Daniela Guillen: Weltmeisterin, weil sie nicht auf Sicherheit fährt
Daniela Guillen gewinnt beim MXGP of Australia in Darwin ihren ersten WMX Titel
Daniela Guillen hätte in Darwin rechnen können. Stattdessen ist sie Rennen gefahren. Mit sechs Punkten Vorsprung auf Kiara Fontanesi kam die Spanierin zum letzten WMX-Wochenende des Jahres. Zwei Läufe später standen zwei Siege, zweimal die schnellste Runde und ihr erster Weltmeistertitel auf dem Papier.
Gerade die Art, wie Guillen diesen Titel holte, erzählt dabei mehr als die 24 Punkte Vorsprung in der Abschlusstabelle. Am Sonntag hätte sie nach Fontanesis frühem Sturz nicht mehr viel riskieren müssen. Doch Guillen jagte lieber Lachlan Turner, übernahm die Führung und gewann auch den letzten Lauf der Saison.
Ein Titel mit angezogener Handbremse sieht anders aus.
Am Samstag wird aus sechs Punkten plötzlich ein Polster
Dabei begann das Finale zunächst genau so, wie Fontanesi es gebraucht hatte. Nellie Fransson erwischte im ersten Lauf den besten Start, dahinter folgten Fontanesi und Guillen.
Die Reihenfolge hielt nicht lange.
Guillen ging zunächst an ihrer direkten WM-Gegnerin vorbei und schnappte sich wenig später auch Fransson. Noch in der ersten Runde lag das Red Plate vorne.
Fontanesi zog in Runde zwei ebenfalls an Fransson vorbei. Platz zwei hätte ihren Rückstand überschaubar gehalten, doch in der Schlussphase bekam sie Gesellschaft von hinten. Lotte van Drunen und Courtney Duncan hatten sich herangearbeitet.
Zwei Runden vor Schluss ging van Drunen vorbei, anschließend auch Duncan. Die Neuseeländerin hatte dabei selbst einen ziemlich wilden Moment, blieb aber irgendwie auf dem Motorrad.
Guillen bekam davon vorne wenig mit. Sie gewann mit 4,776 Sekunden Vorsprung vor van Drunen und Duncan. Fontanesi wurde nur Vierte.
Aus sechs Punkten Vorsprung waren 13 geworden. Damit hatte sich die Ausgangslage für Sonntag deutlich verschoben. Fontanesi musste angreifen, während Guillen plötzlich Luft zum Rechnen hatte. Nur hatte sie offenbar wenig Lust darauf.
Turner fährt vorne, Fontanesi liegt am Boden
Im zweiten Lauf meldete sich zunächst eine Fahrerin zu Wort, die mit dem WM-Kampf nichts zu tun hatte. Lachlan Turner zog den Holeshot und machte damit ihren verkorksten Samstag vergessen. Bei ihrem ersten Auftritt in der FIM-WMX führte die amerikanische US-WMX-Meisterin vor Duncan und Fransson.
Guillen lag zunächst auf Rang vier.
Fontanesis Titelchance bekam dagegen schon in der ersten Runde einen heftigen Dämpfer. Die sechsfache Weltmeisterin stürzte und musste das Rennen auf Platz zwölf wieder aufnehmen. Ab diesem Moment hätte Guillen eigentlich nur noch Fontanesis Position im Auge behalten müssen.
Stattdessen arbeitete sie sich nach vorne.
Fransson war noch in der ersten Runde fällig. Danach hing Guillen hinter Duncan, bis der Neuseeländerin in Runde sieben ein Fehler unterlief. Turner lag zu diesem Zeitpunkt rund sechs Sekunden voraus. Die Amerikanerin war schnell und hatte bei ihrem ersten WMX-Wochenende wenig zu verlieren. Guillen dagegen hatte einen WM-Titel zu verlieren. Sie griff trotzdem an.
Runde für Runde schrumpfte Turners Vorsprung, bis Guillen in Runde neun vorbeiging. Danach fuhr sie nicht einfach nur ins Ziel, sondern setzte sich wieder ab. 2,841 Sekunden Vorsprung und eine schnellste Rennrunde von 1:47,229 Minuten waren das Ergebnis.
