Paul Haberland: „So ein Angebot hatte ich noch nie“
Paul Haberland sprach mit uns über seinen Wechsel zu ERC Kawasaki. / Foto: Uwe Reinhardt
Was muss ein Team einem Fahrer bieten, damit der bei einem Wechsel nicht lange überlegen muss? Bei Paul Haberland scheint Uwe Reinhardt mit ERC Kawasaki genau den richtigen Nerv getroffen zu haben. Der Deutsche spricht von einem Angebot, wie er es in seiner bisherigen Karriere noch nicht erlebt hat. Dabei war er von der öffentlichen Bekanntgabe seines Wechsels selbst überrascht. Im Gespräch mit MXNEWS-Online erzählt Haberland, wie die Zusammenarbeit zustande kam, weshalb er sich bei Kawasaki bereits wohlfühlt und warum ihm Reinhardts hohe Erwartungen gerade recht kommen.
Als Reinhardt die Kawasaki-Motorräder für 2027 präsentierte, waren darauf bereits die Startnummern von Tom Koch und Paul Haberland zu erkennen. Damit war die Fahrerbesetzung offiziell. Nur Haberland selbst hatte offenbar nicht damit gerechnet, dass die Nachricht zu diesem Zeitpunkt öffentlich werden würde.
„Ich war ein bisschen überrascht, als ich das gestern gesehen habe. Ich wusste wirklich nicht, dass das schon hochgeladen worden war. Ich musste auch zweimal hingucken“, erzählt er.
Dabei war die Entscheidung für ERC Kawasaki längst gefallen. Die ersten Gespräche mit Reinhardt fanden bereits im Sommer statt. Nach dem Kontakt lud ihn der Teamchef in sein Unternehmen und den Rennstall ein, damit sich Haberland selbst ein Bild von den vorhandenen Möglichkeiten machen konnte.
Noch am selben Tag erhielt er ein Angebot.
„Für mich war das eine Sache, die ich erst gar nicht richtig realisieren konnte. Ich habe noch nie ein Angebot in diesem Umfang bekommen. Als ich es dann schwarz auf weiß hatte, musste ich wirklich zweimal hingucken, um zu begreifen, dass das jetzt wahr ist.“
Welche konkreten Leistungen hinter diesem Angebot stehen, verrät Haberland nicht. Dass es ihn beeindruckt hat, macht er allerdings deutlich.
„Für mich war das ein absoluter No-Brainer“
Eine wichtige Rolle bei seiner Entscheidung spielte der Besuch im Rennstall. Reinhardts Unternehmen ist derzeit vor allem im Straßenrennsport aktiv, hat seine ursprünglichen Wurzeln aber im Motocross. Haberland konnte sich vor Ort ansehen, wie gearbeitet wird und welche Infrastruktur zur Verfügung steht.
„Ich hatte von Anfang an ein gutes Gefühl, weil ich gesehen habe, was die alles machen und wie der Rennstall aussieht. Für mich war das ein absoluter No-Brainer. Ich musste da nicht lange überlegen.“
Ganz von vorne anfangen muss er bei ERC Kawasaki allerdings nicht. Zwar wechselt er die Mannschaft und die Motorradmarke, doch eine vertraute Person begleitet ihn.
Sein bisheriger Mechaniker wurde vom neuen Team übernommen. „Mein Team hat sich geändert, aber ich kann zum Beispiel meinen Mechaniker behalten. Das ist ein riesiger Vorteil, weil man viele Sachen einfach mitnimmt und schon kennt.“
Gerade bei einem neuen Motorrad kann das hilfreich sein. Ein Mechaniker, der die Vorlieben seines Fahrers kennt und dessen Rückmeldungen einordnen kann, muss nicht erst herausfinden, welche Abstimmungen ihm liegen.
Auch die übrigen Teammitglieder hat Haberland inzwischen kennengelernt. Sein erster Eindruck fällt ausgesprochen positiv aus. „Ich muss wirklich sagen, dass ich superherzlich aufgenommen wurde. Ich bin immer noch unfassbar glücklich, dass das geklappt hat.“
Nach Handverletzung erst wenige Stunden auf der Kawasaki
Sportlich beginnt die Zusammenarbeit allerdings unter etwas anderen Voraussetzungen als ursprünglich erhofft.
