KiKA und Motocross: Mehr als Kinderfernsehen
KIKA und Motocross
Der öffentlich-rechtliche Kinderkanal KiKA steht immer wieder in der Kritik. Mal geht es um die Finanzierung aus dem Rundfunkbeitrag, mal um einzelne Sendungsinhalte oder die grundsätzliche Frage, welchen Stellenwert ein eigener Fernsehsender für Kinder heute noch haben sollte. Gerade in den sozialen Netzwerken wird dabei häufig über einzelne Ausschnitte diskutiert, die aus ihrem ursprünglichen Zusammenhang gelöst werden.
Über eine andere Seite des Senders wird dagegen erstaunlich wenig gesprochen: KiKA gibt Kindern und Jugendlichen eine Bühne, deren Interessen abseits der üblichen großen Sportarten liegen. Dazu gehört auch Motocross.
Und wer sich einmal durch das Programmarchiv arbeitet, findet deutlich mehr als nur einen zufälligen Beitrag über Motorräder.
Auf Nachfrage hat KiKA jetzt nicht nur weitere Sendungen zum Thema genannt, sondern auch erklärt, weshalb solche Sportarten einen Platz im Programm haben. Außerdem steht bereits Anfang November eine neue Motocross-Reportage auf dem Sendeplan.
Sechsjähriger Motocross-Fahrer bekommt eigene Folge
Am 5. November 2026 um 9:25 Uhr zeigt KiKA innerhalb der Dokureihe ICH bin ICH die Folge „Isaac fährt Motocross“.
Im Mittelpunkt steht der sechsjährige Isaac aus Berlin, der seine Begeisterung für den Sport bereits im Alter von drei Jahren entdeckt hat. Inspiriert wurde er von seinem Vater, der früher selbst Motocross gefahren ist. Isaac sammelte seine ersten Erfahrungen auf einem Elektromotorrad. Seit rund drei Monaten fährt er nach Angaben des Senders auch eine Maschine mit 50-Kubikzentimeter-Verbrennungsmotor.
Für die Reportage wurde auf der Motocross-Strecke in Schenkenhorst bei Potsdam gedreht. Die Zuschauer begleiten Isaac beim Training, sehen ihn durch Kurven und über kleine Hügel fahren und erfahren, weshalb ihm besonders Matsch und Schlamm so viel Spaß machen.
Dabei geht es nicht nur um das Motorradfahren selbst. Auch Helm, Schutzkleidung und das sichere Beherrschen der Maschine spielen eine Rolle.
Dass ein sechsjähriger Motocross-Fahrer eine eigene Folge in einem öffentlich-rechtlichen Kinderformat bekommt, ist durchaus bemerkenswert. Schließlich richtet sich ICH bin ICH vor allem an jüngere Zuschauer und erzählt Geschichten aus deren unmittelbarer Lebenswelt.
Die Sendung wird nach ihrer Premiere auch über kika.de, die KiKA-App und die Kikaninchen-App abrufbar sein.
Motocross zwischen Schule und Rennstrecke
Ein weiteres aktuelles Beispiel ist die Reportage „Motocross und Schule – Jack zwischen Talent und Lernschwäche“, die am 16. August 2026 im Rahmen der Reihe STORY TIME veröffentlicht wurde.
Im Mittelpunkt steht der 13-jährige Jack, der auf dem Motocross-Bike zu den Besten seines Alters gehört. Während er auf der Strecke sein Talent zeigen kann, hat er in der Schule mit Schwierigkeiten beim Lesen und Schreiben zu kämpfen.
Die rund 25-minütige Reportage beschäftigt sich damit nicht nur mit einem jungen Rennfahrer, sondern auch mit seinem Alltag abseits der Strecke.
Denn wer selbst Kinder im Motocross-Sport begleitet, kennt zumindest einen Teil dieser Herausforderung. Training, Rennen, Reisen und Schule müssen irgendwie zusammenpassen. Während Gleichaltrige ihre Wochenenden zu Hause verbringen, sitzen junge Motocross-Fahrer häufig mit ihren Familien im Transporter und sind auf dem Weg zum nächsten Rennen.
Bei Jack kommt noch eine persönliche Hürde hinzu, die mit schnellen Rundenzeiten nichts zu tun hat.