Guillen erklärte anschließend selbst, dass sie nicht nur auf die Meisterschaft fahren wollte. „Andere hätten vielleicht nicht mehr gepusht, aber ich wollte hier in Australien gewinnen.“ Das passt ziemlich gut zu ihrem Wochenende.
Fontanesis Angriff endet ohne echten Showdown
Der erwartete Zweikampf zwischen Guillen und Fontanesi fand in Darwin damit eigentlich nur kurz statt. Fontanesi hatte bereits am Samstag körperliche Probleme. Sie erklärte nach dem Finale, dass sie während des ersten Rennens kaum noch richtig atmen und sich auf dem Motorrad bewegen konnte.
Am Sonntag fühlte sie sich körperlich wieder bereit, kam auf der Strecke aber nicht zurecht. Das Motorrad sei ihr immer wieder weggerutscht, dann folgte der Sturz.
Sie kämpfte sich noch auf Platz sieben zurück. Zu diesem Zeitpunkt war allerdings längst klar, dass der siebte WM-Titel nicht mehr erreichbar war. „Es ist schade, dass ich nicht wirklich kämpfen konnte. Bis zu diesem Wochenende war es eine großartige Saison.“
Fontanesi machte daraus anschließend auch keine Geschichte über Pech oder einen verlorenen Titel, sondern gratulierte ihrer Gegnerin. „Daniela hat den Titel verdient. Sie ist sehr gut gefahren.“ Das darf man durchaus so stehen lassen.
Denn auch wenn das Finale deutlicher ausfiel als erwartet, war der Kampf um die Weltmeisterschaft über die Saison alles andere als entschieden. Fontanesi hatte Guillen in Großbritannien sogar das Red Plate abgenommen. Erst in Arnhem holte es sich die Spanierin zurück.
Danach gab sie es nicht mehr her.
Van Drunens schwieriges Jahr endet auf dem Podium
Für Lotte van Drunen ging es in Australien nicht mehr um den Titel. Die Weltmeisterin von 2025 hatte schon vorher zu viele Punkte liegen gelassen.
In Darwin zeigte sie mit den Plätzen zwei und drei aber noch einmal eine ihrer stärkeren Leistungen der Saison. Das brachte ihr Rang zwei in der GP-Wertung und am Ende Platz drei in der Weltmeisterschaft. Ihre eigene Bewertung fiel deutlich aus. „Es war definitiv nicht meine Saison.“
Van Drunen spricht von Pech, aber auch davon, zeitweise schlicht nicht wie sie selbst gefahren zu sein. Nach dem Sieg bei ihrem Heim-GP in Arnhem und dem Podium in Australien geht sie zumindest mit einem anderen Gefühl in den Winter als noch einige Rennen zuvor.
2027 will sie wieder angreifen. Dann allerdings nicht mehr als Titelverteidigerin.
Guillen war nie schlechter als Dritte
Der Blick auf Guillens Saison erklärt schließlich, warum der Titel nicht nur an diesem perfekten Wochenende in Darwin hing. Zehn WM-Läufe, zehn Top-3-Ergebnisse. Fünf Laufsiege und drei GP-Siege. Gerade diese Konstanz machte den Unterschied. Selbst an den Wochenenden, an denen Guillen nicht gewann, verschwanden die großen Ausreißer nach hinten aus ihrer Bilanz.
Und als es darauf ankam, legte sie noch einmal nach. Samstag Sieg und schnellste Runde. Sonntag Sieg und schnellste Runde. 50 Punkte beim Finale. Mit 233 Punkten wird Daniela Guillen erstmals Weltmeisterin. Fontanesi beendet die Saison mit 209 Punkten auf Rang zwei, van Drunen folgt mit 177 Punkten auf Platz drei.
Nach mehreren Jahren, in denen Guillen dem Titel schon ziemlich nahe gekommen war, hätte man ihr in Darwin vermutlich niemanden übel genommen, wenn sie das Ding einfach irgendwie nach Hause gefahren hätte.
Sie wollte es anders. Daniela Guillen verwaltete ihren ersten WM-Titel nicht. Sie holte ihn sich mit zwei Siegen.
