Kevin Horgmo: Trotz erfüllter Vorgaben bei Honda aussortiert?
Kevin Horgmo und Honda Motoblouz SR gehen getrennte Wege. / Ralph Marzahn
Drei Jahre Zusammenarbeit, ein achter WM-Rang beim MXGP-Debüt, ein französischer Meistertitel und eine zweite Saisonhälfte 2026, in der es sportlich wieder aufwärtsging. Trotzdem ist für Kevin Horgmo bei Honda SR Motoblouz Schluss. Der Norweger erhielt bereits vor dem Grand Prix der Türkei die Nachricht, dass sein Vertrag für 2027 nicht verlängert wird. Dabei hatte er nach eigener Aussage die sportlichen Vorgaben der Mannschaft erfüllt.
In einer ausführlichen Videobotschaft spricht Horgmo über die Trennung, eine schwierige Saison und seine derzeit ungewisse Zukunft. Seine Enttäuschung versucht er dabei gar nicht erst zu verbergen. „Es ist ein bittersüßes Ende. Ich weiß, dass ich noch einiges zu bieten habe, und ich wollte nicht, dass es so endet.“
Dass ein Team seinen Fahrer austauscht, gehört zum Geschäft. Die Frage ist allerdings, nach welchen Maßstäben Honda SR Motoblouz die Leistungen des Norwegers bewertet hat.
Denn Horgmos Saison war zwar nicht frei von Problemen, aber auch längst nicht so schlecht, wie es die Entscheidung gegen eine Fortsetzung der Zusammenarbeit zunächst vermuten lassen könnte.
Vom MXGP-Neuling zum WM-Achten
Als Horgmo 2024 von der MX2 in die MXGP wechselte, lagen ihm mehrere Angebote vor. Er entschied sich bewusst für Honda SR Motoblouz, weil ihn die Struktur und die sportlichen Perspektiven der französischen Mannschaft überzeugten.
Die Zusammenarbeit funktionierte zunächst ausgesprochen gut.
Bereits in seiner ersten MXGP-Saison belegte Horgmo den achten Platz der Weltmeisterschaft. Für einen Aufsteiger in die 450er-Klasse war das ein beachtliches Ergebnis, zumal er sich gegen zahlreiche erfahrene Fahrer und besser ausgestattete Werksteams behaupten musste.
Auch 2025 entwickelte sich die Zusammenarbeit zunächst positiv. Horgmo gewann die französische Meisterschaft und sorgte mit Platz zwei im Qualifikationsrennen von Ernée für eines seiner stärksten internationalen Ergebnisse. Eine Verletzung beendete seine Saison allerdings vorzeitig.
Rückblickend räumt Horgmo ein, dass damals nicht alles so gut lief, wie es die Ergebnisse vermuten ließen. „Ich glaube, die guten Ergebnisse haben im vergangenen Jahr auch einige Probleme überdeckt.“
Welche Probleme er damit konkret meint, erklärt er nicht. Daraus unmittelbar auf interne Konflikte mit der Teamführung zu schließen, wäre deshalb reine Spekulation.
Seine Aussage deutet allerdings darauf hin, dass die Zusammenarbeit nicht durchgehend so reibungslos verlief, wie es die sportlichen Ergebnisse vermuten ließen.
Verletzungen, Krankheit und ein mental schwieriges Jahr
Die Saison 2026 begann für Horgmo alles andere als optimal. Nach seiner Verletzungspause fühlte er sich im Training zwar bereits wieder konkurrenzfähig, doch im Rennbetrieb fehlten ihm zunächst die körperliche Belastbarkeit und die notwendige Aggressivität.
Hinzu kam eine schwere Erkältung, die ihn nach eigenen Angaben mehr als einen Monat am regulären Training hinderte.
Als sich seine Form langsam stabilisierte, verdrehte er sich bei einem Trainingsunfall den Knöchel so schwer, dass zeitweise selbst normales Gehen kaum möglich war. Trotzdem versuchte er, weiter um den französischen Meistertitel zu kämpfen.
Besonders offen spricht Horgmo über die schwere Verletzung von Teamkollegen Thibault Benistant, die ihn auch mental belastete. Plötzlich fehlte ein Mensch, mit dem er zuvor täglich zusammengearbeitet hatte. Weil Horgmo selbst schwere Verletzungen erlebt hatte, wusste er, welche schwierige Zeit seinem Teamkollegen bevorstand.
