Finale in Darwin: Herlings gewinnt den MXGP of Australia
Jeffrey Herlings stand beim MXGP of Australia 2026 erneut ganz oben auf dem Treppchen. / Foto: Ralph Marzahn
Jeffrey Herlings hält sich selbst nicht mehr für den schnellsten Jeffrey Herlings seiner Karriere. Weltmeister ist er trotzdem wieder geworden. Nach seinem sechsten WM-Titel und einer Saison mit 13 GP-Siegen liefert der Niederländer beim MXGP Finale in Australien selbst eine ziemlich interessante Erklärung dafür.
Gefragt, ob er 2018 schneller, aber 2026 vielleicht der bessere Fahrer gewesen sei, braucht Herlings nicht lange. „2018 war ich schneller. Aber 2026 bin ich schlauer.“
Ein einfacher Satz, der seine Saison ziemlich gut beschreibt. Denn der mittlerweile erfahrenere Herlings fährt noch immer auf einem Niveau, mit dem er Rennen dominieren kann. Er ist aber offenbar nicht mehr bereit, für jede einzelne Situation das gleiche Risiko einzugehen wie früher. „Diese pure Geschwindigkeit und Aggressivität habe ich nicht mehr. Aber ich bin auch nicht mehr bereit, die Risiken einzugehen, die ich damals eingegangen bin.“
Gerade bei Herlings ist das bemerkenswert. Über Jahre war sein Speed selten das Problem. Viel häufiger waren es Verletzungen, die ihn um mögliche Titel brachten.
2026 hat er einen anderen Weg gefunden.
Nicht jedes Duell muss gewonnen werden
Herlings nennt ausgerechnet Romain Febvre als Beispiel dafür, was er inzwischen unter einem guten Championship-Rider versteht. Der Franzose sei über Jahre konstant gewesen, regelmäßig auf dem Podium gestanden und habe vergleichsweise wenige Rennen verletzungsbedingt verpasst.
Genau diese Konstanz habe Herlings früher anders bewertet.
Damals wollte er nach eigener Aussage praktisch immer gewinnen. Dieser Instinkt ist noch da, aber er kann heute offenbar besser entscheiden, wann ein Sieg den Einsatz wert ist.
Lucas Coenen führt er dafür als Beispiel an. Wenn der junge Belgier in diesem Jahr an bestimmten Tagen das Tempo mitgehen oder sogar schneller fahren konnte, ließ Herlings ihn teilweise ziehen.
Das hätte man von ihm vor einigen Jahren wahrscheinlich seltener gesehen. „Manchmal muss man warten können, um Weltmeisterschaften zu gewinnen.“ Ausgerechnet Jeffrey Herlings spricht über Zurückhaltung. Und trotzdem steht am Ende eine Saison, in der von fehlender Geschwindigkeit nun wirklich keine Rede sein kann.
13 GP-Siege trotz weniger Risiko
Beim Finale in Darwin holte Herlings seinen 13. Grand-Prix-Sieg der Saison. Dazu kommen nach seiner eigenen Bilanz 16 Podiumsplätze und natürlich der WM-Titel.
Auch nach dem vorzeitig gesicherten Titel nahm er den Fuß nicht vom Gas. Seine Siegesserie seit Foxhills setzte sich bis Australien fort. Das passt zunächst nicht ganz zu einem Fahrer, der davon spricht, weniger Risiko einzugehen. Eigentlich zeigt es aber den Unterschied zwischen Geschwindigkeit und Risikobereitschaft ziemlich gut. Herlings muss offenbar nicht mehr jede Situation erzwingen, um trotzdem schneller als der Rest zu sein.
Dass diese Veränderung erst nach vielen Jahren und reichlich Verletzungen kommt, gehört zu seiner Geschichte dazu.
Der Wechsel zu Honda macht die Saison zusätzlich bemerkenswert. Nach 17 Jahren bei KTM musste sich Herlings auf ein komplett neues Motorrad und ein neues Umfeld einstellen. Damit dieser Umstieg funktioniert, begann die Vorbereitung ungewöhnlich früh.
