Ken Roczen: Und plötzlich sind die Titelhoffnungen ganz nah
Ken Roczen ist im Titelkampf endgültig angekommen. / Foto: Feld Entertainment
Ken Roczen hat in St. Louis nicht einfach nur ein weiteres Rennen gewonnen. Er hat sich mit Nachdruck in einen Titelkampf zurückgeschoben, der vor wenigen Wochen noch deutlich weiter weg wirkte. Und vielleicht war genau das das Bemerkenswerte an diesem Abend: Dass dieser Sieg nicht aus Leichtigkeit entstand, sondern aus Arbeit, Kontrolle und einem Fahrer, der inzwischen sehr genau weiß, wie er mit sich selbst umgehen muss. In der anschließenden Pressekonferenz
Ein Sieg, der nicht mit Selbstverständlichkeit begann
Nach außen wirkte Roczen in St. Louis über weite Strecken kontrolliert, fast schon im Flow. In der anschließenden Pressekonferenz ordnete er den Tag überraschend kritisch ein: „Heute musste ich dafür hart arbeiten, ehrlich gesagt habe ich mich nicht besonders wohlgefühlt“, sagte er nach dem Rennen. Schon vor dem eigentlichen Abendprogramm habe er gemerkt, dass dieses Wochenende nicht eines jener Tage werden würde, an denen von Anfang an alles ineinandergreift. Er sprach von einem gewissen Unbehagen vor dem Rennen, davon, dass sich das Ganze „ein Stück weit mehr Arbeit“ angefühlt habe als an anderen Wochenenden.
Gerade der Auftakt verlief alles andere als ideal. Im ersten Qualifying stürzte Roczen, hatte zu diesem Zeitpunkt noch nicht einmal alle Sprungkombinationen auf der Strecke sauber absolviert und fand sich zunächst nur auf Rang neun wieder. „So hat mein Tag begonnen“, sagte er. Entscheidend war aber, was danach folgte. Roczen ließ sich davon nicht aus dem Konzept bringen. Zweites Qualifying gewonnen, das Heat Race kontrolliert, im Main Event dann der nächste große Schritt. Aus einem wackligen Start wurde für ihn am Ende „eine perfekte Nacht“.
Kein Rechnen, kein Hadern – einfach fahren
Natürlich ist Roczen die Tabellenlage nicht egal. Vor wenigen Wochen lag er noch 31 Punkte zurück, dann 14, nun sind es nur noch fünf. Doch in seinen Aussagen wurde deutlich, dass er versucht, sich genau davon nicht auffressen zu lassen. „Larry sagt mir immer wieder: Schau gar nicht erst auf die Punkte, fahr einfach dein Rennen“. Ganz ausblenden könne man so etwas nicht, das machte er auch klar. Aber er bemüht sich sichtbar darum, den Fokus auf das Fahren selbst zu legen.
Auffällig war dabei, wie sehr er den Moment gerade zu genießen scheint. „Ich bin ehrlich gesagt einfach unglaublich dankbar, in dieser Situation zu sein“, sagte er. Und noch wichtiger: Er betonte, dass er so spät in einer Supercross-Saison lange nicht mehr in so einer Lage gewesen sei. Diese Mischung aus Dankbarkeit und Gelassenheit zieht sich aktuell durch viele seiner Aussagen. Roczen fährt nicht wie jemand, der zwanghaft etwas zurückholen muss. Sondern eher wie einer, der sehr genau weiß, dass diese Situation alles andere als selbstverständlich ist.
Familie als Gegenpol zum Druck
Ein zentraler Teil dieser neuen Ruhe liegt offenbar auch im Privaten. Roczen sprach sehr offen darüber, wie sehr seine Kinder seinen Alltag und damit auch seinen Blick auf den Sport verändert haben. Er beschrieb das ehrlich und ohne Kitsch. Unter der Woche sei das Leben mit Kindern oft stressig, anstrengend, manchmal nervig. Aber genau das helfe ihm. Denn es verlagere den Fokus weg vom ständigen Kreisen um den Sport. „Es lenkt den Fokus auf etwas anderes als nur auf das Fahren.“
Noch deutlicher wurde er an anderer Stelle, als er einräumte, dass er ohne seine Familie womöglich gar nicht mehr fahren würde. „Wenn ich die Kinder nicht hätte, weiß ich ehrlich gesagt nicht, ob ich überhaupt noch Rennen fahren würde.“ Das ist kein Nebensatz, sondern eine ziemlich deutliche Aussage. Sie zeigt, wie sehr sich Roczens Karriere inzwischen verändert hat. Der Sport steht nicht mehr allein im Zentrum. Vielleicht ist genau das einer der Gründe, warum er gerade wieder so stabil und frei wirkt.