Haberland hatte seine Saison in der Schweiz beendet, ehe er beim letzten Rennen der Schweizer Meisterschaft stürzte und sich an der Hand verletzte. Die Folgen zwangen ihn zu einer längeren Pause. „Ich war über einen Monat vom Motorrad weg und konnte deshalb auch die letzten Masters-Rennen nicht mehr fahren.“
Erst vor rund zehn Tagen nahm er das Training wieder auf. Entsprechend überschaubar ist bislang seine Fahrzeit auf der Kawasaki. „Ich habe jetzt vielleicht fünf, sechs oder sieben Stunden auf dem Motorrad verbracht. Wirklich viel ist das noch nicht. Aber ich fühle mich superwohl.“
Für eine umfassende Beurteilung des neuen Bikes ist es natürlich noch früh. Haberland scheint aber bereits eine Grundlage gefunden zu haben, mit der er arbeiten kann. „Wir haben eine echt gute Basis und ein gutes Motorrad zusammengestellt. Jetzt stehen wir noch ganz am Anfang. Es geht darum, Zeit auf dem Bike zu verbringen und Daten zu sammeln, damit wir nächstes Jahr sehr gut aufgestellt sind und unsere Ziele verfolgen können.“
Dabei konzentriert sich der Deutsche derzeit ausschließlich auf Supercross. Das hängt mit seinem bevorstehenden Rennprogramm zusammen.
Supercross, Strand-WM und Paris
Haberlands Winter wird abwechslungsreicher als gewohnt. Zunächst steht ein Supercross-Rennen in den Niederlanden an. Anschließend möchte er in der Strand-Weltmeisterschaft antreten, bevor es für ihn zum Supercross nach Paris geht. „Ich habe einen ziemlich gemischten Winter. Das hatte ich so auch noch nicht. Es ist eine neue Herausforderung, aber darauf freue ich mich.“
Die unterschiedlichen Disziplinen verlangen einiges an Anpassungsfähigkeit. Während beim Supercross präzise Sprungkombinationen, Rhythmussektionen und kurze, intensive Rennen im Mittelpunkt stehen, wartet bei der Strand-WM eine völlig andere Belastung.
Für Haberland bedeutet das nicht nur zusätzliche Rennpraxis, sondern auch die Möglichkeit, seine neue Kawasaki unter sehr unterschiedlichen Bedingungen kennenzulernen.
Die eigentliche Vorbereitung auf die Saison 2027 steckt allerdings noch in den Anfängen. Nach der Verletzungspause gilt es zunächst, wieder regelmäßig auf dem Motorrad zu sitzen und gemeinsam mit der Mannschaft Erfahrungen zu sammeln.
Reinhardt soll ihm Feuer machen
Bemerkenswert ist auch, wie Haberland über die Erwartungen innerhalb des neuen Teams spricht. Dass Reinhardt offenbar einiges von seinen Fahrern verlangt, empfindet er nicht als Belastung, sondern ausdrücklich als Ansporn. „Der Anspruch ist schon ziemlich hoch. Und zwar bei jedem, egal ob Fahrer oder Teamchef. Das ist gut, das gefällt mir.“
Noch deutlicher wird er, als er beschreibt, was ihm in der Zusammenarbeit mit Reinhardt besonders wichtig ist. „Ich habe das Gefühl, dass ich genau das mal gebraucht habe. Jemanden, der mir immer ein bisschen Feuer gibt. Und den habe ich jetzt mit Uwe.“
Das sagt einiges darüber aus, was Haberland sich von seinem neuen Umfeld verspricht. Es geht ihm offenbar nicht allein um ein anderes Motorrad oder bessere Rahmenbedingungen. Er sucht auch eine Mannschaft, die ihn fordert und gemeinsam mit ihm sportlich den nächsten Schritt machen möchte.
Ob daraus die erhofften Ergebnisse entstehen, wird sich erst auf der Strecke zeigen. Die ersten Stunden auf der Kawasaki stimmen Haberland jedenfalls zuversichtlich, auch wenn nach seiner Handverletzung noch einiges an Fahrzeit fehlt.
Bis zum Beginn der ADAC MX Masters 2027 bleibt Zeit, das Setup weiterzuentwickeln und sich auf die neue Mannschaft einzustellen. Zunächst wartet jedoch ein Winterprogramm, das ihn vom Supercross über die Strand-Weltmeisterschaft bis nach Paris führen soll.
Für Haberland steht dabei schon jetzt fest, dass die Entscheidung für ERC Kawasaki richtig war. „Ich freue mich auf die Zeit mit Kawasaki und meinem neuen Team. Ich bin immer noch unfassbar happy, dass das geklappt hat, und freue mich auf die Zukunft.“