Das wirkte sich offenbar unmittelbar auf sein eigenes Fahrverhalten aus.
Nach guten Starts konnte er die Gedanken weitgehend ausblenden. Musste er sich dagegen aus dem Feld nach vorne kämpfen, fehlte ihm zeitweise die Entschlossenheit. Er fuhr verkrampft und konnte nicht mehr so attackieren, wie er es von sich gewohnt war. Solche Aussagen hört man von Profis nicht besonders häufig. Schließlich wird von ihnen erwartet, unabhängig von äußeren Umständen ihre Leistung abzurufen.
Horgmo spricht jedoch offen darüber, dass auch ein erfahrener WM-Fahrer nicht einfach zur Tagesordnung übergehen kann, wenn ein Teamkollege schwer verletzt wird.
Sportliche Vorgaben erfüllt – Vertrag trotzdem verloren
Nach dem Grand Prix von Südafrika fand Horgmo nach eigener Aussage wieder zu seiner gewohnten Form zurück. Ein Aufenthalt in Norwegen half ihm, mental Abstand zu gewinnen. Gleichzeitig wusste er, dass er sportlich liefern musste, denn sein Vertrag für 2027 war noch nicht gesichert.
Das Team hatte ihm ein konkretes Ziel vorgegeben. Welches Ergebnis dafür erforderlich war, nennt Horgmo in seiner Videobotschaft nicht eindeutig. Er erklärt allerdings, dass er die Vorgabe erreicht habe.
Seine Leistungen verbesserten sich, und nach dem Grand Prix von Arnhem wurden die Gespräche über eine weitere Zusammenarbeit wieder aufgenommen. Horgmo hoffte deshalb auf eine vierte Saison bei Honda SR Motoblouz. Doch noch vor dem Grand Prix der Türkei erhielt er die Nachricht, dass sich das Team für einen anderen Fahrer entschieden hatte.
Diese Entscheidung wirft Fragen auf.
Natürlich steht es einer Mannschaft frei, ihre Fahrerbesetzung zu verändern. Auch wirtschaftliche Überlegungen, Sponsoreninteressen oder langfristige Planungen können dabei eine Rolle spielen.
Nur kennen wir die Beweggründe von Honda SR Motoblouz in diesem Fall nicht. Aus Horgmos Sicht bleibt allerdings ein Widerspruch: Er hatte nach eigener Aussage die sportlichen Erwartungen erfüllt, seine Leistungen zeigten wieder nach oben, und trotzdem wurde die Zusammenarbeit beendet.
Ob die Entscheidung bereits länger feststand oder erst während der Verhandlungen getroffen wurde, ist nicht bekannt.
Hat sich Horgmo anschließend selbst zu sehr unter Druck gesetzt?
Die Nachricht über seine sportliche Zukunft beschäftigte den Norweger auch während der folgenden Rennen. In der Türkei gelang es ihm noch, die Situation einigermaßen auszublenden. Beim Grand Prix von China wurde der Druck dagegen offenbar zu groß.
Horgmo wollte unbedingt noch einmal beweisen, dass die Entscheidung gegen ihn sportlich nicht gerechtfertigt war. Bei einem vergleichsweise harmlosen Sturz stützte er sich unglücklich mit der Hand ab und verletzte sich am Kahnbein. Die Saison war damit beendet.
Nach seinen Angaben handelt es sich um einen nicht verschobenen Bruch beziehungsweise Riss. Die Durchblutung im betroffenen Bereich sei günstig, weshalb die Ärzte zunächst von guten Heilungschancen ausgehen. Sechs Wochen muss er die Hand ruhigstellen. Weitere CT-Untersuchungen sollen zeigen, ob der Knochen ausreichend verheilt oder möglicherweise doch operiert werden muss.
Sportlich kostete ihn die Verletzung weitere WM-Punkte. Horgmo hatte noch um den elften Gesamtrang gekämpft, fiel am Ende jedoch auf Platz 13 zurück. Auch das Ziel, mit Honda SR Motoblouz das bestplatzierte Privatteam der MXGP zu stellen, wurde verpasst.