Dass KiKA genau diese Geschichte erzählt, ist bemerkenswert. Der Sender zeigt Motocross nicht ausschließlich als spektakuläre Freizeitbeschäftigung, sondern beschäftigt sich mit einem jungen Menschen, für den der Sport eine wichtige Rolle spielt.
Tom Koch zu Gast im Tigerenten Club
Auch ein deutscher MXGP-Fahrer hat es bereits ins KiKA-Programm geschafft. Am 6. Oktober 2024 war Tom Koch im Tigerenten Club zu Gast. In der Sendung berichtete er über seine Karriere, seine ersten Erfahrungen auf dem Motorrad und darüber, was es braucht, um Motocross auf professionellem Niveau zu betreiben.
Koch begann bereits im Alter von sechs Jahren mit dem Sport. Aus den ersten Runden auf dem Bike wurde später eine Karriere, die ihn bis in die Motocross-Weltmeisterschaft führte.
Für eingefleischte MXGP-Fans mag ein solcher Fernsehauftritt wenig Neues bieten. Für Kinder, die bisher kaum Berührungspunkte mit Motocross hatten, sieht das anders aus.
Sie bekommen einen Sportler zu sehen, der nicht mit einem Fußball oder Tennisschläger erfolgreich geworden ist, sondern mit einem Motocross-Motorrad.
Gerade für eine Sportart, die im deutschen Fernsehen nur selten außerhalb spezialisierter Übertragungen auftaucht, ist das keineswegs selbstverständlich.
Ein Traum auf zwei Rädern
Im Januar 2025 griff der Tigerenten Club das Thema erneut auf. Diesmal ging es um den zehnjährigen Julian, dessen großer Wunsch es war, auf einer richtigen Motocross-Strecke ein Rennen zu fahren.
Die Sendung begleitete die Erfüllung dieses Traums.
Das klingt zunächst nach einer kleinen Geschichte. Tatsächlich steckt darin aber ein Aspekt, der im Motocross häufig unterschätzt wird: Für viele Kinder beginnt die Begeisterung nicht mit einer Weltmeisterschaft oder einem bekannten Werksfahrer, sondern mit dem Wunsch, selbst einmal auf einem Motorrad zu sitzen.
Nicht jeder, der sich für Motocross begeistert, wird später Rennen fahren. Aber ohne solche ersten Berührungspunkte wird es auch keinen Nachwuchs geben.
Und genau deshalb sind solche Beiträge wertvoll.
Von Wheelchair-Motocross bis Freestyle
Die Recherchen im KiKA-Programmarchiv und die Antwort des Senders zeigen, dass Motocross und verwandte Motorsportarten bereits in zahlreichen Formaten aufgegriffen wurden.
So beschäftigte sich Kann es Johannes? mit Motocross, während KiKA LIVE unter anderem Wheelchair-Motocross, Motorradrennsport und den Freestyle-Motocrosser Luc Ackermann vorstellte. Auch in HobbyMania: Tausch mit mir dein Hobby spielte Motocross eine Rolle. Dort traf der Sport auf eine völlig andere Freizeitbeschäftigung: Zaubern. Hinzu kommen Beiträge wie Checker Julian: Der Motorrad-Check und die ZDF-Produktion stark! Carlota – Ich fahre Motorradrennen.
Natürlich handelt es sich dabei nicht ausschließlich um klassischen Motocross-Rennsport. Wheelchair-Motocross, Freestyle-Motocross und Straßenrennsport unterscheiden sich teilweise erheblich voneinander. Trotzdem zeigen diese Produktionen, dass der Sender motorisierte Zweiräder keineswegs aus seinem Kinder- und Jugendprogramm ausklammert.
Und das Angebot beschränkt sich nicht auf Motorräder. Bereits am 29. Oktober 2026 um 9:25 Uhr feiert innerhalb von ICH bin ICH die Folge „Ali will Rennfahrer werden“ Premiere.
Darin geht es um einen jungen Kartfahrer aus Berlin, der von einer späteren Karriere in der Formel 1 träumt.
Warum KiKA auch ungewöhnliche Sportarten zeigt
Wir wollten vom Sender wissen, ob Motocross gezielt als Thema gesucht wird oder ob solche Beiträge eher aus den persönlichen Geschichten der vorgestellten Kinder entstehen.
