Team Germany beim MXoN: Wie lange kann Pech die Erklärung sein?
Mit Platz acht sorgte Noah Ludwig am Samstag für das beste deutsche Ergebnis beim MXoN 2026. / Foto: Ralph Marzahn
Drei Tage sind seit dem Motocross of Nations in Ernée vergangen. Die mehr als 100.000 Zuschauer werden wahrscheinlich noch immer Bilder und Eindrücke dieses Wochenendes im Kopf haben. Auch bei mir hat es etwas gedauert, das Abschneiden von Team Germany einzuordnen.
Platz 16 steht am Ende in der Nationenwertung. Zu wenig für eine Nation wie Deutschland. Gleichzeitig wäre es billig, dieses Ergebnis einfach Tom Koch, Noah Ludwig und Valentin Kees anzuhängen. Wer den Sonntag verfolgt hat, weiß, wie schnell der Plan der deutschen Mannschaft auseinandergefallen ist.
Noah Ludwig verletzte sich bereits in seinem ersten Lauf. Damit waren seine beiden Ergebnisse praktisch weg und Deutschland hatte kein Streichergebnis mehr. Tom Koch und Nations-Rookie Valentin Kees mussten anschließend ins Ziel bringen, was noch möglich war.
Teammanager Marcel Dornhöfer sprach danach von „mega viel Pech“ und davon, dass Deutschland das Verletzungspech beim Nations offenbar anhänge. Für Assen 2027 wünscht er sich deshalb nicht einmal besonderes Glück: „Vielleicht mal eins ohne Pech.“
Nach dem Abschneiden in den USA im Jahr 2025 und nun in Ernée kann man diesen Wunsch verstehen.
Nur irgendwann muss auch eine zweite Frage erlaubt sein: Wie lange darf Pech die entscheidende Erklärung bleiben?
Ludwig war eigentlich die positive Überraschung
Dass ausgerechnet Noah Ludwig am Sonntag ausfiel, machte die Sache besonders bitter. Denn am Samstag hatte der MXoN-Neuling gezeigt, dass seine Nominierung richtig war.
Platz acht im Open-Qualifying war das beste deutsche Ergebnis des Tages. Vor und hinter ihm bewegten sich Fahrer, die regelmäßig in der Weltmeisterschaft unterwegs sind. Ludwig wirkte von der großen Bühne eher angestachelt als eingeschüchtert.
Am Sonntag ging es zunächst genauso weiter. Im zweiten Rennen kam er stark aus dem Gatter und lag nach der ersten Kurve auf Position vier.
Dann stürzte er noch in der Startrunde und verletzte sich an der Hand. Das Rennen war vorbei, ein weiterer Start nicht möglich. Nach Aussage Dornhöfers war Ludwig bereits auf dem Weg ins Krankenhaus, eine Operation stand im Raum.
Das ist Pech. Darüber muss man nicht diskutieren.
Kein Teammanager kann verhindern, dass ein Fahrer in einem Motocross-Rennen stürzt und sich verletzt. Und niemand sollte Ludwig daraus einen Vorwurf machen. Wenige Stunden zuvor hatte er schließlich noch gezeigt, warum er in dieser Mannschaft stand.
Die Folgen seines Ausfalls legen aber eine andere Schwachstelle offen: Beim Nations kann ein einziger verletzter Fahrer eine Mannschaft komplett aus der Wertung reißen. Genau deshalb beginnt die Vorbereitung auf dieses Rennen nicht erst mit der Auswahl der drei Namen.
Koch sagt selbst, dass da mehr sein müsste
Tom Koch war in Ernée der erfahrenste deutsche Fahrer. Auch bei ihm erzählen die Platzierungen nur einen Teil der Geschichte.
Im ersten Lauf kam er vom äußeren Startplatz ordentlich weg, wurde in der ersten Kurve aber weit nach außen gedrängt. Danach machte er zunächst Plätze gut. Koch fand andere Linien und konnte in den ersten Runden Druck machen.
Dann verkrampfte er zunehmend auf dem Motorrad. „Wenn man sich da immer mehr festfährt, probiere ich zwar, wieder irgendwie locker zu werden, aber das ist während des Rennens echt schwer.“
Gerade wenn der Boden viel Grip bietet, habe er damit extrem zu kämpfen. Koch selbst findet dafür ziemlich klare Worte: „Ich muss mir da auf jeden Fall irgendeine Lösung überlegen, weil das absolut keinen Spaß macht, so zu fahren. Es ist einfach weit unter dem, was ich eigentlich kann.“
Das ist keine Ausrede. Eher im Gegenteil. Koch benennt selbst einen Punkt, an dem er arbeiten muss.
Im letzten Rennen funktionierte es besser. Von Rang 17 arbeitete er sich auf Platz 14 nach vorne und sorgte damit für das beste deutsche Laufergebnis des Sonntags. Nach Ludwigs Ausfall stand Koch dort alleine am Gatter. Ein weiterer Ausfall hätte die Situation endgültig verschärft.
Kees musste beim Nations lernen
Valentin Kees kam als zweiter Neuling nach Ernée. Im ersten Lauf wurde er 28., im zweiten 27. Damit kann er selbst nicht vollständig zufrieden sein. Ist er auch nicht. „Ich weiß, ich würde mehr können“, sagte Kees anschließend.
Am Motorrad hatte es zunächst nicht richtig gepasst. Nach Veränderungen am Setup kam er am Sonntag besser zurecht. Gleichzeitig lernte er eine Eigenheit des Nations kennen, die man vorher schlecht simulieren kann: zwei lange Motos mit wenig Erholung dazwischen.