Der lange Weg zurück
Besonders stark wurde Roczen in dem Moment, als es um seine Armverletzungen und die Jahre danach ging. Er machte deutlich, dass es eine Zeit gab, in der er selbst nicht mehr daran glaubte, noch einmal in dieser Position zu sein. „Irgendwann hätte ich selbst nicht mehr gedacht, noch einmal in dieser Position zu sein“, sagte er. Selbst als er bereits wieder Rennen fuhr, habe sich vieles körperlich und mental nicht mehr gleich angefühlt. Es gab Jahre, die „just was tough“ waren, Jahre, in denen der Weg nach vorne deutlich schwerer wurde.
Gerade deshalb wirkt dieser aktuelle Lauf für ihn selbst offenbar fast neu. „Das ist für mich irgendwie auch noch neu, weißt du?“, sagte Roczen. Das ist eine bemerkenswerte Formulierung für einen Fahrer mit seiner Karriere. Aber sie passt. Denn dieser Roczen ist nicht mehr derselbe wie früher. Erfahrener, ruhiger, reflektierter – und vielleicht gerade deshalb wieder gefährlich.
Vertrauen ins Motorrad, Vertrauen in den Moment
Sportlich ließ Roczen kaum Zweifel daran, worauf seine derzeitige Stärke basiert. Er sprach mehrfach davon, dass er mit seinem Motorrad aktuell vollständig im Reinen ist. „Ich bin zufrieden mit meinem Motorrad, und das ist die absolute Wahrheit. Ich verändere nichts daran.“ Für ihn ist genau dieses Vertrauen ein entscheidender Faktor. Weil er sich nicht gleichzeitig mit der Strecke und mit einer permanenten Suche nach dem perfekten Setup beschäftigen muss.
Er beschrieb das sehr treffend: Wenn die Strecke auseinanderbricht, die Rhythmen tief werden und alles unruhiger wird, muss er nur noch auf die Bahn reagieren – nicht zusätzlich noch auf ein Motorrad, dem er misstraut. Dieses Zusammenspiel aus Technik, Vertrauen und Ruhe scheint im Moment einer der großen Unterschiede zu sein.
Mehr als nur rohe Geschwindigkeit
Auf die Frage, woher seine aktuelle Form eigentlich kommt, nannte Roczen keinen einzelnen Geheimfaktor. Kein Wundersetup, kein bestimmtes Trainingselement, keine große Offenbarung. Stattdessen sprach er von einem Gesamtbild: körperlich fit sein, mental fit sein, „eins mit dem Motorrad“ sein, ein gutes Team hinter sich haben. Und vor allem: glücklich sein mit dem, was man tut.
Er sagte selbst, dass er sich im Grunde nicht stärker bemühe als in anderen Jahren. „Ich würde sagen, ich gebe mir genauso viel Mühe wie im letzten Jahr – aber aktuell fahre ich einfach richtig gut.“ Genau das macht seine aktuelle Phase so interessant. Sie wirkt nicht wie ein plötzliches Feuerwerk, sondern wie das Ergebnis einer Entwicklung, die sich über längere Zeit aufgebaut hat.
St. Louis als deutliches Signal
Roczen selbst wird daraus keine Vorentscheidung machen. Das merkte man auch daran, wie nüchtern er trotz des Sieges über die kommenden Wochen sprach. Noch fünf Rennen, weiterarbeiten, weitermachen. Kein großes Auftrumpfen, kein voreiliges Titelgerede.
Und trotzdem hat dieser Abend Bedeutung. Weil er gezeigt hat, dass Roczen aktuell nicht nur mithalten kann, sondern Rennen kontrolliert gewinnen kann. Weil er offen darüber spricht, wie hart der Weg zurück war. Und weil man ihm im Moment anmerkt, dass er nicht mehr gegen alles ankämpft, sondern mit sich selbst im Gleichgewicht fährt.
St. Louis war deshalb mehr als nur Sieg Nummer drei in dieser Saison. Es war ein weiterer Beleg dafür, dass Ken Roczen in dieser Meisterschaft wieder eine Rolle spielt, die deutlich größer ist als nur die des starken Außenseiters.
Und genau deshalb ist der Titelkampf jetzt wieder richtig offen.