Die Antwort fällt eindeutig aus: Im Mittelpunkt stehen die Interessen und Lebenswelten der jungen Zuschauer. „Bei der Themenauswahl möchten wir die Vielfalt kindlicher Interessen sichtbar machen“, erklärte KiKA.
Deshalb sollen neben bekannten Freizeit- und Sportangeboten ausdrücklich auch weniger verbreitete Hobbys berücksichtigt werden.
Entscheidend sei dabei nicht allein die jeweilige Sportart, sondern die persönliche Geschichte dahinter: die Leidenschaft der Kinder, ihre Erfahrungen und die Bedeutung, die ein Hobby für ihren Alltag hat.
Das erklärt auch, weshalb die Beiträge häufig einen anderen Schwerpunkt setzen, als man ihn aus der klassischen Motocross-Berichterstattung kennt.
Bei Jack geht es neben dem Sport um schulische Schwierigkeiten. Bei Isaac steht die Freude am Motorradfahren und das Erlernen grundlegender Fähigkeiten im Vordergrund. Und bei Julian war es zunächst der Wunsch, überhaupt einmal auf einer Motocross-Strecke fahren zu dürfen.
Rundenzeiten, Meisterschaftsstände und technische Details spielen dabei eine untergeordnete Rolle.
KiKA möchte nach eigenen Angaben Themen authentisch, altersgerecht und aus der Perspektive der Kinder erzählen. Zugleich sollen die Beiträge Einblicke in Lebensbereiche ermöglichen, die vielen jungen Zuschauern bislang unbekannt sind.
Kinder bestimmen mit, welche Themen aufgegriffen werden
Interessant ist auch, wie der Sender seine Themen auswählt.
KiKA verweist auf den regelmäßigen Austausch mit seinem jungen Publikum. Über das sogenannte KiKA-UserLab, wissenschaftlich begleitete Medienforschung und direkte Zuschriften erfährt der Sender, welche Interessen Kinder verfolgen und welche Inhalte sie sich wünschen.
Diese Erkenntnisse fließen in die Entwicklung und Auswahl der Angebote ein.
Das bedeutet zwar nicht, dass jede Sportart automatisch eine eigene Sendung bekommt. Es zeigt aber, dass die Programmplanung nicht ausschließlich von der Bekanntheit oder medialen Bedeutung einer Sportart abhängt.
Gerade für Motocross könnte das ein Vorteil sein.
Denn während der Sport im klassischen Fernsehprogramm nur selten stattfindet, ist er für zahlreiche Kinder und Familien ein fester Bestandteil ihres Alltags.
Dass diese Lebenswelt auch im öffentlich-rechtlichen Kinderfernsehen auftaucht, ist deshalb durchaus nachvollziehbar.
Weitere Motocross-Sendungen derzeit nicht geplant
Auf unsere Frage nach weiteren konkreten Produktionen zum Thema Motocross oder Offroad-Motorradsport teilte KiKA mit, dass aktuell keine entsprechenden Sendungen in Planung seien.
Das bedeutet allerdings nicht, dass der Sport künftig aus dem Programm verschwinden wird.
Da verschiedene Formate regelmäßig die Interessen und Hobbys von Kindern und Jugendlichen aufgreifen, hält der Sender eine erneute Beschäftigung mit Motocross grundsätzlich für möglich.
Zunächst steht mit der Geschichte des sechsjährigen Isaac aber bereits eine weitere Produktion vor der Veröffentlichung.
Darüber hinaus verweist KiKA auf sein insgesamt ausgebautes Sportangebot. Gemeinsam mit der ARD-Sportschau und dem ZDF-sportstudio werden inzwischen auch große Sportveranstaltungen altersgerecht für Kinder aufbereitet.
Dazu gehören unter anderem die Olympischen Winterspiele, der DFB-Pokal, die Fußball-Weltmeisterschaft und die Tour de France.
Motocross ist von einer vergleichbaren Präsenz zwar weit entfernt. Aber immerhin findet die Sportart in unterschiedlichen Formaten regelmäßig ihren Platz.
Warum solche Beiträge für Motocross wichtig sind
Motocross hat in Deutschland ein Sichtbarkeitsproblem. Wer sich für den Sport interessiert, findet heute problemlos Rennen, Ergebnisse, Interviews und Hintergrundberichte auf spezialisierten Plattformen. Außerhalb dieser Szene sieht es allerdings anders aus.