Seit Juli 2025 habe er praktisch durchtrainiert und im Schnitt viermal pro Woche auf dem Motorrad gesessen. Eine richtige Winterpause gab es nicht. Nun möchte er sich erstmals ein paar Wochen Pause gönnen.
Febvre bleibt bis zum Schluss dran
Ganz allein fuhr Herlings in Darwin allerdings nicht vorne herum. Romain Febvre konnte ihm besonders im ersten Lauf lange folgen. Erst drei oder vier Runden vor Schluss musste der Kawasaki-Pilot abreißen lassen. Febvre erkannte, dass er das Tempo nicht mehr halten konnte und nahm etwas heraus, um für den zweiten Lauf noch etwas übrig zu haben.
Auch dort kam es wieder zum direkten Duell, obwohl beide nach dem Start zunächst Arbeit vor sich hatten. Am Ende war Herlings erneut nicht zu schlagen.
Für Febvre endet die Saison damit als Vizeweltmeister. Nach seinem WM-Titel 2025 hätte er die Nummer eins gerne verteidigt, sieht Platz zwei mit fast 35 Jahren aber nicht als schlechte Bilanz. „Ich bin fast 35 und Vizeweltmeister. Ich glaube nicht, dass das viele schaffen.“
Für ihn steht außerdem noch ein besonderes Wochenende bevor. Beim Motocross of Nations in Ernée fährt Febvre vor heimischem Publikum und gleichzeitig sein letztes Rennen mit Kawasaki.
Vialle fährt einen kompletten Lauf ohne Kupplung
Tom Vialles Wochenende erzählt noch einmal eine andere Geschichte. Der Franzose gewann am Samstag das Qualifying Race und ging von Pole Position in den Sonntag. Im ersten Lauf trat jedoch bereits nach wenigen Runden ein Kupplungsproblem auf.
Vialle musste praktisch das komplette Moto ohne Kupplung fahren.
Er stellte seine Linien entsprechend um, nutzte viele Außenlinien und versuchte gleichzeitig, das Motorrad nicht abzuwürgen. Denn ein Neustart wäre unter diesen Umständen zum nächsten Problem geworden. Trotzdem brachte er Rang vier ins Ziel.
Im zweiten Lauf erwischte er erneut einen starken Start und führte mehrere Runden, bevor Herlings vorbeikam.
Damit beendet Vialle seine erste komplette MXGP-Saison als bester Rookie. Der Umstieg von der 250er auf die 450er sei schwieriger gewesen, als es von außen vielleicht aussieht. Neben dem Wechsel des Teams und der Marke musste er vor allem beim Setup viel lernen.
Dazu kam während der Saison eine kleinere Rippenverletzung.
Trotzdem war Vialle bei vielen Grands Prix vorne dabei. Für 2027 sieht er gerade beim Bike-Setup noch Potenzial. Die 450er verlangt schließlich eine deutlich andere Abstimmung als die 250er, auf der er zuvor jahrelang unterwegs war.
Herlings will 2027 noch einmal angreifen
Herlings stellt seinen sechsten Titel selbst in eine Reihe mit den großen Namen der Motocross-Geschichte. Gleichzeitig versucht er gar nicht erst, die verschiedenen Epochen mathematisch gegeneinander aufzurechnen.
Er hält die heutige Situation mit einer klaren Königsklasse für schwer vergleichbar mit Zeiten, in denen Titel in unterschiedlichen Hubraumklassen gesammelt werden konnten. Trotzdem bleibt für ihn ein WM-Titel ein WM-Titel – und der Respekt vor den Fahrern mit sechs, neun oder zehn Titeln entsprechend groß.
Bei sechs soll es für ihn offenbar nicht bleiben.
Vorher wartet noch das Motocross of Nations, anschließend ein wenig Pause und danach beginnt bereits die Vorbereitung auf 2027. Ob Herlings mit inzwischen etwas weniger Aggressivität tatsächlich noch einmal besser geworden ist als der Fahrer von 2018, lässt sich kaum objektiv beantworten.
Schneller hält er den damaligen Herlings selbst. Der von 2026 weiß dafür offenbar besser, wann er schnell sein muss – und wann ein zweiter Platz mehr wert sein kann als der Versuch, um jeden Preis zu gewinnen.
