda HRC steht im Titelkampf und arbeitet an Details, die über Sieg oder Niederlage entscheiden können. Star Yamaha verwaltet eine dominante Struktur, ohne sich von möglichen Titelmomenten aus der Ruhe bringen zu lassen. Kawasaki denkt stark über Nachwuchswege und Stilentwicklung nach. Phoenix Honda und Gizmos Yamaha kämpfen mit Verletzungen, Ressourcen und Aufbauarbeit. Kleinere Teams versuchen, den nächsten Schritt zu machen, ohne ihre Basis zu verlieren.

Und über allem steht Philadelphia als möglicher Charaktertest. Wenn Regen und Schlamm wirklich eine Rolle spielen, wird es nicht nur um Speed gehen. Dann zählen Starts, Ruhe, technische Vorbereitung und die Fähigkeit, ein chaotisches Rennen sauber zu Ende zu bringen.

Genau dort werden die Aussagen aus der Pressekonferenz überprüft. Nicht im Konferenzraum, nicht im Teamtruck, sondern am Samstagabend am Startgatter.