„Das bin ich nicht gewohnt und habe ich so auch noch nie gemacht.“
Dazu kamen über 100.000 Zuschauer am Wochenende, der Medienrummel und die Verantwortung, plötzlich nicht nur für sich und sein normales Team zu fahren. Das soll seine Ergebnisse nicht besser machen, als sie waren. Aber genau für solche Fahrer kann ein Nations auch Ausbildung auf ziemlich hohem Niveau sein.
Kees nimmt zumindest die Lust auf mehr mit. „Es ist einfach ein unfassbar geiles Gefühl, vor so vielen Zuschauern, vor so vielen deutschen Fans für sein eigenes Land zu fahren.“
Vielleicht muss Team Germany früher anfangen
Und damit kommen wir zurück zum Pech. Im Fußball gibt es diesen etwas gemeinen Spruch: „Immer Pech ist Unvermögen.“
Den drei Fahrern von Ernée diesen Satz vor die Füße zu werfen, wäre Unsinn. Ludwigs Verletzung war keine Folge mangelnder Vorbereitung der Teamleitung. Koch brachte beide Ergebnisse nach Hause, Kees ebenfalls.
Aber der Satz zwingt dazu, etwas weiter zu denken.
Wenn nach mehreren Nations immer wieder Verletzungen, Ausfälle oder fehlende Alternativen eine Rolle spielen, sollte man irgendwann nicht mehr ausschließlich auf das jeweilige Rennwochenende schauen.
Die Frage lautet dann eher: Ist Deutschland strukturell so aufgestellt, dass es beim wichtigsten Mannschaftsrennen des Jahres möglichst viele Optionen hat?
Andere große Motocross-Nationen können bei der Auswahl teilweise auf mehrere Fahrer zurückgreifen, die regelmäßig auf WM-Niveau unterwegs sind. Deutschland hat diesen Luxus derzeit nicht. Das kann eine Teamführung kurzfristig nicht ändern.
Trotzdem darf man fragen, ob das Nations innerhalb der Saison noch stärker vorbereitet werden könnte. Welche Fahrer kommen infrage? Wer passt auf welcher Maschine in welche Klasse? Wer bekommt frühzeitig die Möglichkeit, sich auf ein solches Wochenende vorzubereiten? Und wie schafft man es langfristig, einen größeren Kreis an Fahrern an internationales Niveau heranzuführen?
Nicht alles davon liegt in der Hand eines MXoN-Teammanagers. Das wäre ebenfalls zu einfach gedacht. Nachwuchsarbeit, internationale Einsatzmöglichkeiten und die Entwicklung deutscher Fahrer sind Aufgaben, die deutlich größer sind als ein einzelnes Nations-Team.
Aber irgendwann sollte aus der wiederkehrenden Feststellung „Wir hatten Pech“ auch die Frage entstehen, was man selbst beeinflussen kann.
Der eigene Truck war ein guter Anfang
Dass sich rund um Team Germany etwas bewegt, war in Ernée durchaus sichtbar.
Der eigene Truck im Fahrerlager war mehr als ein Parkplatz für drei Motorräder. Fahrer, Betreuer und Fans hatten einen gemeinsamen Anlaufpunkt. Koch hob anschließend ausdrücklich hervor, wie gut die Stimmung innerhalb der Mannschaft gewesen sei und wie sehr sich das Team um die Fahrer gekümmert habe.
Das klingt nach einer Kleinigkeit, ist beim Nations aber keine.
Wer dieses Rennen kennt, weiß, wie schnell aus drei Fahrern mit drei verschiedenen Teams für ein Wochenende irgendwie eine Nationalmannschaft gebaut werden muss. In Ernée wirkte dieser Teil deutlich geschlossener.
Vielleicht ist genau das der Punkt, an dem man weiterarbeiten sollte.
Nicht jedes Jahr drei Fahrer nominieren, einen Truck hinstellen und anschließend schauen, was passiert. Sondern das Nations stärker als etwas begreifen, das über längere Zeit vorbereitet wird. Fahrer beobachten, Alternativen aufbauen und möglichst früh eine Mannschaft formen, die nicht erst am Rennwochenende eine Mannschaft wird.
Ob und in welchem Umfang das bereits geschieht, lässt sich von außen nicht vollständig beurteilen. Deshalb wäre es genauso falsch, der Teamführung Versäumnisse zu unterstellen, für die es keine Belege gibt.
Das Ergebnis liefert aber genügend Anlass, diese Fragen zu stellen.
Platz 16 darf nicht der Anspruch sein
Ernée war kein Desaster. Dafür gab es zu viele Dinge, die funktioniert haben.
Ludwigs achter Platz am Samstag war stark. Koch rettete mit Rang 14 das beste deutsche Sonntagsergebnis und sprach anschließend offen über seine eigenen Schwierigkeiten. Kees hat bei seinem Debüt erfahren, was Nations bedeutet. Und innerhalb der Mannschaft scheint vieles besser funktioniert zu haben, als die Ergebnisliste vermuten lässt.
Trotzdem steht dort Platz 16.
Den kann man mit Ludwigs Verletzung erklären. Man kann auf die zwei Neulinge verweisen. Und man kann sagen, dass beim Nations manchmal ein einziger Sturz reicht, um sämtliche Pläne über den Haufen zu werfen.
Alles richtig. Nur sollte daraus keine Gewohnheit werden.
„Vielleicht mal eins ohne Pech“, wünscht sich Dornhöfer für Assen 2027. Das wäre Team Germany zu gönnen. Bis dahin bleibt allerdings fast ein ganzes Jahr Zeit, um sich nicht ausschließlich darauf verlassen zu müssen.