Ob die Vertragsentscheidung unmittelbar zu seinem Sturz beigetragen hat, lässt sich nicht feststellen. Horgmo selbst beschreibt jedoch, dass er sich in China zunehmend unter Druck setzte. Es ist zumindest nachvollziehbar, dass ein Fahrer in einer solchen Situation versucht, mit besonders guten Ergebnissen auf sich aufmerksam zu machen.
Was ist ein erfahrener MXGP-Fahrer heute noch wert?
Für Horgmo stellt sich nun eine Frage, die weit über seine persönliche Situation hinausgeht. Was ist ein Fahrer wert, der sich über mehrere Jahre in der MXGP etabliert hat, regelmäßig Punkte sammelt und nachweislich in der Lage ist, in die Top Ten der Weltmeisterschaft zu fahren?
Horgmo sieht sich jedenfalls nicht in einer Position, in der er jedes beliebige Angebot annehmen muss. „Nach all den Jahren, meiner Erfahrung, meiner Arbeitsmoral und den Ergebnissen, die ich gezeigt habe, finde ich, dass ich einen ordentlichen Platz und ein gutes Gehalt verdient habe, von dem ich vernünftig leben kann.“
Das ist eine Aussage, über die man durchaus nachdenken sollte.
Denn die MXGP lebt nicht ausschließlich von ihren Werkspiloten. Auch die privaten Mannschaften und ihre Fahrer tragen dazu bei, dass die Startfelder sportlich konkurrenzfähig bleiben.
Gleichzeitig sind gerade diese Teams häufig stärker von wirtschaftlichen Rahmenbedingungen abhängig. Nicht jeder Fahrer, der sportlich einen Platz in der Weltmeisterschaft verdient hätte, findet deshalb automatisch ein entsprechend bezahltes Engagement.
Horgmo macht deutlich, dass er weiterhin in der MXGP fahren möchte. Er ist allerdings nicht bereit, seine bisherigen Leistungen und Erfahrungen bei der Suche nach einem neuen Vertrag völlig außer Acht zu lassen. Ob diese Haltung seine Möglichkeiten einschränkt, wird sich zeigen.
Anfang Oktober steht er jedenfalls noch ohne Vertrag für 2027 da. „Ich hoffe, dass sich bald etwas ergibt. Langsam stresst es mich schon ein bisschen, dass ich für die nächste Saison noch keinen Platz habe.“
Ein Abschied mit offenen Fragen
Trotz seiner Enttäuschung vermeidet Horgmo öffentliche Vorwürfe gegen Honda SR Motoblouz. Er bedankt sich bei den Mechanikern, Mitarbeitern und der Teamführung für die vergangenen drei Jahre. Die gemeinsame Entwicklung und die sportlichen Erfolge möchte er ausdrücklich nicht kleinreden.
Das spricht für einen Fahrer, der die Zusammenarbeit nicht im Streit beenden möchte.
Dennoch bleibt die Frage, ob Honda SR Motoblouz mit dem Norweger tatsächlich schon das sportliche Potenzial ausgeschöpft hatte. Ein achter WM-Rang beim MXGP-Debüt, der französische Meistertitel und die wieder ansteigende Form in der zweiten Hälfte der Saison 2026 sprechen zumindest dafür, dass Horgmo auf diesem Niveau konkurrenzfähig sein kann.
Auf der anderen Seite steht ein Team, das für 2027 offenbar andere Vorstellungen hat. Ohne dessen Beweggründe zu kennen, wäre es allerdings zu einfach, die Entscheidung pauschal als Fehler zu bewerten.
Für Horgmo selbst kommt die Trennung zu einem ungünstigen Zeitpunkt. Die Saison endete mit einer Verletzung, und ein neuer Arbeitgeber ist bislang nicht gefunden. Dass er nach drei gemeinsamen Jahren gerne geblieben wäre, macht er deutlich.
Ob Honda SR Motoblouz mit dem Fahrerwechsel die richtige Entscheidung getroffen hat, wird sich erst auf der Rennstrecke zeigen.
Für Kevin Horgmo geht es inzwischen um etwas Grundsätzlicheres: Er muss eine Mannschaft finden, die ihm nicht nur einen Platz am Startgatter bietet, sondern auch bereit ist, seine Erfahrung und seine bisherigen Leistungen entsprechend zu bezahlen.