Im klassischen Fernsehprogramm dominieren andere Sportarten. Motocross taucht dort vergleichsweise selten auf, und wenn doch, dann häufig nur im Zusammenhang mit besonders spektakulären Bildern oder außergewöhnlichen Ereignissen.
Dabei lebt der Sport nicht allein von seinen Profis.
Er lebt von Vereinen, ehrenamtlichen Helfern, Familien, Nachwuchsfahrern und Kindern, die irgendwann zum ersten Mal an einer Strecke stehen und begeistert zuschauen.
Ein Beitrag über einen jungen Motocross-Fahrer erreicht möglicherweise Zuschauer, die noch nie von der MXGP, den ADAC MX Masters oder einer Deutschen Motocross-Meisterschaft gehört haben.
Und er erreicht auch deren Eltern.
Das ist für die langfristige Wahrnehmung einer Sportart nicht unwichtig. Denn bevor ein Kind selbst Motocross fahren kann, müssen sich meist auch die Eltern mit dem Sport beschäftigen. Mit den Kosten, dem Aufwand, den Risiken und den Möglichkeiten, die er bietet.
Fernsehbeiträge ersetzen weder Nachwuchsarbeit noch geeignete Trainingsmöglichkeiten. Sie können aber Interesse wecken und einen Sport sichtbar machen, der außerhalb seiner eigenen Szene oft kaum stattfindet.
Kritik am KiKA und Anerkennung schließen sich nicht aus
Natürlich darf und soll man einen öffentlich-rechtlichen Kinderkanal kritisch betrachten. Schließlich wird er aus dem Rundfunkbeitrag finanziert, und über die Verwendung dieses Geldes darf diskutiert werden.
Auch einzelne Sendungsinhalte müssen nicht jedem gefallen.
Nur sollte eine Bewertung des Senders nicht ausschließlich auf besonders umstrittenen Ausschnitten oder Schlagzeilen beruhen.
Wer KiKA vorwirft, bestimmte gesellschaftliche oder pädagogische Themen zu stark in den Vordergrund zu stellen, sollte zumindest zur Kenntnis nehmen, dass dort auch ganz andere Geschichten erzählt werden.
Geschichten über sportliche Leidenschaft, persönliche Schwierigkeiten, Ehrgeiz und die Freude daran, etwas zu erreichen.
Und manchmal geht es dabei eben um Motocross.
Gerade aus Sicht unserer Sportart verdient das Anerkennung. Denn während sich viele größere Medien kaum für den Motocross-Nachwuchs interessieren, hat KiKA in den vergangenen Jahren wiederholt entsprechende Beiträge produziert.
Die Antworten des Senders zeigen zudem, dass dies nicht einfach zufällig geschieht. Auch weniger verbreitete Sportarten gehören ausdrücklich zu den Lebenswelten, die KiKA abbilden möchte.
Man muss deshalb nicht jede Sendung gut finden und auch nicht jede Entscheidung des Senders verteidigen.
Aber man kann durchaus feststellen, dass KiKA dem Motocross-Sport eine Aufmerksamkeit verschafft, die er anderswo häufig vergeblich sucht.
Und wenn am 5. November ein sechsjähriger Berliner im Kinderfernsehen mit seinem Motocross-Motorrad durch den Schlamm fährt, dürfte das für den Nachwuchs unserer Sportart mindestens ebenso interessant sein wie manch große Sportübertragung.
Angebote auf kika.de und in der KiKA-App im Überblick
- „STORYTIME: Motocross und Schule – Jack zwischen Talent und Lernschwäche“ (KiKA)
- „Kann es Johannes? Folge Motocross“ (WDR)
- „KiKA LIVE Dein Hobby: Wheelchair-Motocross” (KiKA)
- „KiKA LIVE Dein Hobby: Motorrad-Rennsport” (KiKA)
- „KiKA LIVE mit Luc Ackermann“ (KiKA)
- „HobbyMania: Motocross vs. Zaubern“ (MDR)
- „Tigerenten Club: Traumberuf Motocross und kunterbunte Faschingsparty“ (SWR)
- „Tigerenten Club: Motocross – Rennfahrer Tom Koch im Tigerenten Club“ (SWR)
- „Checker Julian: Der Motorrad-Check“ (BR)
- „stark! Carlota – Ich fahre Motorradrennen“ (ZDF)
