Hat der Motocross-Nachwuchs ein Motivationsproblem?
Start des ADAC Junior Cup 125 beim Rennen in Dreetz
Am Freitag beim MXGP of Portugal fiel mir etwas auf, das ich so schon lange nicht mehr erlebt hatte. Obwohl an diesem Tag vor allem Fahrer, Teams und Mechaniker das Fahrerlager prägen, wirkte es ungewöhnlich ruhig, fast schon unbelebt.
Mit diesem Eindruck war ich nicht allein.
Ich traf den Vater eines EMX125-Spitzenfahrers. Nach den ersten Sätzen waren wir uns schnell einig: Irgendetwas hatte sich verändert. Das Fahrerlager fühlte sich längst nicht mehr so belebt an wie noch vor einigen Jahren. Genau diese Beobachtung brachte unsere Unterhaltung ins Rollen.
Schon nach wenigen Minuten diskutierten wir darüber, warum die Starterfelder in der MXGP und den Europameisterschaften kleiner werden.
Nicht jedes Problem liegt beim Promoter
Natürlich landet man bei diesem Thema irgendwann auch bei Infront Moto Racing. Über Entscheidungen des Promoters wird im Fahrerlager regelmäßig diskutiert. Nicht jede Entscheidung stößt auf Zustimmung, und über manche Dinge kann man sicher streiten.
Trotzdem sollte man eines nicht vergessen: Ohne Infront gäbe es die Motocross-Weltmeisterschaft in ihrer heutigen Form vermutlich gar nicht mehr. Das wird in vielen Diskussionen oft ausgeblendet.
Interessant wurde das Gespräch aber erst, als wir über den eigentlichen Kern des Problems sprachen.
„Den Kindern fehlt heute die Bereitschaft“
Der Vater vertrat eine klare Meinung. Seiner Ansicht nach liegt das größte Problem heute nicht bei den Veranstaltern oder dem Promoter, sondern bei der jungen Generation selbst.
Er sagte sinngemäß, dass viele Kinder heute nicht mehr bereit seien, alles für ihren Traum zu investieren. Lieber werde über den Smartphone-Bildschirm gewischt, als sich 30 Minuten lang auf einer anspruchsvollen Motocross-Strecke zu quälen. Das Tippen auf dem Handy könne zwar ebenfalls schmerzende Daumen verursachen, sei aber deutlich weniger anstrengend als ein Motocross-Moto.
Auch die Motorräder selbst würden auf viele Kinder längst nicht mehr die gleiche Faszination ausüben wie früher. Der Lärm eines Zweitakters oder einer 450er schrecke manche eher ab, als dass er Begeisterung auslöse. Selbst das Motorrad nach einem Trainingstag zu waschen, werde häufig eher als lästige Pflicht angesehen. Schließlich könnte in dieser Zeit der nächste TikTok-Trend oder das neueste Video verpasst werden.
Natürlich gilt das nicht für alle
Natürlich trifft diese Einschätzung nicht auf alle jungen Fahrer zu.
Wer regelmäßig durchs EMX- oder MXGP-Fahrerlager läuft, sieht nach wie vor Familien, die für diesen Sport alles geben. Eltern investieren einen Großteil ihres Einkommens und ihrer Freizeit, Kinder trainieren mehrmals pro Woche und ordnen ihr Leben dem Traum einer Profikarriere unter. Ohne diese Familien würde es den Nachwuchssport gar nicht geben.
Trotzdem habe ich den Eindruck, dass sich etwas verändert hat.
Die Ursachen sind vielfältig
Die Starterfelder werden kleiner. Immer weniger Familien schlagen den Weg Richtung Europameisterschaft oder Weltmeisterschaft ein. Dafür gibt es viele Gründe. Die Kosten sind in den vergangenen Jahren explodiert. Eine Saison in der EMX oder MXGP verschlingt Summen, die sich längst nicht mehr jede Familie leisten kann. Dazu kommen Reisen quer durch Europa, Materialkosten und der enorme Zeitaufwand.
Aber vielleicht reicht diese Erklärung allein nicht aus.
Vielleicht hat sich auch die Welt verändert, in der Kinder heute aufwachsen.
Motocross verlangt Eigenschaften, die heute nicht mehr selbstverständlich sind: Geduld, Disziplin, Durchhaltevermögen und die Bereitschaft, auch nach einem langen Trainingstag noch das Motorrad zu putzen oder bis spät abends in der Werkstatt zu stehen. Erfolg stellt sich nicht nach wenigen Wochen ein, sondern oft erst nach Jahren harter Arbeit.
Warum sich der Einsatz trotzdem lohnt
Genau das macht diesen Sport aber auch so besonders.
Motocross verbindet Menschen aus den unterschiedlichsten Ländern. Im Fahrerlager entstehen Freundschaften, die weit über den Sport hinausgehen. Kinder lernen Verantwortung zu übernehmen, mit Niederlagen umzugehen, Respekt vor der Konkurrenz zu entwickeln und für ihre Ziele zu arbeiten. Das sind Werte, die weit über den Motorsport hinausreichen.
Ob der Vater mit seiner Einschätzung vollständig recht hat, kann ich nicht beurteilen. Wahrscheinlich liegt die Wahrheit irgendwo zwischen den gestiegenen Kosten, den gesellschaftlichen Veränderungen und der digitalen Welt, die heute um die Aufmerksamkeit junger Menschen konkurriert.
Ein Denkanstoß
Eines weiß ich allerdings sicher: Es wäre schade, wenn immer weniger Kinder den Weg in den Motocross-Sport finden würden. Denn verloren gingen nicht nur volle Starterfelder, sondern auch ein Sport, der Generationen geprägt und Menschen aus aller Welt zusammengebracht hat.
Vielleicht sollten wir deshalb weniger darüber diskutieren, wer die Schuld trägt. Wichtiger ist die Frage, wie wir den Nachwuchs wieder stärker für Motocross begeistern können. Denn der Sport braucht nicht nur schnelle Fahrer – er braucht vor allem eine nächste Generation, die bereit ist, den gleichen Traum zu leben wie die Generationen vor ihr.
